Epidemiologische Daten in der Neurologie: Ein Überblick über Prävalenz, Inzidenz und Trends

Die Neurologie befasst sich mit Erkrankungen des Nervensystems, die einen erheblichen Einfluss auf die Gesundheit und Lebensqualität der Bevölkerung haben. Dieser Artikel fasst epidemiologische Daten zu verschiedenen neurologischen Erkrankungen zusammen, darunter Demenz, Parkinson, Schlaganfall, Normaldruckhydrozephalus (NPH), Kopfschmerzen und Epilepsie, und beleuchtet deren Prävalenz, Inzidenz, Trends und regionale Verteilung in Deutschland und weltweit.

Neurodegenerative Erkrankungen: Demenz und Parkinson

Demenz und Parkinson gehören zu den häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und stellen eine erhebliche Krankheitslast dar. Die langfristige gesundheitliche und pflegerische Versorgung dieser Patienten stellt eine enorme Herausforderung dar. Das Robert Koch-Institut (RKI) und das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) haben Daten zur Häufigkeit (Prävalenz), zu den Trends und zur regionalen Verteilung dieser Krankheitsbilder in Deutschland für den Zeitraum von 2017 bis 2022 veröffentlicht.

Schlaganfall: Eine häufige neurologische Erkrankung mit hohem Rezidivrisiko

Mit etwa 150.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist der Hirninfarkt die häufigste neurologische Erkrankung in Deutschland. Studien der Neurologischen Universitätsklinik Duisburg-Essen zeigen, dass mehr als zwei Drittel der in Stroke Units behandelten Schlaganfallpatienten ein hohes Rezidivrisiko aufweisen und daher eine intensive prophylaktische Therapie benötigen. Die SCALA-Studie (Systemic Risk Score Evaluation in Ischemic Stroke Patients), in die 852 Patienten aus 85 Stroke Units eingeschlossen wurden, lieferte wichtige Erkenntnisse zu diesem Thema.

Risikofaktoren für Schlaganfallrezidive

Die SCALA-Studie ergab, dass 71 % der Patienten in Stroke Units einen erhöhten Blutdruck hatten. Bei 41 % wurden Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bei 26 % Diabetes mellitus diagnostiziert. Eine symptomatische periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK) wurde bei 10 % festgestellt. Die Studie basierte auf dem von Prof. Dr. med. Hans-Christoph Diener (Universität Essen) entwickelten "Essen-Stroke-Risk-Score" (ESRS).

Der Essen-Stroke-Risk-Score (ESRS)

Der ESRS berücksichtigt neun Faktoren, die zu Kennzahlen zusammengefasst werden: Alter, Rauchen, Hypertonie, früherer Herzinfarkt, Schlaganfall oder vorübergehender ischämischer Anfall, PAVK sowie andere kardiovaskuläre Erkrankungen. Patienten mit drei oder mehr Risikofaktoren gehören nach dem ESRS zur Hochrisikogruppe, was bedeutet, dass ihr Risiko, innerhalb der nächsten zwölf Monate einen weiteren Schlaganfall zu erleiden, besonders hoch ist.

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Die Bedeutung der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (PAVK)

Die PAVK ist von Bedeutung, da sie ebenso wie der Schlaganfall auf der Atherosklerose als Grunderkrankung beruht. In der SCALA-Studie wurde daher bei allen Schlaganfallpatienten der Ankle-Brachial-Index (ABI) bestimmt. Ein niedrigerer Blutdruck in den Knöchelarterien als in den Armarterien ist ein zuverlässiges Zeichen für eine PAVK und ein Indikator für eine Atherosklerose im gesamten Gefäßsystem. Jeder zweite Patient in der SCALA-Studie hatte eine PAVK, die in den meisten Fällen jedoch symptomlos war.

Empfehlungen für die Risikobestimmung und Therapie

Nach Ansicht von Diener sollte bei jedem Schlaganfallpatienten das Risiko für ein weiteres Ereignis mit dem Essen-Stroke-Risk-Score in Kombination mit dem Ankle-Brachial-Index bestimmt werden. Patienten mit einem hohen oder sehr hohen Schlaganfallrisiko, die jedoch keine Herzerkrankung haben, sollten mit der Kombination Dipyridamol/ASS behandelt werden. Bei gleichzeitiger PAVK empfiehlt Diener die Gabe von Clopidogrel.

Zunehmende Schlaganfallinzidenz bei jüngeren Menschen

In den letzten vier Jahrzehnten ist die Schlaganfallinzidenz in den Hocheinkommensländern zwar um 42 % gesunken, doch es gibt Studien, die einen Anstieg der Schlaganfallinzidenz bei jüngeren Menschen (<55 Jahre) in den USA und vergleichbaren Ländern zeigen. Eine Metaanalyse mit systematischem Review untersuchte die altersspezifischen Unterschiede in den zeitlichen Trends der Schlaganfallinzidenzen.

Ergebnisse der Metaanalyse

Die Metaanalyse ergab, dass die relative Häufigkeit von Schlaganfällen bei jüngeren gegenüber älteren Patienten in Hocheinkommensländern seit Jahren ansteigt (gepoolter RTTR=1,57). Dieser Trend war bei ischämischen Schlaganfällen (RTTR 1,62) deutlicher als bei intrazerebralen Blutungen (RTTR 1,32) und Subarachnoidalblutungen (RTTR 1,54). Die Trends waren bei Männern und Frauen ähnlich, zeigten aber große Unterschiede zwischen den Zeiträumen vor und nach 2000, wobei die höchsten Raten in den Zeiträumen nach 2010 verzeichnet wurden (RTTR 1,87).

