Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Hunden, einschließlich Hütehunden. Sie kann für Tierbesitzer eine beängstigende Diagnose sein, da sie sich in verschiedenen Formen manifestieren und die Lebensqualität des Hundes erheblich beeinträchtigen kann. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über Epilepsie bei Hütehunden, einschließlich Ursachen, Symptome, Diagnose und Behandlungsmöglichkeiten.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist durch wiederholte Fehlfunktionen des Großhirns gekennzeichnet, bei denen das Gleichgewicht zwischen elektrischer Ladung und Entladung der Nervenzellen vorübergehend gestört ist. Aus dem Nichts geben dabei ganze Neuronenverbände gleichzeitig unkontrolliert Stromstöße ab. Das Großhirn reagiert auf die überschießende elektrische Aktivität mit einem epileptischen Anfall.
Ursachen von Epilepsie bei Hütehunden
Epilepsie bei Hunden kann verschiedene Ursachen haben, die grob in drei Kategorien eingeteilt werden:
- Idiopathische Epilepsie (genetische Epilepsie): Dies ist die häufigste Form der Epilepsie bei Hunden. Die Ursache ist unbekannt, aber es wird vermutet, dass sie genetisch bedingt ist. Bei dieser Form treten die ersten Anfälle meist zwischen dem ersten und dritten Lebensjahr auf. Einige Rassen weisen eine höhere Prävalenz auf, was auf eine genetische Veranlagung hindeutet.
- Strukturelle Epilepsie (sekundäre symptomatische Epilepsie): Diese Form der Epilepsie wird durch andere Erkrankungen des Gehirns verursacht, wie z. B. Hirntumore, Schädel-Hirn-Trauma, Hirnhautentzündung oder Hirnblutungen. Sie kann in jedem Alter beginnen.
- Metabolische Epilepsie: Diese Form der Epilepsie wird durch Stoffwechselstörungen verursacht, wie z. B. Leber- oder Nierenerkrankungen, Unterzuckerung oder Veränderungen der Blutsalze.
Symptome von Epilepsie bei Hütehunden
Epileptische Anfälle können sich auf unterschiedliche Weise äußern. Die Symptome hängen von der Art des Anfalls ab:
- Generalisierte Anfälle (Grand-Mal-Anfälle): Dies ist die häufigste und dramatischste Form des Anfalls. Sie ist gewissermaßen der spontane Overload im Kopf, mit einer Symptomatik, wie sie die meisten mit dem Begriff der Epilepsie verbinden. Dem Anfall gehen manchmal kurzzeitige Verhaltensveränderungen voraus, die als Aura bezeichnet werden. Epilepsie-erfahrene Tierbesitzer werden dadurch zeitnah vor dem drohenden Anfall gewarnt. Schlagartig setzt dann der Anfall ein. Entweder eingeleitet durch starke Muskelzuckungen, oder direkt durch Krämpfe und Bewusstseinsstörungen, die zum Sturz des Tieres führen. Während des Anfalls kann der Hund das Bewusstsein verlieren, krampfen, speicheln, urinieren oder Kot absetzen. Diese Krämpfe können so heftig sein, dass sogar knöcherne Strukturen geschädigt werden. Muskelrisse, selbst Sehnenabrisse kommen vor. Ein Grand-Mal ist typisch für die generalisierte idiopathische Epilepsie und tritt bei der erworbenen symptomatischen Form meist erst mit fortschreitender Erkrankung auf. Schaltet das Gehirn nach einem Anfall nicht innerhalb von fünf Minuten zurück auf Normalbetrieb, oder reiht sich Anfall an Anfall ohne Pause, kommt es zum gefürchteten Status epilepticus. Grundsätzlich kann dieser bei allen Formen auftreten. Insbesondere die ununterbrochene Kette von Grand-Mal-Anfällen ist verbunden mit dem Risiko eines vollständigen Zusammenbruchs aller Funktionen. Der Status epilepticus muss medikamentös unterbrochen werden.
- Fokale Anfälle (partielle Anfälle): Bei dieser Form des Anfalls ist nur ein Teil des Gehirns betroffen. Die Symptome können variieren, je nachdem, welcher Bereich des Gehirns betroffen ist. Sie können sich im Zucken der Lefzen, einer Gliedmaße oder einzelner Muskeln äußern. Es kann auch zu Verhaltensänderungen kommen, wie z. B. Unruhe, Verwirrung oder Starren. Weniger deutlich und für Laien manchmal nicht als epileptischer Anfall erkennbar ist ein Petit-Mal-Anfall. Ihm fehlen die heftigen motorischen Symptome des Grand-Mal-Geschehens. Meist handelt es sich nur um kurzzeitige Bewußtseinstrübungen (Absencen) wie sekundenlanges Verharren ohne Ansprechbarkeit, Leerkauen, imaginäres Fliegenschnappen, Drehbewegungen des Kopfes, erhöhte Gesichtsmotorik. Verhalten, das meist kopfschüttelnd als Schrulligkeit abgetan wird, manchmal als belustigendes Filmchen im Internet landet.
