Das neue Semester hat begonnen, und Studierende sehen sich mit neuen Eindrücken und Lerninhalten konfrontiert. Um dem berüchtigten "Bulimie-Lernen" kurz vor Prüfungen vorzubeugen, ist es ratsam, sich frühzeitig mit effektiven Lernstrategien auseinanderzusetzen. Dieser Artikel bietet Einblicke in die Funktionsweise des Gedächtnisses und gibt praktische Tipps, wie Wissen besser im Gehirn verankert werden kann - nicht nur für Studierende, sondern für alle, die lebenslang lernen möchten.
Wie funktioniert das Gedächtnis?
Das Gedächtnis lässt sich anhand des Dreispeichermodells erklären, das aus sensorischem Speicher, Kurzzeitgedächtnis und Langzeitgedächtnis besteht. Die Kapazität und Speicherdauer variieren stark. Informationen verweilen nur wenige Minuten im Kurzzeitgedächtnis, während sie im Langzeitgedächtnis ein Leben lang gespeichert werden können.
Die Herausforderung beim Lernen besteht darin, Wissen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis zu übertragen. Regelmäßige Wiederholungen sind entscheidend, um sicherzustellen, dass Informationen langfristig verankert bleiben. Oftmals haben wir kurz nach dem Lernen das trügerische Gefühl, alles behalten zu haben.
Aktives Lernen statt passivem Konsum
"Tatsächlich behalten wir nur wenig von dem, was wir schlichtweg nur lesen. Wir müssen Wissen aktiv miteinander verknüpfen, Eselsbrücken bauen und Dinge in die Praxis umsetzen. Wir behalten beispielsweise ungefähr nur 50 % von dem, was wir hören und sehen, aber 90 % von dem was wir selber tun", führt Bodusch-Bechstein aus.
Reines Zuhören in Vorlesungen reicht nicht aus, um Wissen im Gehirn zu verankern. Lerninhalte sollten mehrmals gelesen werden, ohne sie auswendig zu lernen, um sie später individuell anwenden zu können. Noch effektiver ist es, den Stoff in eigenen Worten aufzuschreiben. Mindmaps und farbliche Markierungen können helfen, den Lernstoff zu visualisieren.
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Die Rolle der Gehirnhälften
Beim herkömmlichen Lernen wird oft nur die linke Gehirnhälfte genutzt, die für Sprache, Logik und Zahlen zuständig ist. Es ist jedoch ratsam, Lernstrategien zu entwickeln, die auch die rechte Gehirnhälfte aktivieren, welche für Bilder, Farben, Fantasie und Musik zuständig ist.
Das Verknüpfen von neuem Wissen mit bereits vorhandenem Wissen erleichtert das Behalten. Assoziationen von Text mit Bildern, Musik oder Farben sind hilfreich, da unzusammenhängende Einzelinformationen schnell vergessen werden.
Eselsbrücken und die Technik der Orte
Eselsbrücken sind nützliche Hilfsmittel, um Wissen zu verankern und später abzurufen. "Je merkwürdiger eine bildhafte Vorstellung ist, desto merk-würdiger ist sie. Bilder lassen sich am besten abspeichern wenn sie übertrieben, absurd, erotisch, vulgär, sinnlich, bewegt, farbig, phantasievoll und klar sind", so Bodusch-Bechstein.
Die Technik der Orte (Loci-Methode) eignet sich besonders für umfangreichen und komplexen Lernstoff. Dabei werden Informationen mit einem gut bekannten Ort verknüpft, um sie später leichter abrufen zu können.
Tipps und Tricks für effektives Lernen
Unabhängig vom Alter oder Bildungsstand gibt es bewährte Strategien, um das Lernen zu erleichtern und den Lernerfolg zu steigern.
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1. Optimale Lernatmosphäre schaffen
Eine ruhige, störungsfreie Umgebung ist entscheidend. Ob am Schreibtisch zu Hause oder in einer Bibliothek, der Lernort sollte konzentrationsfördernd sein. Manche Menschen profitieren von klassischer Musik im Hintergrund oder einem regelmäßigen Wechsel des Lernorts.
