Ein eingeklemmter Nerv ist ein weit verbreitetes Problem, das durch Druck auf einen Nerv verursacht wird. Dieser Druck kann zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen, Kribbeln und Muskelschwäche führen. Obwohl der Begriff "eingeklemmter Nerv" oft umgangssprachlich verwendet wird, ist es wichtig, die medizinischen Fachbegriffe und die zugrunde liegenden Ursachen zu verstehen, um eine angemessene Behandlung zu gewährleisten.
Definition und Fachbegriffe
Der medizinische Fachbegriff für einen eingeklemmten Nerv ist Nervenkompression oder Nervenkompressionssyndrom. Dies bedeutet, dass ein Nerv durch umliegendes Gewebe wie Muskeln, Sehnen, Knochen oder Knorpel eingeengt oder zusammengedrückt wird. Es gibt verschiedene Arten von Nervenkompressionen, die je nach betroffenem Nerv unterschiedliche Symptome verursachen.
Ein bekanntes Beispiel für einen eingeklemmten Nerv ist die Meralgia paraesthetica, bei der der Nervus cutaneus femoris lateralis betroffen ist. Dieser Nerv versorgt die Haut des seitlichen und vorderen Oberschenkels mit sensorischen Informationen. Der Name dieses Nervs bedeutet so viel wie "seitlicher Hautnerv des Oberschenkels". Er vermittelt die Empfindung von Berührung, Schmerz und Temperatur am seitlichen und vorderen Oberschenkel.
Ein weiteres häufiges Beispiel ist das Karpaltunnelsyndrom, bei dem der Nervus medianus im Handgelenk eingeengt wird. Auch bei Bandscheibenvorfällen mit Nervenschädigungen spricht man vielfach von einem eingeklemmten Nerv.
Ursachen eines eingeklemmten Nervs
Ein eingeklemmter Nerv kann durch eine Vielzahl von Faktoren verursacht werden. Einige der häufigsten Ursachen sind:
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- Druck und Verletzungen: Der Nervus cutaneus femoris lateralis kann durch Druck und Verletzungen geschädigt werden.
- Enge Kleidung: Das Tragen enger Hosen, insbesondere Jeans, kann den Nervus cutaneus femoris lateralis im Bereich des Leistenbandes einklemmen ("Jeanskrankheit").
- Schwangerschaft: Während der Schwangerschaft kann der wachsende Bauch Druck auf Nerven im Beckenbereich ausüben.
- Übergewicht: Übergewicht kann zusätzlichen Druck auf Nerven im ganzen Körper ausüben.
- Wiederholte Bewegungen: Wiederholte Bewegungen oder einseitige Belastungen, wie sie beispielsweise beim Fahrradfahren oder langen Laufen auftreten können, können zu einer Nervenkompression führen.
- Fehlhaltungen: Langanhaltende Fehlhaltungen, wie sie beispielsweise bei sitzenden Tätigkeiten im Büro auftreten können, können zu Verspannungen und Nervenkompressionen führen.
- Bettlägerigkeit: Langes Liegen mit gestrecktem Bein kann ebenfalls Druck auf den Nervus cutaneus femoris lateralis ausüben.
- Diabetes: Nervenschäden durch Diabetes (diabetische Polyneuropathie) betreffen jedoch meist mehrere Nerven zugleich.
- Erkrankungen im Bauchraum: Erkrankungen im Bauchraum können ebenfalls zu Nervenkompressionen führen.
- Knochenwucherungen: Seltene Ursachen sind Knochenwucherungen und weitere krankhafte Veränderungen.
- Tumore: Nur selten handelt es sich um andere Auslöser, etwa einen wachsenden Tumor oder eine Verletzung.
