Das Schädelhirntrauma (SHT) stellt eine bedeutende medizinische und sozioökonomische Herausforderung dar. In Deutschland wurden im Jahr 2019 über 225.000 Patienten aufgrund eines SHT stationär behandelt. Obwohl einzelne Aspekte wie Demenz, Epilepsie und psychoorganische Störungen nach einem SHT untersucht wurden, fehlen systematische Betrachtungen zu den Folgeerkrankungen. Ein Polytrauma, oft verursacht durch Verkehrsunfälle, Stürze oder Gewalteinwirkung, kann ebenfalls zu schweren Schädel-Hirn-Verletzungen führen und das Risiko für Folgeerkrankungen erhöhen.
Schädel-Hirn-Trauma: Definition und Ursachen
Unter einem Schädel-Hirn-Trauma versteht man eine Verletzung des Schädels und des Gehirns, die mit einer Funktionsstörung oder strukturellen Schädigung des Gehirns einhergeht. Ursächlich sind in etwa der Hälfte der Fälle Verkehrsunfälle, die Auto-, Motorrad- sowie Fahrradfahrer und Fußgänger betreffen können. Jährlich erleiden in Deutschland etwa 300 von 100.000 Einwohnern ein Schädel-Hirn-Trauma, was etwa 250.000 Fällen pro Jahr entspricht.
Arten von Schädel-Hirn-Traumata
Man unterscheidet grob zwischen einem geschlossenen und einem offenen Schädel-Hirn-Trauma. Bei der geschlossenen Form ist die harte Hirnhaut (Dura mater), die das Gehirn schützt, durch das Trauma nicht verletzt. Früher wurde das Schädel-Hirn-Trauma in Gehirnerschütterung (Commotio cerebri), Gehirnprellung (Contusio cerebri) und Gehirnquetschung (Compressio cerebri) unterteilt, wobei die Dauer der Bewusstlosigkeit ein Kriterium war. Heutzutage wird das Schädel-Hirn-Trauma anhand der Glasgow Coma Scale (GCS) eingeteilt, die Motorik, Sprachproduktion und das Öffnen der Augen beurteilt. Die Punktwerte reichen von 3 (schlechtester Wert) bis 15 (bester Wert).
Die WHO teilt ein leichtes Schädel-Hirn-Trauma nach einer qualitativen Bewusstseinsstörung (z. B. Verwirrung oder Desorientierung), nur einer kurzen Dauer der Bewusstlosigkeit unter 30 Minuten und einer posttraumatischen Amnesie (fehlendes Erinnerungsvermögen) unter 24 Stunden ein. Bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma zeigen sich keine äußeren Verletzungszeichen oder weitere neurologische Defizite oder Symptome wie Erbrechen oder Übelkeit.
Häufigkeit und Risikogruppen
Das leichte Schädel-Hirn-Trauma ist mit ca. 85 % am häufigsten vertreten, während die mittel-schwere und schwere Form jeweils ca. 5 - 10 % ausmachen. Es gibt drei Häufigkeitsgipfel: in der frühen Kindheit, in der späten Jugend bis ins frühe Erwachsenenalter und bei älteren Menschen über 75 Jahre. Bei Unfällen mit schweren Schädel-Hirn-Traumata sind häufig mehrere Organsysteme betroffen, was als Polytrauma bezeichnet wird.
Lesen Sie auch: Kann ein Anfall tödlich sein?
Auswirkungen eines Schädel-Hirn-Traumas auf das Gehirn
Ein Schädel-Hirn-Trauma kann verschiedene Auswirkungen auf das Gehirn haben, darunter direkte Gehirnverletzungen, Einblutungen in die Hirnhäute oder in das Gehirn selbst, Minderdurchblutungen des Gehirns, Hirnschwellungen und vieles mehr. In den meisten Fällen wird eine Bildgebung des Kopfes veranlasst, um diese Verletzungen zu erkennen.
Hypophyseninsuffizienz nach SHT
Gehirnverletzungen können zu Verletzungen der Hirnanhangdrüse (Hypophyse) führen, was eine Hypophyseninsuffizienz zur Folge haben kann. Dies bedeutet, dass die Hirnanhangdrüse ihre Hormone nicht mehr in ausreichender Menge produzieren und freisetzen kann. Symptome können beispielsweise depressive Stimmungslage, allgemeine Schwäche und Muskelabbau sein.
