Emotionen als Klavierspiel des Gehirns: Eine Definition

Die faszinierende Welt der Emotionen ist eng mit der Funktionsweise unseres Gehirns verbunden. Betrachtet man Emotionen als ein "Klavierspiel des Gehirns", eröffnet sich ein vielschichtiges Verständnis, das sowohl neurologische als auch psychologische Aspekte berücksichtigt. Dieser Artikel beleuchtet, wie Musik, insbesondere das Klavierspiel, Emotionen beeinflusst, kognitive Fähigkeiten fördert und sogar therapeutisch eingesetzt werden kann.

Das Gehirn als Orchester: Musik und Emotionen

Musik hat eine tiefgreifende Wirkung auf den Menschen. Sie kann entspannen, Erinnerungen wecken und Glücksgefühle auslösen. Diese besondere Wirkung wird auch therapeutisch genutzt. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2022 im Fachjournal »Nature Reviews Neuroscience« zeigt, dass sich Musik grundlegend von anderen Höreindrücken unterscheidet. Anders als bei der Wahrnehmung von Geräuschen oder Klängen, die keine Musik ergeben, sind an der Verarbeitung von Musik neben dem auditorischen System auch zentrale Netzwerke beteiligt, die mit Aktion, Emotion und Lernen zu tun haben.

Die Gruppe um Professor Dr. Vuust führt diese Besonderheiten darauf zurück, dass sich das Gehirn bei der Verarbeitung von Musik der sogenannten prädiktiven Kodierung bedient. Dieses Konzept besagt, dass das Gehirn auf Umweltreize nicht bloß reagiert, sondern anhand der empfangenen Reize und auf der Grundlage von gemachten Erfahrungen auch aktiv Vorhersagen für die unmittelbare Zukunft trifft. Es entstehen somit fortlaufend Erwartungen dazu, was man als Nächstes sehen, hören, schmecken und riechen wird - die jedoch nicht immer erfüllt werden, da sich die Umwelt ständig verändert. Melodie, Harmonie und Rhythmus: Die drei Grundkomponenten von Musik lernen Kinder schon früh kennen. Musik, die unseren Hörgewohnheiten entspricht, zeichnet sich dadurch aus, dass sie uns in ihren drei Grundkomponenten Melodie, Harmonie und Rhythmus vertraut ist. Das Gehirn könne daher auch bei unbekannten Musikstücken ausgehend von bereits gemachten Hörerfahrungen mittels prädiktiver Kodierung eine Erwartung dazu formen, wie das Musikstück weitergeht, argumentieren Vuust und Kollegen. Entspreche das Gehörte nicht dem Antizipierten, werde unter Umständen eine Aktion getriggert. Das erkläre etwa das Bedürfnis vieler Menschen, den Takt durch Fußwippen oder Kopfnicken zu verstärken, wenn ein Rhythmus synkopiert ist, die betonte Taktzeit also ausgelassen wird und der Beat stattdessen leicht versetzt erfolgt.

Musik verändert den Herzschlag, den Blutdruck, die Atemfrequenz und die Muskelspannung des Menschen. Und sie beeinflusst den Hormonhaushalt. Je nach Musikart werden verschiedene Hormone abgegeben: Adrenalin bei schneller und aggressiver Musik, Noradrenalin bei sanften und ruhigen Klängen. Musik kann dadurch sogar Schmerzen dämpfen. Folgerichtig wird sie deshalb auch in der Medizin therapeutisch eingesetzt. Auch in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten und in der Geriatrie kann sie ein wertvolles Hilfsmittel sein.

Gänsehaut: Ein Zeichen tiefer emotionaler Resonanz

Ob beim Konzert oder auf Kopfhörern: Wenn einem beim Musikhören ein Schauer durch den Körper läuft, ist das ein schönes Gefühl. Wieso reagiert der Körper aber auf Musik mit Gänsehaut? Gänsehaut entsteht eigentlich, wenn zwei gegensätzliche Gefühle aufeinander treffen: Wärme und Kälte, süß und sauer, schön und schrecklich. Dann gibt es diese wohligen Schauer, die jedoch nur kurz anhalten. Forscher*innen der Queen Mary University of London unter der Leitung von Rémi de Fleurian haben anhand 988 Songs untersucht, wann und wie Musik Gänsehaut auslöst. Das Ergebnis: besonders die traurigen und langsamen Songs mit viel Instrumentalmusik lösen öfter Gänsehaut aus.