- Wirbelblockaden: Dabei ist die Beweglichkeit einzelner Wirbelgelenke vorübergehend eingeschränkt. Oft löst eine falsche Bewegung solche Gelenkblockaden aus. Ein oder mehrere Wirbelgelenke verhaken sich und werden durch eine reflexartige Muskelanspannung in diesem Zustand fixiert. Auch eine Überlastung kann Wirbelblockaden auslösen.
- Wirbelgleiten (Spondylolisthesis): Dabei verschieben sich benachbarte Wirbelkörper gegeneinander. Meist passiert das im Bereich der Lendenwirbelsäule. Wirbelgleiten kann eine altersbedingte Verschleißerscheinung, aber auch erblich veranlagt sein.
- Infektionen: Manche Bakterien und Viren haben eine Vorliebe für Nerven und können unter anderem den Ischiasnerv befallen. Sie provozieren typischerweise eine Entzündung der Nervenwurzel (Radikulitis), was zu akuten Ischiasbeschwerden führt. Borrelien zum Beispiel können hinter einer akuten Ischialgie stecken. Das sind Bakterien, die durch Zecken übertragen werden. Herpes-zoster-Viren - die Erreger der Windpocken - können ebenfalls eine Ischialgie auslösen.
- Bandscheibenvorfall: Ein Bandscheibenvorfall kann ebenfalls auf Nerven drücken und diese einklemmen.
- Arthrose: Arthrose kann ebenfalls zu einer Nervenkompression führen.
- Stress: Muskelverspannungen können durch Stress begünstigt werden.
Symptome eines eingeklemmten Nervs
Die Symptome eines eingeklemmten Nervs können je nach betroffenem Nerv und der Schwere der Kompression variieren. Einige der häufigsten Symptome sind:
- Schmerzen: Patient*innen haben Beschwerden an der Vorder- bzw. Außenseite des Oberschenkels. Meist macht sich ein eingeklemmter Nerv durch Schmerzen oder ein Kribbeln bemerkbar. Die Schmerzen reichen von einem dumpfen, langsam zunehmenden Druckgefühl bis hin zu plötzlich einschießenden, brennenden oder stechenden Schmerzen. Ein eingeklemmter, entzündeter oder gereizter Ischiasnerv verursacht sehr starke Schmerzen, wie alle Schmerzen, die unmittelbar durch Reizung oder Schädigung eines Nervs entstehen (neuropathische Schmerzen).
- Kribbeln: Charakteristisch sind ein Kribbeln, brennende Schmerzen, Missempfindungen und Taubheit.
- Taubheit: Meistens ist nur eine Seite betroffen.
- Missempfindungen: Die Symptome treten vor allem dann auf, wenn der Druck auf den Nerv steigt - etwa beim Tragen enger Hosen ("Jeanskrankheit") und in der Schwangerschaft. Die Symptome werden bei vielen Patient*innen stärker, wenn sie das Hüftgelenk strecken, also das Bein nach hinten führen. Provozieren lassen sich die Beschwerden häufig auch durch langes Stehen bzw. Gehen sowie durch ein langes Liegen mit gestrecktem Bein.
- Muskelschwäche: Bleibt ein Nerv über längere Zeit unter Druck, kann die Signalübertragung zur Muskulatur gestört sein. Die Folge: Muskelschwäche oder vorübergehende Lähmungserscheinungen oder Muskelschwäche, die sich meist wieder zurückbilden, sobald sich der Nerv erholt.
- Funktionsausfälle: Die Funktion der Muskeln ist nicht beeinträchtigt.
- Bewegungseinschränkungen: Je nach betroffener Stelle können auch Bewegungseinschränkungen auftreten.
- Schwindel oder Erbrechen: Sind besonders empfindliche Nerven - beispielsweise im Bereich der Halswirbelsäule - eingeklemmt, können durch die gestörte Signalübertragung zum Gehirn zusätzliche Symptome wie Schwindel oder Erbrechen auftreten.
