Polyneuropathien (PNP) sind generalisierte Erkrankungen des peripheren Nervensystems, die Schäden und Funktionsstörungen sensibler, motorischer und/oder vegetativer Nervenbahnen verursachen. Eine spezielle Form ist die Small-Fiber-Neuropathie (SFN), bei der vor allem die dünnen, nicht von Markscheiden umgebenen C-Fasern betroffen sind. Diese Fasern sind für die Übermittlung von Schmerzsignalen wichtig, kommen aber auch als autonome Fasern in verschiedenen Organen vor. Die Patienten leiden unter brennenden Schmerzen der Extremitäten, insbesondere in den Beinen und Füßen, oft verstärkt in der Nacht, was zu Schlafstörungen führen kann. Hinzu kommen Missempfindungen wie Hyperästhesie, bei der Berührungsreize als schmerzhaft wahrgenommen werden. Im Verlauf nimmt das Temperatur- und Schmerzempfinden ab. Auch vegetative Funktionsstörungen können auftreten.
Diagnostik und Therapie der Small-Fiber-Neuropathie (SFN)
Die Routinediagnostik mittels Nervenleitgeschwindigkeitsmessung zeigt bei der SFN Normalbefunde, da hiermit nur die markhaltigen Fasern untersucht werden können. Therapeutisch ist die SFN nicht einfach anzugehen. Mögliche Krankheitsursachen müssen behandelt werden, oft bleibt aber nur eine symptomatische Therapie der Schmerzen. Zur Schmerzbehandlung werden Antidepressiva, Epilepsie-Medikamente (Antiepileptika, Antikonvulsiva) oder topische Verfahren eingesetzt.
Rolle von Natriumkanälen und Lacosamid
Bei der SFN spielen bestimmte spannungsabhängige Natriumkanäle (meist Nav1.7) in den Zellmembranen der Nervenbahnen eine wichtige Rolle. Das Antiepileptikum Lacosamid wirkt, indem es die Natriumkanäle Nav1.3, Nav1.7 und Nav1.8 blockiert. Die LENSS-Studie untersuchte Lacosamid hinsichtlich der Schmerzbehandlung sowie Sicherheit und Verträglichkeit bei Patienten mit Nav1.7-SFN. Die Studienteilnehmer erhielten doppelblind, randomisiert für acht Wochen entweder 2 x 200 mg Lacosamid (n=12), gefolgt von acht Wochen Placebo (n=12) oder umgekehrt (erst Placebo, dann Lacosamid). Unter Lacosamid kam es bei 58,3% der Patienten zu einer Schmerzabnahme um mindestens einen Punkt auf der Schmerzskala - gegenüber 21,7% unter Placebo. Unter Lacosamid gaben 33,3% der Patienten eine Besserung ihres allgemeinen Wohlbefindens an, unter Placebo nur 4,3%. Außerdem besserte Lacosamid signifikant vorhandene Schlafstörungen. Lacosamid ist derzeit nur in speziellen Fällen als Antiepileptikum zugelassen, nicht für die Behandlung neuropathischer Schmerzen.
Pregabalin: Ein Antiepileptikum gegen Neuralgien und Angststörungen
Pregabalin ist ein Wirkstoff aus der Gruppe der Antiepileptika. Er wird zur Therapie von Epilepsie, Neuralgien und generalisierten Angststörungen eingesetzt. Pregabalin kommt bei Erwachsenen bei Epilepsie ohne sekundäre Generalisierung, peripheren und zentralen neuropathischen Schmerzen sowie generalisierten Angststörungen zum Einsatz. Das Antiepileptikum senkt im zentralen Nervensystem die neuronale Erregbarkeit. Dadurch wirkt es zugleich analgetisch, antiepileptisch, anxiolytisch und sedierend. Pregabalin ist ein Gamma-Aminobuttersäure-Analogon, das die Erregbarkeit der Neuronen im zentralen Nervensystem senkt. Es bindet an eine Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle und hemmt so die Freisetzung von Neurotransmittern wie Glutamat, Noradrenalin und des Neuropeptids Substanz P.
