Sportler trotzen Parkinson: Tischtennis als Therapie und Wettkampf

Parkinson ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung, die Bewegungsabläufe beeinträchtigt und oft mit Zittern, Steifheit und verlangsamten Bewegungen einhergeht. Doch immer mehr Betroffene entdecken den Tischtennissport als eine Möglichkeit, ihre Symptome zu lindern, aktiv zu bleiben und sich mit anderen auszutauschen. Tischtennis verbessert die Hand-Auge-Koordination und erfordert viele seitwärts-Bewegungen.

Tischtennis als ideales Training für Parkinson-Patienten

Jens Gunter Greve, Organisator der zweiten Parkinson-Tischtennis-Weltmeisterschaft in Berlin und selbst an Parkinson erkrankt, ist überzeugt: "Wir erleben bei allen Betroffenen, die Tischtennis spielen, eine sichtbar verbesserte Symptomatik." Er hatte bei einem Freund beobachtet, dass dessen Tremor beim Tischtennisspielen aufgehört hatte. Greve sieht Tischtennis für Parkinson-Patienten nicht nur als Wettkampf-Event. Es solle Patienten aktiv machen, sie an Forschung beteiligen.

Die schnellen Bewegungen, die Koordination, dem Ball folgen und die Seitwärtsschritte sind sehr wichtig. Während des Spiels haben viele Patienten so gut wie keinen Tremor.

Klassifizierungssystem für faire Wettkämpfe

Um allen Teilnehmern möglichst viel Spaß zu ermöglichen, führten die Organisatoren ein Klassifizierungssystem ein. Dabei werden sowohl die Symptome der Spielerinnen und Spieler, als auch die sportlichen Möglichkeiten einberechnet. So sollen allen spannende Spiele ermöglicht werden. "Das Besondere an der Pingpong-Parkinson-Weltmeisterschaft ist, dass sie sowohl Spitzensportler adressiert als auch Freizeitsportler."

PingPongParkinson: Eine Bewegung entsteht

Thorsten Boomhuis, erster Vorsitzender von PingPongParkinson Deutschland, scherzt: „Noch vor der Diagnose Parkinson hatte ich die Diagnose Tischtennis“. Er selbst machte die Erfahrung, dass praktizierter Tischtennissport die Symptome von Parkinson ausbremsen kann und holte in 2019 die Initiative „PingPongParkinson“ (PPP) aus den USA nach Deutschland.

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Als Thorsten Boomhuis in 2013 die Diagnose Parkinson erhielt, war das für den damals schon tischtennisbegeisterten Sportler ein Schock. „Über mehrere Jahre habe ich die Krankheit mit Medikamenten eingedämmt, mich aber sonst nicht weiter gekümmert“, so der heute 50-Jährige. Dies änderte sich, als Boomhuis in 2019 an der ersten Tischtennis-Weltmeisterschaft für Parkinson-Erkrankte in New York teilnimmt und gewinnt. Er holt die Goldmedaille im Doppel und die Silbermedaille im Einzel. Außerdem tauscht er sich zum ersten Mal mit anderen Parkinson-Erkrankten aus und erkennt den positiven Effekt von Tischtennis auf die Linderung der Parkinson-Symptome. „In New York hat sich mein Leben verändert“, sagt Thorsten Boomhuis, der die Idee von Tischtennis gegen Parkinson daraufhin nach Deutschland holt, erste Stützpunkte etabliert und in 2020 den PingPongParkinson Deutschland e.V. gründet. Heute umfasst der Verein mit Sitz in Nordhorn mehr als 1.900 Mitglieder und kooperiert bundesweit mit 220 Sportvereinen.

German Open in Nordhorn

Erst im Mai richtete PPP die German Open in Nordhorn aus, mit 280 Teilnehmenden aus 16 Nationen. Landrat Uwe Fietzek würdigte Boomhuis als „Botschafter der Grafschaft“ für sein Engagement.

