Entmarkungsherde im Gehirn: Ursachen, Diagnose und Behandlung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems (ZNS), die durch Entmarkungsherde im Gehirn und Rückenmark gekennzeichnet ist. Diese Herde entstehen durch eine Entzündung, die die Myelinschicht der Nervenfasern schädigt. Die Erkrankung manifestiert sich in Schüben oder schreitet langsam voran und kann vielfältige neurologische Symptome verursachen.

Ursachen von Entmarkungsherden im Gehirn

Die genauen Ursachen der Multiplen Sklerose sind noch nicht vollständig geklärt. Man geht von einer multifaktoriellen Pathogenese aus, bei der genetische Faktoren und Umwelteinflüsse zusammenwirken.

Genetische Prädisposition

Es wurden über 110 genetische Variationen identifiziert, die bei MS-Patienten häufiger vorkommen. Diese könnten zu einer erhöhten Anfälligkeit für die Erkrankung beitragen. Viele dieser Genvarianten stehen in direkter Beziehung zum Immunsystem, wie beispielsweise die Allele des humanen Leukozytenantigen-Systems (HLA-Typ HLA-DRB1*15:01).

Umwelteinflüsse

Verschiedene Umwelteinflüsse werden als mögliche Auslöser von MS diskutiert, darunter:

  • Vitamin-D-Mangel: Eine geringe Sonnenlichtexposition und ein damit verbundener Vitamin-D-Mangel könnten das MS-Risiko erhöhen.
  • Infektionen: Virusinfektionen in der Kindheit, insbesondere mit dem Epstein-Barr-Virus (EBV) und dem Humanen Herpesvirus 6 (HHV-6), werden mit einem erhöhten MS-Risiko in Verbindung gebracht.
  • Rauchen: Nikotin scheint ein Risikofaktor für die Entstehung von MS zu sein.
  • Übergewicht: Insbesondere stark übergewichtige Kinder und Jugendliche haben möglicherweise ein erhöhtes Risiko, an MS zu erkranken.
  • Darm-Mikrobiom: Die im Darm lebenden Mikroorganismen könnten die Entwicklung von MS beeinflussen.

Pathophysiologie der Entmarkungsherde

Bei MS kommt es zu fokalen, chronisch-entzündlichen Entmarkungsläsionen von ZNS-Nervenfasern. Diese werden im weiteren Krankheitsverlauf von axonalen Schädigungen, persistierenden Gewebenarben (Gliose) und einer Hirnatrophie begleitet. Die Demyelinisierung wird sehr wahrscheinlich durch unterschiedliche zelluläre und humorale Faktoren des angeborenen und erworbenen Immunsystems initiiert.

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Symptome von Entmarkungsherden im Gehirn

Die Symptome der Multiplen Sklerose sind vielfältig und hängen von der Lokalisation und dem Ausmaß der Entmarkungsherde ab. Da hierbei im Gehirn keine bestimmten Lokalisationen bevorzugt werden, können vielfältige Symptome auftreten. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Sehstörungen: Sehnerventzündung (Retrobulbärneuritis) mit Schleiersehen, Verlust der Sehschärfe, veränderter Farbwahrnehmung und Schmerzen bei Augenbewegungen, Doppelbilder
  • Motorische Störungen: Lähmungserscheinungen (Paresen), spastische Tonuserhöhung, Koordinationsstörungen
  • Sensibilitätsstörungen: Taubheitsgefühle, Kribbeln, Schmerzen
  • Gleichgewichtsstörungen: Schwindel, unsicherer Gang
  • Blasen- und Darmstörungen: Inkontinenz, Harnverhalt, Verstopfung, Durchfall
  • Kognitive Beeinträchtigungen: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen
  • Fatigue: Erschöpfung, Müdigkeit
  • Schmerzen: Kopfschmerzen, neuropathische Schmerzen, muskuloskelettale Schmerzen

Diagnose von Entmarkungsherden im Gehirn

Die Diagnose der Multiplen Sklerose basiert auf einer Kombination aus Anamnese, klinischer Untersuchung, bildgebenden Verfahren und Laboruntersuchungen.

