Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, von der bis zu 14 % der Frauen und 8 % der Männer in Deutschland betroffen sind. Sie kann die Lebensqualität erheblich beeinträchtigen. Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die verschiedenen Aspekte der Migränebehandlung durch Neurologen.
Was ist Migräne?
Migräne ist eine Erkrankung des Gehirns, bei der es zu einer spontanen Aktivierung von Nervenzellen kommt, die von den Patient:innen als Schmerzen mit mittlerer bis schwerer Stärke wahrgenommen werden. Typisch sind pulsierende, klopfende, hämmernde seitenbetonte Schmerzen des Kopfes, die durch körperliche Bewegung verstärkt werden und ohne Behandlung 4 - 72 Stunden anhalten. Dazu bestehen Zusatzsymptome wie eine Überempfindlichkeit gegenüber Licht und/oder Geräuschen, seltener eine abnormale Geruchsempfindlichkeit sowie Übelkeit bis zu Erbrechen. Die Migräne ist oft genetisch vererbt.
Episodische und chronische Migräne
Es gibt zwei Hauptformen der Migräne:
- Episodische Migräne: Weniger als 15 Kopfschmerztage pro Monat.
- Chronische Migräne: An 15 oder mehr Tagen Kopfschmerzen bestehen und davon mindestens 8 Tage einer Migräne entsprechen.
Ursachen und Auslöser
Bis heute sind die Ursachen für Migräne weitestgehend unbekannt, jedoch konnten durch den medizinischen Fortschritt innerhalb der letzten Jahre die Auslöser für die Beschwerden bestimmt werden. Diese Auslöser werden als Trigger bezeichnet und divergieren von Person zu Person.
Vor allem Stress, Schlafmangel oder ein unregelmäßiger Tagesrhythmus können als Ursache identifiziert werden. Des Weiteren haben Frauen z.T. vor der Menstruation Migräneattacken oder auch nachdem im Laufe eines Tages zu wenig getrunken wurde (Volumenmangel). Andere Triggerfaktoren sind beispielsweise in Wetterumschwüngen oder in der Einnahme bestimmter Medikamente zu sehen. Insgesamt muss hervorgehoben werden, dass die spezifischen Gehirnvorgänge, die Migräne auslösen, bis zum heutigen Tag noch nicht komplett erforscht wurden. Dennoch scheinen nach wissenschaftlichen Erkenntnissen bei Betroffenen aus Hannover bestimmte Nervennetze übermäßig gereizt zu sein, sodass es auch zu einer Veränderung des Stoffwechsels durch den Botenstoff Serotonin kommen kann. Es kommt zur Reizung der Wände der Blutgefäße im Gehirn, sodass die Personen aus Hannover letztlich von neurovaskulären Entzündungen bzw. betroffen sind.
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Diagnose
Bei wiederkehrenden Kopf- und Gesichtsschmerzen, die den Alltag beeinträchtigen, sollte zuerst eine fachärztliche Vorstellung in einer neurologischen Praxis erfolgen.
Die Diagnose einer Migräne kann hauptsächlich über die Anamnese gestellt werden. Häufig werden aber apparative und laborchemische Verfahren eingesetzt, um andere Ursachen für die Kopfschmerzen zu erfassen bzw. auszuschließen. Theoretisch kann der oder die Hausärzt:in eine Migräne diagnostizieren.
Ein Kopfschmerztagebuch ist sehr hilfreich, da es Frequenz, Dauer und mögliche Auslöser dokumentiert.
Behandlungsmethoden
Eine fachgemäße Behandlung von Migräne ist in der heutigen Zeit zwingend notwendig. Dabei verfolgen wir stets die Intention, den Patienten das Gefühl zu vermitteln, dass sie in unserer Einrichtung in guten Händen sind und ernst genommen werden. Die eigentliche Migränebehandlung kann während einer Attacke (Akuttherapie) oder prophylaktisch vollzogen werden.
Akuttherapie
Das Ziel einer medikamentösen Migräne-Behandlung ist es, den Kopfschmerz und die Begleitsymptome zu lindern. Generell sollten Sie mit Ihrem behandelnden Arzt absprechen, welche Medikamente Sie einnehmen. Denn: auch die in der Apotheke frei erhältlichen Substanzen haben Nebenwirkungen - z.B. können Acetylsalicylsäure und Ibuprofen die Magenschleimhaut schädigen. Bei vielen Patienten mit einer Migräne erweisen sich diese Arzneimittel zudem als zu schwach.
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- Schmerzmittel: Bei leichten bis mittelschweren Migräneanfällen helfen oft Schmerzmittel wie Nichtopioid-Analgetika (z.B. Acetylsalicylsäure, Diclofenac, Ibuprofen, Metamizol oder Paracetamol).