- Ischiasschmerzen: Typisch für die Ischialgie ist ein ziehender oder reißender Rückenschmerz, der über Gesäß und Rückseite des Oberschenkels bis in die Kniekehle strahlt. Empfindungsstörungen wie Kribbeln oder Taubheit und auch Lähmungserscheinungen können die Ischiasschmerzen begleiten.
Diagnose eines eingeklemmten Nervs
Zur Diagnose genügt oft ein Arztgespräch in Verbindung mit einer gezielten Untersuchung. Taubheit und Schmerzen im betroffenen Hautbereich sind wegweisend. Ein Beklopfen bestimmter Hautbereiche kann Schmerzen hervorrufen (Hoffmann-Tinel-Zeichen). Provokationstests wie das Hoffmann-Tinel-Zeichen oder der Phalen-Test helfen dabei, einen eingeklemmten Nerv zu diagnostizieren. Durch gezielte Bewegungen oder leichten Druck auf den betroffenen Bereich können typische Symptome wie Schmerzen, Kribbeln oder Taubheitsgefühle ausgelöst oder verstärkt werden.
Eine spezielle Untersuchung ist meist nicht erforderlich; falls nötig, können folgende Untersuchungsmethoden eingesetzt werden:
- Spritzen eines Medikaments zur örtlichen Betäubung an der Durchtrittsstelle des Nervs (eine Schmerzlinderung spricht für eine Meralgia paraesthetica)
- Messung der Nervenleitgeschwindigkeit (Neurografie)
- Ultraschall
- MRT
- Spezielle Hirnstrommessung (evozierte Potenziale)
- Röntgenbild der Halswirbelsäule: Eine zentrale Rolle in der Diagnostik hat ein Röntgenbild der Halswirbelsäule nach einem Unfall. Vor allem nach Auffahrunfällen geben die Patienten Nackenschmerzen, oftmals über mehrere Wochen, an. Nach einer gewissen Zeit sollte aus diesem Grund auch ein Röntgenbild der Halswirbelsäule zur Anwendung kommen, um eine entsprechende Verletzung der Knochen in diesem Bereich auszuschließen.
- MRT der HWS: Eine MRT Untersuchung kommt immer dann zum Einsatz, wenn man sich nicht genau sicher ist, was die Schmerzen der Halswirbelsäule auslöst oder wenn die Beschwerden auch nach einer längeren Zeit und einer entsprechenden Behandlung nicht abklingen.
Behandlung eines eingeklemmten Nervs
Die Behandlung eines eingeklemmten Nervs zielt darauf ab, den Druck auf den Nerv zu reduzieren und die Symptome zu lindern. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von konservativen Maßnahmen bis hin zu operativen Eingriffen.
Konservative Behandlung
- Nicht immer ist eine Behandlung notwendig: Bei einem Viertel der Betroffenen bessern sich die Beschwerden spontan.
- Schonung und Ruhigstellung: Die betroffenen Stellen sollte zunächst geschont werden, besonders wenn der Nerv im Rücken, Nacken oder Schulterbereich betroffen ist. Unnatürliche Schonhaltungen und ruckartige Bewegungen sollten möglichst vermieden werden.
- Physiotherapie: Eine Physiotherapie kann die Beschwerden lindern. Gerade bei einem leichten Bandscheibenvorfall oder einer Spinalkanalstenose können physiotherapeutische Maßnahmen und Rückenschule helfen, die Symptome zu lindern und die Mobilität zu verbessern.
- Schmerztherapie: Ein durch die Nervenschädigung bedingter Schmerz (neuropathischer Schmerz) sollte frühzeitig mit einer Schmerztherapie behandelt werden. Es kann vorteilhaft sein, mehrere Behandlungsmethoden zu kombinieren. Außerdem kann ein Medikament zur örtlichen Betäubung in das Gewebe gespritzt werden (Infiltration). Auch Kortison kommt hier manchmal in Betracht.
