Die Trigeminusneuralgie ist eine äußerst schmerzhafte Erkrankung, die durch blitzartig einschießende Schmerzen im Gesicht gekennzeichnet ist. Diese Schmerzen zählen zu den stärksten, die ein Mensch erleben kann, und beeinträchtigen die Lebensqualität der Betroffenen erheblich. Als Mitglied der Deutschen Schmerzgesellschaft e.V. ist es wichtig, über die neuesten Erkenntnisse und Behandlungsmethoden informiert zu sein, um Patienten bestmöglich zu versorgen.
Was ist Trigeminusneuralgie?
Die Trigeminusneuralgie betrifft den Trigeminusnerv, den fünften Hirnnerv, auch bekannt als Drillingsnerv. Dieser Nerv ist für die sensible Wahrnehmung im Gesicht verantwortlich, einschließlich der Weiterleitung von Berührungs- und Schmerzreizen. Die Schmerzen treten meist im Versorgungsgebiet des zweiten oder dritten Astes des Nervs auf, typischerweise auf einer Gesichtshälfte.
Symptome der Trigeminusneuralgie
- Blitzartig einschießende Schmerzen: Die Schmerzen werden oft als elektrisierend, stechend und scharf beschrieben.
- Extreme Intensität: Die Attacken können so heftig sein, dass Betroffene alltägliche Aktivitäten vermeiden.
- Kurze Dauer: Die Schmerzattacken dauern meist nur wenige Sekunden bis Minuten, können aber mehrmals täglich auftreten.
- Episodischer Verlauf: Die Trigeminusneuralgie tritt in Episoden auf, mit schmerzhaften Phasen, die von schmerzfreien Intervallen unterbrochen werden.
- Triggerfaktoren: Minimale Reize wie Sprechen, Rasieren, Kauen, Zähneputzen, Berührungen, kalte Luft oder Stress können die Schmerzen auslösen.
Ursachen der Trigeminusneuralgie
Man unterscheidet zwischen der idiopathischen und der sekundären Trigeminusneuralgie.
Idiopathische Trigeminusneuralgie
Bei der idiopathischen Form ist die Ursache unbekannt. Es wird vermutet, dass ein Blutgefäß den Nerv im Bereich des Hirnstamms einengt und dadurch eine Nervenschädigung verursacht. Die Signale von nicht-schmerzhaften Reizen werden fälschlicherweise an Schmerzfasern weitergeleitet, was zu den typischen Schmerzanfällen führt.
Sekundäre Trigeminusneuralgie
Die sekundäre Form ist ein Symptom einer anderen Erkrankung, wie z.B.:
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- Multiple Sklerose (MS)
- Hirntumor
- Hirnmetastasen
- Gefäßmissbildungen
Besonders bei jüngeren Patienten sollte bei starken Gesichtsschmerzen auch an MS gedacht werden.
Diagnose der Trigeminusneuralgie
Die Diagnose wird in der Regel anhand der charakteristischen Symptome gestellt. Ein Neurologe erfragt den Verlauf, die Dauer, die Ausprägung und die Auslöser der Schmerzen. Eine neurologische Untersuchung wird durchgeführt. Bildgebende Verfahren wie die Kernspintomographie (MRT) können eingesetzt werden, um andere Ursachen auszuschließen und einen Gefäß-Nerven-Kontakt darzustellen. In einigen Fällen kann eine Nervenwasserentnahme sinnvoll sein, um Entzündungen zu erkennen.
Therapie der Trigeminusneuralgie
Es gibt keine Standardtherapie, da die Behandlung individuell auf den Patienten abgestimmt werden muss. Die Erfolgsraten der verschiedenen Behandlungsansätze sind in der Regel hoch, aber die Schmerzen können nach einer erfolgreichen Behandlung zurückkehren.
Medikamentöse Therapie
In der Regel wird zunächst eine medikamentöse Therapie mit Antiepileptika wie Carbamazepin, Oxcarbazepin oder Gabapentin eingesetzt. Carbamazepin hemmt vermutlich die Reizweiterleitung und wirkt dämpfend, beruhigend, antidepressiv und muskelentspannend. Es ist oft sehr wirksam, kann aber Nebenwirkungen wie Schwindel, Müdigkeit, allergische Reaktionen, Veränderungen des Blutbildes und der Leberfunktion sowie Magen-Darm-Probleme verursachen. Die Dosis wird in der Regel langsam erhöht, bis der Patient schmerzfrei ist. Bei Erfolg wird die Dosis nach vier bis sechs Wochen schrittweise reduziert.
Neurochirurgische Verfahren
Wenn die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirkt oder zu starke Nebenwirkungen verursacht, stehen verschiedene neurochirurgische Verfahren zur Verfügung.