- Aura: Dem eigentlichen Anfall geht oft eine Aura voraus, eine Phase von Verhaltensänderungen, die dem Besitzer signalisieren, dass ein Anfall bevorsteht. Die Patienten sind Minuten bis Stunden vor dem Anfall unruhig, lecken die Lippen, sie speicheln und urinieren vermehrt. Manche Tiere ziehen sich zurück oder suchen die Nähe ihrer Menschen.
- Postiktale Phase: Nach dem Anfall befindet sich der Hund in der postiktalen Phase, einer Erholungsphase, die von wenigen Minuten bis zu mehreren Stunden dauern kann. Während dieser Zeit kann der Hund desorientiert, müde, unkoordinert oder ungewöhnlich hungrig oder durstig sein.
Diagnose von Epilepsie bei Hütehunden
Die Diagnose von Epilepsie bei Hunden basiert in der Regel auf der Anamnese (Krankengeschichte) des Hundes, einer neurologischen Untersuchung und dem Ausschluss anderer möglicher Ursachen für die Anfälle.
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- Anamnese: Der Tierarzt wird den Besitzer nach der Häufigkeit, Dauer und Art der Anfälle befragen, sowie nach anderen relevanten Informationen, wie z. B. Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahme. Die Halter müssen nicht nur konsequent die Tabletten verabreichen, sondern sollten auch eine Art Anfalls-Tagebuch führen. zunehmender Anfallsfrequenz und -schwere (z.B.
- Neurologische Untersuchung: Der Tierarzt wird den Hund neurologisch untersuchen, um festzustellen, ob neurologische Defizite vorliegen.
- Blut- und Urinuntersuchungen: Blut- und Urinuntersuchungen können helfen, Stoffwechselstörungen oder andere Erkrankungen auszuschließen, die Anfälle verursachen können.
- Bildgebende Verfahren: In einigen Fällen können bildgebende Verfahren wie MRT (Magnetresonanztomographie) oder CT (Computertomographie) erforderlich sein, um strukturelle Veränderungen im Gehirn zu identifizieren, wie z. B. Tumore oder Entzündungen.
Behandlung von Epilepsie bei Hütehunden
Die Behandlung von Epilepsie bei Hunden zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Schwere der Anfälle zu reduzieren. Da genetische Epilepsien nicht heilbar sind, können wir nur im Rahmen einer medikamentösen Dauertherapie versuchen, die Anfälle zu kontrollieren und abzuschwächen. Dabei arbeiten wir eng mit den Tierbesitzern zusammen.
- Medikamentöse Behandlung: Die meisten Hunde mit Epilepsie werden mit Antiepileptika behandelt. Diese Medikamente helfen, die elektrische Aktivität im Gehirn zu stabilisieren und Anfälle zu verhindern. Es gibt verschiedene Antiepileptika, und der Tierarzt wird das am besten geeignete Medikament für den jeweiligen Hund auswählen. Es ist wichtig zu beachten, dass jeder Hund anders reagieren kann und es möglicherweise mehrere Versuche und Anpassungen der Dosierung benötigt. Die Wirksamkeit der Medikamente kann variieren, aber in vielen Fällen kann eine Therapie zu einer deutlichen Reduktion der Anfälle oder sogar zu einer Anfallsfreiheit führen.
- Alternative Behandlungsmethoden: Neben der konventionellen medikamentösen Behandlung gibt es auch alternative Behandlungsmethoden, die bei Epilepsie eingesetzt werden können. Sie bieten gute Therapiemöglichkeiten, sowohl als alleinige Behandlungsform wie auch begleitend zur Schulmedizin. Eine erfolgreiche alternativmedizinische Behandlung von epileptischen Anfällen hat sehr selten Nebenwirkungen. Möglich ist aber eine erhöhte Anfallsneigung zu Beginn der Behandlung, was belastend sein kann. Keine der Behandlungsmethoden garantiert eine hundertprozentige Symptomfreiheit. Doch längere Pausen zwischen den Anfällen, verbunden mit einer Verringerung der Anfall bedingten Verletzungsgefahr, vor allem aber der Folgeschäden im Gehirn, sind schon ein Erfolg.