- Triptane: Bei schweren Migräne-Attacken können so genannte Triptane angewandt werden. Triptane (Almotriptan, Eletriptan, Frovatriptan, Naratriptan, Rizatriptan, Sumatriptan, Zolmitriptan) sind die am besten untersuchten Wirkstoffe bei der Akut-Therapie der Migräne, sie wirken auch gegen Übelkeit und Erbrechen. Sie wirken gegen den Kopfschmerz. Die Medikamente imitieren die Eigenschaften des körpereigenen Botenstoffes Serotonin, mit dessen Hilfe die Weite der Blutgefäße reguliert wird. Sie werden daher auch als Serotonin-Agonisten bezeichnet. Triptane besetzen die Bindungsstellen von Serotonin auf den Gefäßen, was u.a. eine Verengung der Blutgefäße in den Hirnhäuten bewirkt, und den Migräneanfall unterbricht. Weiter hemmen sie die Freisetzung entzündlicher Eiweißstoffe im Gehirn (Neuropeptide) sowie die Fortleitung von Schmerzimpulsen. Triptane sollten nach der Aura, zu Beginn der Kopfschmerzphase eingenommen werden. Sie können aber auch noch während einer Migräneattacke erfolgreich angewendet werden.
- Antiemetika: Migränemittel können nach Absprache mit dem Facharzt mit Mitteln gegen Übelkeit (Wirkstoffe: Metoclopramid oder Domperidon) kombiniert werden. Zuerst sollte bei Bedarf immer das Medikament gegen Übelkeit eingenommen werden, dies kann bereits während der Aura erfolgen. Diese so genannten Anitemetika schaffen nicht nur die Voraussetzung dafür, dass das Migräne- bzw. Schmerzmittel im Körper bleibt, sie regen auch die Magen-Darm-Tätigkeit an.
- Lasmiditan: Seit März dieses Jahres ist ein weiteres spezifisches Akut-Medikament, Lasmiditan, verfügbar (Anm. Red.: eignet sich beispielsweise für Patient:innen, die Triptaen nicht nehmen dürfen oder nicht vertragen).
Es ist wichtig zu beachten, dass Triptane nicht an mehr als 10 Tagen im Monat verabreicht werden sollten, da der übermäßige Gebrauch zu chronischen Kopfschmerzen führen kann. Mutterkornalkaloide (Ergotamine) und Triptane dürfen nicht zusammen oder kurz hintereinander eingenommen werden.
Prophylaktische Behandlung
Lange Zeit mussten Patient:innen auf prophylaktische Medikamente zurückgreifen, die eigentlich zur Therapie anderer Erkrankungen entwickelt wurden, beispielsweise gegen Depression, Epilepsie oder Bluthochdruck, da es keine spezifischen Migränemittel gab.
- Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika: Medikamente, die ursprünglich für andere Erkrankungen entwickelt wurden, können die Häufigkeit und Intensität von Migräneattacken reduzieren.
- Botox®: Zur Prophylaxe ist seit dem Jahr 2011 Botox® bei chronischer Migräne zugelassen. Botox® ist eine elegante, nebenwirkungsarme Therapieform, die sich in vielen Studien als wirksam erwiesen hat und einen positiven Effekt auf die Lebensqualität hat. Botox® ist ausschließlich für die Behandlung der chronischen Migräne zugelassen, also wenn die Migräne länger als 3 Monate besteht und mehr als 15 Tage im Monat Kopfschmerzen auftreten, wovon die Hälfte migräneartig sind. Botox® wird dabei circa alle 3 Monate in die Stirn-, Schläfen- und Nackenmuskulatur gespritzt.
- CGRP-Antikörper: Seit Ende 2018 sind die Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP)-Antikörper auf dem Markt, diese sind gut verträglich und die Patient:innen injizieren sich das Medikament einmal im Monat selbst. Die CGRP-Antikörper sind spezifisch für die Migräne entwickelt und der größte Vorteil ist die gute Verträglichkeit. Auch hier zeigen viele verschiedene Studien die Wirksamkeit gegenüber einem Placebo und den guten Effekt auf die Lebensqualität. Die CGRP-Antikörper sind für Patient:innen, die mehr als vier Mal im Monat Migräne haben.
