Schutzimpfungen sind ein unverzichtbarer Bestandteil der individuellen und gesellschaftlichen Gesundheit und gehören zu den größten Erfolgsgeschichten der modernen Medizin. Sie verhindern wirkungsvoll unsägliches Leid und haben wesentlich zu einer Verlängerung einer gesunden Lebenserwartung beigetragen. Allerdings können auch Nebenwirkungen auftreten. Durch die Corona-Pandemie ist eine hohe absolute Zahl an Impfungen erfolgt, was die Frage nach möglichen Nebenwirkungen in den Fokus rückt.
Neurologische Manifestationen und COVID-19
Bereits kurz nach dem Beginn der COVID-19-Pandemie wurden erste Berichte über das Auftreten von neurologischen Manifestationen im Rahmen von COVID-19 Erkrankungen veröffentlicht. Eine initiale retrospektive Studie von 214 mit bestätigter SARS-CoV-2-Infektion hospitalisierten Patient*innen aus Wuhan, China, beschrieb das Auftreten von neurologischen Symptomen in 36,4 %. Die berichteten neurologischen Manifestationen umfassen Enzephalopathie, Geruchs- und Geschmacksstörung, Kopfschmerzen, zerebrovaskuläre Erkrankungen wie ischämischer Schlaganfall, intrazerebrale Blutungen und zerebrale Sinusvenenthrombosen, epileptische Anfälle, hypoxische Hirnschädigung sowie para-/postinfektiöse Syndrome wie Guillain-Barré-Syndrom, akute disseminierte Enzephalomyelitis (ADEM) und akute nekrotisierende Enzephalopathie.
In einer prospektiven Beobachtungsstudie von 4491 mit COVID-19 hospitalisierten Patient*innen in New York City traten bei 14 % neue neurologische Manifestationen auf. Die häufigste neue neurologische Diagnose war eine metabolische Enzephalopathie (6,8 %), gefolgt von Schlaganfällen (1,9 %), epileptischen Anfällen (1,6 %) und hypoxischer Enzephalopathie (1,4 %).
Epileptische Anfälle als Symptom von COVID-19
Epileptische Anfälle können das Symptom einer COVID-19-Erkrankung sein, das zur Erstvorstellung der Patientinnen in einer Notaufnahme führt. In einer Untersuchung von allen über einen Zeitraum von 2 Wochen hospitalisierten COVID-19-Patientinnen im Iran hatte in 45 von 5872 Fällen (0,8 %) ein epileptischer Anfall zur Aufnahme in das Krankenhaus geführt. Nur 9 % dieser COVID-19-Patientinnen mit epileptischen Anfällen hatten eine Anamnese von Epilepsie. Ähnliche Ergebnisse fanden sich bei 1043 mit COVID-19 über einen Zeitraum von 6 Wochen hospitalisierten Patientinnen in Boston, USA. In dieser Kohorte war bei 7 Patientinnen (0,8 %) ein epileptischer Anfall das präsentierende Symptom bei Krankenhausaufnahme gewesen. Davon hatten 3 Patientinnen keinerlei andere COVID-19-Symptome wie Husten oder Fieber vor dem Anfall gezeigt. Bei 3 Patientinnen war eine Epilepsieerkrankung bekannt gewesen, in den 4 anderen Fällen fand sich bei 2 Patientinnen ein Schlaganfall in der Anamnese.
Epileptische Anfälle treten bei 15-20 % aller kritisch kranken Patientinnen auf Intensivstationen auf. Die meisten dieser Anfälle zeigen keine klinisch erkennbaren Zeichen und können nur mittels Anwendung einer kontinuierlichen EEG-Ableitung („continuous EEG monitoring“ [cEEG]) detektiert werden. In einer cEEG-Studie von 111 COVID-19-Patientinnen, von denen sich rund drei Viertel zum Zeitpunkt der EEG-Ableitung auf der Intensivstation befanden und eine schwere Bewusstseinsstörung aufwiesen, fanden sich bei 30 % epileptiforme Potenziale und bei 7 % epileptische Anfälle. Bei 4 % der Patient*innen wurden ausschließlich nichtkonvulsive Anfälle detektiert.