Boomhuis berichtet: „Immer wieder berichten Betroffene, wie sehr ihnen der Tischtennissport hilft. Das kann ich bestätigen: Als ich in Zeiten der Corona-Pandemie mehrere Wochen nicht spielen konnte, ging es mir schlichtweg dreckig.“ Aus diesem Grund möchte er die Sportart für weitere Betroffene von Parkinson bekannt machen, Tischtennis als Rehasport etablieren und wünscht sich Unterstützung durch Krankenkassen und die Wissenschaft. So steht er bereits in Kontakt mit Forschungseinrichtungen, um den gesundheitsfördernden Effekt von Tischtennis bei Parkinson wissenschaftlich zu belegen - allein die notwendigen Mittel fehlen bislang.

Parkinson-Netzwerk Grafschaft Bentheim

Über die Jahre wuchs auch das Bedürfnis nach Austausch und Angeboten zur Selbsthilfe. Hierfür sorgt inzwischen der Parkinson-Verbund. Er unterstützt die Gründung von Selbsthilfegruppen, leistet Aufklärungsarbeit zur Parkinson-Symptomatik und fängt Betroffene nach Erhalt ihrer Diagnose mit Informationen zu Hilfsangeboten auf. „Statistisch gesehen müsste es in der Grafschaft rund 650 Parkinson-Erkrankte geben, doch das Hilfsangebot ist ausbaufähig. Betroffene sollten ihre Krankheit verstehen, um zu ihren eigenen Gesundheitsmanagern zu werden“, ist der Sportler überzeugt. Auch deswegen hat er das Parkinson-Netzwerk Grafschaft Bentheim ins Leben gerufen, das Betroffene mit Ärzten, Apotheken, Therapeuten, Selbsthilfegruppen und anderen Einrichtungen zusammenbringt.

Boomhuis berichtet im Austausch mit Teilnehmenden: „Manche reisen wegen des Turniers an und sind plötzlich beeindruckt von der Schönheit unserer Region. Sie kommen dann ein zweites Mal in die Grafschaft - zum Tischtennis spielen und für einen Kurzurlaub.“

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Erfolgsgeschichten und persönliche Erfahrungen

Manuela Kania und Dietmer Einerhand vom Stützpunkt Thannhausen lernten sich über eine Parkinson-Selbsthilfegruppe kennen. Kania leitet inzwischen den Stützpunkt Thannhausen, an dem momentan sechs Parkinson-Sportler trainieren. Davon einer im Rollstuhl, der nach einer Trainingseinheit vorübergehend besser reden und laufen kann. Bei den ersten German Open 2021, ebenfalls in Nordhorn, nahmen beide teil, „obwohl ich bis dato noch gar nicht Tischtennis gespielt hatte (Kania).“ Anders als ihr Mann, der in der Jugend schon im Verein aktiv war. 2022 holten beide Bronze im Mixed und Platz drei für Kania im Einzel. Trotzdem steht der Spaß an der Bewegung im Vordergrund. „Klar, man freut sich, wenn man ein Spiel gewinnt. Aber eine Niederlage ist kein Weltuntergang. Ich freue mich, dass ich meine Doppelpartnerin Daniela Beurer aus der Schweiz wieder sehe.“ Unter Gleichgesinnten fühlt sich Kania pudelwohl. „Keiner muss sich schämen für seine Krankheit.“ Jene Krankheit, die bei Kania offiziell 2014 bestätigt wurde, obwohl die Symptome schon seit 2009 bekannt waren. Bei ihr sind es Steifigkeit und Überbewegung („Zappelphilipp“), bei ihrem Mann das Zittern (Tremor) und die Steifigkeit. Beide haben sich einen Schrittmacher (THS = Tiefe Hirnsimulation) einsetzen lassen. „Dadurch ist die Krankheit besser geworden. Man reagiert schneller, ist belastbarer und beweglicher.“ Tischtennis sei für sie Balsam für die Seele. „Da ich Dopamin einnehme, hält das positive Gefühl länger an."

Norbert Hase: Vom Vizeweltmeister zum Vorbild

„Wir haben uns damals mit sieben Personen zusammengetan und den Verein gegründet. Inzwischen gibt es in Deutschland 120 Vereine für Parkinson Tischtennis. Die schießen wie Pilze aus dem Boden“, sagt Hase nicht ohne Stolz. Der 55-jährige Tischtennisspieler ist selbst an Parkinson erkrankt und erlebt am eigenen Leib, wie positiv sich der Sport auf seine Gesundheit auswirkt. „Ich kann mich viel besser bewegen, nachdem ich Tischtennis gespielt habe“, sagt er. So wie ihm geht es vielen anderen Menschen, so dass die Vereine, die Parkinson Tischtennis anbieten, stetigen Zulauf an neuen Mitgliedern haben.