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Wie wird aber Gänsehaut durch Musik genau ausgelöst? Egal ob sie nur kurz oder mehrere Minuten andauert, die Erklärung aus der Musikpsychologie ist dieselbe: Es sind besonders bewegende Stellen in Liedern, auf die der Körper mit Gänsehaut reagiert. In der Forschung heißen diese Reaktionen „Chills“. Diese „Chills“ basieren auf der Aktivierung des limbischen Systems im Gehirn und auf der Ausschüttung von Endorphinen. Diese kurzzeitigen, musikinduzierten und stark emotionalen Regungen treten unabhängig von Alter, Geschlecht und musikalischer Vorbildung auf. Wie sie auftreten, ist vielmehr abhängig von Erfahrungen und Erinnerungen des Hörenden.

Eigentlich ist das Phänomen Gänsehaut ein evolutionäres Überbleibsel: Wenn es kalt ist, reagiert der Körper mit einem Schutzreflex gegen Unterkühlung, den wir als Gänsehaut - wissenschaftlich auch „Piloerektion“ - kennen. Interessanterweise macht der Körper keinen Unterschied zwischen der Gänsehaut, die durch Kälte oder durch emotionale Reize wie Musik ausgelöst wird. In beiden Fällen feuert das vegetative Nervensystem und sorgt für dieselbe Reaktion.

Alissa Der Sarkissian vom Brain-and-Creativity-Institute der Universität von Südkalifornien forschte gemeinsam mit Matthew Sachs zu den musikalischen Auslösern von Gänsehaut. Sie untersuchten, wie sich die Gehirnaktivität von Menschen, die bei bestimmten Melodien eine Gänsehaut bekommen, von jenen unterscheidet, die diese nicht verspüren. Die Ergebnisse der Studie, die sie im Journal „Social Cognitive and Affective Neuroscience“ veröffentlichten, zeigen, dass Menschen mit Hang zur Gänsehaut wesentlich mehr Verbindungen zwischen dem auditorischen Cortex und jenen Hirnregionen haben, die für das Verarbeiten von Gefühlen zuständig sind. Diese Verbindungen sorgen dafür, dass die verschiedenen Bereiche des Gehirns besser miteinander kommunizieren. Gänsehaut (fast) garantiert: Chormusik löst bei vielen Gänsehaut aus.

Ein „Chill“ entsteht aber auch durch Erwartbarkeit und Aufmerksamkeit des Hörenden. „Ich glaube nicht, dass man Gänsehaut auf eine wirklich gute Weise komponieren kann. Man kann jedoch musikalischen Parameter folgen. Besonders wenn abrupte oder unerwartete Änderungen erklingen, wird Gänsehaut ausgelöst, beispielsweise, wenn es eine harmonische Modulation in eine neue Tonart gibt, neue Stimmen einsetzen, sich die Dynamik des Stücks verändert oder es erwartbare Höhepunkt wie einen Refrain gibt.

Klavierspiel als Therapie und Gehirntraining

Das Klavierspiel ist nicht nur ein künstlerischer Ausdruck, sondern auch ein effektives Mittel zur Förderung der psychischen und physischen Gesundheit. Es bietet eine einzigartige Kombination aus kognitiver Stimulation, emotionalem Ausdruck und motorischer Koordination.

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Die neun Superkräfte des Klavierspielens

Die großen und kleinen Klavierspielerinnen und Klavierspieler berichten oft, wie glücklich das wunderbare Hobby Klavierspielen macht. Aber warum zaubert uns das Klavierspielen ein Lächeln ins Gesicht, gibt uns Power für den Tag und stärkt unsere Resilienz? Dazu gibt es aktuelle Studienergebnisse und jahrzehntelange Erfahrung als Music Coach für Erwachsene und Kinder.