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- Mikrovaskuläre Dekompression (Janetta-Operation): Bei dieser Operation wird der Schädel geöffnet und der Kontakt zwischen Gefäß und Trigeminusnerv unterbrochen. Ein Kunststoffstück, z.B. Teflonflies, wird als Puffer eingelegt. Acht von zehn Patienten sind nach dem Eingriff schmerzfrei, weitere zwei haben geringere Beschwerden. Nach zehn Jahren sind noch sieben von zehn Patienten schmerzfrei. Bis zu 30 Prozent leiden nach dem Eingriff unter verminderter Empfindlichkeit im Gesichtsbereich. Studien zeigen ein Wiederauftreten der Schmerzattacken bei 10 bis 30 Prozent der Patienten. Selten kann es zu einem Hörverlust kommen. Dieses Verfahren eignet sich für Patienten ohne erhöhtes Operationsrisiko. Der Vorteil ist, dass der Trigeminusnerv geschont und seine Funktionsfähigkeit erhalten bleibt. Bei Misserfolg ist ein Zweiteingriff möglich.
- Perkutane Operationsverfahren: Bei diesen Verfahren wird der Nervus Trigeminus im Bereich des Ganglion Gasseri thermisch, chemisch oder mechanisch geschädigt. Der Zugang erfolgt durch die Haut seitlich des Mundwinkels. Bei den thermischen und chemischen Varianten wird in 90 Prozent der Fälle Schmerzfreiheit erzielt. Auch nach zehn Jahren sind acht von zehn Patienten schmerzfrei, bei der mechanischen Variante sind es sechs bis sieben von zehn Patienten. Nebenwirkungen können eine verminderte Empfindlichkeit im Gesicht und unangenehme bis schmerzhafte Missempfindungen sein. Diese Methode eignet sich auch für ältere Menschen oder solche mit erhöhtem Operationsrisiko.
- Radiochirurgische Behandlung (Gamma-Knife-Behandlung): Hierbei wird der Trigeminusnerv am Abgang mit einer hohen Strahlendosis bestrahlt, um eine Teilschädigung des Nervs zu erreichen. Die Besserung tritt erst nach Tagen bis Wochen ein. Anfänglich ist die Neuralgie bei 70 bis 90 Prozent der Patienten gebessert, nach fünf Jahren jedoch nur noch bei etwa der Hälfte. Eine weitere Bestrahlung mit einer niedrigeren Strahlendosis ist möglich, aber weniger erfolgreich. Es kann zu einer Zunahme der sensiblen Ausfälle als Nebenwirkung kommen.
Ablative Verfahren
Hierbei werden Nerven mittels Medikamenten oder Strahlen durchtrennt oder verödet. Dies führt aber meist nur zu einem kurzzeitigen Erfolg. Nach einer kurzzeitigen Besserung kommt es oftmals zum gegenteiligen Effekt: Ein Schmerzsyndrom (neuropathische Schmerzen), das sogar den ursprünglichen Schmerz in seiner Stärke übertreffen kann und sich noch schlechter behandeln lässt, ist eine mögliche Folge. Deswegen wird diese therapeutische Möglichkeit in der letzten Zeit nur in Ausnahmefällen in der Palliativmedizin (Krebsbehandlung) angewendet.
Prävention und Alltagstipps bei Trigeminusneuralgie
Auch wenn die ärztliche Abklärung und Behandlung im Vordergrund stehen, können Betroffene selbst einiges tun, um die Symptome zu lindern und Schmerzattacken vorzubeugen:
- Stressbewältigung: Stress kann die Symptome verstärken. Entspannungstechniken wie Atemübungen, progressive Muskelentspannung oder Meditation können helfen.
- Guter Schlaf: Regelmäßige Schlafenszeiten und eine ruhige, abgedunkelte Schlafumgebung fördern die Schlafqualität.
- Ausgewogene Ernährung: Eine gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Omega-3-Fettsäuren kann das Wohlbefinden steigern.
- Triggerfaktoren vermeiden: Aktivitäten oder Einflüsse, die Schmerzattacken auslösen, sollten gemieden werden. Dazu gehören Zugluft, leichte Berührungen des Gesichts oder bestimmte Kaubewegungen.
- Sanfte Gesichtspflege: Milde, nicht reizende Reinigungsprodukte und Feuchtigkeitscremes können die Haut beruhigen und Triggerpunkte vermeiden.
- Gute Zahnpflege: Regelmäßiges Zähneputzen und die Verwendung von Zahnseide können das Risiko von Trigeminusneuralgie durch zahnärztliche Eingriffe senken.
- Regelmäßige körperliche Aktivität: Bewegung kann das allgemeine Wohlbefinden steigern und Stress reduzieren.
- Professionelle Hilfe bei Depressionen oder Angst: Chronische Schmerzen können zu psychischen Problemen führen. Professionelle Hilfe kann bei der Bewältigung unterstützen.
Fallbeispiele und Patientenerfahrungen
Zahlreiche Patienten berichten von positiven Erfahrungen nach einer Operation der Trigeminusneuralgie. Viele sind nach jahrelangen Schmerzen schmerzfrei und können ihre Lebensqualität wieder genießen. Die mikrovaskuläre Dekompression nach Janetta wird oft als erfolgreiche Methode beschrieben, bei der der Nerv geschont und die Funktionsfähigkeit erhalten bleibt. Auch perkutane Verfahren und die Radiochirurgie können zu einer deutlichen Schmerzlinderung führen.
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