Neurologische Erkrankungen stellen eine erhebliche Belastung für die Bevölkerung dar, sowohl weltweit als auch in Deutschland. Diese Erkrankungen umfassen ein breites Spektrum von Störungen des Nervensystems, darunter Demenz, Parkinson, Epilepsie, Schlaganfall und Hirntumore. Die vorliegende Analyse fasst epidemiologische Daten zu neurologischen Erkrankungen in Deutschland zusammen, um ein umfassendes Bild der Häufigkeit, Verteilung und Auswirkungen dieser Erkrankungen zu vermitteln.
Überblick über neurologische Erkrankungen in Deutschland
Eine aktuelle Studie des US-Instituts für Gesundheitsmesswerte und Evaluierung (IHME) zeigt, dass Erkrankungen des Nervensystems die Herz-Kreislauf-Erkrankungen als weltweit verbreitetste Gesundheitsprobleme abgelöst haben. Im Jahr 2021 litten mehr als 3,4 Milliarden Menschen, was 43 Prozent der Weltbevölkerung entspricht, an einer neurologischen Erkrankung. In Deutschland waren es im Jahr 2017 über 49,5 Millionen Menschen, was 59,6 % der Bevölkerung entspricht.
Diese hohe Zahl neurologisch erkrankter Menschen in Deutschland überrascht zunächst, wird aber verständlich, wenn man die verschiedenen neurologischen Krankheiten betrachtet. Die weit überwiegende Mehrzahl aller Patienten leidet an Kopfschmerzen, wobei nur die Migräne und der Spannungskopfschmerz in der Statistik erfasst werden.
Demenz und Parkinson
Demenz und Parkinson sind die beiden häufigsten neurodegenerativen Erkrankungen und wichtige Ursachen für die Krankheitslast der Bevölkerung. Die langjährige gesundheitliche und pflegerische Versorgung ist bei diesen Erkrankungen eine enorme Herausforderung. Forschende des Robert Koch-Instituts und des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) haben Daten zu Häufigkeit (Prävalenz), Trends und regionaler Verteilung der beiden Krankheitsbilder in Deutschland zwischen 2017 und 2022 veröffentlicht.
Parkinson ist nach Demenz vom Alzheimer-Typ die häufigste neurodegenerative Erkrankung. In Deutschland sind 400.000 Menschen von Parkinson betroffen. Aufgrund des demografischen Wandels mit einer zunehmend älter werdenden Bevölkerung steigt auch die Inzidenz von Parkinson.
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Kontroverse um die Parkinson-Inzidenz
Eine aktuelle Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zeigt einen Rückgang der Parkinson-Inzidenz um 30 % in den Jahren 2013-2019. Diese Ergebnisse überraschten Experten der Deutschen Gesellschaft für Parkinson und Bewegungsstörungen (DPG), die die Daten der Zi-Studie näher betrachteten und mit der internationalen Datenlage verglichen.
Die Zi-Studie beschreibt die aktuellen geschlechts- und altersspezifischen Trends sowie regionale Unterschiede in Deutschland bei Personen ab einem Alter von 50 Jahren. Datengrundlage waren pseudonymisierte Abrechnungsdaten aus den Jahren 2013-2019. In den krankenkassenübergreifende vertragsärztliche Abrechnungsdaten gemäß § 295 SGB V und Arzneiverordnungsdaten gemäß § 300 Abs. 2 SGB V wurde die Inzidenz - die Häufigkeit des Neuauftretens von Parkinson - bei Patienten erfasst, die über einen Zeitraum von mindestens vier Jahren beobachtet worden waren. Das Neuauftreten wurde anhand verschiedener Parameter bestimmt, unter anderem Diagnosestellung (ICD-Code G20) und Verordnung eines Medikamentes aus der Arzneimittelgruppe Antiparkinsonmittel (ATC-Code N04).
