Die Entwicklung eines Babys im Mutterleib ist ein komplexer und faszinierender Prozess, der von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst wird. Neben genetischen Voraussetzungen und Umweltfaktoren spielt auch die psychische Verfassung der Mutter eine entscheidende Rolle. Stress, Angst und Depressionen während der Schwangerschaft können sich negativ auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns auswirken und langfristige Folgen für die Gesundheit und das Verhalten des Kindes haben.
Wie Stress das Baby im Mutterleib erreicht
Das Gefühl, ständig unter Strom zu stehen, sich immer um alles kümmern zu müssen, nicht alles unter einen Hut zu bringen: Fühlt sich eine werdende Mutter über längere Zeit stark gestresst, kann sich dadurch das Risiko für das ungeborene Kind erhöhen, später eine psychische oder körperliche Erkrankung zu entwickeln - etwa eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder auch eine Herz-Kreislauf-Erkrankung. Wie genau Stress das Baby im Mutterleib erreicht, ist nicht vollends geklärt.
Bei Stress schüttet der menschliche Körper Hormone aus, um mit der höheren Belastung umzugehen: so etwa das sogenannte Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH), das in der Folge das Stresshormon Cortisol ansteigen lässt. Dieser Mechanismus bleibt auch in der Schwangerschaft bestehen, und die Plazenta, die den Fetus mit Nährstoffen versorgt, kann das Stresshormon CRH ebenfalls freisetzen. Dadurch gelangt es in kleiner Menge in den fetalen Kreislauf und ins Fruchtwasser.
Die Rolle von Stresshormonen
Tatsächlich kommt mütterlicher Stress auch beim Fötus an, allerdings nicht eins zu eins: Enzyme in der Plazenta schützen das Ungeborene vor zu viel Angst und Aufregung der Mutter. Dennoch erreichen etwa zehn Prozent des mütterlichen Stresshormons Cortisol den kleinen Organismus - genug, um einen beträchtlichen Einfluss auf das Kind im Bauch zu haben. Zu diesem Schluss kommen Forscher der Hans-Berger-Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Jena, die am Freitag ihre Ergebnisse bei der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) in Wiesbaden vorgestellt haben. "Pränataler Stress hebt beim Ungeborenen den Stresshormonspiegel dauerhaft an und beschleunigt die Hirnreifung", sagt der Neurologe Matthias Schwab, der in Jena die Arbeitsgruppe "Fetale Hirnentwicklung und Programmierung von Erkrankungen im späteren Leben" leitet.
Forscher von der niederländischen Universität Tilburg konnten nachweisen, dass mütterlicher Stress vor allem zwischen der 12. und 22. Schwangerschaftswoche die emotionale und kognitive Entwicklung des Fötus ungünstig beeinflusst und diese Effekte noch 20 Jahre später erkennbar sind. Studienleiterin und Psychologin Ulrike Ehlert folgert: „Offenbar bleibt das Baby bei akuter, kurzanhaltender Belastung der Mutter vor den negativen Effekten von Stress geschützt". Ganz anders die Resultate bei anhaltendem Stress, der mittels Fragebogen zur Diagnostik von chronischem Stress eruiert wurde: „Dauert die mütterliche Belastung länger an, ist der CRH-Spiegel im Fruchtwasser erhöht", so Studienmitarbeiterin und Psychologin Pearl La Marca-Ghaemmaghami. Und diese höhere Konzentration des Stresshormons wiederum beschleunigte das Wachstum des Fetus.
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Auswirkungen auf die Hirnentwicklung
Um die Hirnaktivität per EEG im Mutterleib untersuchen zu können, führten die Forscher ihre Studien bei Schafen durch, bei denen die Trächtigkeit und die Hirnentwicklung ähnlich wie beim Menschen verlaufen. Den Schafen wurde der hormonelle Reifungsstimulus - umgerechnet auf die menschliche Schwangerschaftsdauer - in der 25. bis 32. Woche gespritzt. Die Folge: Das Stresshormon bewirkte nicht nur eine Turbo-Reifung der Lungen, sondern auch des Gehirns. "Sichtbar wurde das vor allem an der Entwicklung des Traumschlafes, der sich normalerweise erst im letzten Schwangerschaftsdrittel über mehrere Wochen hinweg ausprägt", sagt Schwab. Betamethason lege im Gehirn buchstäblich einen Schalter um, "der den Traumschlaf innerhalb von zwei bis vier Tagen anknipst".
