Epilepsie: Vererbung, Genetik und Zuchtaspekte

Epilepsie ist ein komplexes neurologisches Krankheitsbild, das durch wiederholte unprovozierte Anfälle gekennzeichnet ist. Die Ursachen und Ausprägungen sind vielfältig, wobei sowohl genetische Faktoren als auch äußere Einflüsse eine Rolle spielen können. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Aspekte der Vererbung von Epilepsie, insbesondere die rezessiven und dominanten Erbgänge, und gibt Züchtern Hinweise zum Umgang mit dieser Erkrankung.

Epilepsie und Schlaf

Zwischen Schlaf und Epilepsie besteht eine enge Wechselwirkung. Schlaf kann das Auftreten von Anfällen beeinflussen, und umgekehrt können epileptische Anfälle den Schlaf beeinträchtigen. Es gibt sogar eine spezielle Form der Epilepsie, die sogenannte Schlafepilepsie, bei der Anfälle ausschließlich oder überwiegend im Schlaf auftreten. Dabei können sowohl fokale als auch generalisierte Epilepsiesyndrome als Schlafepilepsie auftreten.

Schlafbezogene Hypermotorische Epilepsie (SHE)

Die schlafbezogene hypermotorische Epilepsie (SHE) ist eine spezielle Form der Epilepsie, die durch clusterartige, im Schlaf auftretende Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle sind oft kurz und abrupt und äußern sich in stereotypen hypermotorischen oder asymmetrischen dystonischen/tonischen Bewegungen. Das Bewusstsein kann dabei erhalten sein.

SHE wurde bereits Mitte des 19. Jahrhunderts beschrieben, aber erst in den 1980er-Jahren von Elio Lugaresi genauer charakterisiert. Ingrid Scheffer und Koautoren identifizierten sie 1994 als familiär auftretendes und vorwiegend autosomal-dominant vererbtes Epilepsiesyndrom.

Diagnose der SHE

Die Diagnose der SHE basiert auf den klinischen Merkmalen der Anfälle, der Video-EEG-Dokumentation und der Familienanamnese. Die diagnostische Sicherheit wird in drei Stufen eingeteilt:

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  • Mögliche SHE: Epileptische Anfälle, die durch signifikante und störende hypermotorische Ereignisse gekennzeichnet sind und von einem Augenzeugen berichtet werden.
  • Klinische SHE: Audio-Video-Dokumentation von mindestens einem vollständigen hypermotorischen Ereignis, das von einem Zeugen als typisch bestätigt wurde. Die aufgezeichneten Episoden müssen vollständig sein (Beginn, Verlauf und Ende umfassen) und geringfügige motorische Ereignisse und paroxysmale Erregungszustände ausschließen.
  • Bestätigte SHE: Video-EEG-Dokumentation von hypermotorischen Ereignissen, die während des Schlafs aufgezeichnet wurden und mit eindeutigen epileptischen Entladungen oder interiktalen epileptiformen Anomalien einhergehen.

Genetische Aspekte der SHE

Obwohl genetisch bedingte Formen nur einen kleinen Anteil der Epilepsien mit hypermotorischen Anfällen ausmachen, spielen sie bei der SHE eine wichtige Rolle. Einige der identifizierten Gene, die mit SHE in Verbindung gebracht werden, sind KCNT1, DEPDC5 und NPRL3.

Therapie der SHE

Die medikamentöse Therapie der SHE erfolgt meist mit Carbamazepin, Oxcarbazepin, Levetiracetam oder Perampanel, wobei der Erfolg variabel sein kann. Es gibt Hinweise, dass Zonisamid bei der ENFL1-Variante besser wirksam sein könnte. In einigen Fällen können auch Fenofibrat oder Vagusnervstimulation hilfreich sein. Interessanterweise wurde auch über günstige Effekte von Nikotin berichtet.

Genetische Grundlagen der Epilepsie

Die Genetik spielt eine wichtige Rolle bei vielen Epilepsieformen. Man unterscheidet zwischen monogenen Epilepsien, die durch eine Veränderung in einem einzelnen Gen verursacht werden, und multifaktoriellen Epilepsien, bei denen mehrere genetische und Umweltfaktoren zusammenwirken.

Vererbungsmodi

Epilepsie kann nach verschiedenen Erbgängen vererbt werden:

  • Autosomal-dominant: Ein betroffenes Allel reicht aus, um die Krankheit auszulösen. Das Risiko für Nachkommen, die Variante zu tragen, beträgt 50 %.
  • Autosomal-rezessiv: Beide Allele müssen betroffen sein, damit die Krankheit ausbricht. Das Risiko für Geschwister, die Variante zu tragen, beträgt 25 %.
  • X-chromosomal: Die Vererbung erfolgt über das X-Chromosom. Männer sind stärker betroffen, da sie nur ein X-Chromosom haben.
  • Mitochondrial: Die Vererbung erfolgt ausschließlich über die Mutter, da die Mitochondrien der Zygote ausschließlich von der Eizelle stammen.