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Status epilepticus (SE) bei Patientinnen mit COVID-19 wurde ebenfalls in Fallberichten beschrieben. Ein systematischer Review zu SE und COVID-19 fand 47 Fälle eines SE in Assoziation mit einer SARS-CoV-2-Infektion. Nur 3 Patientinnen in dieser Kohorte hatten eine bekannte Epilepsieerkrankung. Für die meisten SE-Fälle wurde eine akut symptomatische Ursache des SE angenommen, allerdings konnte die Ätiologie des SE in 55 % nicht identifiziert werden.
Epileptische Anfälle nach COVID-19-Impfung
Im Zusammenhang mit COVID-19-Impfungen stellt sich die Frage nach möglichen neurologischen Nebenwirkungen, insbesondere dem Auftreten von epileptischen Anfällen. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) geht in seinem aktuellen Sicherheitsbericht auch auf Krampfanfälle ein, die in zeitlichem Zusammenhang mit Coronaimpfungen gemeldet wurden. Krampfanfälle nach Impfungen gehören laut PEI zu den Ereignissen von besonderem medizinischem Interesse (Adverse Event of Special Interest), die für die Überwachung der Sicherheit von Vakzinen sehr relevant sind.
Dem PEI wurden nach Impfung mit einem Covid-19-Impfstoff bisher insgesamt 1169 Verdachtsfallmeldungen eines Krampfanfalls berichtet. Von den verbleibenden Ereignissen wurden 741 Fälle nach Impfung mit Comirnaty und 131 Fälle nach Impfung mit Spikevax gemeldet. Dies entspricht einer Melderate von 0,5 Fällen pro 100.000 Comirnaty-Impfungen und 0,4 Fällen pro 100.000 Spikevax-Impfungen. 113 Meldungen erfolgten nach Impfung mit Vaxzevria und 38 Meldungen nach Impfung mit Jcovden. Dies entspricht einer Melderate von 0,9 Fällen pro 100.000 Vaxzevria-Impfungen und 1 Fall pro 100.000 Jcovden-Impfungen.
Die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) hat in einer Stellungnahme festgehalten, dass derzeit kein erhöhtes Risiko für das Auftreten von epileptischen Anfällen als Nebenwirkung von COVID-19-Impfungen bekannt ist. Als Impfreaktion kann es zum Auftreten von Fieber kommen, was die „Krampfschwelle“ („seizure threshold“) herabsetzen kann. Im Zusammenhang mit Anfallsmedikation und COVID-19-Impfungen wurde darauf hingewiesen, dass bekannt ist, dass es nach Influenzaimpfungen zu durch Zytokine vermittelten Änderungen in der Expression von hepatischen Cytochrom-P450-Enzymen kommt und dadurch die Konzentration von Anfallsmedikamenten (z. B. Carbamazepin) beeinflusst werden kann.
Fallbeispiele und Einzelschicksale
Trotz der insgesamt geringen Melderate von Krampfanfällen nach COVID-19-Impfungen gibt es Einzelfälle, die die Frage nach einem möglichen Zusammenhang aufwerfen. So wird beispielsweise der Fall von Sophie G. aus Kassel geschildert, die nach einer BioNTech-Impfung Gelenkschmerzen, einen Ausschlag und schließlich eine Sinusvenenthrombose mit nachfolgender Epilepsie entwickelte. Obwohl ihr behandelnder Arzt einen möglichen Zusammenhang mit der Impfung sieht, wurde ihr Antrag auf staatliche Entschädigung abgelehnt. Der Fall liegt nun beim zuständigen Sozialgericht.