Eine weitere Folge war die sogenannte permanente Fragmentierung der Schlafstadien. Das heißt, Tief- und Traumschlaf (auch REM-Schlaf genannt) wechseln sich in sehr kurzen Abständen ab. Das Problem an der frühzeitigen Reifung der Hirnstrukturen: "Sie geht auf Kosten von Wachstum und Zellteilung", sagt Schwab.
Langzeitfolgen für das Kind
Bekommen Ungeborene zu viele Stresshormone ab, "betrachtet" der Körper den erhöhten Pegel als normal. "Diese Kinder werden bereits im Mutterleib darauf programmiert, Zeit ihres Lebens mehr Stresshormone auszuschütten", sagt Schwab. Dabei sei es unerheblich, ob die Hormone synthetisch sind oder vom mütterlichen Körper erzeugt werden.
In einer noch unveröffentlichten Studie untersuchten Schwab und sein Team 40 achtjährige Kinder, die im Mutterleib eine Betamethason-Behandlung erhalten hatten, und verglichen sie mit 40 Normalgeborenen. In einem Stresstest schnitten die behandelten Kinder deutlich schlechter ab. "Sie hatten im Durchschnitt einen um zehn Prozent geringeren Intelligenzquotienten, Probleme mit der Konzentration und Aufmerksamkeit", sagt Schwab. Zudem habe das EEG gezeigt, dass diese Kinder sich vor dem Test nicht entspannen und währenddessen ihr Gehirn nicht aktivieren konnten.
Die Rolle von Angst
Nicht nur Stress, sondern sogar spezifische Emotionen wie die Angst der Mutter in der Schwangerschaft hinterlassen Spuren im Kind. Das legen nicht nur, aber vor allem die Untersuchungen der Psychologin Bea van den Bergh von der Tilburg University in Belgien nahe. Ihr fiel auf, dass Kinder von Müttern, die zwischen der 12. und 22. Schwangerschaftswoche sehr furchtsam waren, in den ersten sieben Lebensmonaten viel schrien und besonders unregelmäßig schliefen und aßen. In der ersten Schwangerschaftshälfte werden nahezu alle Nervenzellen im Gehirn angelegt und, so vermutet van den Bergh, das limbische System, die Stressachse und verschiedene Neurotransmittersysteme im Gehirn der Babys auf den erlebten Angstlevel hin geeicht.
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Mit acht bis neun Jahren beurteilten Lehrer und Mütter jene Kinder häufiger als besonders schwierig, unkonzentriert und rastlos, die von einer überängstlichen Frau ausgetragen wurden. Auch als Jugendliche im Alter von vierzehn bis fünfzehn sind sie in Tests noch immer impulsiver. Auch mit knapp zwanzig Jahren blieben die Unterschiede zu van den Berghs Überraschung bestehen: „Sie sind in den kognitiven Tests nicht unbedingt schlechter. Sie sind beispielsweise kreativer und reagieren viel stärker auf Lob“, betont sie. „Aber in Settings mit wenig Reizen, etwa einer langweiligen Schulstunde, fallen sie häufig in ihrem Verhalten aus dem Rahmen. Sie können sich nicht konzentrieren. Nur unter Stress - ihrem Normalzustand - kommen sie gut klar.“
In den vergangenen Jahren konnte van den Bergh ergründen, wie die Angst der Mutter sich auf das Baby niederschlägt. Über die Maßen besorgte Frauen haben besonders wenig von einem spezifischen Enzym, dass dafür sorgt, dass das Stresshormon Cortisol abgebaut wird, ehe es die Plazenta passiert. Das Gehirn und die Gene des Ungeborenen werden deshalb besonders hohen Werten von Cortisol ausgesetzt. Das wirkt sich auf ganz spezifische Verhaltensweisen aus. Babys ängstlicher Schwangerer reagierten etwa einer Studie zufolge auf einen harmlosen da-da-dada-Ton im Alter von neun Monaten fortwährend mit innerer Alarmbereitschaft. Sie sind also nicht nur ängstlicher, sondern filtern auch angsterzeugende Informationen viel stärker aus ihrer Umwelt.
