Epileptischer Anfall und Leberzirrhose: Ursachen und Zusammenhänge

Epileptische Anfälle und Leberzirrhose scheinen auf den ersten Blick unterschiedliche medizinische Probleme zu sein. Es gibt jedoch eine Reihe von Verbindungen und Wechselwirkungen zwischen diesen beiden Zuständen. Dieser Artikel untersucht die Ursachen epileptischer Anfälle im Zusammenhang mit Leberzirrhose, wobei die Rolle der hepatischen Enzephalopathie (HE) und anderer internistischer Faktoren hervorgehoben wird.

Epilepsie: Eine Übersicht

Epilepsie ist eine chronische neurologische Erkrankung, die durch wiederholte, spontane epileptische Anfälle gekennzeichnet ist. Diese Anfälle entstehen durch Funktionsstörungen im Gehirn, bei denen es zu einer abnormen und synchronisierten Erregungsausbreitung zentraler Neurone kommt.

Ursachen und Mechanismen von Epilepsie

Die Pathogenese der Epilepsie beruht auf einer Funktionsstörung des Gehirns, bei der es zu einer abnormen neuronalen Erregungsausbreitung kommt. Die Ursachen sind vielfältig und umfassen:

  • Ungleichgewicht zwischen Erregung und Hemmung: Im Gehirn besteht ein Gleichgewicht zwischen exzitatorischen Neurotransmittern (wie Glutamat) und inhibitorischen Neurotransmittern (wie GABA). Bei Epilepsie wird dieses Gleichgewicht gestört, was zu einer verstärkten neuronalen Aktivität führt.
  • Ionenkanal-Dysfunktion: Mutationen in Genen, die für Ionenkanäle kodieren, können zu einer Dysfunktion der Kanäle führen, was die neuronale Erregbarkeit erhöht.
  • Synaptische Plastizität und neuronale Netze: Veränderungen der synaptischen Verbindungen zwischen Nervenzellen können zu einer langfristigen Übererregbarkeit neuronaler Netze führen.

Auslöser von Epileptischen Anfällen

Epileptische Anfälle können durch verschiedene externe und interne Reize ausgelöst werden, darunter:

  • Schlafstörungen
  • Flackerlicht (bei photosensitiver Epilepsie)
  • Fieber
  • Alkoholkonsum
  • Hormonelle Schwankungen (besonders bei Frauen)
  • Medikamentenentzug

Leberzirrhose und Hepatische Enzephalopathie (HE)

Die Leberzirrhose ist eine chronische Lebererkrankung, bei der es zu einer Vernarbung des Lebergewebes kommt. In Deutschland leiden etwa 1 Million Menschen an einer Zirrhose. Eine häufige Komplikation der Leberzirrhose ist die hepatische Enzephalopathie (HE), die bei über 80 % der Leberzirrhosepatienten auftritt.

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Entstehung der Hepatischen Enzephalopathie

Die HE entsteht durch die Unfähigkeit der geschädigten Leber, Ammoniak und andere Giftstoffe aus dem Blut zu filtern. Diese Giftstoffe gelangen ins Gehirn und beeinträchtigen die Hirnfunktion. Ammoniak, ein Zellgift, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Bei einer Leberzirrhose ist die Ammoniakentgiftung um bis zu 80 % reduziert.

Symptome der Hepatischen Enzephalopathie

Die Symptome der HE sind vielfältig und können sich schleichend entwickeln. Zu den frühen Anzeichen gehören:

  • Müdigkeit
  • Konzentrationsschwäche
  • Desinteresse
  • Verminderte Auffassungsgabe
  • Erinnerungslücken
  • Eingeschränkte Leistungsfähigkeit
  • Stimmungsschwankungen
  • Verwirrtheit
  • Angst

Im fortgeschrittenen Stadium können unkoordinierte Feinmotorik, verwaschene Sprache, Zittern der Hände, Benommenheit, Desorientierung und Krämpfe auftreten. In fulminanten Fällen kann die HE zu akut symptomatischen Anfällen, Koma und Hirnödem führen.

Hepatische Enzephalopathie und Epileptische Anfälle

Die HE kann epileptische Anfälle auslösen oder verschlimmern. Die Ansammlung von Giftstoffen im Gehirn führt zu einer erhöhten neuronalen Erregbarkeit, was das Risiko für Anfälle erhöht. Die Anfälle können episodenhaft auftreten und sowohl mild als auch plötzlich sein.

Internistische Ursachen für Akut Symptomatische Epileptische Anfälle (ASA)

Akut symptomatische Anfälle (ASA) sind epileptische Anfälle, die zeitnah zu einem auslösenden Ereignis auftreten. Die Ursachen der ASA sind vielfältig und reichen von vaskulären Ereignissen über Infektionen bis zu metabolisch/toxischen Ursachen.

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Elektrolytentgleisungen

Elektrolytentgleisungen beeinflussen direkt das Gehirn und können ASA verursachen. Besonders akut auftretende und schwere Elektrolytentgleisungen sind relevant.