Pharmakokinetik und Dosierung von Pregabalin
Auf leeren Magen wird Pregabalin schnell resorbiert. Binnen einer Stunde ist die maximale Plasmakonzentration erreicht. Nach 24 bis 48 Stunden wird bei wiederholter Einnahme der Steady-State erreicht. Wird der Wirkstoff zu den Mahlzeiten eingenommen, verzögert sich die Aufnahme. Da sich die Resorptionsrate dadurch jedoch nicht ändert, kann Pregabalin unabhängig von den Mahlzeiten eingenommen werden. Der Wirkstoff wird im Körper kaum metabolisiert und unverändert renal ausgeschieden. Deshalb ist es wichtig, die Dosis bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion anzupassen. Nach knapp sechseinhalb Stunden ist bei nierengesunden Patienten die Halbwertszeit erreicht. Kapseln oder Lösung mit Pregabalin werden normalerweise zwei- bis dreimal täglich eingenommen. Dies kann unabhängig zu den Mahlzeiten erfolgen. Je nach Indikation liegt die empfohlene Dosis zwischen 150 und 600 mg.
Lesen Sie auch: Demenz und Epilepsie verstehen
Dosierung bei neuropathischen Schmerzen, Epilepsie und generalisierten Angststörungen
Bei neuropathischen Schmerzen beginnt die Therapie mit 150 mg täglich, verteilt auf zwei oder drei Einzeldosen. Je nach individuellem Ansprechen und individueller Verträglichkeit kann die Dosis nach einigen Tagen verdoppelt werden. Nach zwei Wochen kann auf 600 mg täglich erhöht werden - dies ist die maximal empfohlene Dosis. Bei Epilepsie beginnt die Therapie mit 150 mg täglich, verteilt auf zwei oder drei Einzeldosen. Je nach individuellem Ansprechen und individueller Verträglichkeit kann die Dosis nach einer Woche verdoppelt werden. Nach einer weiteren Woche kann auf 600 mg täglich erhöht werden - dies ist die maximal empfohlene Dosis. Bei generalisierten Angststörungen beginnt die Therapie mit 150 mg täglich, verteilt auf zwei oder drei Einzeldosen. Je nach individuellem Ansprechen und individueller Verträglichkeit kann die Dosis nach einer Woche verdoppelt werden. Nach einer weiteren Woche kann auf 450 mg täglich erhöht werden. Auf die maximal empfohlene Tagesdosis von 600 mg sollte erst nach Ablauf einer weiteren Woche erhöht werden.
Nebenwirkungen, Wechselwirkungen und Kontraindikationen von Pregabalin
Zu den häufigsten Nebenwirkungen unter Pregabalin-Therapie zählen Benommenheit, Schläfrigkeit und Kopfschmerzen. Weitere häufige Nebenwirkungen sind Nasopharyngitis, gesteigerter Appetit, Euphorie, Verwirrung, Reizbarkeit, Desorientierung, Schlaflosigkeit, Libidoverlust, Ataxie, Koordinationsstörungen, Tremor, Dysarthrie, Amnesie, Gedächtnisstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Parästhesie, Hypästhesie, Sedierung, Gleichgewichtsstörungen, Lethargie, verschwommenes Sehen, Diplopie, Vertigo, Erbrechen, Übelkeit, Verstopfung, Diarrhoe, Flatulenz, aufgeblähter Bauch, Mundtrockenheit, Muskelkrämpfe, Arthralgie, Rückenschmerzen, Schmerzen in den Extremitäten, zervikale Spasmen, erektile Dysfunktion, (periphere) Ödeme, Gangstörungen, Stürze, Trunkenheitsgefühl, Krankheitsgefühl, Abgeschlagenheit und Gewichtszunahme.