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Diese Einzelschicksale zeigen, dass Impfschäden für die Betroffenen gravierende Folgen haben können und der Kampf um Anerkennung und Entschädigung oft langwierig und schwierig ist.
Ursachenforschung und mögliche Mechanismen
Die Ursachen für epileptische Anfälle im zeitlichen Zusammenhang mit Impfungen sind vielfältig und oft nicht eindeutig zu klären. In vielen Fällen handelt es sich um akut symptomatische Anfälle, die durch die Impfung selbst oder durch Begleiterscheinungen wie Fieber ausgelöst werden. Es ist auch möglich, dass es sich um unprovozierte epileptische Anfälle handelt, die nur zufällig mit der Impfung zusammenfallen.
Eine durch direkte Effekte des Virus auf das ZNS vermittelte Ätiologie der akut symptomatischen epileptischen Anfälle wie z. B. im Rahmen einer Enzephalitis scheint eher die Ausnahme zu sein. Das Zusammenspiel von multiplen Faktoren wie Hypoxie, Sepsis, Inflammation sowie schweren metabolischen Entgleisungen wie Hyponatriämie und Urämie, die sich bei COVID-19 häufig finden, könnte bei kritisch kranken Patient*innen das Auftreten von epileptischen Anfällen verursachen.
Epilepsie und Impfung: Generelle Aspekte
Eine Epilepsie ist keine grundsätzliche Kontraindikation für Impfungen. Insbesondere für Kinder mit Epilepsie sind Impfungen wichtig, da schwere Infektionskrankheiten wie Masern ein hohes Risiko an Folgeerkrankungen mit sich bringen. Häufig werden Impfungen aus Angst vor einer Anfallsauslösung durch die Impfung selbst oder dabei auftretendes Fieber vermieden.
Impfschäden waren zum Glück früher schon selten und sind durch eine zunehmende Verbesserung der Impfstoffe noch viel seltener geworden. Sehr häufig wurde mit verbesserter Diagnostik bei Menschen mit einem „Impfschaden“ später eine genetische Veränderung gefunden welche die Epilepsie erklärt. Dennoch ist jede Impfung eine individuelle Nutzen- und Risikoabwägung für jeden Patienten und sollte mit einem Facharzt besprochen werden.
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Was tun bei Verdacht auf einen Impfschaden?
Bei anhaltenden Beschwerden nach einer Impfung sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden. Der Krankheitsverlauf mit Datum der Impfung, Beginn der Symptome und Befunden sollte lückenlos dokumentiert werden. Ärzte melden dann Verdachtsfälle beim Gesundheitsamt. Zuständig für die Bewertung von Impfnebenwirkungen ist das Paul-Ehrlich-Institut (PEI).
Betroffene stellen einen Antrag auf Versorgung wegen Impfschadens beim zuständigen Landes- bzw. Versorgungsamt ihres Bundeslandes. Wichtig: Der Schaden muss dauerhaft sein. Die Behörde prüft die Voraussetzungen und beauftragt fachärztliche Gutachten, um den Kausalzusammenhang zwischen Impfung und Schaden zu bewerten. Auf Basis der Gutachten ergeht ein Bescheid (Anerkennung oder Ablehnung).
Entschädigung bei anerkannten Impfschäden
In Deutschland gibt es bei anerkannten Impfschäden einen Anspruch auf Entschädigung. Die Leistungen orientieren sich an den Regelungen der Sozialen Entschädigung nach § 24 SGB XIV. Anerkannte Betroffene haben zudem Anspruch auf umfassende Leistungen zur medizinischen Versorgung, medizinische und berufliche Rehabilitationsmaßnahmen sowie Hilfsmittel. Um die Erwerbsfähigkeit zu sichern und wiederherzustellen, können Betroffene Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben in Anspruch nehmen. Laufende Rentenleistungen sind ebenfalls eine Entschädigungsform.
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