2. Multitasking vermeiden
Fokussieren Sie sich auf kurze, produktive Lerneinheiten. Schalten Sie Smartphone und Fernseher aus und sorgen Sie für einen aufgeräumten Arbeitsplatz.
3. In den richtigen "Lernmodus" kommen
Nutzen Sie Priming, um Ihr Gehirn auf den Lernstoff vorzubereiten. Rufen Sie bereits vorhandenes Wissen ab und formulieren Sie gezielt Fragen. Eine positive Grundstimmung während des Lernens kann die Lernleistung erheblich steigern. Vermeiden Sie Stress und unrealistische Lernziele.
4. Freiräume für das Lernen schaffen
Organisieren Sie Ihren Alltag so, dass Sie ausreichend Zeit und Raum zum Lernen haben. Berücksichtigen Sie private Verpflichtungen, den Arbeitsalltag und die persönliche Lernumgebung.
5. (Aktive) Lernpausen gönnen
Regelmäßige Pausen sind wichtig, um die Aufnahmefähigkeit zu erhalten und die Nerven zu schonen. Nach 30 Minuten empfiehlt sich eine kurze Pause von etwa fünf Minuten, nach zwei Stunden eine Pause von 15-20 Minuten und nach vier Stunden eine Pause von 60-120 Minuten. Nutzen Sie die Pausen für Spaziergänge, Sport, alltägliche Arbeiten oder Gespräche mit Bekannten.
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6. Auf die "richtige" Lerndauer achten
Teilen Sie Ihren "Lern-Tag" idealerweise in zwei Vier-Stunden-Blöcke mit einer Erholungspause von 60 bis 120 Minuten. Steigern Sie Ihre Lerndauer langsam und verzichten Sie nicht auf Pausen. Verteiltes Lernen ist effektiver.
7. Lernstoff einteilen und realistische Ziele setzen
Strukturieren Sie den Lernstoff und setzen Sie sich kleine Etappen- und Tagesziele. Ein Lern- oder Wochenplan hilft, den Überblick zu behalten und Panik-Hau-Ruck-Lernen zu vermeiden. Planen Sie den Tag vor der Prüfung für Wiederholungen ein.
8. Übung macht den Meister
Wiederholen Sie den Lernstoff regelmäßig, um das Wissen zu festigen und miteinander zu verknüpfen.
9. Nicht zu lange grübeln
Wenn Ihnen etwas nicht einfällt, schlagen Sie es nach. Zu langes Überlegen kann dazu führen, dass die Antwort auch in Zukunft nicht gewusst wird.
10. Den "inneren Schweinhund" überwinden
Beginnen Sie mit dem Lernen, auch wenn die Motivation fehlt. Der 10-Minuten-Trick kann helfen: Setzen Sie sich für zehn Minuten an Ihren Schreibtisch und machen Sie dann einfach weiter.
Zusätzliche Strategien für effektives Lernen
Die Macht der Bilder
Unser Gehirn liebt Bilder. Visualisieren Sie Lerninhalte oder beschreiben Sie Dinge im Kopf so genau wie möglich.
Spielen und Spaß
Nutzen Sie Spiele und Spaß, um das Lernen zu erleichtern. Wer sagt, dass man beim Lernen still am Tisch sitzen muss?
Routen und Geschichten
Verknüpfen Sie Lerninhalte mit Routen oder Geschichten. Die Routentechnik aus dem Gedächtnistraining kann helfen, sich komplexe Informationen zu merken.
Lernort wechseln
Manchmal hilft es, den Lernort zu wechseln oder an einem klappbaren Tablett zu arbeiten.
Ruhe und Konzentration
Schaffen Sie eine ruhige Lernumgebung und vermeiden Sie Ablenkungen. Kopfhörer können helfen, Umgebungsgeräusche auszublenden.
Passende Kleidung
Wählen Sie Kleidung, in der Sie sich wohlfühlen und die Sie beim Lernen unterstützt.
Kompromisse eingehen
Finden Sie gemeinsam mit Ihrem Kind Lösungen, die zu seinen Bedürfnissen passen, aber auch Ihren Vorstellungen entsprechen.
