Die chronische Migräne ist eine besonders belastende Form der Migräne, die durch häufige und lang anhaltende Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Sie unterscheidet sich von der episodischen Migräne und erfordert eine spezifische Herangehensweise in der Diagnose und Behandlung. Dieser Artikel beleuchtet die Definition, Diagnosekriterien und verschiedene Therapieansätze der chronischen Migräne.
Definition und Abgrenzung
Eine Migräne wird als chronisch eingestuft, wenn Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen pro Monat über einen Zeitraum von mehr als drei Monaten auftreten. Hierbei müssen an mindestens acht Tagen pro Monat die Kriterien für eine Migräne erfüllt sein. Diese Kriterien umfassen unter anderem:
- Einseitige Lokalisation des Kopfschmerzes
- Pulsierender Charakter
- Mittlere bis starke Schmerzintensität
- Verstärkung durch körperliche Routineaktivitäten
- Übelkeit und/oder Erbrechen
- Licht- und/oder Geräuschempfindlichkeit (Photo- und Phonophobie)
Die Abgrenzung der chronischen Migräne von episodischen Migräneformen ist wichtig, da bei Patienten mit häufigen oder ständigen Kopfschmerzen die einzelnen Kopfschmerzepisoden oft nicht mehr voneinander abgegrenzt werden können. Der Kopfschmerzcharakter kann sich von Tag zu Tag oder sogar innerhalb eines Tages ändern. Dies erschwert es, auf eine medikamentöse Behandlung zu verzichten, um die natürliche Kopfschmerzgeschichte zu beobachten.
Diagnosekriterien nach ICHD-3
Die Diagnose der chronischen Migräne basiert auf den Kriterien der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft (ICHD-3). Diese Kriterien helfen Ärzten, die chronische Migräne von anderen Kopfschmerzarten wie Spannungskopfschmerzen oder Medikamentenübergebrauchskopfschmerzen zu unterscheiden.
Die ICHD-3 Kriterien für chronische Migräne lauten wie folgt:
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- A. Kopfschmerz (migräneartig oder spannungsartig) an ≥15 Tagen/Monat seit >3 Monaten, der die Kriterien B und C erfüllt.
- B. Auftreten bei einem Patienten, der mindestens fünf Attacken hatte, die die Kriterien B-D für Migräne ohne Aura und/oder die Kriterien B und C für Migräne mit Aura erfüllen.
- C. An ≥8 Tagen/Monat seit >3 Monaten, die eines der folgenden Kriterien erfüllen:
- Kriterien C und D für Migräne ohne Aura
- Kriterien B und C für Migräne mit Aura
- Der Patient ist der Ansicht, dass es sich bei Beginn der Kopfschmerzen um eine Migräne handelt.
- Der Kopfschmerz wird durch ein Triptan oder ein Ergot-Derivat gelindert.
Es ist wichtig zu beachten, dass bei Patienten, die sowohl die Kriterien für eine chronische Migräne als auch für einen Medikamentenübergebrauchskopfschmerz erfüllen, beide Diagnosen kodiert werden sollten.
Differenzialdiagnose
Vor der Diagnose einer chronischen Migräne müssen andere Ursachen für die Kopfschmerzen ausgeschlossen werden. Dazu gehören:
- Spannungskopfschmerzen: Diese sind oft leichter und nicht von den typischen Migränebegleitsymptomen begleitet.
- Medikamentenübergebrauchskopfschmerz: Dieser entsteht durch den übermäßigen Gebrauch von Schmerzmitteln und kann ähnliche Symptome wie die chronische Migräne verursachen.
- Neu aufgetretener täglicher Kopfschmerz (NDPH): Dieser beginnt plötzlich und wird innerhalb von 24 Stunden chronisch.
- Sekundäre Kopfschmerzen: Kopfschmerzen, die durch eine andere Erkrankung verursacht werden, wie z.B. Sinusitis, ZNS-Tumoren, Dissektionen der Arteria carotis oder vertebralis.
Ursachen und Risikofaktoren
Die genauen Ursachen der chronischen Migräne sind noch nicht vollständig geklärt. Es wird angenommen, dass eine Kombination aus genetischen Faktoren und Umweltauslösern eine Rolle spielt. Zu den Risikofaktoren gehören:
- Genetische Veranlagung: Migräne tritt häufiger bei Personen auf, in deren Familie bereits Migränefälle bekannt sind.
- Weibliches Geschlecht: Frauen sind etwa 4 bis 4,5-mal häufiger betroffen als Männer.
- Alter: Der Beginn der Migräne liegt meist zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr, das häufigste Auftreten zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr.
- Stress: Sowohl akuter als auch chronischer Stress können Migräneattacken auslösen.
- Hormonelle Veränderungen: Bei Frauen können hormonelle Schwankungen im Zusammenhang mit der Menstruation, Schwangerschaft oder Menopause Migräneattacken beeinflussen.
- Ernährung: Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke wie Käse, Rotwein, Schokolade oder Koffein können bei manchen Menschen Migräne auslösen.