Norbert Hase ist ein weiteres Beispiel für den positiven Einfluss des Tischtennissports auf Parkinson-Patienten. 2017 wurde PingPongParkinson in den USA gegründet. Die rasante Entwicklung des Sports führte schließlich dazu, dass es 2019 die erste Weltmeisterschaft gab. Bei seiner ersten WM Ende 2021 ist Norbert überraschend Vize-Weltmeister im Einzel und Weltmeister im Mixed geworden. Der Auftakt zu einer Erfolgsserie. 2022 folgten ein zweiter und ein dritter Platz bei den German Open, drei Titel bei den Portugal Open im Einzel, Doppel und Mixed. Im Oktober 2022 wurde er erneut Vize-Weltmeister. Zugegeben, Parkinson Tischtennis ist eine sehr junge Disziplin. „Aber der Bedarf ist da und das Niveau steigt“, sagt Hase.

Hase spielt bereits sein ganzes Leben Tischtennis, davon 43 Jahre in einem Verein. Das erste Mal hatte er im Alter von zwei Jahren einen Schläger in der Hand, als er kaum über die Tischkante schauen konnte. „Aber meine Schwester hat damals schon gespielt, und ich wollte immer unbedingt mit ihr spielen“, erinnert er sich. Auch der ältere Bruder war viele Jahre im Verein aktiv, und zu Hause stand ein Tischtennistisch, solange Norbert Hase denken kann. „Tischtennis gehört einfach schon immer zu meinem Leben dazu.“ Im Alter von zwölf Jahren trat er in Wiesmoor in den Verein ein und wurde in der Jugendmannschaft aktiv. „Meine besten Jahre hatte ich in den 1990ern. Da habe ich viele Turniere erfolgreich auf Bezirksebene gespielt.“ Inzwischen spielt er seit zwei Jahren in der Weltelite im Parkinson Tischtennis mit, bezeichnet sich selbst als Kämpfernatur und als „Wand, die alles zurückbringt“.

Abgesehen von den zahlreichen sportlichen Erfolgen profitiert der 55-Jährige vor allem körperlich vom Tischtennisspielen. Tatsächlich hat eine japanische Studie im Jahr 2020 ergeben, dass Tischtennisspielen die körperlichen Werte nachweislich verbessert. Es wird das Gleichgewicht trainiert, die Reaktionsfähigkeit gesteigert und die Auge-Hand-Koordination verbessert. „Es ist wie ein kleines Wunder und wird in manchen Kliniken schon als Therapiemethode angewendet“, freut sich der Spieler.

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So ist es nicht verwunderlich, dass Norbert Hase voll und ganz im Tischtennis aufgeht. Neben seinem eigenen Training hat er lange Zeit in seiner Funktion als C-Trainer Gruppen trainiert und setzt sich für Parkinson-Betroffene in Deutschland ein. Seit 2018 ist er aufgrund der Erkrankung, die nicht nur körperliche Einschränkungen, sondern auch Konzentrationsschwierigkeiten mit sich bringt, Rentner. Das gibt ihm die Zeit, um sich mit Leidenschaft seiner neuen Aufgabe zu widmen. Und diese erfüllt ihn in jeder Hinsicht. 50 bis 60 Turniere spielt er im Jahr, unter anderem für den Vareler TB in der Bezirksklasse, dem Blau-Weiß Borsum in der Landesliga und eben für PPP. Er motiviert immer wieder Parkinson-Erkrankte, ebenfalls Tischtennis zu spielen, gibt ihnen dadurch neuen Lebensmut und ist ihnen ein wichtiges Vorbild. „Meine Ärztin hat mir erzählt, dass Menschen zu ihr kommen, die Zeitungsberichte über mich gelesen haben und nun auch so sein wollen, wie ich.“ Das sind oft Menschen, die sich aufgrund ihrer Krankheit jahrelang isolierten und nun den Mut haben, wieder aktiv zu werden.