- Wärme: Wärme hilft, verspannte Muskulatur zu lockern und den eingeklemmten Nerv zu entlasten. Des Weiteren können wärmende Maßnahmen in Form von warmen Duschen oder Wärmflaschen auf die Halswirbelsäule eine deutliche Besserung bringen. Auch entzündungshemmende Gele, wie Docgel (Ibuprofen) oder Diclogel (Diclofenac), können durch den entzündungshemmenden Effekt helfen.
- Massage und Gymnastik: Eine professionelle Massage oder sanfte Gymnastik wie Yoga können helfen, Verspannungen zu lösen und die Muskulatur zu lockern.
- Kinesiotapes: Durch den erzeugten Zug werden die darunterliegenden Muskeln entspannt. Im Falle einer Nerveneinklemmung des Nackens kann man ein oder mehrere Kinesiotapes auf den Nacken kleben.
- Medikamente: Manchmal kommen auch Medikamente zur Behandlung eines eingeklemmten Nerven zum Einsatz. Hier werden vor allem schmerzlindernde und entzündungshemmende Medikamente bevorzugt. Zu nennen wären die klassischen Entzündungshemmer, wie Ibuprofen oder Diclofenac oder Naproxen, die alle als Tablette eingenommen werden.
- Osteopathie: Bei einem eingeklemmten Nerven im Nackenbereich kann mit Hilfe der ärztlichen Osteopathie eine entlastende Behandlung durchgeführt werden.
Operative Behandlung
Operiert wird nur selten, wenn die Beschwerden sehr stark sind bzw. nicht auf andere Behandlungsversuche ansprechen.
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- Dekompression und Neurolyse: Eine Möglichkeit besteht in der operativen Beseitigung aller einengenden Strukturen (Dekompression) und Freilegung des Nerven (Neurolyse).
- Neurektomie: Eine zweite Möglichkeit ist es, den Nerv zu durchtrennen (Neurektomie) und gezielt Nervengewebe abzutragen. Diese Methode gilt als letzter Ausweg: Sie ist sehr wirksam gegen Schmerzen; sie führt jedoch auch zu einem dauerhaften Verlust des Empfindungsvermögens im betroffenen Hautbereich.
Vorbeugung eines eingeklemmten Nervs
Es gibt verschiedene Maßnahmen, die Sie ergreifen können, um das Risiko eines eingeklemmten Nervs zu reduzieren:
- Vermeiden Sie enge Kleidung: Vermeiden Sie das Tragen enger Hosen.
- Vermeiden Sie Streckbewegungen im Hüftgelenk: Vermeiden Sie Streckbewegungen im Hüftgelenk.
- Gewichtsreduktion: Gegebenenfalls kann eine Gewichtsreduktion hilfreich sein.
- Ergonomie am Arbeitsplatz: Eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes hilft, eingeklemmten Nerven vorzubeugen.
- Regelmäßige Bewegung: Körperliche Aktivität beugt Verspannungen vor und stärkt die Muskulatur.
- Stressmanagement: Muskelverspannungen können durch Stress begünstigt werden.
- Übergewicht reduzieren: Ein gesundes Körpergewicht entlastet die Wirbelsäule und verhindert zusätzlichen Druck auf Nerven.
- Überprüfen Sie, ob eine Fehlbelastung des Körpers vorliegt: Gerade bei immer wiederkehrenden, eingeklemmten Nerven sollte eine umfassende Überprüfung erfolgen.
Prognose
In 25 % der Fälle klingen die Schmerzen von selbst ab. Die konservative Behandlung ist meistens erfolgreich. Eine Neurektomie führt am ehesten zu dauerhafter Schmerzfreiheit. In manchen Fällen bleiben die Schmerzen dauerhaft bestehen. Eine Neurektomie kann als Komplikation Schmerzen auslösen. Grundsätzlich kann es sein, dass sich die neurologischen Ausfälle nach einer Operation nicht vollständig legen.
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