  1. Stressabbau: Klavierspielen kann dabei helfen, Stress abzubauen. Eine Studie aus dem Jahr 2013, veröffentlicht in "Psychology of Music", fand heraus, dass das Klavierspiel die Stresshormone Cortisol und Adrenalin reduzieren kann. Dies trägt dazu bei, dass sich Menschen entspannter und glücklicher fühlen.
  2. Steigerung der Stimmung: Das Musizieren am Klavier kann die Stimmung verbessern und positive Emotionen fördern. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2019, veröffentlicht in "Frontiers in Psychology", deutet darauf hin, dass Klavierspielen dazu beitragen kann, die Stimmung zu heben und depressive Symptome zu reduzieren.
  3. Gehirnstimulation: Das Lernen und Spielen von Musikinstrumenten, einschließlich des Klaviers, kann die Gehirnaktivität stimulieren. Eine Studie aus dem Jahr 2017, veröffentlicht in "Brain and Cognition", zeigt, dass regelmäßiges Klavierspielen mit einer verbesserten kognitiven Funktion und einer erhöhten Gehirnplastizität verbunden sein kann.
  4. Flow-Erlebnis: Das Eintauchen in das Klavierspiel kann zu einem Zustand des "Flow" führen, bei dem man vollständig in eine Tätigkeit vertieft ist und ein Gefühl von Kontrolle und Zufriedenheit erlebt. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2020, veröffentlicht in "Psychology of Music", deutet darauf hin, dass das Klavierspiel oft zu solchen Flow-Erlebnissen führt, die das Glücksempfinden steigern können.
  5. Soziale Interaktion: Das Musizieren am Klavier kann auch soziale Interaktionen fördern und das Gemeinschaftsgefühl stärken. Eine Studie aus dem Jahr 2015, veröffentlicht in "Psychology of Music", legt nahe, dass gemeinsames Musizieren positive Auswirkungen auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und das Wohlbefinden haben kann.
  6. Konzentration: Studien der Neurowissenschaften zeigen, dass regelmäßiges Klavierspiel die neurologische Vernetzung fördert, was zu einer verbesserten Gedächtnisleistung, gesteigerter kognitiver Leistungsfähigkeit und einem besseren emotionalen Ausdruck führen kann.
  7. Arzneimittel gegen Arthrose: Außerdem trägt das Klavierspiel dazu bei, die motorischen Fähigkeiten beider Hände zu verbessern und die Hand-Auge-Koordination zu schärfen. Sogar bei altersbedingten Erkrankungen wie Arthrose kann das regelmäßige Üben am Klavier helfen, die Flexibilität der Hände zu erhalten und Schmerzen zu lindern, da die Finger gut durchblutet werden.
  8. Motivation: Klavierspielen mit beiden Händen, Noten erfassen, Violin- und Bassschlüssel lesen, Stücke immer wieder trainieren, Lieder interpretieren: Das ist motivierend und - so ehrlich muss man sein - manchmal auch herausfordernd! Wenn man es dann "geschafft" hat, Lieblingsstücke zu spielen, ist das natürlich wunderbar motivierend. Die Anstrengung wird belohnt und sorgt - siehe oben - für die Ausschüttung von Glückshormonen!
  9. Resilienz: In unseren herausfordernden Zeiten fördert aktives Musikmachen wie Klavierspielen die Resilienz - also die Schlüsselkompetenz und Fähigkeit, mentale Stärke und Flexibilität zu entwickeln. Die Herausforderungen des Lernens und Meisterns neuer Stücke stärken die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen. Durch die kontinuierliche Verbesserung und den Umgang mit Fehlern lernt man, aus Misserfolgen zu wachsen. Die emotionale Ausdruckskraft der Musik bietet eine gesunde Bewältigungsstrategie für stressige Zeiten. Die Fähigkeit, sich durch das Klavierspiel auszudrücken, fördert Selbstvertrauen, Selbstwirksamkeit und innere Stärke. Insgesamt trägt das Klavierspielen dazu bei, eine widerstandsfähige und belastbare Mentalität zu entwickeln.

Musikalische Fähigkeiten und Intelligenz

Die Frage, ob musizierende Menschen intelligenter sind oder ob intelligente Menschen eher musizieren, ist komplex. Die Antwort liegt wahrscheinlich dazwischen. Eine musikalische Erziehung ist für die Allgemeinbildung förderlich und steigert die geistige Beweglichkeit sowie die Fähigkeit, sich rasch von einem Gedanken auf den nächsten einzustellen. Sie wirkt sich auch positiv auf das Sprachvermögen von Kindern aus. Instrumentenklänge und menschliche Sprache sind sich sehr ähnlich, weshalb unser Gehirn auf Sprache und auf Tonfolgen mit fast identischen Aktivitätsmustern reagiert.

Aktives Musizieren kann die Intelligenz fördern und die schulischen Leistungen von Kindern verbessern. Eine Studie von Martin Guhn und seinem Team von der University of British Columbia in Vancouver hat gezeigt, dass Schüler, die Schulmusik in einer Band, einem Orchester oder einem Chor machen, bessere schulische Leistungen erbringen als Kinder, die keine Musik machen. Je häufiger und intensiver die Jugendlichen musizierten, umso besser waren ihre Schulnoten. Der positive Effekt zeigte sich insbesondere bei Schülern, die ein Instrument spielten.

