Ein plötzlicher Verlust des Bewusstseins mit zuckenden Extremitäten lässt viele Menschen sofort an einen epileptischen Anfall denken. Doch oft stecken andere Ursachen dahinter. Dieser Artikel beleuchtet die verschiedenen Ursachen für Bewusstlosigkeit im Zusammenhang mit epileptischen Anfällen, wie man diese differenziert und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt.
Differenzierung verschiedener Ursachen für plötzliche Bewusstlosigkeit
Wenn jemand plötzlich bewusstlos wird und keine offensichtliche Ursache wie ein Schädel-Hirn-Trauma vorliegt, muss man zwischen Synkopen, epileptischen und psychogenen Anfällen unterscheiden. Laut Dr. Tobias Baumgartner und Privatdozent Dr. Rainer Surges von der Klinik für Epileptologie am Universitätsklinikum Bonn leiden etwa die Hälfte der Patienten, bei denen fälschlicherweise Epilepsie vermutet wird, in Wirklichkeit an rezidivierenden Synkopen. Ein weiteres Drittel hat psychogene, nicht-epileptische Anfälle.
Um die Ursache der Bewusstlosigkeit zu ermitteln, ist eine sorgfältige Anamnese unerlässlich. Dabei sollte man sowohl den Patienten selbst als auch Zeugen des Anfalls befragen. Wichtige Fragen sind:
- War dies der erste Vorfall oder gab es ähnliche Ereignisse in der Vergangenheit?
- Gab es Vorboten der Episode?
- Was waren die unmittelbaren Auslöser?
- Wie lange dauerte die Episode?
- Was geschah unmittelbar danach?
Synkopen: Ursachen und Arten
Synkopen sind meist auf eine Minderdurchblutung des Gehirns zurückzuführen. Es gibt verschiedene Arten von Synkopen:
- Vasovagale Synkopen: Hierzu gehören neurokardiogene, emotional induzierte und Karotissinussynkopen. Manchmal fehlt ein erkennbarer Auslöser.
- Kardiale Synkopen: Diese treten vor allem bei Herzrhythmusstörungen auf.
- Orthostatische Synkopen: Sie entstehen durch einen schnellen Blutdruckabfall ohne adäquate Gegenregulation, beispielsweise bei Volumenmangel oder als Nebenwirkung von Medikamenten.
Epileptische Anfälle: Ursachen und Arten
Im Gegensatz zu Synkopen liegt die Ursache epileptischer Anfälle im Gehirn. Hierbei entladen sich Gruppen von Neuronen pathologisch synchronisiert immer wieder. Man unterscheidet:
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- Fokale Anfälle: Diese beginnen mit der Aktivierung eines eng begrenzten Areals und können sich im nächsten Schritt auf beide Hirnhemisphären ausbreiten.
- Generalisierte Anfälle: Bei diesen Anfällen gibt es von Anfang an keinen Hinweis auf eine bestimmte Lokalisation der verantwortlichen Nervenzellen.
Psychogene nicht-epileptische Anfälle
Psychogene nicht-epileptische Anfälle treten oft als Begleitsymptom verschiedener psychiatrischer Diagnosen auf und beruhen nicht auf neuronalen Überaktivierungen.
Epilepsie: Eine neurologische Erkrankung
Die Epilepsie, auch als Fallsucht bezeichnet, ist ein Krampfleiden, das vom Gehirn verursacht wird. Weltweit ist etwa 1 Prozent der Menschen von Epilepsie betroffen. Alle Epilepsien verbindet eine übermäßige Aktivität des Gehirns bzw. einzelner Hirnbereiche. Die überschießende Entladung von Gehirnzellen führt dann zu epileptischen Anfällen.
Erscheinungsformen epileptischer Anfälle
Epileptische Anfälle können wenige Sekunden bis zu mehrere Minuten dauern. Die leichteste Form äußert sich durch ein leichtes Muskelzucken, Kribbeln oder eine kurze Bewusstseinspause (Absence). Ein großer Krampfanfall kann mit Bewusstlosigkeit, heftigen Krämpfen und unkontrollierten Zuckungen einhergehen.
Verhalten bei einem epileptischen Anfall
Während eines Anfalls sollten Betroffene vor Gefahren geschützt werden. Körperlicher Kontakt, wie Festhalten, sollte vermieden werden. Bei einem schweren Anfall ist es wichtig, sofort den Notruf zu wählen.