Die Bedeutung der mütterlichen Ernährung
Nicht nur die emotionale Lage, auch das Essverhalten der Mutter beeinflusst das Kind, das sie austrägt. Wie stark dieser Einfluss sein kann, fiel Forschern schon vor Jahren bei der Krankheit Diabetes mellitus auf. Sie wird zwei bis drei Mal häufiger über die mütterliche Linie weitergegeben. Das Überangebot an Nahrung und Blutzucker während der Schwangerschaft macht die Stoffwechselschieflage auch beim Baby zur Norm. Gewöhnlich helfen die Hormone Leptin und Insulin die Zuckerflut zu bewältigen und vermitteln auch das Signal fürs Sattsein. Doch das Gehirn der Babys von Diabetikerinnen spricht auf diese Stoffe kaum an. Das wirkt sich zeitlebens auf ihr Essverhalten aus. Sie brauchen viele Kalorien, um ihren Hunger zu stillen.
Veränderungen im Gehirn der Mutter während der Schwangerschaft
Während der Schwangerschaft kommt es zu Veränderungen in Hirnarealen der sozialen Kognition, die möglicherweise die spätere Fürsorge der Mutter für das Kind beeinflussen. Dies ergab eine Langzeitstudie in Nature Neuroscience (2016; doi: 10.1038/nn.4458). Bei den Vätern wurden keine entsprechenden Veränderungen entdeckt - was aber eine Fürsorge nicht ausschließen muss.
Während der Schwangerschaft war es zu einer leichten Volumenabnahme in Arealen des präfrontalen und des temporalen Cortex gekommen, die für soziale kognitive Leistungen zuständig sind. Bei den Vätern und den anderen Kontrollgruppen, die keinen hormonalen Veränderungen unterworfen sind, wurde die Volumenabnahme nicht beobachtet. Der Rückgang des Hirnvolumens bedeutet laut Hoekzema jedoch nicht, dass die Schwangerschaft mit dem Verlust von Hirnzellen verbunden ist. Die genauen morphologischen Grundlagen für den leichten Volumenrückgang konnte die Studie nicht klären. Wahrscheinlicher sei, dass die Hormone eine Reorganisation der Nervenverbindungen bewirkt haben. Die Forscherin zieht einen Vergleich zur Pubertät. In dieser Lebensphase, die ebenfalls durch eine Veränderung im Hormonhaushalt ausgelöst wird, kommt es zu einem Abbau von Synapsen, den die Hirnforscher mit dem Beschneiden von Bäumen vergleichen und als „Pruning“ bezeichnen.
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Für diese These spricht, dass die Hirnveränderungen keineswegs zu einem Verlust kognitiver Fähigkeiten führen. Die Frauen erzielen in den entsprechenden Tests gleich gute Ergebnisse wie die Männer und die Frauen ohne Schwangerschaft. Das „Pruning“ könnte jedoch die mütterliche Bindung an das Kind gefördert haben. Dafür sprechen die Antworten in einem Fragebogen (Maternal Postnatal Attachment Scale). Die Ergebnisse der jungen Mütter korrelierten hier mit dem Volumenrückgang in den sozialen kognitiven Hirnzentren.
Genau diese Hirnzentren zeigten in einer funktionellen Kernspintomographie eine vermehrte Aktivität, wenn den Müttern Bilder ihrer eigenen Kinder gezeigt wurden. Weitere Untersuchungen ergaben, dass die Veränderungen wenigstens über zwei Jahre nach der Geburt des Kindes anhielten und damit möglicherweise das Verhalten der Mütter in einer Phase prägen, in der das Wohlergehen des Kindes besonders stark von der Bindung an die Mutter abhängig ist.
Laut der Studie sind die Hormone Östrogen und Progesteron für die Verhaltensänderung verantwortlich. Östrogen beeinflusst diesen Teil des Gehirns werdender Mütter auf zwei verschiedene Arten: Zum einen hemmt es die Aktivität der Neuronen, zum anderen macht es sie empfindlicher. Progesteron sorgt für eine erhöhte Rekrutierung von Eingängen an den Synapsen, schafft also mehr Punkte, über die die Neuronen miteinander kommunizieren können.
