Epilepsie-Medikamente in der Behandlung von Multipler Sklerose: Ein Überblick

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, von der in Deutschland zwischen 220.000 und 250.000 Menschen betroffen sind. Die Erkrankung äußert sich durch vielfältige Symptome wie motorische Störungen, Gefühlsstörungen der Haut, Blasenfunktionsstörungen, Lähmungserscheinungen, Erschöpfung, Schwindel und sexuelle Funktionsstörungen. Bislang ist MS nicht heilbar, jedoch werden in der medizinischen Forschung intensiv neue Therapieansätze untersucht, um die Symptome zu lindern und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.

Die Rolle von Übererregbarkeit der Nervenzellen bei MS

Eine aktuelle Forschungsrichtung konzentriert sich auf die Rolle der Übererregbarkeit von Nervenzellen als eine Hauptursache für MS-bedingte Ausfallerscheinungen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass diese Übererregbarkeit zu Erschöpfung und schließlich zum Absterben der Nervenzellen führen kann. In diesem Zusammenhang rückt die Anwendung von Medikamenten, die ursprünglich zur Behandlung von Epilepsie entwickelt wurden, in den Fokus.

Retigabin: Ein potenzieller Schutz für Nervenzellen bei MS

Forscher haben festgestellt, dass das ursprünglich gegen Epilepsie entwickelte Medikament Retigabin das Potenzial hat, die Nervenzellen bei MS zu schützen. Retigabin reduziert die Übererregbarkeit von Nervenzellen, indem es die Ausleitung von Kaliumionen aus den Zellen fördert. Kalium spielt eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Erregungszustands von Nervenzellen. Bei hoher Erregung sammelt sich Kalium in der Zelle an, und eine zu hohe Konzentration kann zum Funktionsverlust führen. Dies tritt bei MS-Patienten vor allem in den Schubphasen auf, wenn bereits bekannte oder neue Symptome aufflammen.

Vorteile und Herausforderungen von Retigabin

Ein Vorteil von Retigabin ist, dass es bereits als Medikament zugelassen ist. Allerdings konnte es sich in der Epilepsie-Behandlung aufgrund von Nebenwirkungen wie Leberwerterhöhungen nicht durchsetzen. Für den Einsatz bei MS soll die Substanz nun optimiert werden, um die Verträglichkeit zu verbessern.

Der Weg zur klinischen Anwendung

Bis zum Ende der vorklinischen Entwicklung ist es laut Experten nicht mehr weit. Nachfolgend sind jedoch sehr kostenintensive klinische Studien erforderlich, zunächst an gesunden Probanden und später an MS-erkrankten Menschen.

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4-Aminopyridin: Ein Medikament gegen Gangstörungen bei MS und seine Wirkung bei Epilepsie

Ein weiteres Medikament, das in der MS-Behandlung eingesetzt wird und auch bei bestimmten Formen von Epilepsie Anwendung findet, ist 4-Aminopyridin. Dieser Wirkstoff ist zur Behandlung von Gangstörungen bei MS-Patienten zugelassen.

Anwendung bei frühkindlicher Epilepsie

Tübinger Forschende setzten 4-Aminopyridin erfolgreich bei einer seltenen Form der frühkindlichen Epilepsie ein, die durch Mutationen im KCNA2-Gen verursacht wird. Diese Mutationen führen zu einer gesteigerten Aktivität der Kaliumkanäle in den Nervenzellen. 4-Aminopyridin hemmt spezifisch diese Überaktivität und konnte bei einem Teil der behandelten Patienten die Anzahl der epileptischen Anfälle reduzieren oder sogar komplett beseitigen.

Datenbank für KCNA2-Genmutationen

Um behandelnden Ärzten die Entscheidung zu erleichtern, ob 4-Aminopyridin bei einem Patienten mit neu diagnostiziertem KCNA2-Gendefekt helfen kann, haben die Forschenden eine Datenbank erstellt. Diese Datenbank listet die verschiedenen Mutationen in der KCNA-Genfamilie und deren Auswirkungen auf den Kaliumkanal auf.

