Epilepsie im höheren Lebensalter: Ursachen, Symptome und Behandlung

Epilepsie im höheren Lebensalter, oft auch als Altersepilepsie bezeichnet, ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederholte epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Obwohl Schlaganfall und Demenz oft im Vordergrund stehen, ist die Altersepilepsie die dritthäufigste Nervenerkrankung bei Senioren. Im Gegensatz zu jüngeren Patienten äußert sich die Epilepsie im Alter oft anders, was die Diagnose erschwert. Glücklicherweise sind die Beschwerden bei rechtzeitiger Diagnose gut behandelbar.

Was ist Epilepsie?

Epilepsie ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Sammelbegriff für verschiedene chronische Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Das Hauptmerkmal ist der epileptische Anfall, der durch eine vorübergehende Funktionsstörung von Nervenzellen im Gehirn ausgelöst wird. Bei Menschen mit Epilepsie ist das Gehirn so verändert, dass es zum wiederholten Auftreten von epileptischen Anfällen neigt.

Ein epileptischer Anfall entsteht, wenn Nervenzellgruppen in der Hirnrinde hochsynchrone, elektrische Aktivität entfalten, die unter bestimmten Umständen auf andere Nervenzellen übergreift. Ist eine genügend große Gruppe von Nervenzellen von diesem krankhaften Muster betroffen, kommt es zu äußeren Zeichen des epileptischen Anfalls. Er kann in alle Körperfunktionen eingreifen und je nach Ort des Geschehens variable Symptome produzieren.

Äußere Faktoren können die Entstehung von Anfällen fördern. Dazu gehören extremer Schlafentzug, regelmäßiger und starker Alkoholkonsum, aber auch bestimmte Substanzen und Medikamente. Eine kleine Gruppe von Patienten bekommt auch Anfälle durch Sinnesreize. Am bekanntesten ist die Fotostimulation, bei der rhythmische Lichtreize zum Anfallsauslöser werden.

Ursachen der Epilepsie im Alter

Die Ursachen für Epilepsie sind vielfältig und oft altersabhängig. Im höheren Lebensalter sind Anfälle beispielsweise häufiger Folgen von:

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  • Durchblutungsstörungen des Gehirns (Schlaganfälle)
  • Hirntumoren
  • Kopfverletzungen
  • Beginnende Demenz (z.B. Alzheimer-Krankheit)
  • Alkoholmissbrauch
  • Entzündungen des Gehirns (Enzephalitis, Meningitis)
  • Metabolische Erkrankungen
  • Autoimmunerkrankungen

Jedes Ereignis, das einen Schaden im Gehirn verursacht, kann ein potenzieller Auslöser für ein epileptisches Anfallsleiden sein. Genetische Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen, wobei manche Menschen eine stärkere Veranlagung zu epileptischen Anfällen haben als andere.

Symptome der Altersepilepsie

Die Symptome der Altersepilepsie können sich von denen jüngerer Patienten unterscheiden. Während das Bild der Epilepsie stark von den Symptomen des großen Anfalls (Grand Mal) geprägt ist, bei dem es zu Bewusstseinsverlust, heftigen Krämpfen und unkontrollierbaren Zuckungen kommt, sind die Anfälle bei einer Altersepilepsie oft weniger spezifisch und das Anfallsgefühl ist subjektiv geringer ausgeprägt.

Typische Symptome der Altersepilepsie sind:

  • Kurz auftretende Abwesenheitszustände (Absencen)
  • Verwirrtheit
  • Sprachunfähigkeit
  • Vorübergehende Lähmungserscheinungen
  • Missempfindungen
  • Gedächtnisstörungen
  • Verhaltensänderungen
  • Stürze
  • Kopfschmerzen
  • Muskelschmerzen

Die genannten Symptome können je nach beteiligter Hirnregion und Ausdehnung der nervlichen Übererregung variieren. Betroffene Senioren selbst sind sich der kurzen Ausfälle oft gar nicht bewusst, solange sie dabei nicht hinfallen und sich verletzen.

Warum wird Altersepilepsie häufig verkannt?

Die Besonderheiten im Erscheinungsbild führen dazu, dass eine Epilepsie im Alter oft nicht erkannt oder gar als Folge des Alterns missverstanden wird. Das kann gesundheitliche Folgen haben, wenn zum Beispiel die Epilepsie als Ursache von Stürzen nicht diagnostiziert und damit künftige Unfälle nicht vermieden werden können. Kommen andere Erkrankungen wie etwa Parkinson oder Demenz hinzu, überdecken die Beschwerden möglicherweise die Symptome der Altersepilepsie.

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Diagnose der Epilepsie

Bei einem ersten Anfall sollte in jedem Fall ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache abzuklären und eine Diagnose zu stellen. Erster Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt, der den Patienten an einen Neurologen überweist.

