Spastische Wadenmuskeln Behandlung: Ein umfassender Überblick

Spastik, gekennzeichnet durch eine erhöhte Muskelspannung und unkontrollierbare Muskelkrämpfe, betrifft weltweit Millionen von Menschen. Obwohl Spastik nicht heilbar ist, gibt es vielfältige Behandlungsansätze, um die Symptome zu lindern, Folgeschäden zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die Ursachen, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten von spastischen Wadenmuskeln.

Was ist Spastik?

Spastik ist eine Form der Muskelhypertonie, die durch eine Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS) verursacht wird. Diese Schädigung betrifft die Nervenbahnen zwischen Gehirn und Rückenmark, die unsere Bewegungen steuern. Infolge dieser Schädigung kommt es zu einer erhöhten Muskelspannung, unkontrollierbaren Muskelkrämpfen und einem erhöhten Widerstand bei der Dehnung der Muskeln. Die Muskeln bleiben kontinuierlich kontrahiert, was zu Bewegungseinschränkungen, Schmerzen und einer Beeinträchtigung der Lebensqualität führen kann.

Ursachen von Spastik

Spastik steht häufig in Zusammenhang mit chronischen neurologischen Störungen und Verletzungen des primären motorischen Kortex. Zu den häufigsten Ursachen gehören:

  • Infantile Zerebralparese
  • Multiple Sklerose (MS)
  • Schlaganfall
  • Rückenmarksverletzungen
  • Traumatische Hirnverletzungen

Formen der Spastik

Je nach Verteilung der Lähmung werden verschiedene Formen der Spastik unterschieden:

  • Hemispastik: Betrifft ein Bein und einen Arm einer Körperseite.
  • Tetraspastik: Betrifft beide Beine und Arme.

Diagnose von spastischen Wadenmuskeln

Die Diagnose von spastischen Wadenmuskeln umfasst in der Regel eine umfassende neurologische Untersuchung, bei der die Muskelspannung, Reflexe, Koordination und Beweglichkeit des Patienten beurteilt werden. Die Muskelspannung wird häufig mithilfe der Ashworth-Skala gemessen, entweder im Originalformat oder in dem 1987 modifizierten Format.

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Neurologische Untersuchung

Der Neurologe untersucht, wie groß die Beeinträchtigung der Muskelfunktion durch die Spastik und vorliegenden Begleitsymptome ist und inwieweit sich das auf das Alltagsleben des Betroffenen auswirkt.

Bildgebende Verfahren

Um die Ausprägung der spastischen Lähmung genauer zu bestimmen, können bildgebende Diagnoseverfahren wie die digitale Volumentomografie (DVT) oder die Magnetresonanztomografie (MRT) eingesetzt werden.

Elektromyografie (EMG)

Mithilfe der Elektromyografie (EMG) kann die Muskelaktivität gemessen und festgestellt werden, ob die Erkrankung vom Muskel (Myopathie) oder dem zugehörigen Nerv (Neuropathie) ausgeht.

Behandlungsmöglichkeiten von spastischen Wadenmuskeln

Spastik kann nicht geheilt werden, aber es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten, um die Symptome zu lindern, die Lebensqualität zu verbessern und Folgeschäden zu vermeiden. Die Behandlung von spastischen Wadenmuskeln zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und die funktionellen Fähigkeiten des Patienten zu erhalten oder zu verbessern.

