Der Einstein-Mythos: Nutzen wir wirklich nur 1 % unseres Gehirns?

Der Mythos, dass wir nur einen kleinen Teil unserer Gehirnkapazität nutzen, ist weit verbreitet und hartnäckig. Er wird oft in Ratgebern, populärwissenschaftlichen Publikationen und sogar in Filmen wie "Lucy" und "Ohne Limit" angeführt. Doch woher kommt dieser Irrtum, und was steckt wirklich dahinter?

Entstehung und Verbreitung des Mythos

Die genaue Entstehung des Mythos ist schwer zu bestimmen. Es gibt keine wissenschaftlichen Untersuchungen, die jemals eine solche Behauptung aufgestellt hätten. Eine mögliche Quelle ist ein Missverständnis oder eine Reihe von Missverständnissen.

  • Frühe Experimente: Im frühen 19. Jahrhundert führte der Physiologe Marie-Jean-Pierre Flourens Experimente mit Tieren durch, bei denen er nach und nach immer größere Teile des Gehirns entfernte und das Verhalten der Tiere beobachtete. Er kam zu dem Schluss, dass man bestimmte Mengen der Hirnlappen entfernen konnte, ohne die Funktionen zu stören.
  • William James' Behauptung: In den 1890er Jahren behauptete der Psychologe William James in seinen Vorträgen, dass Menschen üblicherweise nur einen Bruchteil ihres geistigen Potenzials ausschöpfen würden. Er bemängelte damit allerdings die unzureichende Förderung der Kinder zu seiner Zeit.
  • Entdeckung der Schaltneuronen: In den 1930er Jahren wurden von Wissenschaftlern die Schaltneuronen entdeckt. Diese dienen "nur" als Verbindung zwischen weiteren Neuronen.
  • Missverständliche Hirn-Scans: Auch die Darstellung auf bildgebenden Scans könnte die These gefördert haben. Auf den Bildschirmen sieht man immer klar definierte Bereiche des Hirns aufleuchten. Der Rest bleibt grau. Die bunten Areale bedeuten jedoch, dass hier besonders hohe Aktivität herrscht, während das "Grundrauschen" zur besseren Sichtbarkeit als grau dargestellt wird.
  • Einstein-Zitat: Oftmals wird das Zitat, der Mensch nutze nur zehn Prozent des Gehirns, auch Einstein zugesprochen. Beweise dafür gibt es keine, und Einstein-Biografen bezweifeln die Aussage.
  • Gliazellen: Wahrscheinlich rührt der Mythos auch von der Zusammensetzung unseres Gehirns her. Etwa die Hälfte des Denk-Apparates sind sogenannte Gliazellen. Sie sind sowohl Stützgerüst für die Nervenzellen (Neuronen) als auch für die Umhüllung, also ihre elektrische Isolation, nötig. Für den eigentlichen Denkprozess im Gehirn sind sie somit nicht zuständig, ohne sie würde aber nichts funktionieren.
  • Geschäftemacherei: Möglich ist auch, dass die These auf Geschäftsleute zurückgeht, die dadurch behaupten konnten, dass Menschen ihr Potenzial nicht voll ausschöpfen, um anschließend teure Methoden dagegen zu verkaufen.

Der Mythos wurde in den letzten Jahren vor allem durch den Gründer von Scientology, Ron Hubbard, und den Illusionisten Uri Geller weiterverbreitet, die ihn nutzten, um das ungenutzte Potenzial des menschlichen Denkens und Handelns hervorzuheben.

Die Realität: Unser Gehirn ist ständig aktiv

Tatsächlich nutzen wir die volle Kapazität unseres gesunden Gehirns. Allerdings nicht gleichzeitig. Untersuchungen und biochemische Verfahren haben gezeigt, dass es keine inaktiven Bereiche im Gehirn gibt und einzelne Nervenzellen bei gesunden Menschen nicht dauerhaft zur Ruhe kommen.

  • Jeder Bereich hat seine Funktion: Zunächst benötigt der Mensch alle Bereiche des Hirns. Jedes Areal hat seine eigene Funktion. Hirn-Scans zeigen, dass je nach Situation andere Regionen aktiv werden. Wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf etwas lenken, sind bestimmte Bereiche stärker aktiv, andere Eindrücke werden ausgeblendet. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir sie nicht mitbekommen. Das Gehirn verarbeitet solche Reize unbewusst. Die entsprechenden Hirnregionen sind also weiterhin aktiv.
  • Gehirnaktivität auch im Ruhezustand: Selbst beim Nichtstun oder Schlafen bleibt unser Denk-Organ nicht untätig. Würde ein Gehirnteil nie benutzt, würden die Hirnzellen absterben oder Aufgaben von anderen Regionen übernehmen. So übernimmt beispielsweise die Sehrinde bei Blinden im Laufe der Zeit Aufgaben für den Hör- oder Tastsinn.
  • Das Gehirn ist kein Computer: Alle Teile werden also genutzt. Aber auch gleichzeitig? Nein, aber das müssen sie auch gar nicht. Die nötigen Bereiche werden nur dann aktiviert, wenn sie auch wirklich benötigt werden. Wenn alle Zellen gleichzeitig aktiv wären, käme das einem epileptischen Anfall gleich.
  • Erinnerungsvermögen: Eine weitere Interpretation der These könnte lauten: Wir nutzen nur einen Bruchteil unseres Erinnerungsvermögens. Dieser Annahme liegt jedoch eine falsche Vorstellung zu Grunde, wie unser Gehirn aufgebaut ist. Es besteht nicht aus Speicherzellen, wie bei einem Computer. Erinnerungen sind Muster, an denen viele Zellen beteiligt sind, manche davon sind aktiv, manche nicht. Prinzipiell kann eine unbegrenzte Menge an Mustern entstehen. Wie viel Informationen ein Gedächtnis also aufnehmen kann, ist nicht bezifferbar.
  • Hoher Energieverbrauch: Wenn große Teile des Gehirns nicht genutzt würden, wieso leistet sich die Evolution dann dieses extrem energieintensive Organ? Mit gerade mal zwei Prozent der Körpermasse verbraucht es bis zu 20 Prozent der Energie des Körpers, mehr als jedes andere Organ. Würden wir dieses Organ nicht vollständig nutzen, hätte sich ein kleineres und effizienteres Gehirn entwickelt.
  • Schädigungen beeinträchtigen die Leistung: Untersuchungen zeigen, dass Schädigungen in fast allen Bereichen des Hirns eine Beeinträchtigung der Leistung verursachen. Auch hier bestätigt sich: Alle Regionen werden ständig benutzt.

