Dopamin und Tics: Ursachen und aktuelle Forschungsergebnisse

Einführung

Das Verständnis der Ursachen von Tic-Störungen, insbesondere des Tourette-Syndroms, ist ein komplexes und sich entwickelndes Feld. Die Forschung konzentriert sich auf die Identifizierung der zugrunde liegenden Mechanismen, die zu diesen neurologischen Störungen beitragen. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Erkenntnisse über die Rolle von Dopamin und anderen Faktoren bei der Entstehung von Tics.

Was sind Tics?

Tics sind plötzliche, unwillkürliche Bewegungen oder Lautäußerungen, die sich unregelmäßig wiederholen. Sie dienen keinem offensichtlichen Zweck und können in ihrer Häufigkeit, Stärke und Art variieren. Tics werden in motorische und vokale Tics unterteilt:

  • Motorische Tics: Bewegungen wie Augenzwinkern, Grimassieren, Kopfrucken oder Schulterzucken. Komplexe motorische Tics können Hüpfen, Drehen oder Aufstampfen umfassen.
  • Vokale Tics: Lautäußerungen wie Räuspern, Schniefen, Pfeifen, Tiergeräusche oder das Ausrufen von Wörtern oder Sätzen. In seltenen Fällen können komplexe vokale Tics das Aussprechen von Schimpfwörtern (Koprolalie) beinhalten.

Tic-Störungen werden in drei Schweregrade unterteilt:

  • Vorübergehende Tic-Störung (leichteste Form)
  • Chronische Tic-Störung
  • Tourette-Syndrom (schwerste Form)

Die Rolle von Dopamin bei Tic-Störungen

Dopamin als Neurotransmitter

Dopamin ist ein Neurotransmitter, der eine wichtige Rolle bei der Bewegungskontrolle, Motivation und Belohnung spielt. Bei Menschen mit Tic-Störungen wird vermutet, dass eine Dysfunktion im dopaminergen System vorliegt.

Dopaminerge Dysfunktion

Die Forschung deutet darauf hin, dass eine Überaktivität des dopaminergen Systems im Gehirn eine wesentliche Rolle bei der Pathophysiologie des Tourette-Syndroms spielt. Dies bedeutet, dass es im Gehirn der Betroffenen zu einer vermehrten Freisetzung von Dopamin kommt, was zu einer Überaktivität im Nervensystem führt, die ursächlich für die Tics ist.

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Dopaminrezeptor-Antagonisten

Die Tic-reduzierende Wirkung von Dopaminrezeptor-Antagonisten, Medikamenten, die die Dopaminrezeptoren blockieren, unterstützt die Annahme einer wesentlichen pathophysiologischen Rolle des dopaminergen Systems. Diese Medikamente wirken der Überaktivität entgegen, indem sie die Bindungsstellen für Dopamin blockieren und so die motorischen und vokalen Tics verringern.

Präsynaptische Fehlregulation

Es wird angenommen, dass eine präsynaptisch lokalisierte Fehlregulation mit einer funktionellen, phasisch auftretenden Dysfunktion der dopaminergen Transmission am wahrscheinlichsten ist. Dies bedeutet, dass die Störung in der Freisetzung oder dem Transport von Dopamin an der Nervenendigung (Präsynapse) liegt.

Weitere beteiligte Neurotransmittersysteme

Obwohl Dopamin eine zentrale Rolle spielt, scheinen auch andere Neurotransmittersysteme an der Entstehung von Tic-Störungen beteiligt zu sein:

  • Serotonin: Es wird von einer Minderfunktion des serotonergen Systems ausgegangen.
  • Histamin und Glutamat: Neuere Beweise deuten darauf hin, dass auch diese Neurotransmitter eine wichtige Rolle spielen könnten.

Neurobiologische Grundlagen und Hirnstrukturen

Corticostriatal-thalamocorticale Schaltkreise

Durch bildgebende Verfahren (MRT, fMRT, PET, SPECT) wurden Auffälligkeiten in motorischen und somatosensorischen Anteilen der corticostriatalen-thalamocorticalen Schaltkreise nachgewiesen. Diese Schaltkreise sind für die Steuerung von Bewegungen und sensorischen Informationen verantwortlich.

Limbisches System

Neuere Studien zeigen auch die Beteiligung von Hirnstrukturen weiterer Schaltkreise, insbesondere des limbischen Systems. Das limbische System ist für die Verarbeitung von Emotionen zuständig, was die Verbindung zwischen Tics und emotionalen Zuständen erklären könnte.

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Forschungsgruppe "Kognitive Theorie des Tourette Syndroms"

Eine von der DFG geförderte Forschungsgruppe untersucht seit 2018 die neurobiologischen Grundlagen von Tic-Störungen und Tourette-Syndrom. Die ersten Studienergebnisse stellen die bisherige Annahme, dass Tic-Störungen Bewegungsstörungen wären, infrage. Es zeigte sich, dass Patienten mit Tic-Störungen eine viel stärkere Kopplung zwischen Sinneseindrücken und motorischen Reaktionen vornehmen.

Genetische Faktoren

Familiäre Veranlagung

Familien- und Zwillingsstudien deuten auf eine familiäre Veranlagung im Sinne einer multigenetischen Vererbung mit unvollständiger und variabler Penetranz hin. Dies bedeutet, dass mehrere Gene in Kombination mit Umweltfaktoren das Risiko für die Entwicklung einer Tic-Störung erhöhen können.

Erkrankungsrisiko

Es wird davon ausgegangen, dass das Erkrankungsrisiko für ein Tourette-Syndrom für weibliche Nachkommen um 5 %, für männliche Nachkommen um 10 % erhöht ist. Aktuell steht eine genetische Untersuchung zur Diagnostik eines Tourette-Syndroms leider noch nicht zur Verfügung.