Multimodale Therapie
Für Patient:innen mit chronischer Migräne und anderen chronischen Kopfschmerzen (z. B. chronischer Spannungskopfschmerzen) bieten wir ein intensives ambulantes Behandlungsprogramm an (IV Kopfschmerz Spezial). Hierbei werden die Patient:innen von Neurolog:innen gemeinsam mit Psycholog:innen, Krankengymnast:innen, Sportwissenschaftler:innen und in Kopfschmerz geschultem Pflegepersonal behandelt. Im Rahmen dieser besonderen Behandlung lernen Sie einen hilfreichen Umgang mit Kopfschmerztriggern, sowie vorbeugende medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien (z.B. Entspannungsverfahren) kennen.
- Verhaltensmedizinische Schmerztherapie: Die Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel bietet eine spezielle Therapie von Migräne mit und ohne Aura, Migräne-Komplikationen, alle Kopfschmerzen, wie z.B. chronische Spannungskopfschmerzen, Kopfschmerz bei Medikamentenübergebrauch, Clusterkopfschmerz, Nervenschmerz (neuropathischer Schmerz), Rückenschmerz und andere Formen chronischer Schmerzerkrankungen.
- Psychologische Betreuung: Psycholog:innen betreuen sie im Rahmen dieses Programms sowohl in der Einzel- als auch Gruppentherapie.
- Physiotherapie: Physiotherapeut:innen beurteilen ihren Bewegungsapparat - im Besonderen die Hals- und Nackenbeweglichkeit - und zeigen Ihnen auf, wie Ausdauersport zur Vorbeugung der Kopfschmerzen erlernt werden kann.
Weitere Maßnahmen
Zusätzlich zur Medikation sollten Migräne-Patienten während einer Attacke idealerweise vor Reizen geschützt werden und sich in einem ruhigen, abgedunkelten Raum aufhalten. Sollte die Ursache für Ihre Beschwerden stressbedingt sein, so empfehlen wir auch die VNS-Analyse, um Stressfaktoren aufzudecken, oder ein Entspannungstraining.
Spezialisierte Einrichtungen
- Neurologisch-verhaltensmedizinische Schmerzklinik Kiel: Bietet spezielle Therapie von Migräne und anderen Kopfschmerzen.
- Kopfschmerzzentrum der Charité: Versorgt jährlich über 2.000 Patient:innen mit Kopf- und Gesichtsschmerzen.
- OP-Ambulanz Schmerzzentrum Hannover: Bietet Beratung und gezielte Behandlung von Migräne.
Den richtigen Spezialisten finden
Der richtige Migräne-Spezialist für die Diagnostik und Behandlung deiner Migräne zu finden, kann somit etwas Zeit in Anspruch nehmen. Fachgesellschaften: Bei der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG), der Deutschen Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS) sowie der regional zuständigen Ärztekammer kannst du Adressen von Migräne-Spezialisten erfragen. Dazu müssen häufig nur in einer Suchmaske Postleitzahl, Wohnort und Behandlungsbereich (zum Beispiel „Schmerz“) angeklickt werden und du erhälst eine Auswahl an Adressen, an die du dich wenden kannst.
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Wichtige Informationen für den Arztbesuch
Hilf dem Migräne-Arzt, indem du dein Beschwerdebild so genau wie möglich schilderst und alle notwendigen Unterlagen zum Termin mitbringst. Um den Verlauf deiner Migräne zu dokumentieren, kann das Führen eines Migränetagebuchs sehr sinnvoll sein. Darin notierst du neben der Schmerzdauer und -stärke sowie des Schmerzcharakters auch individuelle Einflussfaktoren wie zum Beispiel wenig Schlaf, Stress oder ungeregelte Tagesabläufe. Bereite deine Krankengeschichte so ausführlich und vollständig wie möglich vor.
Forschung und Studien
Als universitäres Kopfschmerzzentrum ist die Forschung für uns ein zentrales Anliegen. Zur Evaluation innovativer prophylaktischer und akut-medikamentöser Behandlungsmethoden führen wir klinische Studien zu neuen Substanzklassen durch. Hierbei wird das Prüfpräparat mit einem Placebo (Phase II und Phase III Studien) oder einer bestehenden Regelversorgung (Phase IV Studien) verglichen und hinsichtlich Effektivität sowie Sicherheit beurteilt. Neben den klassischen Medikamentenstudien beschäftigen wir uns in mehreren klinischen Studien mit der Untersuchung von klinischen (z.B. Kopfschmerztage, Begleitsymptome, erfolgte Therapien) und paraklinischen Parametern (z.B. Laborparameter und bildgebende Untersuchungen) unterschiedlicher primärer sowie sekundärer Kopfschmerzerkrankungen. Das Studiendesign ist dabei variabel und kann von einer einmaligen Untersuchung/Befragung hin zu einer längeren Beobachtungsperiode mit mehreren Studienvisiten reichen.