- Schlafstörungen: Unregelmäßiger Schlaf oder Schlafmangel können Migräneattacken provozieren.
- Medikamentenübergebrauch: Der übermäßige Gebrauch von Schmerzmitteln kann zu einem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz führen, der die Chronifizierung der Migräne begünstigt.
Pathophysiologie
Die Pathophysiologie der Migräne ist komplex und noch nicht vollständig verstanden. Es wird angenommen, dass eine zentrale Sensibilisierung und eine Aktivierung des trigeminovaskulären Systems eine wichtige Rolle spielen.
- Zentrale Sensibilisierung: Bei chronischer Migräne kommt es zu einer erhöhten Erregbarkeit von Neuronen im zentralen Nervensystem, insbesondere im Trigeminuskern. Dies führt zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung und einer erhöhten Empfindlichkeit gegenüber Reizen.
- Aktivierung des trigeminovaskulären Systems: Das trigeminovaskuläre System umfasst den Trigeminusnerv (N. trigeminus) und die Blutgefäße der Hirnhäute. Bei einer Migräneattacke wird dieses System aktiviert, was zur Freisetzung von Neuropeptiden wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) führt. CGRP verursacht eine Gefäßerweiterung (Vasodilatation) und eine sterile Entzündung der Hirnhäute, was zu Schmerzen führt.
- Kortikale Streudepolarisation (CSD): Die CSD ist eine Welle neuronaler und glialer Depolarisation, die sich langsam über den Kortex ausbreitet. Sie kann die Aura verursachen und trigeminale Afferenzen aktivieren.
Symptome
Die Symptome der chronischen Migräne sind vielfältig und können von Person zu Person unterschiedlich sein. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
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- Häufige Kopfschmerzen: Kopfschmerzen an 15 oder mehr Tagen pro Monat.
- Migräneartige Kopfschmerzen: Kopfschmerzen, die die Kriterien für eine Migräne erfüllen (einseitig, pulsierend, mittel bis stark, verstärkt durch körperliche Aktivität, begleitet von Übelkeit/Erbrechen und/oder Licht-/Geräuschempfindlichkeit).
- Spannungsartige Kopfschmerzen: Kopfschmerzen, die sich wie Spannungskopfschmerzen anfühlen (drückend, beidseitig, leicht bis mittelstark).
- Begleitsymptome: Übelkeit, Erbrechen, Lichtempfindlichkeit, Geräuschempfindlichkeit, Geruchsempfindlichkeit, Konzentrationsstörungen, Müdigkeit, Reizbarkeit.
- Aura: Bei manchen Menschen treten vor oder während der Kopfschmerzen neurologische Symptome auf, die als Aura bezeichnet werden. Diese können Sehstörungen (z.B. Flimmerskotom, Fortifikationen), Sensibilitätsstörungen (z.B. Kribbeln, Taubheit) oder Sprachstörungen umfassen.
Therapie
Die Therapie der chronischen Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit und Intensität der Kopfschmerzen zu reduzieren und die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Die Behandlung umfasst in der Regel eine Kombination aus:
- Akuttherapie: Behandlung akuter Migräneattacken mit Schmerzmitteln und/oder Triptanen.
- Prophylaxe: Vorbeugende Maßnahmen, um die Häufigkeit von Migräneattacken zu reduzieren.
- Verhaltensmaßnahmen: Anpassung des Lebensstils, um Triggerfaktoren zu vermeiden und Stress zu reduzieren.
Akuttherapie
Die Akuttherapie der chronischen Migräne ähnelt der der episodischen Migräne. Sie umfasst die Einnahme von Schmerzmitteln und/oder Triptanen bei Bedarf, um akute Migräneattacken zu behandeln.
- Schmerzmittel: Nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen, Diclofenac oder Acetylsalicylsäure (ASS) können bei leichten bis mittelschweren Migräneattacken helfen.
- Triptane: Triptane sind spezifische Migränemittel, die bei mittelschweren bis schweren Attacken eingesetzt werden. Sie wirken, indem sie die Blutgefäße im Gehirn verengen und die Freisetzung von Entzündungsstoffen reduzieren. Triptane sind in verschiedenen Formen erhältlich, z.B. als Tabletten, Schmelztabletten, Nasensprays oder Injektionen.
- Antiemetika: Bei Übelkeit und Erbrechen können Antiemetika wie Metoclopramid oder Domperidon helfen.
Es ist wichtig, Schmerzmittel und Triptane nicht zu häufig einzunehmen, da dies zu einem Medikamentenübergebrauchskopfschmerz führen kann.