Konservative Behandlung

  • Physiotherapie: Die physiotherapeutische Betreuung ist die Basis für die Behandlung einer spastischen Bewegungsstörung. Dabei werden betroffene Muskelpartien gezielt gekräftigt und Haltungsschäden entgegengewirkt. Regelmäßige Dehnübungen dienen dazu, die Muskelanspannungen zu lindern und Muskelsteifigkeit über Stunden nach der Behandlung zu reduzieren. Zudem wird versucht, die gesunden Muskelbereiche zu stärken. Bewährt haben sich dabei Fahrrad- und Laufbandtraining. Teilweise kann das Training auch motorgetrieben ohne Widerstand erfolgen. Auch spezielle neurophysiologische Behandlungen, wie etwa die PNF-, Bobath- oder Vojta-Therapie, wirken unterstützend. Besonders wichtig sind zudem gezielte krankengymnastische Übungen, damit Sie eine Fehlstellung der Gelenke und Schmerzen vermeiden.
  • Ergotherapie: In der Ergotherapie erlernen die Betroffenen Übungen und Techniken, die sie im Alltag unterstützen. Dazu zählt auch die Beratung zu möglichen Hilfsmitteln. Ergotherapeuten sind dazu ausgebildet, Betroffene mit Beeinträchtigungen individuell bei der Ausführung ihrer täglichen Betätigungen zu unterstützen. Auf diese Weise möchten sie ihnen zu mehr Aktivität, Selbstständigkeit und Lebensqualität verhelfen.
  • Orthesen und Gipsbehandlung: Orthesen sind orthopädische Hilfsmittel, die der Stützung, Fixierung und Entlastung der spastischen Körperregion dienen. Eine Gipsbehandlung kann die Dehnung und Streckung der Muskulatur unterstützen. Eine Orthese (ein Kurzwort gebildet aus „or“thopädisch und Pro“these“) ist ein medizinisches Hilfsmittel, das industriell oder von einem Orthopädietechniker auf ärztliche Verordnung angefertigt wird. Man unterscheidet verschiedene Formen von Orthesen, je nachdem, an welcher Körperstelle sie eingesetzt werden und welche Funktion sie dort erfüllen. So gibt es Orthesen zur Fixierung, zur Entlastung, als Korsett, oder auch zum Training (Reklination) funktionsbeeinträchtigter Muskeln. Über die geeignete Orthese berät der Physio- oder Ergotherapeut. Eine Gipsbehandlung wird zumeist bei einer Spastik im Bein durchgeführt und dient dort der Streckung der durch die Spastik verkürzten Muskulatur. Beide Therapieoptionen, Orthesen und die Gipsbehandlung, werden in Kombination mit einer Botulinumtoxin-Therapie besser toleriert. Aus diesem Grund wird Botulinumtoxin oft begleitend injiziert.
  • Positionierung: Die Positionierung von Gliedmaßen kann eine wesentliche Rolle bei der Hemmung spastischer Reaktionen spielen, da sie gezielt die Muskelspannung beeinflusst und dadurch die Spastik mindern kann. Das Prinzip dahinter beruht darauf, dass sich ein Muskel bei Kontraktion in einen „Muskelbauch“ zusammenzieht, wie es etwa bei einem angespannten Bizeps sichtbar wird. Durch gezielte Streckung wird dieser Muskelbauch minimiert, was eine Kontraktion erschwert und spastische Reaktionen hemmt. Dieses Prinzip lässt sich gezielt in der Konfiguration eines Rollstuhls anwenden, insbesondere zur Hemmung von Streckspastiken in den Beinen. Beispielsweise kann ein enger Beinwinkel von etwa 88° bis 92° (anstatt der üblichen 100°) gewählt werden, manchmal ist hier auch eine zusätzliche Rahmenkröpfung sinnvoll. Auch zur Hemmung von Hüftstreckerspastiken kann die Rollstuhlanpassung beitragen. Ein reduzierter Sitzwinkel (z. B. eine Sitzneigung von 5-10°) kombiniert mit einem nach vorne geneigten Rückenwinkel (einstellbar auf unter 90°) kann die Spastik wirksam hemmen. Darüber hinaus können spezielle Positionierungskissen zur Regulierung des Muskeltonus beitragen, indem sie eine anatomisch unterstützende Sitzhaltung fördern. Studien zeigen, dass eine optimierte Positionierung der Gliedmaßen nicht nur die Spastik reduzieren, sondern auch die allgemeine Mobilität und Stabilität der Betroffenen verbessern kann.
  • Entspannungstechniken: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie z. B. autogenes Training oder progressive Muskelentspannung nach Jacobson.