Was trotz der rasanten Entwicklung der Sportart und dem großen Engagement aller Beteiligten noch fehlt, kann Norbert genau benennen: „Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann eine eigene Startklasse bei den Paralympics bekommen und dort starten dürfen.“ Dass er auch endlich einmal Weltmeister werden möchte, schiebt Norbert Hase noch hinterher.

Wissenschaftliche Erkenntnisse und Forschung

Wissenschaftliche Studien zu den Effekten des Tischtennis auf Menschen mit Parkinson und ähnlichen Erkrankungen gebe es zwar noch nicht, auf die hofft Greve aber. Eine japanische Studie im Jahr 2020 hat ergeben, dass Tischtennisspielen die körperlichen Werte nachweislich verbessert. Es wird das Gleichgewicht trainiert, die Reaktionsfähigkeit gesteigert und die Auge-Hand-Koordination verbessert.

Greve setzt auf Eigeninitiative der Betroffenen: Er möchte die Erfahrungen der Spieler nutzbar machen und in einer Datensammlung zusammenführen. "Die Betroffenen selbst haben eine wesentliche Information über sich", sagt er, "nämlich, wie es ihnen geht, wie die Erkrankung sich bei ihnen auswirkt, welche Symptome sie haben, welche Medikamente sie nehmen."

Die Bedeutung von Gemeinschaft und Austausch

Karenfort weist darauf hin, dass Sport die Wirkung von Medikamenten verbessern kann. Dann brauchen die Betroffenen weniger Medikamente und haben weniger Nebenwirkungen. Aber der Sport hilft auch auf einer weiteren Ebene. "Dieser Austausch untereinander, der geschieht, ist sehr wertvoll. Wer nicht gerade ein Spiel macht, kann neben der Platte andere Menschen mit Parkinson besser kennenlernen. Dieser Austausch ist sehr wichtig. Daraus entsteht ein Miteinander."

"Die meisten Betroffenen ziehen sich aus Scham oder auch aus Mangel an Mobilität zurück", sagt Greve. Eine starke Gemeinschaft hilft den Betroffenen, sich gegenseitig Mut zu machen, denn Parkinson ist eine sehr komplexe Krankheit. Alleine kann man damit nur schwer umgehen. Mit dem Sport können die Betroffenen etwas für ihre Gesundheit und für ihr psychisches Wohlergehen tun. Um bei den Vereinen unter dem Dach von "PingPongParkinson" zu trainieren, braucht es gar keinen Mut, sagt Andreas Moroff: "Es gibt nichts, sich zu trauen. Wir haben unterschiedlichste Spielerstärken, von denjenigen, die früher schon mal im Verein gespielt haben, bis zu denen, die das erste Mal einen Schläger in der Hand halten."

Weitere Risikofaktoren und Forschungsansätze

Fußballprofis sind offenbar einem deutlich höheren Risiko ausgesetzt, an neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson zu erkranken, als andere Menschen. Demnach ist die Gefahr einer Alzheimer-Erkrankung etwa fünf Mal höher. Für die Studie, laut Professor Willie Stewart die größte, die sich mit diesem Thema je befasst hat, untersuchte das Forscherteam die Todesursache von fast 8.000 früheren schottischen Fußballprofis und verglich die Ergebnisse mit mehr als 23.000 Menschen einer Kontrollgruppe. Dabei fanden Stewart und seine Kollegen zunächst heraus, dass die zwischen 1900 und 1976 geborenen Fußballer gesünder waren als die Durchschnittsbevölkerung. Demnach lebten sie im Mittel drei Jahre länger und starben seltener an verschiedenen Krebsarten -wie beispielsweise Lungenkrebs - oder Herzkrankheiten. Von den 7676 Ex-Fußballern sollen demnach etwa 130 (1,7 Prozent) an den Folgen einer Demenz oder ähnlichen Erkrankung des Gehirns verstorben sein. In der deutlich größeren Kontrollgruppe waren es der Studie zufolge nur 115 Menschen oder 0,5 Prozent.

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