Diagnostik bei Verdacht auf Hypophyseninsuffizienz
Aufgrund der überlappenden Symptomatik zwischen den Folgen einer Gehirnverletzung und einer Hypophyseninsuffizienz ist eine weiterführende Diagnostik bei dem Verdacht auf einen Hormonausfall sinnvoll. In der Bildgebung sind Veränderungen der Hypophyse nur in der Magnetresonanztomographie (MRT) erkennbar. Orientierend können einzelne Hormone morgens im nüchternen Zustand aus dem Blut bestimmt werden.
Hormonelle Veränderungen nach SHT
Bis zu 27,5 % der Menschen erleiden nach einem mittelschweren bis schweren Schädel-Hirn-Trauma eine Hormonveränderung. Am häufigsten treten isolierte Partialinsuffizienzen auf. Wurde eine Hypophyseninsuffizienz diagnostiziert, kann der Hormonmangel durch eine Substitutionstherapie ausgeglichen werden.
Posttraumatische Epilepsie: Definition und Einteilung
Posttraumatische epileptische Anfälle gehören zu den häufigsten Komplikationen eines Schädel-Hirn-Traumas (SHT). Epileptische Anfälle als Folge eines SHT werden in 2 Kategorien eingeteilt: frühe und späte posttraumatische Anfälle. Die zeitliche Grenze liegt bei 7 Tagen. Innerhalb der Frühanfälle (< 7 Tage nach Trauma) können noch die sog. „Immediatanfälle“ („immediate posttraumatic seizures“ - innerhalb von 24 h nach Trauma) gesondert hervorgehoben werden. Der Begriff posttraumatische Epilepsie wird angewendet, wenn es zu ≥ 2 unprovozierten posttraumatischen Anfällen kommt.
Lesen Sie auch: Cortison-Therapie bei Epilepsie im Detail
Pathophysiologische Mechanismen
Die pathophysiologischen Mechanismen, die zum Auftreten der Früh- bzw. Spätanfälle führen, sind unterschiedlich. Während die Frühanfälle Begleiterscheinung der unmittelbaren zytotoxischen und neuroinflammatorischen Prozesse nach Trauma darstellen, werden posttraumatische Spätanfälle als Ausdruck eines bereits etablierten exzitatorisch-inhibitorischem Missverhältnisses sowie einer multifaktoriell bedingten und bereits eingeleiteten Epileptogenese angesehen.
Risikofaktoren für posttraumatische Epilepsie
Wichtige Risikofaktoren für das Auftreten einer posttraumatischen Epilepsie sind der Schweregrad des Traumas, das Auftreten eines Frühanfalls und der Nachweis eines subduralen Hämatoms. Traumen, die mit intrazerebraler Blutansammlung einhergehen, erhöhen zudem das Risiko posttraumatischer Spätanfälle.
Klinisches Bild, Verlauf und Prognose
Patienten mit posttraumatischer Epilepsie bzw. Spätanfällen haben zumeist fokal eingeleitete Anfälle mit oder ohne Übergang zu bilateral tonisch-klonischen Anfällen. Das klinische Bild ist letztlich v. a. abhängig von der Lokalisation eventueller traumatisch bedingter Läsionen.
Prävention und Therapie
In den Leitlinien wird empfohlen, Phenytoin innerhalb der ersten 7 Tage nach SHT einzusetzen, um das Auftreten von Frühanfällen zu reduzieren. Der Einsatz von Phenytoin oder anderer antiepileptischer Präparate als Prävention vor Spätanfällen wird nicht empfohlen. Bei Auftreten von Frühanfällen können Antikonvulsiva eingesetzt werden, wobei die Therapie nur wenige Wochen dauern sollte.
Polytrauma: Definition und Ursachen
Von einem Polytrauma spricht man, wenn durch ein Unfallereignis mehrere Körperregionen oder Organsysteme so schwer verletzt werden, dass die Betroffenen in akute Lebensgefahr geraten. Häufig sind bei einem Polytrauma der Schädel, der Brustkorb, das Becken oder die großen Röhrenknochen betroffen. Die Schwere eines Polytraumas wird anhand verschiedener Skalen bemessen, etwa der Injury Severity Score (ISS). Entscheidend ist jedoch vor allem, wie die Verletzungen zusammenwirken und welche Komplikationen drohen.