Neuroplastizität: Die Anpassungsfähigkeit unseres Gehirns

Ein weiterer Grund, weshalb sich das Gerücht so hartnäckig hält, wir benutzten nur einen kleinen Teil unserer Gehirnkapazität, liegt in der Beobachtung, dass Menschen nach Schädigung bestimmter Hirnbereiche oftmals keine offensichtlichen Defizite zeigen. Zwar gibt es in der Tat verblüffende Beispiele, in denen nach Hirnschädigungen Patienten keine oder kaum Defizite zeigen, in der Regel beziehen sich Defizite jedoch nicht auf einen konkreten Aspekt (z. B. Gedächtnis), sondern auf exekutive und integrative Funktionen, die für eine Vielzahl bedeutender Funktionen (z. B. Planen und Abwägen) verantwortlich sind.

Lesen Sie auch: Die Wahrheit über Einstein und Epilepsie

Das spricht es für die sogenannte Neuroplastizität, also der Fähigkeit unseres Gehirns, seine Funktionalität den Erfordernissen anzupassen. In diesem Sinne konnte gezeigt werden, dass sich die Hirnstruktur erblindeter Personen ändert. Die ehemals für die visuelle Verarbeitung verantwortlichen Bereiche übernahmen fortan neue Funktionen. Dieses Beispiel zeigt, dass unser Gehirn keine starre Masse ist, sondern überaus flexibel auf die Umwelt reagiert.

Das Gehirn trainieren und geistig fit bleiben

Obwohl wir unser Gehirn vollständig nutzen, können wir seine Leistungsfähigkeit dennoch steigern. Wie ein Sportler durch Training und angemessene Ernährung seinen Körper zu Spitzenleistungen treiben kann, lässt sich auch das Gehirn trainieren und mit den benötigten Nährstoffen versorgen.

  • Gehirntraining: Regelmäßiges Training des Gehirns, beispielsweise durch das Erlernen neuer Fähigkeiten oder das Lösen von Denksportaufgaben, kann die Leistungsfähigkeit verbessern.
  • Ernährung: Einige Nährstoffe spielen eine wichtige Rolle für den Erhalt einer normalen Hirnfunktion. Dazu zählen Spurenelemente wie Zink und Magnesium oder Antioxidantien wie die B-Vitamine. Lebensmittel, die sich besonders günstig auf die Hirnfunktion auswirken sollen, werden häufig als Brain Food bezeichnet.
  • Schlaf: Ausreichend Schlaf ist essentiell für die Regeneration des Gehirns und die Festigung von Gelerntem.
  • Pausen: Regelmäßige Pausen während der Arbeit oder des Lernens helfen, die Konzentration aufrechtzuerhalten und das Gehirn vor Überlastung zu schützen.
  • Vermeidung von Stress: Chronischer Stress kann die Gehirnfunktion beeinträchtigen. Entspannungstechniken wie Meditation oder Yoga können helfen, Stress abzubauen.

Mythen rund um das Gehirn

Neben dem Zehn-Prozent-Mythos gibt es noch weitere weitverbreitete Irrtümer über das Gehirn:

  • Linke und rechte Gehirnhälfte: Die Vorstellung, dass die linke Gehirnhälfte für logisches Denken und die rechte Hälfte für Kreativität zuständig ist, ist ebenfalls ein Mythos. Beide Gehirnhälften arbeiten eng zusammen und sind für unterschiedliche Funktionen verantwortlich.
  • Geschlechtsspezifische Unterschiede: Die Behauptung, dass sich das Gehirn von Männern und Frauen grundlegend unterscheidet, ist ebenfalls nicht haltbar. Es gibt zwar einige Unterschiede in der Größe und Struktur, aber diese haben keinen Einfluss auf die kognitiven Fähigkeiten.
  • Zucker als Gehirnnahrung: Der Mythos, dass Traubenzucker die Konzentration steigert, ist ebenfalls falsch. Zucker liefert zwar kurzfristig Energie, führt aber auch zu einem schnellen Abfall des Blutzuckerspiegels, was die Konzentration 오히려 beeinträchtigen kann.
  • Mozart-Effekt: Die Annahme, dass das Hören von Mozart-Musik die Intelligenz steigert, ist ebenfalls nicht wissenschaftlich belegt.

Lesen Sie auch: Geheimnisse des Einstein-Gehirns enthüllt

Lesen Sie auch: Einsteins Gehirn im Museum

tags: #einstein #1 #prozent #gehirn