Multiple Sklerose Therapie am UKE Hamburg-Eppendorf: Innovative Ansätze und Nebenwirkungen

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die das Gehirn und Rückenmark betrifft. Die Erkrankung manifestiert sich oft durch vielfältige Symptome, die von Sehstörungen über Sensibilitätsstörungen bis hin zu Gang- und Gleichgewichtsstörungen reichen können. Die Symptome werden durch Entzündungsherde und Abbauprozesse in bestimmten Hirnregionen verursacht. Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) werden verschiedene innovative Therapieansätze verfolgt, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern und den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen.

Multiple Sklerose: Eine Übersicht

Die Multiple Sklerose manifestiert sich in unterschiedlichen Verlaufsformen:

  • Schubförmig-remittierende MS (RRMS): Hierbei wechseln sich Krankheitsschübe mit vollständiger oder teilweiser Rückbildung der Symptome ab.
  • Sekundär-progrediente MS (SPMS): Diese Form ist durch eine langsame Zunahme neurologischer Dysfunktionen gekennzeichnet, wobei zusätzlich Schübe auftreten können. Oft geht eine RRMS nach etwa 10 bis 15 Jahren in eine SPMS über.
  • Primär-progrediente MS (PPMS): Im Gegensatz zu den anderen Formen beginnt die PPMS nicht mit Schüben, sondern mit einer schleichenden Verschlechterung der neurologischen Defizite ohne Rückbildung.

Konventionelle Therapieansätze

Die Behandlung der Multiplen Sklerose umfasst verschiedene Therapieansätze, die je nach individueller Situation und Krankheitsstadium eingesetzt werden. Dazu gehören:

  • Akuttherapie: Bei akuten Schüben wird hochdosiertes Kortison (Prednisolon) verabreicht, um die Entzündung zu reduzieren und den Schub zu verkürzen.
  • Krankheitsmodifizierende Therapie: Diese zielt darauf ab, den Krankheitsverlauf langfristig positiv zu beeinflussen. Hierbei kommen Immunsuppressiva und Immunmodulatoren zum Einsatz. Immunsuppressiva unterdrücken die überschießende Reaktion des Immunsystems, während Immunmodulatoren aktiv in den Entzündungsprozess eingreifen.
  • Symptomtherapie: Begleitsymptome wie Fatigue, Spastiken, Blasenentleerungsstörungen oder Depressionen können mit spezifischen Medikamenten und Therapien behandelt werden.

Medikamentöse Therapie und ihre Nebenwirkungen

Die medikamentöse Therapie spielt eine entscheidende Rolle bei der Behandlung von MS. Fortschritte in der Arzneimitteltherapie haben dazu beigetragen, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen und die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Zu den eingesetzten Medikamenten gehören Beta-Interferone und immunmodulierende Medikamente.

Es ist wichtig zu beachten, dass alle gegen MS eingesetzten Mittel auch Nebenwirkungen haben können. Diese werden jedoch in der Regel durch die positiven Effekte aufgewogen.

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Innovative Therapieansätze am UKE Hamburg-Eppendorf

Das UKE Hamburg-Eppendorf forscht kontinuierlich an neuen Therapieansätzen, um die Behandlung von MS zu verbessern. Einige dieser innovativen Ansätze werden im Folgenden vorgestellt:

Computergestütztes Therapieprogramm "deprexis" zur Behandlung von Depressionen

Ein interdisziplinäres Forscherteam des UKE hat das computergestützte Therapieprogramm "deprexis" zur Behandlung von Depressionen bei MS-Patienten erfolgreich evaluiert. MS-Patienten leiden häufig unter psychischen Symptomen wie Depressionen, die durch die Erkrankung selbst oder durch die Einschränkungen im Alltag verursacht werden können. Der Einsatz antidepressiver Medikamente kann bei MS-Patienten jedoch aufgrund möglicher Nebenwirkungen problematisch sein.

"Ziel unserer Studie war es, psychologische Methoden der Depressionsbehandlung den vielen Patienten mit MS zugänglich zu machen, die an Depressionen leiden, denen es aber aufgrund ihrer neurologischen Symptome oft schwer fällt, eine passende Behandlung zu finden", erklärt Prof. Dr. Christoph Heesen, Neurologe und Leiter der MS-Tagesklinik des UKE.

"Deprexis" ist ein computergestütztes Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie, auf das die Patienten von zu Hause aus über das Internet zugreifen können. Das Programm nutzt künstliche Intelligenz, um eine dialogähnliche Situation mit dem Patienten zu erzeugen und ihn beim Erlernen neuer Strategien zur Vermeidung depressiver Denkstrukturen zu unterstützen.

In einer Studie mit 90 MS-Patienten wurde "deprexis" über drei Monate mit einer Wartegruppe verglichen. Am Ende der Studie hatten sich die Depressionswerte in der "deprexis"-Gruppe signifikant verbessert, während sie in der Wartegruppe unverändert blieben. Auch gaben die Patienten in der Therapiegruppe eine signifikant verringerte Ermüdbarkeit und eine erhöhte Lebensqualität an.