- Ketogene Diät: In der Humanmedizin wird begleitend zuweilen eine „ketogene Diät“ empfohlen, die zur vorübergehenden Anfallsfreiheit führen kann. Bei dieser Ernährung wird der Fettanteil erhöht und der Kohlenhydrat- und Eiweißanteil verringert. Beim Menschen hat sich eine ketogene Diät bei Patienten bewährt, die an einfachen fokalen Anfällen leiden. Bei Tieren ist dies sehr kritisch zu bewerten und kann insbesondere bei Katzen zu erheblichen Problemen bis hin zur Provokation von Anfällen führen.
Management von Epilepsie bei Hütehunden
Neben der medizinischen Behandlung gibt es auch eine Reihe von Maßnahmen, die Tierbesitzer ergreifen können, um das Leben ihres Hundes mit Epilepsie zu verbessern:
- Anfalls-Tagebuch führen: Es ist hilfreich, ein Anfalls-Tagebuch zu führen, in dem die Häufigkeit, Dauer und Art der Anfälle sowie mögliche Auslöser notiert werden.
- Stress reduzieren: Stress kann Anfälle auslösen. Daher ist es wichtig, Stressoren im Leben des Hundes zu minimieren.
- Sichere Umgebung schaffen: Um Verletzungen während eines Anfalls zu vermeiden, sollte der Hund sich in einer sicheren Umgebung aufhalten, in der er sich nicht verletzen kann.
- Ruhe bewahren: Während eines Anfalls ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Hund nicht zu berühren oder zu bewegen, es sei denn, er befindet sich in Gefahr.
- Tierarzt kontaktieren: Wenn ein Anfall länger als fünf Minuten dauert oder sich die Anfälle schnell wiederholen, sollte sofort ein Tierarzt kontaktiert werden.
Epilepsie und MDR1-Defekt bei Hütehunden
Einige Hütehunderassen, wie z. B. Australian Shepherds, können einen MDR1-Defekt aufweisen. Dieser Defekt kann die Empfindlichkeit gegenüber bestimmten Medikamenten erhöhen, einschließlich einiger Antiepileptika. Es ist wichtig, dass Tierbesitzer ihren Tierarzt über den MDR1-Status ihres Hundes informieren, damit die Medikamente entsprechend angepasst werden können. Es besteht kein direkter Zusammenhang zwischen Epilepsie und MDR1-Defekt, aber Hunde mit MDR1-Defekt können empfindlicher auf bestimmte Medikamente reagieren, die zur Behandlung von Epilepsie eingesetzt werden.
Verhaltensänderungen bei Hunden mit Epilepsie
Epilepsie kann auch Verhaltensänderungen bei Hunden verursachen. Diese Veränderungen können auf die Epilepsie selbst oder auf die Medikamente zur Behandlung der Epilepsie zurückzuführen sein. Es wurden eine Reihe an Wesensveränderungen bzw. Störungen bei an Epilepsie erkrankten Hunden identifiziert, die untenstehend aufgelistet werden. Beobachtete Wesensveränderungen sind Zwangsstörungen, stärkere Zuneigung, Unaufmerksamkeit. Anders als bei der Ängstlichkeit konnten die Autor:innen sowohl einen stärkeren Trennungsstress als auch eine vermehrte Anhänglichkeit konkreten Anfangsstadien zuordnen. Zugleich kann das immer wieder und unermüdliche Jagen eines Balles oder einer Frisbee, das ebenfalls mit einer hohen Persistenz gezeigt wird, dazugehören.
Leben mit einem Hütehund mit Epilepsie
Obwohl die Diagnose Epilepsie beängstigend sein kann, können die meisten Hunde mit Epilepsie mit der richtigen Behandlung und dem richtigen Management ein gutes Leben führen. Es ist wichtig, eng mit dem Tierarzt zusammenzuarbeiten, um einen individuellen Behandlungsplan zu entwickeln und die Anfälle des Hundes zu kontrollieren. Mit Geduld, Engagement und der richtigen Unterstützung können Hunde mit Epilepsie ein erfülltes und glückliches Leben führen.
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Fallbeispiel Charly:
Charly ist ein Hütehund-Mix, der seit vier Jahren im Public Shelter von Baia Mare lebt. Sie hat Epilepsie, ist aber medikamentös gut eingestellt. Charly braucht ein Zuhause auf dem Land mit einem großen, sicher eingezäunten Garten, in dem sie sich frei bewegen kann. Spaziergänge in ruhiger Umgebung, sanfte Ansprache und viel Geduld sind der Schlüssel zu ihrem Herzen. Charly hat noch nie erfahren, wie es ist, ein eigenes Zuhause zu haben, wo sie geliebt, gefördert und verstanden wird. Es ist nie zu spät, einem Hund wie ihr diese Chance zu schenken.
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