Weil der Wirkstoff fast nicht metabolisiert, sondern unverändert über die Nieren ausgeschieden wird, ist das Wechselwirkungspotenzial von Pregabalin vergleichsweise gering. Dennoch zeigt es Wechselwirkungen mit Lorazepam, anderen zentral dämpfenden Wirkstoffen und Opioiden. Unter Einnahme von Pregabalin sollte auf den Konsum von Alkohol verzichtet werden. Bei einer Überempfindlichkeit gegenüber Pregabalin dürfen Arzneimittel mit dem Wirkstoff nicht eingenommen werden. Frauen im gebärfähigen Alter sollten während der Therapie mit Pregabalin auf eine sichere Verhütung achten. Während der Schwangerschaft darf der Wirkstoff nicht eingenommen werden, da aus Tierversuchen eine Reproduktionstoxizität bekannt ist. Da Pregabalin in die Muttermilch übergeht, muss sorgfältig entschieden werden, ob das Stillen oder die Therapie mit dem Arzneimittel unterbrochen werden. Pregabalin kann zu Schläfrigkeit und Benommenheit führen, weshalb während der Therapie auf die Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von Maschinen verzichtet werden sollte.
Hinweise zur Anwendung von Pregabalin
Es wurden Fälle von Überempfindlichkeitsreaktionen, einschließlich Angioödemen, berichtet. Pregabalin kann Schläfrigkeit und Verwirrtheit verursachen, was insbesondere bei älteren Patienten zu Sturzverletzungen führen kann. Unter Pregabalin-Behandlung können Sehprobleme auftreten. Es wurden Fälle von reversiblen Nierenversagen berichtet. Nach dem Absetzen von Pregabalin können Entzugssymptome auftreten. Es gab Berichte über Herzinsuffizienz bei einigen Patienten, die Pregabalin erhielten, besonders bei älteren Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen. Einige Patienten, die mit Antiepileptika, einschließlich Pregabalin, behandelt wurden, berichteten über suizidale Gedanken und Verhalten. Fälle von verringerter Funktionalität des unteren Gastrointestinaltrakts wurden berichtet, besonders wenn Pregabalin zusammen mit Medikamenten eingenommen wurde, die zu Verstopfung führen können, wie Opioidanalgetika. Es wurden Fälle von Missbrauch und Abhängigkeit von Pregabalin berichtet.
Gabapentin: Ein weiteres Antiepileptikum bei Neuropathien
Gabapentin ist ein Antiepileptikum (Antikonvulsivum) und wird zur Behandlung von Anfallsleiden wie der Epilepsie sowie bei Nervenschmerzen (Neuropathien) angewendet. Gabapentin ist strukturell mit dem Neurotransmitter GABA (Gammaaminobuttersäure) verwandt und verhindert die unkontrollierte Erregung der Nervenzellen im Gehirn und erhöht so die Krampfschwelle. Der zugrunde liegende Mechanismus ist noch nicht vollständig geklärt.
Lesen Sie auch: Parkinson-Medikamente: Was Sie beachten müssen
Dosierung und Anwendung von Gabapentin
Erwachsene und Jugendliche (ab 12 Jahren) beginnen mit 300 mg am ersten Tag, steigerbar in 300-mg-Schritten alle 2 bis 3 Tage bis maximal 3.600 mg/Tag. Kinder (6 bis 12 Jahre) beginnen mit 10 bis 15 mg/kg/Tag, Aufdosierung über 3 Tage bis zu einer wirksamen Dosis von 25 bis 35 mg/kg/Tag. Magnesium- oder Aluminiumhaltigen Antazida reduzieren die Bioverfügbarkeit von Gabapentin. Es liegen keine hinreichenden Daten für die Verwendung von Gabapentin bei Schwangeren vor. Gabapentin wird in die Muttermilch ausgeschieden. Bei der semiquantitativen Bestimmung von Gesamteiweiß im Urin mittels Teststreifenverfahren kann es zu falsch-positiven Ergebnissen kommen.
Carbamazepin: Ein Mittel gegen Epilepsie und neuropathische Schmerzen
Carbamazepin gehört zu den wichtigsten Mitteln gegen Epilepsie. Es wird jedoch auch bei anderen Krankheitsbildern wie neuropathischen Schmerzen eingesetzt. Carbamazepin kann mit vielen anderen Medikamenten in Wechselwirkung treten. Carbamazepin senkt als Antiepileptikum die Übererregbarkeit der Nervenzellen, indem es bestimmte Ionenkanäle in den Zellmembranen blockiert. Das senkt die Gefahr eines epileptischen Anfalls. Übererregbare (geschädigte) Nerven sind auch die Ursache von neuropathischen Schmerzen (Nervenschmerzen) wie der Trigeminusneuralgie. Auch hier wirkt sich die Blockade der Ionenkanäle durch Carbamazepin positiv aus.