Anamnese und klinische Untersuchung

Der Arzt erfragt die Krankengeschichte des Patienten und führt eine neurologische Untersuchung durch, um neurologische Defizite festzustellen. Häufige Befunde sind:

  • Marburg-Trias: Temporale Abblassung der Sehnervenpapillen, Paraspastik und das Fehlen von Bauchhautreflexen
  • Lhermitt’sches Zeichen: Elektrisierende Missempfindungen bei Vornüberbeugen des Kopfes entlang der Wirbelsäule
  • Sensibilitätsausfälle
  • Dysmetrische Zeigeversuche
  • Positives Babinski-Zeichen und gesteigerte Muskeleigenreflexe

Bildgebende Verfahren

Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist das wichtigste bildgebende Verfahren zur Diagnose von MS. Sie ermöglicht den Nachweis von Entmarkungsherden im Gehirn und Rückenmark sowie die Beurteilung ihrer zeitlichen und räumlichen Verteilung (Dissemination in time und dissemination in space). Chronische Multiple-Sklerose-Herde können sehr gut in sogenannten T2-gewichteten oder FLAIR-Aufnahmen dargestellt werden. Akute entzündliche Herde wiederum können sehr gut in T1-gewichteten Aufnahmen nach Kontrastmittel-Gabe nachgewiesen werden.

Labordiagnostik

Eine Untersuchung der Liquorflüssigkeit (Nervenwasser) ist ein wichtiger Bestandteil der Diagnostik. Bei MS finden sich häufig spezifische labordiagnostische Befunde, wie z.B. liquorspezifische oligoklonale Banden.

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Differentialdiagnose

Es ist wichtig, andere Erkrankungen auszuschließen, die ähnliche Symptome wie MS verursachen können. Dazu gehören:

  • Andere demyelinisierende Erkrankungen: Devic-Syndrom
  • Infektiöse Erkrankungen: Neuroborreliose, Lues
  • Systemische Autoimmunerkrankungen: Lupus erythematodes, Wegenersche Granulomatose, Sjögren-Syndrom
  • Vaskuläre Erkrankungen: Ischämie

Behandlung von Entmarkungsherden im Gehirn

Die Behandlung der Multiplen Sklerose zielt darauf ab, die Symptome zu lindern, die Schubfrequenz zu reduzieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen. Die Behandlung erfolgt auf drei Ebenen:

  • Symptomatische Therapie: Behandlung der einzelnen Symptome, z.B. mit Schmerzmitteln, Spasmolytika, Antidepressiva
  • Schubtherapie: Behandlung akuter MS-Schübe mit Kortikosteroiden, um die Entzündung zu reduzieren
  • Verlaufsmodifizierende Therapie: Immunmodulatorische oder immunsuppressive Medikamente, die den Krankheitsverlauf beeinflussen sollen (z.B. Interferon-beta, Glatirameracetat, Teriflunomid, Dimethylfumarat, Natalizumab)

Zusätzlich zur medikamentösen Therapie spielen Physiotherapie, Ergotherapie, Psychotherapie und eine gesunde Lebensweise eine wichtige Rolle bei der Behandlung von MS.

Prognose von Entmarkungsherden im Gehirn

Der Verlauf der Multiplen Sklerose ist sehr unterschiedlich. Bei einigen Patienten kommt es zu einem relativ gutartigen Verlauf mit geringen Beeinträchtigungen, während andere Patienten im Laufe der Zeit schwerere Behinderungen entwickeln. Durch die verbesserten Behandlungsmöglichkeiten verläuft die Erkrankung heutzutage häufig milder als früher. Dennoch gibt es bisher kein Medikament, das die Erkrankung vollständig zum Stillstand oder gar zum Ausheilen bringt. Wichtig ist eine frühzeitige Diagnose und Behandlung, um den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Bedeutung der Magnetresonanztomographie (MRT)

Die Magnetresonanztomographie (MRT) spielt eine zentrale Rolle bei der Diagnose und Überwachung der Multiplen Sklerose. Sie ermöglicht:

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  • Frühzeitige Diagnose: MRT ermöglicht es, sowohl die räumliche als auch die zeitliche Dissemination der Entzündungsherde in Gehirn und Rückenmark nachzuweisen.
  • Differentialdiagnose: MRT kann helfen, MS von anderen Erkrankungen mit ähnlichen Symptomen zu unterscheiden.
  • Therapiemonitoring: MRT ist entscheidend für die Überwachung des Therapieerfolgs und die Anpassung der Behandlung.
  • Unterscheidung von PML: Bei Patienten, die mit Natalizumab behandelt werden, kann MRT helfen, eine progressive multifokale Leukoenzephalopathie (PML) von einem MS-Schub zu unterscheiden.

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