Migräne ist eine weit verbreitete neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr intensive Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Die Schmerzen treten in der Regel anfallsweise auf und können von Begleitsymptomen wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit begleitet sein. Die Migräne Dauer ist individuell verschieden, liegt aber meist zwischen 4 und 72 Stunden. Eine Migräne gilt als chronisch, wenn sie an mehr als 15 Tagen pro Monat über mehr als 3 Monate hinweg auftritt. Bei einem akuten Migräneanfall ist das Gewebe der Hirnhaut um die Blutgefäße herum entzündet. Mit jedem Herzschlag wird nun durch diese Gefäße Blut gepumpt und es kommt zur Reizung von Schmerznervenfasern. Dadurch fühlt es sich für Betroffene oft so an, als ob der Kopfschmerz pochend im Rhythmus des Herzschlags pulsiert.
Die Ursachen für Migräne sind komplex und noch nicht vollständig aufgeklärt. Es wird jedoch angenommen, dass sowohl genetische als auch Umweltfaktoren eine zentrale Rolle spielen. Ausgehend vom aktuellen Forschungsstand ist die Migräne meist genetisch bedingt. Kommen dann noch Migräne-Auslöser, sogenannte Triggerfaktoren wie z.B. Veränderungen des Stressniveaus, ein Wetterumschwung, Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus oder hormonelle Schwankungen hinzu, kann eine Migräne-Attacke leicht ausgelöst werden.
Genetische Grundlagen der Migräne
Die Verebbarkeit von Migräne wird auf etwa 50% geschätzt. Das bedeutet, dass etwa die Hälfte der Migränebetroffenen einen Verwandten ersten Grades hat, der oder die auch unter Migräne leidet. Es gibt klare Hinweise darauf, dass genetische Prädispositionen eine entscheidende Rolle bei der Entstehung von Migräne spielen. Die Forschung hat in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und neue Erkenntnisse über die genetischen Grundlagen von Migräne gewonnen. Wissenschaftler unterscheiden dabei zwei Hauptkategorien genetischer Faktoren: seltene, monogenetische Formen und häufigere, polygenetische Formen.
Seltene, monogenetische Formen
In seltenen Fällen wird Migräne durch eine Mutation in einem einzelnen Gen ausgelöst. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die familiäre hemiplegische Migräne (FHM), eine Migräneform mit Aura. Bei dieser Erkrankung wurden Mutationen in verschiedenen Genen wie CACNA1A, ATP1A2 und SCN1A identifiziert. Diese Gene sind entscheidend für die Funktion von Ionenkanälen in Nervenzellen, die eine wesentliche Rolle bei der Signalübertragung im Gehirn spielen.
CACNA1A: Dieses Gen kodiert für einen Bestandteil eines Kalziumkanals, der für die Freisetzung von Neurotransmittern verantwortlich ist. Mutationen führen zu einer erhöhten Kalziumaufnahme in Nervenzellen, was die neuronale Erregbarkeit verändert.
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ATP1A2: Es ist verantwortlich für die Natrium-Kalium-Pumpe, die den Ionengradienten in Nervenzellen aufrechterhält. Mutationen in diesem Gen beeinträchtigen die Fähigkeit der Zellen, das Gleichgewicht zwischen erregenden und hemmenden Signalen zu regulieren.
SCN1A: Dieses Gen kodiert einen Natriumkanal, der für die Erzeugung von Aktionspotenzialen in Neuronen zuständig ist. Mutationen in SCN1A beeinflussen die Erregbarkeit von Nervenzellen und erhöhen so die Anfälligkeit für Migräneanfälle.
Häufigere, polygenetische Formen
Die Mehrheit der Migränefälle ist polygenetisch bedingt. Dies bedeutet, dass nicht ein einzelnes Gen verantwortlich ist, sondern eine Kombination verschiedener Gene das Risiko für Migräne erhöht. Bei einer genomweiten Assoziationsstudie (GWAS) aus dem Jahr 2022 wurden 123 Genloci identifiziert, die mit dem Migräne-Risiko in Verbindung stehen - 86 davon waren bisher unbekannt.
Ein besonders spannender Aspekt der Studie war die Möglichkeit, genetische Unterschiede zwischen den beiden häufigsten Migräne-Subtypen zu untersuchen: Migräne mit Aura und Migräne ohne Aura. Die Forscher fanden drei Risikovarianten, die speziell mit Migräne mit Aura verbunden sind, zwei Risikovarianten für Migräne ohne Aura und neun Varianten, die das Risiko für Migräne allgemein erhöhen - unabhängig vom Subtyp. Diese Entdeckungen unterstreichen, wie unterschiedlich Migräne auf genetischer Ebene sein kann- ein Schritt in Richtung gezielterer und personalisierter Behandlungen.