Essen und Trinken
Vermeiden Sie es, während des Lernens zu essen, um die Konzentration nicht zu beeinträchtigen. Trinken Sie ausreichend Wasser.
Aufgeräumtes Zimmer
Ein aufgeräumtes Zimmer kann die Konzentration fördern.
Unterstützung suchen
Scheuen Sie sich nicht, Unterstützung von Freunden, Familie oder Lehrkräften anzunehmen.
Zeiteinteilung
Teilen Sie den Lernstoff in kleine Abschnitte ein und erstellen Sie Lernpläne.
Growth Mindset entwickeln
Ermutigen Sie Kinder, ein "Growth Mindset" zu entwickeln und Herausforderungen anzunehmen.
Lerntypen
Berücksichtigen Sie Ihren Lerntyp (visuell, auditiv, kinästhetisch, lesend/schreibend), um effektiver zu lernen.
Auswendiglernen: Mehr als nur Fakten pauken
Auswendiglernen ist wie ein Fitnessprogramm für das Gehirn. Es schärft das Gedächtnis und ermöglicht einen schnellen Zugriff auf Wissen.
Bewährte Methoden zum Auswendiglernen
- Chunking: Informationen in kleinere, leichter verdauliche Teile zerlegen.
- Mnemotechniken: Gedächtnisstützen wie Reime, Akronyme oder Bilder nutzen.
- Wiederholung: Lernstoff regelmäßig wiederholen, um ihn im Langzeitgedächtnis zu verankern.
- Eselsbrücken und Merksätze: Kleine Hilfen oder Sätze verwenden, um sich komplexe Informationen zu merken.
- Verbindungen schaffen: Neue Informationen mit bereits bekannten Fakten oder Erfahrungen verknüpfen.
- Bildhaftes Einprägen: Lerninhalte in Bilder "übersetzen" und zu einer Geschichte zusammenfügen.
- Spaced Repetition: Wiederholung von Lerninhalten über einen längeren Zeitraum verteilen.
- Verschiedene Umgebungen: In unterschiedlichen Umgebungen und Kontexten lernen.
- Pausen: Dem Gehirn Pausen gönnen, um Informationen zu verarbeiten.
- Musik und Rhythmen: Informationen mit Musik oder Rhythmen verbinden.
Tipps zur Integration des Auswendiglernens in den Alltag
- Lerninhalte in kleine Einheiten unterteilen.
- Tägliche Lernziele setzen.
- Regelmäßige Lernpausen einlegen.
- Wartezeiten für Wiederholungen nutzen.
- Lernfreundliche Umgebung schaffen.
- Auswendiglernen als festen Bestandteil des Tagesablaufs etablieren.
Brainpower durch Supplements?
Eine ausgewogene Ernährung ist wichtig für die Gehirnleistung. Nahrungsergänzungsmittel können bei einer unausgewogenen Ernährung helfen, das Gehirn mit wichtigen Nährstoffen zu versorgen. Pantothensäure (Vitamin B5) trägt beispielsweise zu einer normalen geistigen Leistung und zur Verringerung von Müdigkeit bei.
9 Hacks für besseres Auswendiglernen
- Selbstbezugs-Effekt: Informationen mit dem eigenen Leben verknüpfen.
- Humor-Effekt: Mit Humor lernen.
- Anfang-und-Ende-Effekt: Wichtige Informationen an den Anfang oder das Ende einer Liste setzen.
- Modalitäts-Effekt: Informationen am Ende einer Liste mündlich vortragen lassen.
- Restorff-Effekt: Wichtige Begriffe farblich hervorheben.
- Zeigarnik-Effekt: Lerneinheiten unterbrechen und andere Aktivitäten ausüben.
- Zeitraum-Effekt: Lerneinheiten über einen längeren Zeitraum verteilen.
- Kontext-Effekt: In der gleichen Umgebung lernen und prüfen, in der die Informationen gespeichert wurden.
- Test-Effekt: Auswendig gelerntes Material regelmäßig testen.
Wiederholen nur mit Verstand
Stupides Wiederholen ist nutzlos. Wiederholungen müssen bewusst gemacht und verarbeitet werden.