Medikamentöse Behandlung

  • Orale Medikamente: Verschiedene medikamentöse Behandlungen sind bei einer Spastik möglich. Die Einnahme von krampflösenden Medikamenten kann eine Verbesserung der Spastik mit sich bringen, wirkt allerdings auch auf alle anderen Muskeln im Körper. Speziell die Wirkstoffe Baclofen, Tizanidin und Diazepam werden seit vielen Jahren häufig zur Linderung einer Spastik eingesetzt. Sie bewirken allesamt eine Muskelentkrampfung. Damit haben sie das Potenzial, eine Spastik zumindest teilweise zu lösen und die damit verbundenen Bewegungseinschränkungen zu verbessern. Jedoch wirken die oral eingenommenen Medikamente nicht nur auf die betroffenen, sondern auf alle Muskeln im Körper. So gehören Müdigkeit und Muskelschwäche zu den häufig beobachteten Nebenwirkungen der antispastischen Therapie durch Tabletten, die eine begleitende schlaffe Lähmung ungünstig verstärken. Medikamente zum Einnehmen können eine Verbesserung der Spastik mit sich bringen, wirken allerdings auch auf alle anderen Muskeln im Körper. Daher sind Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Übelkeit oder Müdigkeit möglich.
  • Botulinumtoxin-Injektionen: Die Behandlung mit dem muskelentspannenden Wirkstoff Botulinumtoxin erfolgt mittels Injektion direkt in die betroffene Muskulatur (intramuskulär). Auf diese Weise bleibt die Wirkung lokal begrenzt und hat bei fachgerechter Anwendung keine Auswirkung auf die gesunden Muskeln. Die verabreichte Dosis wird individuell an die Bedürfnisse des Patienten angepasst. Dazu ermittelt der Arzt in der vorangehenden Untersuchung zunächst die betroffenen Muskeln und deren Spannungs- und Funktionszustand. Das Medikament Botulinumtoxin wird mit einer feinen Spritze direkt in die überaktive Muskulatur injiziert. Dort entfaltet es nach einigen Tagen seine Wirkung: Es kommt zu einer vorübergehenden Entspannung des krankhaft angespannten Muskels. Spastische Krämpfe und unwillkürliche Bewegungen werden gemindert. Da die Wirkung von Botulinumtoxin nicht dauerhaft anhält, muss die Injektion in regelmäßigen Abständen wiederholt werden. Der Vorteil hierbei ist, dass die Dosis bei jeder Behandlung neu angepasst und optimiert werden kann. Bei einer fokalen und multifokalen Spastik stellt die Injektion von Botulinumtoxin laut ärztlichen Leitlinien die Therapie der Wahl dar. Dabei sollte die Behandlung mit Botulinumtoxin durch Physiotherapie ergänzt werden.
  • Intrathekale Baclofen-Therapie (ITB): Hierbei handelt es sich um eine medikamentöse Therapie mit einem chirurgischen Zugang: Über einen weichen Katheter wird das Medikament Baclofen direkt in die das Rückenmark umspülende Flüssigkeit abgegeben. Von einer unter der Bauchhaut liegenden Pumpe wird es an seinen Bestimmungsort befördert. Baclofen ist ein muskelentspannender Wirkstoff (Muskelrelaxans). Es bewirkt, dass die Muskelspannung insgesamt herabgesetzt wird. Die intrathekale Baclofen-Therapie ist ein Verfahren, das nur bei schwerer, generalisierter, alle Gliedmaßen betreffender Spastizität zum Einsatz kommt.

Weitere Therapieansätze

  • Elektrostimulation: Elektrostimulation aktiviert über angeklebte Elektroden auf der Haut Nerven und Muskelfasern mit kleinen Strömen (transkutane elektrische Nervenstimulation, TENS). Hier gibt es positive Effekte auf Spastik und den Bewegungsumfang (ROM). Auch die funktionelle Elektrostimulation (FES) für Bewegungen, die vom Patienten ganz oder teilweise selbst ausgeführt werden (z.B. Greifen und Hantieren, Gehen), kann neben der Verbesserung motorischer Funktionen einen Spastik-mindernden Effekt aufweisen. Günstige Auswirkungen auf die Spastik wurden zudem mittels Oberflächenelektrostimulation des Rückenmarks bzw. peripherer Nerven erzielt.
  • Magnetstimulation: Eine spastische Tonuserhöhung lässt sich mit gezielten Magnetfeldreizen zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen behandeln (periphere repetitive Magnetstimulation, prMS; repetitive transkranielle Magnetstimulation, rTMS).
  • Stoßwellentherapie: Stoßwellentherapie kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs (extrakorporale Stoßwellentherapie, ESTW).
  • Chirurgische Eingriffe: Bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln sind, gibt es chirurgische Verfahren (dorsale Rhizotomie oder Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark). Durch sie können ausgeprägte Fehlhaltungen vermieden werden und damit verbundene Pflegehemmnisse, hygienische Probleme und Komplikationen wie Kontrakturen oder Hautläsionen. Nach Versagen der Standardtherapieverfahren und damit verbundenen Schmerzen können in weiteren chirurgischen Verfahren bestimmte Stellen eines Nerven durchtrennt werden (motorische Endäste, z.B. Nervus tibialis bei spastischem Spitzfuß, „pes equinus“).

Leben mit Spastik: Was Betroffene selbst tun können

Ein ganz wesentlicher Beitrag zur Genesung liegt bei den Betroffenen selbst. In Absprache mit dem Arzt können verschiedene Übungen von zu Hause aus, den Therapieprozess unterstützen.

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  • Regelmäßige Übungen: Führen Sie regelmäßig die von Ihrem Physiotherapeuten empfohlenen Übungen durch, um die Beweglichkeit zu verbessern und die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Aktiver Lebensstil: Bleiben Sie aktiv und treiben Sie Sport, um die Muskelkraft und Ausdauer zu erhalten.
  • Entspannungstechniken: Erlernen und praktizieren Sie Entspannungstechniken wie autogenes Training oder progressive Muskelentspannung, um Stress abzubauen und die Muskelspannung zu reduzieren.
  • Hilfsmittel: Nutzen Sie Hilfsmittel wie Orthesen oder Gehhilfen, um die Mobilität und Selbstständigkeit zu erhalten.
  • Gespräche mit dem Arzt: Sprechen Sie offen mit Ihrem Arzt über Ihre Beschwerden und Erwartungen an die Behandlung.
  • Selbsthilfegruppen: Treten Sie einer Selbsthilfegruppe bei, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen und gegenseitige Unterstützung zu erfahren.

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