Nicht-genetische Faktoren (Umweltfaktoren)

Für die Krankheitsmanifestation sind auch nichtgenetische Faktoren (Umweltfaktoren) relevant. Studien deuten darauf hin, dass Stress, Medikamenteneinnahme, Rauchen, Alkohol- und Drogenkonsum während der Schwangerschaft das Risiko für Tic-Störungen beim Kind erhöhen können. Es gibt auch Hinweise darauf, dass Infektionen - insbesondere mit Streptokokken - wie Mittelohrentzündung, Scharlach oder Mandelentzündung, Tic-Störungen auslösen oder verstärken können.

Diagnose von Tic-Störungen

Klinische Untersuchung

Eine Ärztin oder ein Arzt kann eine Tic-Erkrankung im Rahmen einer Sprechstunde feststellen. Die Diagnose basiert in der Regel auf einer sorgfältigen Untersuchung des Verlaufs und der Ausprägung der Symptome. Dabei werden Art, Häufigkeit, Intensität und Verteilung der Tics erfasst. Außerdem berücksichtigt die Ärztin oder der Arzt mögliche Risikofaktoren wie Tic-Störungen in der Familie oder vorausgegangene Streptokokken-Infektionen.

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Abgrenzung von anderen Erkrankungen

Um die Tics von anderen Erkrankungen abzugrenzen, wird bei der Untersuchung auch auf äußere Einflussfaktoren und sogenannte Vorgefühle geachtet. Diese gehen den Tics im Gegensatz zu anderen Bewegungsstörungen oft voraus. Vorgefühle äußern sich etwa als Kribbeln oder Wärme- beziehungsweise Kältempfindungen oder Spannungsgefühle in bestimmten Regionen des Körpers.

Funktionelle Tic-ähnliche Störungen

Es ist wichtig, funktionelle Tic-ähnliche Störungen und Tics voneinander abzugrenzen, da sie unterschiedliche Ursachen haben und eine andere Behandlung erfordern. Funktionelle Tic-ähnliche Störungen sind Bewegungen oder Lautäußerungen, die Tics ähneln, aber sich der neurologisch bekannten Krankheit Tic-Störung nicht zuordnen lassen. Sie gelten eher als körperliche Manifestion einer seelischen Problematik.

Behandlungsmöglichkeiten

Psychoedukation

Eine ausführliche Aufklärung der Betroffenen und ihrer Familien über das Krankheitsbild ist wichtig. Oftmals wird die Diagnose einer Tic-Störung erst spät gestellt, daher kann eine verständliche Erklärung und Beratung bereits eine große Erleichterung sein. Auch Lehrerinnen, Lehrer und andere Bezugspersonen sollten einbezogen werden, um Verständnis zu fördern und Strategien für den Umgang mit den Tics zu entwickeln.

Verhaltenstherapie

Bei stärker Betroffenen können psychotherapeutische Verfahren helfen, Kompensationsmechanismen zu erlernen. Besonders bewährt haben sich Verhaltenstherapien wie das „Habit Reversal Training“ (HRT) oder das „Exposure and Response Prevention Training“ (ERPT). Diese können die Tics um bis zu 30 Prozent reduzieren.

Entspannungstechniken

Entspannungstechniken können begleitend bei der Behandlung von Tic-Störungen eingesetzt werden. Allein angewendet bringen sie jedoch meist keine Besserung.

Medikamentöse Therapie

Sie kommen bei schweren Tic-Störungen in Frage. Medikamente können die Tics zwar selten vollständig unterdrücken - sie können sie aber so weit lindern, dass psychosoziale Beeinträchtigungen vermindert werden. Die medikamentöse Einstellung erfolgt langsam, um unerwünschte Nebenwirkungen so weit wie möglich zu vermeiden. Häufig eingesetzte Wirkstoffe sind Aripiprazol und Tiaprid.

Tiefe Hirnstimulation

Die tiefe Hirnstimulation (THS) ist eine bisher experimentelle Methode für Menschen mit therapieresistenten schweren Tic-Störungen. Dabei setzt man Elektroden ein, um bestimmte Hirnregionen zu stimulieren.

Komorbiditäten

Tic-Störungen und das Tourette-Syndrom können mit psychischen Erkrankungen einhergehen. Häufige Komorbiditäten sind:

  • ADHS/hyperkinetische Störung (bis zu 75 %)
  • Zwangsstörung (bis zu 60 %)
  • Depressive Störung (bis zu 25 %)
  • Schlafstörung (bis zu 40 %)
  • Angststörung (bis zu 20 %)
  • Selbstverletzendes Verhalten (bis zu 60 %)

Umgang mit Tic-Störungen im Alltag

Aufklärung und Akzeptanz

Es ist wichtig, sich und Ihrem Umfeld bewusst zu machen, dass Tics unwillkürlich auftreten und harmlos sind. Wenn Ihr Kind betroffen ist, sprechen Sie offen mit ihm über seine Erkrankung. Betonen Sie, dass die Störung oft mit der Zeit abklingt. Informieren Sie auch den Kindergarten bzw. die Schule. Erinnern Sie Erzieherinnen und Lehrerinnen daran, dass Insistieren, Fokussieren, Schimpfen und Strafe die Symptome verschlimmert.

Unterstützung und Selbsthilfe

Selbsthilfegruppen können eine wertvolle Unterstützung für Betroffene und ihre Familien sein. Im Alltag lassen sich einige Anpassungen umsetzen. Dazu zählen etwa regelmäßige Pausen und Möglichkeiten, den Tics freien Lauf zu lassen. Kindern kann eine Schulbegleitung dabei helfen, in die Schule (wieder-)einzusteigen und sich in ihre Klasse zu integrieren.

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