Zur Diagnose von Epilepsie werden verschiedene Untersuchungen durchgeführt:

  • Anamnese: Der Neurologe benötigt eine möglichst genaue Schilderung dessen, was passiert ist. Da sich Betroffene oft nicht an das Ereignis erinnern und der Anfall im Alter nicht so dramatisch abläuft wie ein klassischer, sind die Verwandten gefragt. Eine Videoaufnahme mit dem Handy kann zum Beispiel hilfreich sein, sollte aber vorab mit den Betroffenen zu Diagnostik-Zwecken vereinbart werden.
  • Elektroenzephalographie (EEG): Beim EEG werden Elektroden am Kopf angebracht, um die elektrische Aktivität des Gehirns zu messen. Das EEG kann Veränderungen im Gehirn widerspiegeln und dazu beitragen, die Epilepsie auch in ihrer speziellen Form (Syndrom) zu diagnostizieren. Im EEG wird nach epilepsietypischen Potenzialen gesucht. Ein unauffälliges EEG schließt allerdings eine Epilepsie nicht aus. Es muss unter Umständen wiederholt und durch Langzeitableitungen - auch unter stationären Bedingungen - ergänzt werden.
  • Magnetresonanztomographie (MRT): Mittels MRT werden krankhafte Veränderungen im Körper in hochauflösenden Bildern sichtbar gemacht. Beim Verdacht auf Epilepsie werden mittels MRT strukturelle Auffälligkeiten des Gehirns erkannt. Dies können Hirntumore sein, Folgen von Schädel-Hirn-Verletzungen oder Entzündungen, Zustände nach Schlaganfällen, Missbildungen des Gehirns, oder andere Erkrankungen des Gehirns, die ursächlich infrage kommen.
  • Lumbalpunktion: Bei Verdacht auf eine infektiöse Erkrankung (z.B. Meningitis) wird oft Gehirnwasser untersucht.

EEG und MRT sind nach einem epileptischen Anfall wichtige Entscheidungshilfen, ob zu diesem Zeitpunkt bereits mit einer Therapie begonnen werden soll. Sind beide Untersuchungen unauffällig, sollte in der Regel ein zweiter Anfall abgewartet werden.

Behandlung der Epilepsie im Alter

Die Behandlung der Epilepsie basiert nahezu immer auf einer medikamentösen Therapie. Derzeit stehen mehr als 20 verschiedene Präparate zur Verfügung, die den Gehirnstoffwechsel beeinflussen und in der Regel kaum Nebenwirkungen haben. Die Therapie ist jedoch bei älteren Menschen etwas komplizierter als in jüngeren Jahren.

Bei der medikamentösen Behandlung von Epilepsie im Alter sind folgende Punkte zu beachten:

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  • Die Einstellung der Dosierung muss meist langsam und unter Berücksichtigung zusätzlicher Erkrankungen sowie anderer notwendiger Präparate und deren möglichen Wechselwirkungen erfolgen.
  • In der Regel ist die Dosierung der jeweiligen Medikamente aufgrund des veränderten Stoffwechsels im Alter wesentlich niedriger als bei jüngeren Patienten.
  • Medikamente greifen nicht in die Ursache der Erkrankung ein, können aber die Anfälle verhindern oder reduzieren.

Neben der medikamentösen Therapie können auch nicht-pharmakologische Maßnahmen wie eine ketogene Diät und Psychotherapie hilfreich sein.

Verhalten bei einem epileptischen Anfall

Wenn man Zeuge eines epileptischen Anfalls bei einer anderen Person wird, ist es sehr wichtig, ruhig und besonnen zu bleiben. Vor allem sollte man überlegen, wie man die Person vor Verletzungen schützt. Alles andere hängt von der Stärke und der Art der Anfälle ab.

Leichte epileptische Anfälle mit wenigen Symptomen:

Bei kurzen Absencen oder Muskelzuckungen besteht keine unmittelbare Gefahr. Danach können sich die Betroffenen unsicher fühlen und Unterstützung benötigen.

Anfälle mit eingeschränktem Bewusstsein oder Verhaltensänderungen:

Wenn Menschen mit einem epileptischen Anfall verwirrt wirken, ist es wichtig, sie vor Gefahren zu schützen (z. B. im Straßenverkehr). Gehen Sie dabei mit der Person ruhig um und fassen Sie sie nicht hart an. Hektik, Zwang oder Gewalt können zu starken Gegenreaktionen führen. Versuchen Sie dem oder der Betroffenen Halt und Nähe zu vermitteln.

Große generalisierte epileptische Anfälle:

Bei einem großen generalisierten Anfall verkrampft der ganze Körper und die Person verliert das Bewusstsein. In diesen Fällen sollten Sie Folgendes tun:

  • Wählen Sie immer den Notruf 112 und rufen Sie professionelle Hilfe.
  • Sorgen Sie für Sicherheit, indem Sie z. B. gefährliche Gegenstände beiseite räumen.
  • Polstern Sie den Kopf des*r Betroffenen ab.
  • Nehmen Sie seine/ihre Brille ab.
  • Lockern Sie enge Kleidung am Hals, um die Atmung zu erleichtern.
  • Bitten Sie Menschen, die in der Situation nicht helfen können, weiterzugehen.
  • Bleiben Sie nach dem Anfall bei der Person und bieten Sie Ihre Unterstützung an.
  • Wenn die Person nach dem Anfall erschöpft ist und einschläft, bringen Sie sie in die stabile Seitenlage.

Das sollten Sie in keinem Fall tun:

  • Dieden Betroffenen festhalten oder zu Boden drücken
  • Der betroffenen Person etwas in den Mund schieben - auch wenn sie sich in die Zunge beißt

Leben mit Epilepsie im Alter

Eine Epilepsie kann sich erheblich auf das Leben eines Betroffenen auswirken. Eine ausführliche individuelle Beratung, insbesondere zu Themen wie Führerschein, Ausbildung, Arbeitsplatz, ist deshalb wichtig. Sind Bewusstseinsstörungen aufgetreten, darf man zu seinem eigenen und dem Schutz anderer vorerst nicht selbst Auto fahren oder sollte bei bestimmten Aktivitäten wie zum Beispiel baden vorsichtig sein, denn eine epileptische Bewusstseinsstörung kann ohne jede Ankündigung auftreten.

Informationen und gegenseitige Unterstützung bieten auch Selbsthilfegruppen.

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