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Sollte sich der Nutzen von "deprexis" in weiteren Studien bestätigen, könnte das Programm durch die einfache Verfügbarkeit über das Internet schnell vielen MS-Patienten mit Depressionen zugänglich gemacht werden.

CAR-T-Zelltherapie bei Multipler Sklerose

Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ist erstmalig bei Patient:innen mit Multipler Sklerose (MS) die sogenannte CAR-T-Zelltherapie zum Einsatz gekommen. Dabei zeigten erste laborchemische Hinweise im Rahmen der bisherigen Nachverfolgung eine effektive Kontrolle der Entzündungsaktivität im Nervensystem sowie ein gutes Sicherheitsprofil.

Bei der CAR-T-Zelltherapie werden körpereigene Immunzellen, die T-Lymphozyten, gentechnisch verändert, um mit einem Antigenrezeptor (CAR) Zielstrukturen attackieren zu können - im Falle der MS sind die fehlgeleiteten Immunzellen, sogenannte B-Zellen, das Ziel. Die CAR-T-Zelltherapie wird bereits seit einigen Jahren in der Therapie verschiedener bösartiger Erkrankungen des Blut- und Lymphsystems erfolgreich eingesetzt.

„Nun brauchen wir Langzeitdaten und kontrollierte Studien, um die Wirksamkeit der Therapie auf die Entzündung und das Fortschreiten der MS zu untersuchen. Entsprechende Studien bereiten wir im UKE aktuell vor“, sagt Prof. Dr. Fischbach, Richter, Pfeffer et al. CD19 directed chimeric antigen receptor T cell therapy in two patients with multiple sclerosis. Med. 2024.

Neuartiger Ansatz zur Behandlung von MS durch Markierung von Immunzellen

Hamburger Wissenschaftler arbeiten an einem neuen Ansatz zur Behandlung von Multipler Sklerose (MS). Am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) soll eine Methode erprobt werden, von der sich die Ärzte einen vorübergehenden, möglicherweise sogar einen dauerhaften Stillstand der Erkrankung erhoffen. Bei dem Verfahren werden weiße Blutkörperchen des Patienten gewonnen und mit den Eiweißen markiert, die bei der MS-Erkrankung vom Immunsystem angegriffen werden. Die so behandelten Zellen werden dem Patienten zurückgegeben und sterben innerhalb eines Tages im Körper ab. Da der Körper diese absterbenden Zellen nicht angreift, wendet er sich auch nicht mehr gegen die Eiweiße, die mit den Zellen verbunden sind. Damit kommt die Autoimmunreaktion zum Erliegen, hoffen die Forscher.

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«Im Tiermodell reicht eine Behandlung, dann werden die Tiere nicht mehr krank und sind geschützt. Beim Menschen ist unsere Erwartung, dass die Wirkung mindestens ein Jahr anhält, hoffentlich länger, vielleicht sogar dauerhaft», sagte Martin.

Evidenzbasierte Medizin und nicht-medikamentöse Behandlungsansätze

Prof. Dr. Christoph Heesen vom UKE Hamburg beleuchtet evidenzbasierte nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten bei Multipler Sklerose (MS). Evidenzbasierte Medizin basiert auf Behandlungen, die sich auf verlässliche wissenschaftliche Ergebnisse stützen. Hierbei werden Evidenzen bzw. Belege zur Bewertung medizinischer Fragestellungen herangezogen, die mit objektiven wissenschaftlichen Methoden erhoben wurden. Wichtige Studientypen für gute Evidenz sind randomisierte, kontrollierte Studien (RCTs) und Metaanalysen. Prof. Heesen stellt Studien vor, die mögliche Evidenzen für die Wirksamkeit von Stressmanagement bei MS bieten.

Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS)

Das Krankheitsbezogene Kompetenznetz Multiple Sklerose (KKNMS) ist eines von bundesweit 21 Kompetenznetzen in der Medizin, die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung initiiert wurden. Sie alle verfolgen das Ziel, Forscher zu spezifischen Krankheitsbildern bundesweit und interdisziplinär zu vernetzen, um einen schnellen Transfer von Forschungsergebnissen in die Praxis zu ermöglichen. Der Fokus der aktuellen KKNMS-Projekte liegt auf der langfristigen Verbesserung der MS-Diagnose, -Therapie und -Versorgung.

Herausforderungen und Perspektiven

Trotz der Fortschritte in der MS-Therapie bleibt die Erkrankung nach wie vor unheilbar. Die Forschung konzentriert sich daher weiterhin auf die Entwicklung neuer Therapieansätze, die den Krankheitsverlauf positiv beeinflussen und die Lebensqualität der Betroffenen verbessern können.

Die Vielzahl der möglichen Anfangssymptome und die individuelle Ausprägung der MS erschweren die Diagnose. Umso wichtiger ist es, dass sich Patienten bei MS-Verdacht an einen neurologischen Spezialisten wenden, der aufgrund seiner Erfahrung weiß, welche Untersuchungen notwendig sind.

Es ist wichtig zu betonen, dass die MS-Therapie immer individuell auf den Patienten abgestimmt sein muss. Die Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse und Vorlieben des Patienten spielt eine entscheidende Rolle für den Therapieerfolg.

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