Antiepileptika zur Behandlung paroxysmaler Symptome bei MS

Paroxysmale Symptome sind plötzlich auftretende, kurzzeitige Beschwerden, die bei MS-Patienten auftreten können. Dazu gehören einschießende Schmerzen, Gefühls-, Sprech- oder Bewegungsstörungen. Einige Antiepileptika werden erfolgreich zur Behandlung dieser Symptome eingesetzt.

Beispiele für eingesetzte Antiepileptika

  • Carbamazepin: Wird zur Behandlung der MS-bedingten Trigeminusneuralgie eingesetzt.
  • Gabapentin und Lamotrigin: Können ebenfalls bei paroxysmalen Symptomen helfen.

Diese Medikamente beeinflussen die elektrisch-chemischen Abläufe im Gehirn, stabilisieren die Zellmembranen und hemmen die Reizübertragung zwischen Nerven.

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Wichtige Hinweise zur Einnahme

Bei der Einnahme von Antiepileptika ist es wichtig, die möglichen Nebenwirkungen zu beachten und die Medikamente nicht abrupt abzusetzen, da dies zu Entzugserscheinungen oder Krampfanfällen führen kann.

Weitere Einsatzgebiete von Antiepileptika bei MS

Neben der Behandlung von Epilepsie und paroxysmalen Symptomen können Antiepileptika auch bei anderen Beschwerden im Zusammenhang mit MS eingesetzt werden.

Topiramat bei Ataxie

Neueste Ergebnisse zeigen sehr gute Erfolge von Topiramat, das sonst bei Migräne oder Epilepsie eingesetzt wird, bei der Behandlung von Ataxie. Ataxie bezeichnet Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen, die bei vielen MS-Patienten auftreten.

Clonazepam bei Tremor

Clonazepam, ein Antiepileptikum aus der Gruppe der Benzodiazepine, kann zur Linderung von Tremor eingesetzt werden, einer Form ataktischer Bewegungsstörungen, die sich durch Zittern äußert.

Nervenschmerzen bei MS und die Rolle von Antidepressiva und Antiepileptika

Eine umfassende Analyse bestätigt, dass trizyklische Antidepressiva wie Amitriptylin und Epilepsiemedikamente wie Gabapentin bei Nervenschmerzen sehr wirksam sind.

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Medikamentöse Therapie von Blasenfunktionsstörungen bei MS

Bei MS auftretende Blasenfunktionsstörungen lassen sich in drei Gruppen unterteilen: Detrusor-Hyperreflexie ("überaktive Blase"), Blasen-Hyporeflexie und Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie. Die medikamentöse Behandlung umfasst - je nach Art der Funktionsstörung - verschiedene Substanzen, wie Anticholinergika, Alphablocker, Antispastika und Desmopressin.

Botulinumtoxin (zum Beispiel Botox®, Dysport®) kann unter Narkose direkt in den Detrusormuskel gespritzt werden. Das Medikament schwächt den Muskel gezielt; die Wirkung hält mehrere Monate an. Seit September 2011 ist BOTOX® (Botulinumtoxin Typ A) in Deutschland für die Behandlung der Harninkontinenz bei Erwachsenen mit "neurogener Detrusorhyperaktivität bei neurogener Blase infolge einer stabilen subzervikalen Rückenmarksverletzung oder Multipler Sklerose" zugelassen.

Phenytoin zur Vorbeugung von Nervenschäden bei Optikusneuritis

Forscher am University College London Hospital gaben MS-Patienten Phenytoin, einen Natriumkanalblocker, innerhalb von 14 Tagen nach Beginn einer Optikusneuritis. Sie fanden heraus, dass die Patienten, die Phenytoin bekamen, gegenüber der Placebogruppe 30% weniger Schäden am Sehnerv hatten.

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