Die Forschenden gehen davon aus, dass es vor allem während der späten Schwangerschaft eine kritische Phase gibt, in der die fraglichen Hormone die Verhaltensänderung auslösen. „Wir glauben, dass diese Veränderungen, die oft als ‚Babygehirn‘ bezeichnet werden, eine Änderung der Prioritäten bewirken“, so Kohl. Während Jungmäuse sich vor allem auf die Paarung konzentrieren, ist ihm zufolge bei Muttertieren ein robustes elterliches Verhalten wichtig, mit dem das Überleben der Jungen gesichert wird. Genau dieses wird durch die Neuverdrahtung des Gehirns begünstigt. Dabei sind die Veränderungen im Gehirn der Studie zufolge von unterschiedlicher Dauer. Während manche Effekte bis mindestens einen Monat nach der Geburt anhalten, sind andere offenbar permanent.
Mikrochimärismus: Die zelluläre Verbindung zwischen Mutter und Kind
Die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind ist etwas Besonderes. Tatsächlich sind beide nach der Geburt auch physisch miteinander verbunden. Denn während der Schwangerschaft werden Zellen auf den jeweils anderen übertragen. Sie bleiben jahrzehntelang, vielleicht sogar für immer. Denn während der Schwangerschaft findet nicht nur ein Austausch von Nährstoffen und Sauerstoff statt, sondern auch eine faszinierende Verbindung auf zellulärer Ebene. Während der Schwangerschaft werden Zellen durch die Plazenta auf den jeweils anderen übertragen. So bleiben Mutter und Kind auch nach der Geburt miteinander "verbunden". Das Überleben fremder Zellen im Körper bezeichnen Wissenschaftler*innen als Mikrochimärismus.
"Einerseits zeigen Studien Vorteile auf, zum Beispiel bei der Regeneration von mütterlichem Gewebe oder beim Sicherstellen des immunologischen Schutzes für den sich entwickelnden Fötus", heißt es von Seiten der Forschenden. Die Zellen des Babys, die sich während der Schwangerschaft auf den Körper der Mutter übertragen, können an verschiedenen Stellen wie dem Herzen, der Leber oder der Lunge anhaften. Diese Situation kann positive und negative Auswirkungen haben. Wenn beispielsweise durch den Mikrochimärismus Fetalzellen in den Blutkreislauf der Mutter gelangen, kann dies eine Autoimmunkrankheit wie rheumatoide Arthritis auslösen. Andererseits ist es möglich, dass die Mutter von den fremden Zellen profitiert. Es gibt Hinweise darauf, dass der Mikrochimärismus das Krebsrisiko senken kann, insbesondere das Brustkrebsrisiko. Wissenschaftler*innen vermuten, dass der Transfer von Zellen zwischen Kind und Mutter die Erklärung für die emotionale Bindung zwischen Mutter und Kind sein könnte.
Die Erlanger Längsschnittstudie FRAMES und FRANCES
Wie sich etwa psychische Belastungen einer Schwangeren auf ihr Kind auswirken, das haben Erlanger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einer Längsschnittstudie untersucht. Über einen Zeitraum von 15 Jahren haben sie Mütter und ihre Kinder bis ins Jugendalter im Rahmen der Studien FRAMES und FRANCES fortlaufend begleitet.
Das Projekt Franconian Maternal Health Evaluation Study (FRAMES) startete 2005 als Kooperationsprojekt zwischen der Frauenklinik und der Psychiatrischen und Psychotherapeutischen Klinik mit 1.100 Frauen während ihres dritten Schwangerschaftstrimesters hinsichtlich ihres psychischen Befindens, Stresslevels und Substanzkonsums. Die Nachuntersuchung des dann geborenen Kindes erfolgte in unterschiedlichen Erhebungszeiträumen hinsichtlich seiner allgemeinen und psychischen Entwicklung in der Kinder- und Jugendabteilung für Psychische Gesundheit.