Ursachen von Epilepsie
Die erhöhte Neigung zu Krampfanfällen kann angeboren sein oder durch Schädigungen des Hirngewebes entstehen. Mögliche Ursachen sind Narben, Verletzungen durch Unfälle, Hirnhautentzündungen, Tumore oder Schlaganfälle.
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Andere Ursachen für epileptische Anfälle
Nicht jeder epileptische Anfall ist auf Epilepsie zurückzuführen. Gelegentlich kann ein Anfall durch Fieber, Vergiftung, Alkoholentzug oder Schlafmangel ausgelöst werden. Plötzliche Bewusstseinsstörungen können auch durch Kreislaufreaktionen (Synkopen) verursacht werden.
Diagnostik bei Verdacht auf Epilepsie
Bei einem ersten Anfall oder Verdacht auf Epilepsie sollte ein erfahrener Facharzt abklären, ob es sich tatsächlich um einen epileptischen Anfall handelt. Die Epilepsiediagnostik umfasst verschiedene Untersuchungen:
- Anamnese: Detaillierte Befragung des Patienten und von Zeugen des Anfalls. Eine Videoaufzeichnung des Anfalls kann hilfreich sein.
- EEG (Elektroenzephalografie): Messung der Hirnströme, um Auffälligkeiten zu erkennen. Eine Langzeit-Video-EEG-Ableitung kann notwendig sein.
- MRT (Magnetresonanztomographie): Bildgebung des Gehirns, um organische Veränderungen sichtbar zu machen.
- Blutuntersuchungen: Um andere Ursachen für die Anfälle auszuschließen.
Behandlung von Epilepsie
Die Behandlung von Epilepsie zielt darauf ab, Anfälle zu kontrollieren, Nebenwirkungen zu minimieren und die Teilnahme am sozialen Leben zu ermöglichen.
Medikamentöse Therapie
Die Behandlung erfolgt meist mit Medikamenten (Antiepileptika), die das Anfallsrisiko senken. Diese wirken direkt auf das Nervensystem, hemmen die Reizweiterleitung und vermindern die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn. In etwa zwei Drittel der Fälle kann durch Medikamente Anfallsfreiheit erreicht werden.
Alternative Behandlungsmöglichkeiten
Für Patienten, bei denen die medikamentöse Therapie nicht ausreichend wirkt, gibt es alternative Behandlungsmöglichkeiten:
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- Epilepsiechirurgie: Entfernung des Hirnbereichs, der die Anfälle auslöst.
- Neurostimulation: Stimulation von Strukturen im Gehirn oder des Vagusnervs mit niedriger Stromstärke, um die Anfallsfrequenz zu reduzieren. Hierzu gehören die Vagusnervstimulation (VNS), die Tiefe Hirnstimulation (THS) und die transkranielle Magnetstimulation (TMS).
Verhaltenstherapie
Parallel zur medikamentösen Therapie kann auch eine Verhaltenstherapie zur Anfallsselbstkontrolle in die Behandlung integriert werden.
Was tun bei einem epileptischen Anfall?
Bei einem epileptischen Anfall ist es wichtig, Ruhe zu bewahren und den Betroffenen vor Verletzungen zu schützen. Dauert der Anfall länger als fünf Minuten oder treten mehrere Anfälle kurz hintereinander auf, sollte der Rettungsdienst (Notruf 112) informiert werden.
Leben mit Epilepsie
Eine umfassende Aufklärung über die Erkrankung und Verhaltensregeln im Alltag sind wichtige Bestandteile der Epilepsiebehandlung. Dazu gehört das Kennen und Vermeiden von Auslösern wie Schlafmangel und Stress. Auch Einschränkungen in der Lebensführung, wie das Unterlassen bestimmter Tätigkeiten, sollten beachtet werden.
Familienplanung
Bei Kinderwunsch sollten bestimmte Antiepileptika vermieden werden, da sie das Missbildungsrisiko des Kindes erhöhen können.
Psychische Gesundheit
Ergänzend kann eine Psychotherapie hilfreich sein, um mit den Folgen der Erkrankung umzugehen und die Lebensqualität zu verbessern. Die Angst vor einem Anfall kann Betroffene psychisch belasten, und das Risiko für Depressionen ist erhöht.
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