Epilepsien gehören zu den häufigsten chronischen Erkrankungen im Kindesalter, von denen etwa fünf von 1000 Kindern betroffen sind. Während eine geeignete medikamentöse Behandlung und eine angepasste Lebensführung bei den meisten Betroffenen zu dauerhafter Anfallsfreiheit führen, stellt sich die Frage, ob und wie Epilepsie bei Kindern auch ohne Medikamente behandelt werden kann. Oft wird der epileptische Anfall als »Gewitter im Gehirn« bezeichnet, dem eine extreme Synchronisation der Nervenzellaktivität zugrunde liegt.
Was ist Epilepsie?
Die Epilepsie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein sichtbares Zeichen einer krankhaften Veränderung im Gehirn. Eine Vielzahl von Krankheiten kann zugrunde liegen. Neben Hirnschäden, Hirntumoren und Entzündungen des Gehirns können auch Stoffwechselstörungen oder Vergiftungen zu einer Epilepsie führen. Bei mehr als der Hälfte der Betroffenen lässt sich die Ursache aber nicht klären. Auch die Auslöser eines epileptischen Anfalls sind vielgestaltig und individuell sehr unterschiedlich. So vielfältig wie Ursachen und Auslöser kann auch der Verlauf eines epileptischen Anfalls sein. Am bekanntesten ist der große Anfall (Grand Mal), der mit schweren Krämpfen, Zittern und Bewusstlosigkeit einhergeht. Weitaus häufiger sind die weniger dramatischen Formen. Professor Dr. med. Andreas Schulze-Bonhage vom Epilepsiezentrum der Universität Freiburg erklärt: »Man unterscheidet fokale und generalisierte Anfälle«. Während sich bei der fokalen Epilepsie die Entladung zunächst auf bestimmte Hirnareale beschränkt, sind bei der generalisierten Form weite Gebiete beider Hemisphären betroffen.
Fokale Anfälle
Die einfachen fokalen Anfälle können mit abnormen Bewegungen, Missempfindungen oder vegetativen Störungen wie Herzklopfen oder Schweißausbrüchen verbunden sein. Am häufigsten sind die komplex fokalen Anfälle, die mit einer Bewusstseinsstörung einhergehen. Oft gehen sie von einem Fokus im unteren Schläfenlappen aus. Bei etwa zwei Drittel der Patienten beginnen sie mit einer Aura: Die Patienten riechen oder schmecken etwas, das nicht existiert. Anschließend können Beeinträchtigungen des Sprechens und motorische Störungen wie Leck-, Schluck-, Kau- und Schmatzbewegungen auftreten. Typisch sind auch Bewegungen, die über längere Zeit immer wieder in der gleichen Weise wiederholt werden, ohne einen Sinn zu zeigen.
Generalisierte Anfälle
Zumeist sind die generalisierten Anfälle aber nicht Folge eines fokalen Anfalls, sondern primär generalisiert. Zu den kleinen generalisierten Anfällen zählen die Absencen, kurz dauernde Bewusstseinsstörungen ohne motorische oder vegetative Symptome. Für die Dauer einiger Sekunden schaut der Erkrankte ins Leere und reagiert nicht. Der große generalisierte Anfall kündigt sich manchmal durch Kopfschmerzen, Unwohlsein, Unruhe oder Verstimmungen an. Im Anfall verliert der Patient das Bewusstsein und stürzt, wobei er sich schwer verletzen kann. Sekunden später folgt die klonische Krampfphase mit generalisierten Zuckungen. Aus dem folgenden tiefen Terminalschlaf, der charakteristischen Phase der Bewusstseinstrübung nach einem epileptischen Anfall, erwacht der Patient nur schwer. Er wirkt benommen und klagt häufig über Kopfschmerzen. Treten die Anfälle in so schneller Folge auf, dass sich der Patient in der Zwischenzeit nicht erholen kann, besteht ein Status epilepticus.