Von 2012 bis 2015, als die Kinder der FRAMES-Teilnehmerinnen im Grundschulalter waren, wurden 245 Mutter-Kind-Paare in der Kinderpsychiatrie im Rahmen der Folgestudie Franconian Cognition and Emotion Studies (FRANCES) nachuntersucht. Im Fokus standen Merkmale der kindlichen Entwicklung: etwa der allgemeine Entwicklungsstand in Form von Kognition, Sprache und Motorik als neuropsychologischer Marker, psychische Symptome wie die einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, von Depression und Angst als klinische Marker, die hirnelektrische Aktivität im EEG als neurophysiologischer Marker sowie verschiedene neurobiologische Marker, die u. a. das biologische Stresssystem der Kinder (Cortisolkonzentration in Speichel und Haar) oder das Ausmaß der vorgeburtlichen Testosteronexposition abbilden.
Von 2019 bis 2021 untersuchten die Forschenden die Gruppe der FRAMES-Teilnehmerinnen und deren FRANCES-Kinder erneut. Neben der Erfassung der Ergebnisse aus dem Kindesalter wurden zusätzlich Entzündungsmarker im Kapillarblut gemessen und jugendspezifische Entwicklungen erfasst. Diesmal beurteilten nicht nur die Mütter die Entwicklung ihrer Kinder, sondern die Jugendlichen konnten sich auch selbst einschätzen. Die Studie betont die Bedeutsamkeit pränataler Einflüsse für die lebenslange Gesundheit und damit, wie wichtig psychische und stressbezogene Themen während der Schwangerschaft mit Blick auf eine bestmögliche Unterstützung für die werdende Mutter sind.
Fetale Programmierung: Die Prägung fürs Leben
Schon der innige Kontakt des Fötus mit Mutter und Umwelt sorgt für einen einmaligen Vorgang im Leben eines Menschen: „Der unreife Organismus lernt in dieser hochsensiblen Phase von der Mutter, was normal ist. Gehirn, Hormonsysteme und Gene werden auf Mama geeicht“, erklärt Andreas Plagemann. Geht die Prägung in die falsche Richtung, hat das Kind daran unter Umständen lebenslang zu leiden. Zunächst bestimmt alleine der Körper der Mutter, wo es mit dem Sprössling im Leben lang geht. Sein Einfluss während der Schwangerschaft reicht weit über die Geburt hinaus.
Werden die Gene eines Mädchens vor seiner Geburt nämlich so programmiert, dass es für einen Diabetes empfänglicher wird, behält es diese Programmierung ein Leben lang und kann sie später an die eigenen Kinder weitergeben. „Der Schneeballeffekt über die Generationen kann die seuchenartige Ausbreitung des Übergewichtes mit erklären, die wir derzeit beobachten“, meint Plagemanns Kollegin Renate Bergmann.
Plagemann leitet aus seinen Ergebnissen praktische Empfehlungen ab: Frauen sollten mit normalem Gewicht in die Schwangerschaft gehen, Sport treiben und nicht mehr als zehn Kilo zunehmen, um den Kindern nicht eine lebenslange Hypothek aufzubürden. Ergänzend drängt er auf einen Pflichttest auf Glucosetoleranz, der einen Schwangerschaftsdiabetes zuverlässig aufdeckt. Damit könnten schwerwiegende Folgen für das Kind verhindert werden, ist Plagemann überzeugt. Sollte der Stoffwechsel der Mutter gestört sein, kann er mit Medikamenten so korrigiert werden, dass das Baby vor der Zuckerflut im Bauch verschont bleibt.
Gene und vorgeburtliche Prägung sind jedoch nicht unabhängig voneinander. Es gibt Anzeichen dafür, dass die vorgeburtliche Prägung die Aktivität der Gene mit festlegt. Alle Gene verfügen über eine Art „Dimmer“: Ist das Gen ausgeknipst, dann wird die Information daraus nicht abgerufen. Als Dimmer arbeitet oft eine Methylgruppe, die an einem der vier Bausteine der Erbguts - C, T, G, A - sitzt. In der Gebärmutter wird einigen Genen des heranwachsenden Kindes ein solcher Dimmer verpasst.
Wann entwickelt der Fötus sein Gehirn?