Anwendung und Dosierung von Carbamazepin
Carbamazepin wird in Form von Tabletten, Tabletten mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (Retard-Tabletten) und Säften angewendet. Das Medikament wird normalerweise mit viel Flüssigkeit (am besten einem großen Glas Wasser) zu oder nach dem Essen eingenommen.Die Dosierung wird individuell für jeden Patienten festgelegt. In der Regel beginnt man mit 200 Milligramm täglich. In der Folge kann die Dosis langsam auf bis zu 1200 Milligramm gesteigert werden. Kinder, Jugendliche, ältere Patienten, Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen und solche mit Nieren- oder Leberfunktionsstörungen erhalten eine niedrigere Dosis. Der Arzt sollte gerade in der Anfangsphase den Behandlungserfolg intensiv kontrollieren, um mit dem Patienten gemeinsam die passende Dosis zu finden. Gerade zu Beginn der Therapie können dafür häufigere Serumspiegel-Kontrollen notwendig sein.
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen von Carbamazepin
Sehr häufig kann Carbamazepin Nebenwirkungen in Form von Schwindel und Müdigkeit auslösen. Häufig kommt es zu allergischen Reaktionen, Veränderungen des Blutbildes und der Leberfunktion, Verringerung der Blutsalze und Magen-Darm-Problemen. Gelegentlich ruft Carbamazepin unwillkürliche Bewegungen, Nieren- oder Herzfunktionsstörungen, Kopfschmerzen und Verwirrtheit hervor. Noch seltener entwickeln sich Sehstörungen und Sprechstörungen.
Carbamazepin darf nicht eingenommen werden bei: Überempfindlichkeit gegenüber dem Wirkstoff oder einen der anderen Bestandteile des Medikaments, Knochenmarksschädigung, bestimmter Herzrhythmusstörung (AV-Block), bestimmter Blutbildstörung (akute intermittierende Porphyrie), gleichzeitiger Einnahme von Voriconazol oder MAO-Hemmern.
Lesen Sie auch: MS-Medikamente im Detail erklärt
Wechselwirkungen und wichtige Hinweise zu Carbamazepin
Carbamazepin ist sehr anfällig für Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten. Es ist ein intensiver Induktor von CYP3A4. Carbamazepin kann Nebenwirkungen wie Schwindel, Benommenheit und Müdigkeit auslösen. Deshalb raten Experten zu Beginn der Therapie davon ab, aktiv am Straßenverkehr teilzunehmen oder schwere Maschinen zu bedienen. Bei Kindern unter sechs Jahren darf der Wirkstoff Carbamazepin nur nach strenger Nutzen-Risiko-Abwägung eingesetzt werden. Carbamazepin kann dem Ungeborenen schaden, weshalb schwangere Frauen mit Epilepsie möglichst auf ein anderes Antiepileptikum (z.B. Lamotrigin) umgestellt werden sollten.
Alternative Behandlungsoptionen
Einige alternative Behandlungsoptionen, die je nach der spezifischen Erkrankung und den individuellen Umständen des Patienten in Betracht gezogen werden können umfassen:
- Gabapentin: ein Antikonvulsivum, das häufig zur Behandlung von Nervenschmerzen und bestimmten Anfallsarten eingesetzt wird.
- Duloxetin: ein selektiver Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer (SNRI), der zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen und Fibromyalgie eingesetzt werden kann.
- Amitriptylin: ein trizyklisches Antidepressivum, das zur Behandlung von chronischen Schmerzen angewendet werden kann.
- Carbamazepin: ein Antikonvulsivum, das zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen und bestimmten Anfallsarten verwendet werden kann.
tags: #epielepsie #medikamente #bei #neuropathie