Epileptische Anfälle bei Neugeborenen und Kindern
Die epileptischen Anfälle bei Neugeborenen unterscheiden sich aufgrund der unvollständigen Entwicklung der Hirnstrukturen und Synapsen von späteren Attacken. Während die Epilepsie im Säuglingsalter oft Folge einer nicht-entzündlichen Erkrankung oder Schädigung des Gehirns ist, wird sie im Kleinkindalter häufig durch eine Infektion verursacht. Meist können die Anfälle nur begrenzt mit der üblichen Klassifizierung beschrieben werden. Myoklonische Anfälle mit blitzartigen Muskelzuckungen oder Anfälle mit Einschränkung der Bewegungsfähigkeit sind am häufigsten. Das Lennox-Gastaut-Syndrom manifestiert sich zwischen dem zweiten und siebten Lebensjahr. Überwiegend beruht es auf einem frühkindlichen Hirnschaden oder ist genetisch bedingt. Es kommt zu Sturzanfällen und nächtlichen schmerzhaften Muskelkontraktionen. Das West-Syndrom entsteht auf dem Boden einer exogenen Schädigung in der Schwangerschaft. Es zeigt sich häufig erstmalig im ersten Lebensjahr. Kurze, nur Bruchteile von Sekunden dauernde Nickkrämpfe mit Beugebewegungen des Kopfes, des Rumpfes und der Extremitäten sind zu beobachten. Das Dravet-Syndrom (severe myoclonic epilepsy in infancy, SMEI) ist eine seltene myoklonische Epilepsieform, die sich im Alter von drei bis neun Monaten manifestiert. Bei älteren Kindern werden verschiedene typische Epilepsieformen beschrieben. Dabei kann es sich um Leiden handeln, deren klinische Manifestation auf das Kindesalter beschränkt ist, wie die kindliche Absence-Epilepsie, eine meist 10 bis 30 Sekunden dauernde Bewusstseinsminderung mit nachfolgender Gedächtnislücke. Auch die Rolando-Epilepsie hat eine gute Prognose. Meist tritt sie zwischen dem fünften und achten Lebensjahr auf und bildet sich dann wieder zurück. Typisch sind Muskelzuckungen im Gesichts- und Rachenbereich. Es gibt aber auch Epilepsieformen, die bis ins Erwachsenenalter anhalten können und eventuell ein ganzes Leben bestehen bleiben.
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Wann ist eine medikamentöse Behandlung nicht notwendig?
Dr. med. Stefan Kuczaty, Klinik für Epileptologie der Universität Bonn, betont: »Grundsätzlich streben wir an, dass unsere Patienten dauerhaft anfallsfrei werden, ohne inakzeptable Nebenwirkungen der Behandlung hinnehmen zu müssen«. Hat eine Epilepsieform eine sehr gute Spontanprognose, prüfen die Ärzte sogar, ob eine chronische medikamentöse Behandlung überhaupt notwendig ist. Im Allgemeinen ist sie aber indiziert, wenn es trotz einer Lebensführung, die individuell anfallsprovozierende Situationen, beispielsweise Schlafentzug oder Flackerlicht, vermeidet, weiterhin zu Anfällen kommt.
Alternative Behandlungsansätze ohne Medikamente
Obwohl Antiepileptika eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Epilepsie spielen, gibt es Situationen, in denen alternative Ansätze ohne Medikamente in Betracht gezogen werden können. Diese Optionen zielen darauf ab, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren und die Lebensqualität der betroffenen Kinder zu verbessern.
1. Anpassung der Lebensführung
Eine der ersten Maßnahmen zur Behandlung von Epilepsie ohne Medikamente ist die Anpassung der Lebensführung. Dies beinhaltet die Identifizierung und Vermeidung von Faktoren, die Anfälle auslösen können. Zu den häufigsten Auslösern gehören:
- Schlafentzug: Ausreichend Schlaf ist entscheidend, da Schlafmangel die Anfallswahrscheinlichkeit erhöhen kann.
- Stress: Stresssituationen sollten minimiert werden, da sie ebenfalls Anfälle provozieren können. Entspannungstechniken wie Yoga oder Meditation können hilfreich sein.
- Flackerlicht: Bei manchen Kindern können bestimmte Lichtreize, wie z.B. Flackerlicht oder Computerbildschirme, Anfälle auslösen.
- Alkohol und Drogen: Diese Substanzen sollten vermieden werden, da sie die Anfallsschwelle senken können.
Eine individuell angepasste Lebensführung, die diese Faktoren berücksichtigt, kann dazu beitragen, die Anfallshäufigkeit zu reduzieren.
2. Ketogene Diät
Die ketogene Diät ist eine spezielle Ernährungsform, die reich an Fetten und arm an Kohlenhydraten und Proteinen ist. Diese Diät zwingt den Körper, Fett anstelle von Glukose als Hauptenergiequelle zu nutzen. Dadurch entstehen Ketonkörper, die eine antikonvulsive Wirkung haben können. Die ketogene Diät wird oft bei Kindern mit schwer behandelbarer Epilepsie eingesetzt, bei denen Medikamente nicht ausreichend wirken.
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Wirkungsweise: Die erhöhte Konzentration von Ketonkörpern im Blut beeinflusst die Signalübertragung der Nervenzellen im Gehirn und kann so die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Anwendung: Die ketogene Diät erfordert eine strenge Überwachung durch einen Arzt und eine Ernährungsfachkraft. Mögliche Nebenwirkungen sind Übelkeit, Erbrechen, Verstopfung und Mangelerscheinungen. Langfristige Auswirkungen sind noch nicht ausreichend untersucht.