Normaldruckhydrozephalus (NPH)

Schätzungen zufolge sind etwa 60.000 Menschen in Deutschland von einem Normaldruckhydrozephalus betroffen. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) weist jedoch auf einen Mangel an evidenzbasierten Daten hin. Die idiopathische Form des NPH tritt meist um das 60. Lebensjahr herum auf, während die sekundäre Form unabhängig vom Alter auftreten kann. Je nach Studie erkranken jährlich zwischen 2 und 20 von 1 Million Einwohnern an NPH.

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Kopfschmerzen: Epidemiologie und ökonomische Bedeutung

In den letzten Jahren wurden vermehrt Daten zur Prävalenz von Kopfschmerzen vorgelegt. Kopfschmerzen gewinnen auch unter ökonomischen Aspekten zunehmend an Bedeutung. Zu den häufigsten Kopfschmerzarten gehören Migräne, Spannungskopfschmerz und trigemino-autonome Kopfschmerzsyndrome.

Epilepsie: Prävalenz, Inzidenz und Mortalität

Epilepsie ist eine häufige neurologische Erkrankung, von der in Deutschland etwa eine halbe Million Menschen betroffen sind. Prävalenz und Inzidenz der Erkrankung sind im fortgeschrittenen Alter höher als in jungen Jahren. Gleichzeitig sind im fortgeschrittenen Lebensalter diagnostische und therapeutische Unterschiede zu beachten.

Definition und Operationalisierung der Epilepsie

Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) definiert Epilepsie als eine anhaltende Prädisposition für das Auftreten epileptischer Anfälle und deren neurobiologische, kognitive, psychologische und soziale Folgen. Für epidemiologische Studien wird jedoch weiterhin die Anwendung der konservativeren Definition von mindestens zwei epileptischen Anfällen im zeitlichen Abstand von über 24 Stunden empfohlen.

Prävalenz der Epilepsie

Die Punktprävalenz der aktiven Epilepsien liegt bei ca. 6,4/1000 (95 % CI 5,6-7,3) und unterscheidet sich nach Herkunftsland, Alter und Geschlecht. In Deutschland leiden etwa 500.000 Menschen an einer Epilepsie. Die EPIDEG-Studie zeigte einen Anstieg der Prävalenz von 4,7 auf 5,5/1000 zwischen 1995 und 2010. Bei älteren Menschen (≥ 65. LJ) ist die Prävalenz mit 12,5/1000 deutlich höher als bei Kindern und Jugendlichen (< 18. LJ, 5,2/1000) und höher als bei Erwachsenen (8,9/1000).

Inzidenz der Epilepsie

In einer Metaanalyse von 48 Inzidenzstudien war die jährliche kumulative Inzidenz 67,8/100.000/Jahr. Die Inzidenzrate lag im Mittel bei 61,4/100.000 Personenjahre. Die Inzidenz zeigt einen U-förmigen Verlauf mit den höchsten Raten bei den jüngsten und ältesten Betroffenen. Bei Kindern schwankt die Inzidenz mit rund 80 bis 130/100.000/Jahr mit der höchsten Rate im ersten Lebensjahr. Nach dem 65. Lebensjahr steigt die Inzidenz aufgrund der Zunahme zerebrovaskulärer Erkrankungen, toxisch-metabolischer Prozesse, neurodegenerativer Erkrankungen, Tumoren und Schädel-Hirn-Traumata.

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Mortalität bei Epilepsie

Die Mortalität bei Epilepsie ist um den Faktor 2 bis 3 erhöht. Menschen mit Epilepsie haben ein erhöhtes Risiko für eine vorzeitige Mortalität. Die standardisierte Mortalitätsrate (SMR) liegt für Epilepsie im Mittel bei 1,6 bis 3,6 und ist für alle Altersgruppen erhöht. Häufige Todesursachen bei älteren Menschen sind Pneumonien, Neoplasien und zerebrovaskuläre Erkrankungen.

Myasthenia Gravis (MG)

Angesichts eines Mangels an aktuellen epidemiologischen Daten zur Myasthenia gravis (MG) und verwandter myasthenischer Syndrome wurden deren Prävalenz, Inzidenz und Mortalität weltweit anhand einer systematischen Übersichtsarbeit erfasst. Die Prävalenzrate einer MG lag zwischen 20 und 475 Fällen pro 1 Mio., mit einer durchschnittlichen Prävalenz von 173,3 Fällen/1 Mio. Menschen. Die Inzidenzraten betrugen zwischen 2,3 und 61,3 Fälle pro 1 Mio. Personenjahre, mit einer durchschnittlichen Inzidenz von 15,7/1 Mio. pro PJ. Die Prävalenz und Inzidenz der MG haben in den letzten Jahren weltweit erheblich zugenommen, was vor allem auf verbesserte epidemiologische Methoden und Fortschritte in der Diagnostik zurückzuführen sein könnte.

Der Globale Aktionsplan der WHO für Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird voraussichtlich im Mai ihren sektorübergreifenden Globalen Aktionsplan für Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen verabschieden. Ziel ist es, „die Versorgung, die Genesung, das Wohlbefinden und die Teilhabe von Menschen mit neurologischen Erkrankungen über den gesamten Lebensverlauf hinweg zu verbessern“.

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