  • Hyponatriämie: Eine Vielzahl von internistischen Erkrankungen und Störungen führt zu einer Hyponatriämie (Natriummangel). Häufige Ursachen sind Verdünnungshyponatriämie, übermäßige Wasseraufnahme, gestörte renale Wasserausscheidung, Diuretika-Therapien, Nebenniereninsuffizienz, Hypothyreose, Diarrhö, Herzinsuffizienz, Zirrhose und Nierenfunktionseinschränkung. Ein Natriumwert < 115 mg/dl erhöht das Risiko für ASA deutlich.
  • Hypernatriämie: Eine chronische Hypernatriämie (Natriumüberschuss) verursacht selten neurologische Defizite. Neurologische Komplikationen treten meist nur bei raschem Anstieg des Natriumwerts auf. Eine zu rasche Korrektur der Hypernatriämie kann ebenfalls zu ASA führen. Häufige Ursachen sind exzessiver Wasserverlust, Diabetes insipidus, Diarrhö oder Medikamente wie Mannitol. Ein Natriumwert > 170 mg/dl wird als schwere Hypernatriämie bezeichnet.
  • Hypokalziämie: Die klassischen klinischen Manifestationen der Hypokalziämie (Kalziummangel) sind Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle. Eine häufige Ursache ist der Hypoparathyreoidismus, der idiopathisch, postoperativ oder sekundär im Rahmen eines Nierenversagens auftreten kann.
  • Magnesiummangel: Ein ausgeprägter Magnesiummangel kann bilaterale tonisch-klonische Anfälle verursachen. Der Magnesiummangel entsteht meist durch Diarrhö, Missbrauch von Abführmitteln oder durch Medikamente wie Thiaziddiuretika und Cyclosporine.

Stoffwechselstörungen

  • Diabetes Mellitus: Ein Diabetes mellitus (DM) ist mit dem Auftreten von epileptischen Anfällen und Epilepsien assoziiert. Hyperglykämien (hoher Blutzucker) führen immer wieder zu ASA, insbesondere die nichtketotische Hyperglykämie, die sich meist als fokal motorische Anfälle manifestiert. Hypoglykämien (niedriger Blutzucker) sind v. a. bei Neugeborenen und Kindern mit ASA verbunden.
  • Schilddrüsenerkrankungen: Schilddrüsenhormone können die Erregungsbereitschaft im Gehirn steigern. Im Rahmen von thyreotoxischen Zuständen (Hyperthyreose) können in seltenen Fällen ASA auftreten. Eine Hypothyreose führt nur bei langfristiger, unbehandelter Unterfunktion oder im Rahmen eines Myxödemkomas zu ASAs.

Leber- und Nierenerkrankungen

  • Leberfunktionsstörungen: Akute und chronische Leberfunktionsstörungen führen oft zu neurologischen Komplikationen, insbesondere zur hepatischen Enzephalopathie, die ASA auslösen kann.
  • Nierenfunktionsstörungen: Eine fortgeschrittene chronische Niereninsuffizienz kann zu einem "posterioren reversiblen Enzephalopathiesyndrom" (PRES) führen, das mit epileptischen Anfällen einhergeht.

Weitere Internistische Erkrankungen

  • Systemischer Lupus Erythematodes (SLE): ASA treten bei SLE meist im Rahmen einer systemischen Exazerbation auf.
  • Entzündliche Darmerkrankungen: Chronisch entzündliche Darmerkrankungen können indirekt zu ASA führen, indem sie das Risiko für zerebrale Thromboembolien oder Vaskulitiden erhöhen.

Alkohol und Drogen

  • Alkohol: Sowohl eine akute Alkoholintoxikation als auch der Alkoholentzug können zu akut symptomatischen Anfällen führen.
  • Drogen: Eine Vielzahl von meist illegalen Drogen können auch in niedrigen Dosen akut symptomatische Anfälle auslösen. Bei narkotisierenden Substanzen treten diese eher im Entzug auf, während andere Substanzen wie Kokain oder Methamphetamine ein hohes Risiko der Provokation von ASA während des Gebrauchs haben.

Medikamente

Eine Vielzahl von Medikamenten kann die Krampfschwelle senken und ASA auslösen. Dazu gehören Neuroleptika, Antidepressiva, Muskelrelaxanzien, Sympathomimetika, Analgetika, Antirheumatika und Antibiotika. Insbesondere Neuroleptika der zweiten Generation wie Clozapin sind mit einem erhöhten Anfallsrisiko verbunden.

Diagnose und Behandlung

Die Diagnose von epileptischen Anfällen im Zusammenhang mit Leberzirrhose oder anderen internistischen Erkrankungen erfordert eine sorgfältige Anamnese, körperliche Untersuchung und neurologische Diagnostik. Dazu gehören:

  • EEG (Elektroenzephalogramm): Zur Messung der Hirnströme und zum Nachweis epileptischer Aktivität.
  • Bildgebung (CT oder MRT): Zum Nachweis struktureller Hirnveränderungen.
  • Blutuntersuchungen: Zum Ausschluss von Stoffwechselstörungen, Elektrolytentgleisungen und anderen internistischen Ursachen.

Die Behandlung richtet sich nach der Ursache des Anfalls. Bei HE ist die Senkung des Ammoniakspiegels von zentraler Bedeutung. Dies kann durch Medikamente wie Lactulose, L-Ornithin-L-Aspartat und Rifaximin erreicht werden. Bei ASA aufgrund von Elektrolytentgleisungen oder Stoffwechselstörungen müssen diese korrigiert werden. Antiepileptika können zur Anfallskontrolle eingesetzt werden, wobei die Auswahl des Medikaments sorgfältig erfolgen muss, um Interaktionen mit anderen Medikamenten zu vermeiden.

Epilepsie im Alter

Die Epilepsie ist die dritthäufigste neurologische Erkrankung im höheren Alter. Bei älteren Menschen sind Durchblutungsstörungen oder neurodegenerative Erkrankungen häufige Ursachen für Epilepsie. Die Symptome können untypisch sein und oft als Verwirrtheit, Synkopen oder Gedächtnisstörungen fehlgedeutet werden.

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