Klavierspiel im Alter: Demenz vorbeugen und Erinnerungen wecken

Musik kann dazu beitragen, dass sich erst gar keine Demenz entwickelt. Das zeigt eine aktuelle Studie aus dem International Journal of Geriatric Psychiatry, für die ein Team um die Demenzforscherin Anne Corbett von der University of Exeter die Gehirnleistungen von mehr als 1100 älteren Briten vermessen und sie nach ihrem Zugang zu Musik befragt hat. Wer in seinem Leben ein Instrument gespielt hatte, hatte demnach ein besseres Gedächtnis und konnte komplexe Aufgaben besser lösen als Menschen ohne musikalische Erfahrung. Dabei wirkten Instrumente wie Akkordeon und Klavier, auf denen man zwei Stimmen gleichzeitig spielt, stärker als Blas- oder Streichinstrumente. Singen schnitt weniger gut ab. Einfach nur Musik zu hören, half hingegen nicht.

Die Studie steht im Einklang mit zahlreichen weiteren Arbeiten. "Es erhärten sich die Befunde, dass Musikmachen ein tolles Gehirntraining ist. Und Gehirntraining ist superwichtig, um Demenz vorzubeugen oder hinauszuzögern", sagt der Psychologe Stefan Kölsch, der an der Universität Bergen zu diesem Thema forscht. Beim Musikmachen komme vieles zusammen: Man trainiere Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und habe dabei soziale Begegnungen, so Kölsch, "und das alles auf einmal".

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Auch im fortgeschrittenen Alter kann Musik eine Brücke in die Vergangenheit bauen. Wenn das Gehirn schon fast alles vergessen hat, dann ist da immer noch die Musik. Dann greift der demente 85-Jährige zum Akkordeon und spielt virtuos die alten Stücke. Und die Seniorin mit Alzheimer singt mehrstrophige Lieder. "Die Musik bleibt oft bis zuletzt", sagt der Gerontopsychiater Oliver Peters. Die alten Lieder sind hochüberlernt, sie wurden immer wieder gespielt oder gesungen. Zudem spricht Musik die Emotionen an, und die sind oft noch erreichbar.

Die neurologischen Grundlagen der Musikverarbeitung

Bildgebende Verfahren können zeigen, was im Gehirn beim Musikhören passiert. Die Bilder lassen erahnen, wie viele Hirnareale beim Musizieren beteiligt sind. Und es gibt Auffälligkeiten im Hirn von Klassik- oder Jazzpianisten. Beim Musizieren oder Musik hören werden Endorphine ausgeschüttet. Das sind körpereigene Glückshormone, die auch beim Essen und Sport, bei Sex und durch Drogen produziert werden.

Zu sehen, was beim Musikhören passiert, sozusagen der Blick ins Hirn, wurde erst möglich durch bildgebende Verfahren wie die funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT). Hört ein Mensch Musik, werden die Strukturen zuerst im Hirnstamm verarbeitet. Auf dieser Ebene ist die Musik noch nicht ins Bewusstsein gedrungen. Das geschieht erst, wenn die Reize das Hörzentrum, den sogenannten Hörkortex, erreichen. Welche Musik wir hören, verrät das Muster unserer Hirnaktivität.

Mithilfe der Schnittbilder des menschlichen Gehirns zeigte sich, dass in Musikerhirnen die Verbindung zwischen rechter und linker Gehirnhälfte, das sogenannte Corpus callosum, deutlich kräftiger ausgebildet ist. Bei Musikern sind die Bereiche besonders stark ausgebildet, die die Aktivitäten der Hände mit denen des Hörens und Analysierens verknüpfen. Und das wiederum zeigt, dass die Aktivitäten beim Musizieren, aber auch die beim Musikhören, das Gehirn bleibend verändern. Man nimmt deshalb auch an, dass Musik den Abbau von Nervenzellen im Gehirn alter Menschen verhindern kann. Einige der im Alter betroffenen Gehirnareale sind bei Musikern stärker ausgebildet. Auf jeden Fall aber hat Musik einen Trainingseffekt für das Gedächtnis. Alle am Hören und am Lautebilden beteiligten Hirnpartien werden durch Musik trainiert und stimuliert.

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