Lesen Sie auch: Ein umfassender Leitfaden zur idiopathischen generalisierten Epilepsie
Folgen eines Polytraumas
Die Folgen eines Polytraumas sind meist dramatisch und betreffen alle Lebensbereiche der Patienten. Neben den akuten Verletzungen drohen oft bleibende körperliche Beeinträchtigungen wie Lähmungen, chronische Schmerzen oder der Verlust von Gliedmaßen. Auch die beruflichen und finanziellen Auswirkungen eines Polytraumas sind meist gravierend.
Rechtliche Ansprüche bei Polytrauma
Patienten, die durch einen Unfall oder einen ärztlichen Behandlungsfehler ein Polytrauma erleiden, haben in der Regel umfangreiche Ansprüche auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Um Ansprüche erfolgreich durchzusetzen, ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen.
Fallbeispiel: Treppensturz mit schweren Folgen
Ein Fallbeispiel verdeutlicht die Komplexität von Schädel-Hirn-Traumata und ihren Folgen: Eine Patientin erlitt vor zwei Jahren einen Treppensturz unklarer Ursache mit schweren Gesichts-Schädeltrümmerfrakturen, SHT und traumatischen Subarachnoidalblutungen. Es folgten zahlreiche Operationen und neurologische Beeinträchtigungen wie Doppelbilder, Gangstörungen, Faszialisparese, Gedächtnislücken und Orientierungsstörungen. Die Patientin entwickelte eine fehlende Selbsteinschätzung und legte den Verkehr lahm, was zu weiteren neurologischen Untersuchungen führte. Nach einer Traumatherapie erfuhr sie eine Verbesserung in vielen Bereichen, muss aber lernen, die verbleibenden Einschränkungen in ihr Leben zu integrieren.
Herausforderungen und Fragen der Patientin
Die Patientin hat weiterhin mit verschiedenen Problemen zu kämpfen, darunter Verwirrtheit an neuen Orten, Aussetzer (die als Epilepsie eingestuft wurden), Doppelbilder, Akkomodationsspasmus, Narben in den Gefäßen durch die Hirnblutungen und ein immer wiederkehrendes Entropium. Sie stellt Fragen zu diesen Problemen und sucht nach Lösungen.
Diagnostik und Behandlung von Schädel-Hirn-Verletzungen
Die Prävention und Versorgung von Schädelhirnverletzungen hat in Mitteleuropa einen hohen Standard erreicht. Trotzdem bleibt die Schädelhirnverletzung eine der Hauptursachen für Invalidität und Tod. Neurologische Symptome sind vielfältig und reichen von Benommenheit und Konzentrationsstörungen über Erbrechen und Krampfanfälle bis hin zu Lähmungen und tiefer Bewusstlosigkeit.
Akutversorgung und Diagnostik
Bei Verdacht auf ein Schädel-Hirn-Trauma wird der neurologische Status am Unfallort erfasst und die anfängliche Bewusstseinslage nach dem Glasgow Coma Score (GCS) dokumentiert. In der Klinik wird zunächst geprüft, ob Blutungen und Knochenverletzungen vorliegen. Um eine Schädigung des Gehirns auszuschließen, wird eine Computer-Tomogramm (CT) des Schädels angefertigt. Bei schweren Schädel-Hirnverletzungen wird die Magnetresonanztomographie (MRT) zur Diagnose von Schädigungen, Quetschungen und Durchblutungsstörungen eingesetzt.
Überwachung und Behandlung auf der Intensivstation
Patienten mit einer Schädelhirnverletzung erhalten eine kontinuierliche Überwachung von Herzfrequenz, Blutdruck und Temperatur. Bei einer Schwellung des Gehirns kann eine Hirndrucksonde implantiert werden. Als Alternative hat sich die dekompressive Kraniektomie entwickelt.
Rehabilitation und Langzeitfolgen
Nach dem Aufenthalt auf einer Intensivstation findet die Behandlung auf einer Station für Frührehabilitation statt. Hirnorganische Schäden können auch die Persönlichkeit der betroffenen Menschen stark verändern. Für die Genesung der Hirnpatienten und das Wiedererlangen von Hirnleistungen ist eine multiprofessionelle Zusammenarbeit erforderlich. Zudem konnte gezeigt werden, dass auch endokrine Störungen durch Verletzungen der Hypophyse häufiger auftreten als bei der Vergleichsgruppe.
tags: #epilepsie #bei #z #n #polytrauma