Einführung
Die Forschung im Bereich der sexuellen Stimulation durch Rückenmarkstimulation hat in den letzten Jahren für Aufsehen gesorgt. Insbesondere die Entwicklung des sogenannten "Orgasmatron" durch den amerikanischen Chirurgen Stuart Meloy hat sowohl Hoffnungen als auch Skepsis hervorgerufen. Dieser Artikel beleuchtet die Hintergründe dieser Forschung, die Funktionsweise des Geräts, die ethischen Bedenken und die Perspektiven für die Zukunft.
Die zufällige Entdeckung
Der Ursprung der "Orgasmatron"-Forschung liegt in einer zufälligen Entdeckung. Der amerikanische Chirurg Stuart Meloy von der Klinik in Winston-Salem wollte mit einer Elektrode an der Wirbelsäule einer lokal betäubten Patientin die Ursache ihrer Rückenschmerzen herausfinden. Dabei rutschte er jedoch von der richtigen Position ab und stimulierte so einen anderen Punkt. Mit dem Ergebnis hatte niemand gerechnet: Die Frau erlebte einen heftigen Orgasmus. Diese unerwartete Erfahrung weckte Meloys Interesse an der Möglichkeit, sexuelle Funktionen durch elektrische Stimulation des Rückenmarks zu beeinflussen.
Funktionsweise des "Orgasmatron"
Das von Meloy entwickelte Gerät besteht aus Elektroden, die ins Rückenmark eingefügt werden. Diese Elektroden werden von einem Signalgeber im Gesäß aktiviert, der so groß wie eine Zigarette ist und über Funk gesteuert wird. Durch die Stimulation des Rückenmarks sollen die Elektroden einen Orgasmus auslösen. Meloy betonte, dass das Gerät nur für schwere Fälle von Frauen gedacht sei, die aus psychischen Gründen keinen Orgasmus haben können. Um Missbrauch vorzubeugen, sind die Geräte nach jeder Benutzung für eine Weile gesperrt.
Klinische Studien und Ergebnisse
Nach seiner zufälligen Entdeckung begann Meloy in Zusammenarbeit mit der Firma Medtronic klinische Studien, um seine Entdeckung kommerziell auszuwerten. In einer ersten Testreihe wurden Frauen Drähte durch die Haut ins Rückenmark geleitet. Eine der ersten Versuchsteilnehmerinnen hatte nach Angaben des Chirurgen seit vier Jahren keinen Orgasmus gehabt. Sie trug den Apparat neun Tage lang, hatte während dieser Zeit sieben Mal Geschlechtsverkehr mit ihrem Mann und kam dem Chirurgen zufolge jedes Mal zum Höhepunkt.
Kritische Stimmen und ethische Bedenken
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es auch kritische Stimmen und ethische Bedenken hinsichtlich des "Orgasmatron". Sexualforscher stehen der Meloy-Methode eher kritisch gegenüber. Gemäß der Wissenschaftlerin Marcia Sipski von der Universität Miami ist das Gehirn als Sinnesorgan für das Erleben eines sexuellen Höhepunkts gar nicht erforderlich. Da der Orgasmus in erster Linie ein Reflex-Phänomen sei, könnten sogar Frauen mit schweren Rückmarksverletzungen Höhepunkte bekommen. Die britische Sexualtherapeutin Paula Hall führt Probleme mit Frigidität auf psychologische Ursachen wie mangelndes Selbstbewusstsein in einer Partnerschaft und stereotyp-langweilige Praktiken beim Liebesspiel zurück. Eine Operation am Rückenmark sei für frustrierte Damen daher allenfalls als letztes Mittel in Betracht zu ziehen.
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Ein weiteres Problem ist die geringe Anzahl an Freiwilligen für die klinischen Studien. Meloy hatte gehofft, dass sich viele Frauen für die Teilnahme an den Versuchen melden würden, doch bislang haben sich nur wenige Frauen freiwillig zur Verfügung gestellt. Dies könnte darauf hindeuten, dass viele Frauen Bedenken hinsichtlich der Risiken und Nebenwirkungen des Geräts haben.
Die Rolle der Pharmaindustrie
Auch die Pharmaindustrie scheint skeptisch gegenüber dem "Orgasmatron" zu sein. Das US-Unternehmen Medtronic, das vor einigen Jahren noch als potenzieller Hersteller des Geräts gehandelt wurde, hat inzwischen das Interesse verloren. Offenbar konnte Meloy keinen Ersatz finden und will nun den Alleingang wagen.
Zukunftsperspektiven
Obwohl die Entwicklung des "Orgasmatron" noch in den Kinderschuhen steckt, gibt es Potenzial für zukünftige Anwendungen. Meloy plant, das Gerät auch für Männer zu entwickeln, um ihnen den Orgasmus per Knopfdruck zu ermöglichen. Darüber hinaus könnte die Rückenmarkstimulation auch zur Behandlung anderer sexueller Funktionsstörungen eingesetzt werden.
Es ist jedoch wichtig, die ethischen Bedenken und potenziellen Risiken dieser Technologie sorgfältig abzuwägen. Eine umfassende Forschung und transparente Diskussion sind notwendig, um sicherzustellen, dass diese Technologie verantwortungsvoll eingesetzt wird und den Patienten tatsächlich zugutekommt.
Die gesellschaftliche Perspektive: Sex zwischen Kommerz und Technik
Die Entwicklung des "Orgasmatron" wirft auch Fragen nach der Rolle von Sex in der modernen Gesellschaft auf. In einer Welt, in der uns unaufhörlich suggeriert wird, dass wir von einer Welt geradezu märchenhaft erotischer Möglichkeiten umgeben seien, kann es leicht passieren, dass wir den Bezug zur Realität verlieren. Die allgegenwärtige Werbung verspricht uns, dass wir mit den richtigen Produkten und Dienstleistungen mühelos sexuelle Erfüllung finden können.
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Doch die Realität sieht oft anders aus. Stress, Zeitmangel und Beziehungsprobleme können dazu führen, dass Sex zur Nebensache wird. In solchen Situationen kann die Verlockung groß sein, auf technische Hilfsmittel zurückzugreifen, um das sexuelle Verlangen wiederzuerwecken.
Es ist jedoch wichtig, sich bewusst zu machen, dass Sex mehr ist als nur ein mechanischer Akt. Es geht um Intimität, Nähe und emotionale Verbundenheit. Technische Hilfsmittel können zwar kurzfristig für Stimulation sorgen, aber sie können die eigentlichen Ursachen für sexuelle Probleme nicht beheben.
Alternativen zum "Orgasmatron"
Für Frauen, die Schwierigkeiten haben, beim Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen, gibt es eine Vielzahl von alternativen Behandlungsmöglichkeiten. Dazu gehören:
- Sexualtherapie: Eine Sexualtherapie kann helfen, psychologische Ursachen für sexuelle Probleme zu erkennen und zu behandeln.
- Paartherapie: Eine Paartherapie kann helfen, Beziehungsprobleme zu lösen, die sich negativ auf das sexuelle Verlangen auswirken.
- Medikamente: In einigen Fällen können Medikamente helfen, sexuelle Funktionsstörungen zu behandeln.
- Vibratoren: Vibratoren können eine wirksame Möglichkeit sein, sexuelle Stimulation zu erhöhen.
Es ist wichtig, mit einem Arzt oder Therapeuten zu sprechen, um die beste Behandlungsoption für die individuellen Bedürfnisse zu finden.
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