Prophylaxe
Die Prophylaxe der chronischen Migräne zielt darauf ab, die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Migräneattacken zu reduzieren. Sie wird in der Regel empfohlen, wenn die Migräneattacken häufig auftreten und die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden können:
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- Betablocker: Betablocker wie Metoprolol oder Propranolol können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Antidepressiva: Bestimmte Antidepressiva wie Amitriptylin oder Venlafaxin können ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- Antiepileptika: Antiepileptika wie Topiramat oder Valproinsäure können die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Onabotulinumtoxin A (Botox): Botox kann bei chronischer Migräne eingesetzt werden, wenn andere Medikamente nicht ausreichend wirksam sind. Es wird in verschiedene Stellen im Kopf- und Nackenbereich injiziert und kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- CGRP-Antikörper: CGRP-Antikörper sind eine neue Klasse von Medikamenten, die speziell für die Migräneprophylaxe entwickelt wurden. Sie blockieren die Wirkung von CGRP, einem Neuropeptid, das bei der Entstehung von Migräne eine wichtige Rolle spielt. Es gibt verschiedene CGRP-Antikörper, die zur Verfügung stehen, z.B. Erenumab, Fremanezumab und Galcanezumab.
Die Wahl des geeigneten Prophylaxe-Medikaments hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie z.B. der Häufigkeit und Intensität der Migräneattacken, Begleiterkrankungen und individuellen Vorlieben.
Verhaltensmaßnahmen
Neben der medikamentösen Therapie spielen auch Verhaltensmaßnahmen eine wichtige Rolle bei der Behandlung der chronischen Migräne. Diese Maßnahmen zielen darauf ab, Triggerfaktoren zu vermeiden, Stress zu reduzieren und einen gesunden Lebensstil zu fördern.
- Vermeidung von Triggerfaktoren: Identifizieren und vermeiden Sie individuelle Triggerfaktoren wie bestimmte Nahrungsmittel, Getränke, Schlafstörungen oder Stress.
- Regelmäßiger Schlaf: Achten Sie auf einen regelmäßigen Schlafrhythmus und ausreichend Schlaf.
- Stressmanagement: Erlernen Sie Entspannungstechniken wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga, um Stress abzubauen.
- Regelmäßige Bewegung: Regelmäßige körperliche Aktivität, insbesondere Ausdauersport, kann die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Ernährung: Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung und vermeiden Sie Mahlzeiten auszulassen.
- Kopfschmerztagebuch: Führen Sie ein Kopfschmerztagebuch, um die Häufigkeit, Dauer und Intensität der Kopfschmerzen sowie mögliche Triggerfaktoren zu dokumentieren.
Weitere Therapieansätze
Zusätzlich zu den oben genannten Therapien gibt es weitere Ansätze, die bei der Behandlung der chronischen Migräne eingesetzt werden können:
- Akupunktur: Akupunktur kann bei manchen Menschen die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Biofeedback: Biofeedback ist eine Methode, bei der Patienten lernen, ihre Körperfunktionen wie Muskelspannung oder Herzfrequenz bewusst zu beeinflussen. Dies kann helfen, Stress abzubauen und Migräneattacken vorzubeugen.
- Neuromodulation: Neuromodulationsverfahren wie die transkranielle Magnetstimulation (TMS) oder die Vagusnervstimulation (VNS) können bei manchen Menschen die Häufigkeit von Migräneattacken reduzieren.
- Psychotherapie: Eine Psychotherapie kann helfen, Stress abzubauen, Coping-Strategien zu entwickeln und die Lebensqualität zu verbessern.
Chronische Migräne bei Kindern und Jugendlichen
Auch Kinder und Jugendliche können von chronischer Migräne betroffen sein. Die Diagnose und Behandlung der chronischen Migräne bei Kindern und Jugendlichen erfordert eine spezielle Herangehensweise. Es ist wichtig, die Kopfschmerzen von Spannungskopfschmerzen abzugrenzen und mögliche Ursachen wie Stress, Schulprobleme oder Schlafstörungen zu berücksichtigen.
Die Therapie der chronischen Migräne bei Kindern und Jugendlichen umfasst in der Regel eine Kombination aus:
- Verhaltensmaßnahmen: Anpassung des Lebensstils, um Triggerfaktoren zu vermeiden und Stress zu reduzieren.
- Akuttherapie: Behandlung akuter Migräneattacken mit Schmerzmitteln.
- Prophylaxe: Vorbeugende Maßnahmen mit Medikamenten, wenn die Migräneattacken häufig auftreten und die Lebensqualität stark beeinträchtigen.
Auswirkungen auf die Lebensqualität
Die chronische Migräne kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Häufige Kopfschmerzen können zu:
- Einschränkungen im Alltag: Schwierigkeiten bei der Arbeit, in der Schule oder im Haushalt.
- Sozialer Isolation: Vermeidung von sozialen Aktivitäten aufgrund der Kopfschmerzen.
- Psychischen Problemen: Depressionen, Angstzuständen oder Reizbarkeit.
- Finanziellen Problemen: Fehlzeiten am Arbeitsplatz und Kosten für Medikamente und Behandlungen.
Es ist wichtig, dass Menschen mit chronischer Migräne eine umfassende Behandlung erhalten, die sowohl die körperlichen als auch die psychischen Aspekte der Erkrankung berücksichtigt.
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