Genetische Diagnostik

Die genetische Diagnostik hat in den letzten Jahren enorme Fortschritte gemacht. Hochdurchsatz-Sequenziermethoden (Next-Generation Sequencing, NGS) ermöglichen die Identifizierung einer stetig wachsenden Zahl von Epilepsiegenen.

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Methoden der genetischen Diagnostik:

  • Exom-Sequenzierung (ES): Sequenzierung der kodierenden und angrenzenden intronischen Bereiche des Genoms.
  • Genom-Sequenzierung (GS): Sequenzierung der gesamten DNA.
  • Panel-Diagnostik: Sequenzierung einer ausgewählten Liste von Genen, die mit Epilepsie in Verbindung gebracht werden.
  • Array-Diagnostik (CMA): Genomweite Untersuchung auf Kopienzahlvarianten (CNV).

Indikation zur genetischen Diagnostik:

Die genetische Diagnostik ist besonders sinnvoll bei:

  • Entwicklungsbedingten und epileptischen Enzephalopathien (DEE)
  • Therapieresistenten Epilepsien
  • Erkrankungsbeginn vor dem 3. Lebensjahr
  • Verdacht auf eine genetische Ursache

Bedeutung der genetischen Diagnose:

Eine genetische Diagnose kann verschiedene Vorteile haben:

  • Ermöglichung spezifischer therapeutischer Maßnahmen (Präzisionstherapie)
  • Gezielte pränatale Diagnostik
  • Erleichterung der Beratung von Betroffenen und Familien
  • Bessere Planung von sozialen, therapeutischen und pädagogischen Ressourcen
  • Psychologische Entlastung durch Klärung der Ursache

Umgang mit negativen Befunden und Varianten unklarer Signifikanz (VUS)

Auch bei negativen Befunden oder dem Auftreten von Varianten unklarer Signifikanz (VUS) ist eine genetische Beratung wichtig. VUS sind genetische Veränderungen, deren Bedeutung für die Entstehung der Krankheit noch nichtEndeutig geklärt ist. In solchen Fällen sind weitere Untersuchungen und eine regelmäßige Überprüfung der Datenlage erforderlich.

Epilepsie in der Hundezucht

Epilepsie ist auch bei Hunden ein zunehmendes Problem. Die genetische Vererbung variiert von Rasse zu Rasse und innerhalb der einzelnen Zuchtlinien. In den meisten Fällen ist die Art der Vererbung nicht eindeutig bestimmbar oder polygenetisch bedingt.

Zuchtstrategien

Bei der Zucht mit Hunden, bei denen Epilepsie aufgetreten ist, sind folgende Aspekte zu berücksichtigen:

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  • Ausschluss betroffener Hunde: Epileptische Hunde sollten grundsätzlich von der Zucht ausgeschlossen werden.
  • Vorsicht bei Verwandten: Bei nicht betroffenen Eltern und Geschwistern von betroffenen Hunden sollte der Zuchteinsatz kritisch geprüft werden.
  • Genpool beachten: Ein zu rigoroser Ausschluss von Hunden kann den Genpool der Rasse einschränken.
  • Transparenz: Züchter sollten offen über Epilepsiefälle in ihren Linien kommunizieren.
  • Datenbanken nutzen: Datenbanken wie The International Epilepsy Register, Czech database, The Breed Archive und DKBS können bei der Recherche nach erkrankten Tieren helfen.
  • Risikoabschätzung: Das Risiko für Epilepsie kann anhand der Epi-Zahl nach Ahnentafel des Hundes in fünf Generationen berechnet werden.

Umgang mit Trägern

Bei einfach rezessiver Vererbung sind Träger der Epilepsie-Gene nicht selbst erkrankt, können aber das Gen an ihre Nachkommen weitergeben. Die Identifizierung von Trägern ist schwierig, da sie äußerlich nicht von nicht betroffenen Tieren zu unterscheiden sind.

Empfehlungen für den Umgang mit Trägern:

  • Eltern ausschließen: Wenn ein Hund an Epilepsie erkrankt ist, sollten beide Elternteile aus der Zucht genommen werden.
  • Wurfgeschwister prüfen: Bei Wurfgeschwistern des erkrankten Hundes ist das Risiko hoch, dass sie ebenfalls Träger sind. Ein Zuchteinsatz sollte kritisch geprüft werden.
  • Testzucht: Eine Testzucht mit einem bekannten Träger kann Aufschluss darüber geben, ob ein Tier ebenfalls Träger ist.

Bedeutung einer umfassenden Untersuchung

Vor der Annahme einer vererbten Epilepsie sollte eine umfassende Untersuchung durchgeführt werden, um andere Ursachen auszuschließen. Hypoglykämie, Elektrolytstörungen, Darmparasiten und andere Erkrankungen können ebenfalls Anfälle auslösen.

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