Bereits in der 5. Schwangerschaftswoche beginnen sich die ersten Nervenzellen zu teilen und sich in Neuronen und Gliazellen - die Zelltypen, aus denen das Nervensystem besteht - zu differenzieren. Ebenfalls um die 5. Woche faltet sich die Neuralplatte in sich selbst und bildet das sogenannte Neuralrohr, welches sich bis etwa zur 6. SSW schließt und zum Gehirn und Rückenmark wird. Um die 10. Woche besitzt das Gehirn bereits eine kleine, glatte Struktur, die dem gleicht, was allgemein als Gehirn bekannt ist.
Die ersten Synapsen im Rückenmark des Babys bilden sich während der 7. Schwangerschaftswoche. Ab der 8. Woche beginnt die elektrische Aktivität im Gehirn. Das Gehirn, das lebenswichtige Funktionen wie Herzfrequenz und Atmung steuert, ist in der Regel bis zum Ende des zweiten Trimesters vollständig entwickelt. Der zerebrale Kortex, der willkürliche Handlungen sowie das Denken und Fühlen steuert, übernimmt im dritten Trimester - also erst gegen Ende der Schwangerschaft - seine Aufgaben.
Aktuelle Forschungsergebnisse
Dr. Yao Wu und ihr Team vom Children’s National Hospital in Washington D.C. untersuchten die Zusammenhänge zwischen psychischer Belastung in der Schwangerschaft und der geistigen Entwicklung des Kindes. Die Studie bestätigte, dass Stress in der Schwangerschaft zu kognitiven Entwicklungsdefiziten im Kleinkindalter führen kann. Als mögliche organische Ursache ließ sich bei den betroffenen Ungeborenen ein verringertes Volumen des linken Hippocampus erkennen. Zudem fiel bei psychisch belasteten Müttern auf, dass sich die Hirnrinde beim Fetus vorzeitig in Falten legte. Diese vorzeitige Hirnfaltung stand wiederum in Verbindung mit unterentwickelten sozio-emotionalen Fähigkeiten des Kleinkinds.
Die Studienautoren gehen davon aus, dass etwa jede vierte Schwangere psychisch belastet ist, und damit die fetale Hirnentwicklung beeinträchtigt sein kann. Die Studie unterstreicht den Nutzen einer frühzeitigen Erkennung betroffener werdender Mütter, denen mit einer Intervention geholfen werden kann, ihre psychische Belastung zu reduzieren.
Alkohol und seine verheerenden Folgen
Als „Fetale Alkohol-Spektrum-Störungen“ werden alle alkoholbedingten Schädigungen auf die Entwicklung des Babys im Mutterleib bezeichnet. Alkohol ist ein giftig wirkender Stoff für das Kind, der die Plazenta ungehindert passiert, weshalb schon kleine Mengen bleibende Schäden verursachen können. Ein gestörtes Wachstum, Schädigungen des Gehörs, des Sehsystems sowie des Herzens können beispielsweise die Folgen sein. Lana Popova, die Hauptautorin der in Lancet erschienen Übersichtsarbeit betont, dass es keine Menge und keine Phase in der Schwangerschaft gäbe, in der Alkohol nicht schade. Auch könnten Schädigungen in jedem Organ des Körpers auftreten.
Was können werdende Mütter tun?
Schwab warnt jedoch vor Panikmache. "Stress in der Schwangerschaft ist normal." Auch die Lungenreife-Spritzen seien eine wichtige und notwendige Therapie, so Schwab. Schwangeren Frauen, die sich längeren Stresssituationen ausgesetzt sehen, raten die Psychologinnen, „sich von einer psychologischen Fachperson unterstützen zu lassen, um die Belastungen besser zu bewältigen".
Trotz aller Erkenntnisse zur fetalen Programmierung und den Einflüssen der mütterlichen Psyche auf das Ungeborene, ist es wichtig, die Schwangerschaft nicht zu pathologisieren. Werdende Mütter sollten sich nicht von Spezialisten oder Ratgeberliteratur verunsichern lassen, sondern auf ihr eigenes Gespür vertrauen. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, ausreichend Bewegung und Entspannung sowie ein stabiles soziales Umfeld sind die besten Voraussetzungen für eine gesunde Entwicklung des Kindes.
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