Die Ergebnisse zeigen einen Rückgang der Neuerkrankungen von 149 auf 112 Neuerkrankungen pro 100.000 Patienten. Dieser Rückgang war unabhängig von Alter und Geschlecht und wurde in fast allen KV-Bereichen beobachtet. Die Schlussfolgerung der Autoren: „Trotz einer fortschreitenden demografischen Alterung weist die Auswertung vertragsärztlicher Abrechnungsdaten im Alterssegment ab 50 Jahren auf einen deutlichen und deutschlandweiten Rückgang der IPS-Inzidenz [IPS = idiopathisches Parkinson-Syndrom; Anm. d. Red.] in den Jahren 2013 bis 2019 hin.“
Prof. Günter Höglinger, Direktor der Klinik für Neurologie der Medizinischen Hochschule Hannover und Vorstandsmitglied der DPG, äußerte sich zu den Ergebnissen der Zi-Studie: „Dieses Ergebnis widerspricht den bisher beobachteten steigenden Trends und der Annahme, dass sich die Zunahme der Parkinson-Risikofaktoren, allen voran das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung, weltweit weiter fortsetzt.“
Die DPG-Experten vermuten, dass verzerrte Messungen, bedingt durch veränderte Messbedingungen, als Ursache für den scheinbaren Inzidenz-Rückgang verantwortlich sein könnten. Beispielsweise könnte sich das Diagnose- und Kodierverhalten der Vertragsärzte verändert haben. Auch könnten Patienten weniger Gesundheitsleistungen in dem Sektor des Gesundheitssystems in Anspruch genommen haben, welche in der Zi-Studie untersucht wurden.
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Daten anderer Erhebungen, etwa aus der Global Burden of Disease Study, zeigen weiterhin eine hohe Parkinson-Inzidenz in Deutschland. „Wie die tatsächliche Dynamik der Inzidenz in den letzten Jahren auch sein mag, im internationalen Vergleich ist Deutschland laut den Daten der Global Burden of Disease Study weiterhin ein Land mit sehr hoher Inzidenz, die 2019 mehr als dreimal so hoch war wie der globale Durchschnitt“, so das Fazit.
ZNS-Tumoren
ZNS-Tumoren können in jedem Lebensalter auftreten. Histologisch finden sich bei Erwachsenen überwiegend vom Stützgewebe der Nervenzellen ausgehende Gliome, davon sind fast drei Viertel Glioblastome (Astrozytom Grad IV) mit ungünstiger Prognose. Im Jahr 2022 erkrankten in Deutschland etwa 3.128 Frauen und 4.176 Männer an bösartigen Tumoren des ZNS. Die relativen 5-Jahres-Überlebensraten für bösartige ZNS-Tumoren liegen für Männer bei 21 Prozent und für Frauen bei 23 Prozent.
Nicht berücksichtigt sind in diesen Zahlen histologisch gutartige ZNS-Tumoren oder solche unsicheren oder unbekannten Verhaltens, die je nach Lokalisation ebenfalls zu Komplikationen oder sogar zum Tode führen können. Für diese Diagnosen ist zusammen mit nahezu 7.000 Neuerkrankungen pro Jahr zu rechnen, von denen knapp zwei Drittel von den Hirnhäuten ausgehen.
Die Auslöser der verschiedenen Hirntumoren sind bisher weitgehend unklar. Patientinnen und Patienten mit sehr seltenen erblichen Tumorsyndromen haben ein deutlich erhöhtes Risiko, an einem Hirntumor zu erkranken. Nach einer therapeutischen Kopfbestrahlung ist das Risiko leicht erhöht, nach einer langen Latenzzeit an einem Hirntumor zu erkranken. Dies gilt insbesondere bei Bestrahlungen im Kindes- und Jugendalter. Ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Mobiltelefonnutzung und Hirntumoren ist bislang nicht belegt. Ein erhöhtes Risiko lässt sich aber auch nicht zweifelsfrei ausschließen. Insbesondere gilt dies für Menschen, die besonders lang und häufig mit einem Handy oder Smartphone telefonieren. Verwandte ersten Grades von Patientinnen und Patienten mit Hirntumoren haben ein leicht erhöhtes Risiko, selbst an einem Hirntumor zu erkranken.
Epilepsie
Epilepsie ist eine häufige neurologische Erkrankung, die allein in Deutschland etwa eine halbe Million Menschen betrifft. Prävalenz und Inzidenz der Erkrankung sind im fortgeschrittenen Alter höher als in jungen Jahren. Gleichzeitig sind im fortgeschrittenen Lebensalter diagnostische und therapeutische Unterschiede zu beachten. Die Relevanz der Kenntnis um diese Unterschiede nimmt mit der Bevölkerungsentwicklung und dem Trend alternder Gesellschaften weiter zu.
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Definition und Epidemiologie
Um die Vergleichbarkeit epidemiologischer Kennzahlen zu ermöglichen, ist eine einheitliche Definition der Epilepsie erforderlich. Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat eine konzeptionelle Definition verfasst, der zufolge eine Epilepsie durch eine anhaltende Prädisposition für das Auftreten epileptischer Anfälle und deren neurobiologische, kognitive, psychologische und soziale Folgen charakterisiert ist und mindestens einen Anfall voraussetzt. Im Kontext epidemiologischer Studien wird die Anwendung der konservativeren Definition von mindestens 2 epileptischen Anfällen im zeitlichen Abstand von über 24 h empfohlen.