3. Vagusnerv-Stimulation (VNS)
Die Vagusnerv-Stimulation ist eine weitere Option für Kinder mit schwer behandelbarer Epilepsie. Dabei wird ein kleiner Generator unter die Haut im Brustbereich implantiert, der elektrische Impulse an den Vagusnerv im Hals sendet. Diese Impulse können die Gehirnaktivität beeinflussen und die Anfallshäufigkeit reduzieren.
Wirkungsweise: Die Stimulation des Vagusnervs beeinflusst verschiedene Hirnregionen, die an der Entstehung von Anfällen beteiligt sind.
Anwendung: Die VNS wird in der Regel als Ergänzung zur medikamentösen Therapie eingesetzt. Sie ist nicht für alle Kinder geeignet und erfordert eine sorgfältige Auswahl der Patienten.
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4. Biofeedback
Die Biofeedback-Methode kann gelegentlich die Ausbreitung fokaler Anfälle verhindern, wenn sie sich vorher durch eine Aura ankündigen. Mit Hilfe der Biofeedback-Methode lernen die Patienten, ihre Hirnströme zu beeinflussen und epileptische Anfälle unterdrücken.
5. Operation
Eine Operation kommt infrage, wenn sich eine belastende Epilepsie nicht gut mit Medikamenten behandeln lässt. Sie ist nur möglich, wenn die Anfälle von einer ganz bestimmten Stelle im Gehirn ausgehen (fokale Epilepsie). Anfälle, die das gesamte Gehirn erfassen (generalisierte Epilepsie), können nicht operativ behandelt werden.
Um zu klären, ob ein Eingriff infrage kommt, sind umfangreiche Untersuchungen notwendig. Dazu gehören eine Magnetresonanztomografie (MRT), Videoaufzeichnungen mit Messungen der Hirnaktivität (EEG) und die Testung der emotionalen und geistigen Entwicklung (neuropsychologische Untersuchung). Die Untersuchungen dienen auch dazu, den Hirnbereich zu finden, von dem die Anfälle ausgehen.
Es sind verschiedene Operationsverfahren möglich. Dabei wird häufig das Hirngewebe in dem Bereich entfernt, in dem der epileptische Anfall entsteht. Es ist auch möglich, diesen Bereich stillzulegen, indem Nervenfasern durchtrennt werden.
Studienergebnisse zeigen, dass nach einem Eingriff zwischen 30 und 80 von 100 Kindern anfallsfrei waren. Ein Teil der Kinder benötigt anschließend keine Medikamente mehr. Die Erfolgsaussichten einer Operation hängen von der Ursache der Epilepsie und von der betroffenen Hirnregion ab. Jeder Eingriff hat Risiken, da die Entfernung von Gehirngewebe auch unerwünschte Folgen haben kann.
Die Rolando-Epilepsie als Sonderfall
Die Rolando-Epilepsie ist eine häufige, meist gutartige Epilepsieform im Kindesalter, die oft keine medikamentöse Behandlung erfordert. Bei dieser Form treten typischerweise Muskelzuckungen im Gesicht und Rachenbereich auf, oft während des Schlafs. Da die Anfälle meist wenig belastend sind und die Erkrankung sich oft von selbst zurückbildet, kann in vielen Fällen auf Medikamente verzichtet werden.
Herausforderungen und Unterstützung
Eltern von Kindern mit Epilepsie stehen oft vor großen Herausforderungen. Die Angst vor Anfällen, die ständige Beobachtung und die möglichen Nebenwirkungen der Medikamente können sehr belastend sein. Es ist wichtig, dass Eltern und Kinder eine umfassende Unterstützung erhalten, um mit der Erkrankung umzugehen.
Unterstützungsmöglichkeiten:
- Ärztliche Betreuung: Eine enge Zusammenarbeit mit einem erfahrenen Arzt ist entscheidend für die optimale Behandlung der Epilepsie.
- Psychologische Beratung: Eine psychologische Beratung kann helfen, Ängste und Belastungen abzubauen und Strategien zur Bewältigung der Erkrankung zu entwickeln.
- Selbsthilfegruppen: Der Austausch mit anderen betroffenen Familien kann sehr hilfreich sein, um Erfahrungen zu teilen und Unterstützung zu finden.
- Epilepsie-Zentren: Spezialisierte Epilepsie-Zentren bieten umfassende Diagnostik, Therapie und Beratung für Kinder und Erwachsene mit Epilepsie.
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