Die Punktprävalenz der aktiven Epilepsien liegt bei ca. 6,4/1000 (95 % CI 5,6-7,3). Bei einem Anteil von 0,6 % der Bevölkerung (6/1000) leiden in Deutschland etwa 500.000 Menschen (von 83 Mio., Stand 2021) an einer Epilepsie. In der EPIDEG-Studie wurde 1995 erstmalig an einer repräsentativen, bundesweiten Stichprobe die Prävalenz behandelter Patienten mit Epilepsie in Deutschland erhoben und 2010 in der zweiten Studie erneut erfasst. In diesem Zeitraum stieg die Prävalenz von 4,7 auf 5,5/1000. Eine weitere Studie konnte mithilfe von Rezeptdaten in Deutschland 2009 eine Periodenprävalenz von 9,1/1000 für Medikamentenverordnungen aufgrund einer Epilepsie feststellen. Bei älteren Menschen (≥ 65. LJ) war sie mit 12,5/1000 deutlich höher als bei Kindern und Jugendlichen (< 18. LJ, 5,2/1000) und höher als bei Erwachsenen (8,9/1000).
Die Inzidenzrate, also der Anteil der neu erkrankten Personen, lag im Mittel bei 61,4/100.000 Personenjahre. Die Inzidenz zeigt einen U‑förmigen Verlauf mit den höchsten Inzidenzraten bei den jüngsten und ältesten Betroffenen. Grund für diesen zweiten Erkrankungsgipfel sind v. a. die mit dem Alter zunehmende Häufigkeit zerebrovaskulärer Erkrankungen (40 %), der mit Abstand häufigsten Ursache für Anfälle in dieser Altersgruppe, sowie toxisch-metabolischer Prozesse, neurodegenerativer Erkrankungen, Tumoren und Schädel-Hirn-Traumata.
Mortalität bei Epilepsie
Die Mortalität bei Epilepsie ist um den Faktor 2 bis 3 erhöht. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung haben Menschen mit Epilepsie ein erhöhtes Risiko für eine vorzeitige Mortalität. Die standardisierte Mortalitätsrate (SMR) liegt für Epilepsie im Mittel bei 1,6 bis 3,6 und ist für alle Altersgruppen erhöht. Sie ist abhängig von der zugrunde liegenden Erkrankung und v. a. bei konvulsiven Anfällen und fehlender Anfallsfreiheit erhöht. Häufige Todesursachen bei älteren Menschen sind v. a. Pneumonien, Neoplasien und zerebrovaskuläre Erkrankungen.
Regionale Unterschiede und Risikofaktoren
Die neurologischen Krankheitslasten sind in der Welt sehr ungleich verteilt. Am geringsten sind sie in einkommensstarken Ländern im Asien-Pazifik-Raum, etwa Japan und Südkorea, sowie Australien und Neuseeland; am größten in West- und Zentralafrika. Deutschland steht mit 3299,4 DALY und 71,7 Todesfällen pro Jahr und 100.000 Menschen deutlich besser da.
In der Studie wird auch auf mehrere beeinflussbare Risikofaktoren für potenziell vermeidbare neurologische Erkrankungen eingegangen.
Politische Implikationen und zukünftige Maßnahmen
Die Neurologie war lange Zeit ein vernachlässigtes Fachgebiet bei den Bemühungen, nicht übertragbare Krankheiten zu bekämpfen. Gründe für diese Vernachlässigung waren das geringe Wissen über die Epidemiologie neurologischer Erkrankungen und ein allgemeiner Mangel an Verständnis für Erkrankungen, die komplex und schwer zu diagnostizieren sind und für die es nur wenige Spezialisten gibt (im Vergleich zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs).
Die Gleichgültigkeit der politischen Entscheidungsträger könnte sich dem Ende zuneigen. In Europa (und anderen Regionen mit alternden Gesellschaften) kann die harte Realität der durch neurologische Krankheiten verursachten Belastung nicht länger übersehen werden. Im Mai wird die WHO voraussichtlich ihren sektorübergreifenden Globalen Aktionsplan für Epilepsie und andere neurologische Erkrankungen verabschieden, mit dem Ziel, „die Versorgung, die Genesung, das Wohlbefinden und die Teilhabe von Menschen mit neurologischen Erkrankungen über den gesamten Lebensverlauf hinweg zu verbessern“.
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