Ein weiterer wichtiger Punkt der Studie: Einige der entdeckten Genregionen beinhalten Gene, die als Zielstrukturen für neue migränespezifische Medikamente dienen könnten. Diese Entdeckungen eröffnen vielversprechende Möglichkeiten, maßgeschneiderte Therapien zu entwickeln, die auf das genetische Profil jedes Patienten abgestimmt sind.
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Die Rolle von Astrozyten
Neurowissenschaftler am Institut für Pharmakologie und Toxikologie der Universität Zürich konnten in Zusammenarbeit mit der Universität Padua den Mechanismus bei einer speziellen Form der Krankheit identifizieren. Die sogenannte familiäre hemiplegische Migräne Typ 2 (FHM2) wird durch eine genetische Mutation verursacht und ist vererbbar. Die sternförmigen Zellen sind extrem wichtig, um die von den Neuronen freigesetzten Botenstoffe abzubauen. Doch genau diese Funktion, die Eliminierung überschüssiger Neurotransmitter wie Glutamat, können die Astrozyten bei familiär bedingter Migräne nicht wahrnehmen.
Da die Glutamataufnahme der Astrozyten beeinträchtigt ist, werden die Nervenzellen im cingulären Kortex viel stärker erregbar als normal. Zudem beeinflusst diese Fehlfunktion im cingulären Kortex auch die Häufigkeit von Migräne. Im Mausmodell zeigen die Forschenden, dass die Tiere empfindlicher gegenüber den Auslösern von Kopfschmerzen sind. Indem wir die Astrozyten im cingulären Kortex genetisch veränderten, konnten wir ihre Fehlfunktion umkehren. Migräne ist eine komplizierte Erkrankung, die einen großen Teils des Nervensystems betrifft.
Neurochemische Veränderungen und Entzündungsprozesse
Die Pathogenese der Migräne ist multifaktoriell und umfasst genetische Veranlagungen, neurochemische Veränderungen und neurogene Entzündungsprozesse. Die Aktivierung des Trigeminusnervs und die Freisetzung von CGRP sowie anderen vasoaktiven Substanzen spielen eine zentrale Rolle bei der Entstehung der typischen Migräneschmerzen.
Migräneattacken werden durch eine Fehlregulation im Hirnstamm und Mittelhirn ausgelöst. Diese Hirnregionen aktivieren während eines Anfalls Äste des Trigeminusnervs, der die Blutgefäße der Hirnhaut beeinflusst. Die Aktivierung des Trigeminusnervs führt zur Freisetzung von vasoaktiven Neurotransmittern, wie CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide), die den Gefäßtonus (Spannung der Blutgefäße) verändern und eine neurogene Entzündung der Dura mater (äußerste Hirnhaut) verursachen. Durch die Aktivierung der perivaskulären Nervenendigungen kommt es zu einer Erweiterung der Hirnhautgefäße und einer Freisetzung von Entzündungsmediatoren.
CGRP ist eines der wichtigsten Neuropeptide, das während eines Migräneanfalls freigesetzt wird. Es wirkt gefäßerweiternd und trägt zur Entzündung und Sensibilisierung der schmerzleitenden Nervenfasern bei. Weitere Neurotransmitter wie Serotonin spielen ebenfalls eine Rolle bei der Migräneentstehung.
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Triggerfaktoren
Neben den genetischen Faktoren spielen auch Triggerfaktoren eine wichtige Rolle bei der Auslösung von Migräneattacken. Migränepatienten sind häufig in der Lage, spezifische Triggerfaktoren zu identifizieren, die ihre Attacken auslösen. Etwa 90 % der Migränepatienten berichten, dass bei ihnen solche Triggerfaktoren eine Attacke auslösen können.
Häufige Triggerfaktoren sind:
- Hormonelle Veränderungen (z. B. während des Menstruationszyklus oder der Schwangerschaft)
- Stress
- Schlafmangel oder übermäßiger Schlaf
- Bestimmte Nahrungsmittel (z. B. Alkohol, Käse, Schokolade)
- Wetterumschwünge
- Lärm
- Gerüche
- Flackerndes Licht
Jeder Migräne-Patient kann durch Selbstbeobachtung und konsequente Führung eines Kopfschmerz-Tagebuchs/Kalenders seine verschiedenen, persönlichen Auslöser ermitteln.
Migräne-Symptome und Diagnose
Bei einer Migräne handelt es sich in der Regel um anfallsweise einseitig auftretende Kopfschmerzen, die durch äußere Einflüsse und Bewegung zusätzlich verstärkt werden können. Neben den intensiven Kopfschmerzen ist es möglich, dass weitere Symptome wie Übelkeit, Licht- und Lärmempfindlichkeit oder sogar Bewegungseinschränkungen auftreten. In einigen Fällen gehen den Migräne-Kopfschmerzen Sinnesstörungen voraus. Dann spricht man von Migräne mit Aura.
Im Gegensatz zum Spannungskopfschmerz ist die Migräne meist genetisch bedingt, also nicht dauerhaft heilbar und nimmt bei körperlicher Betätigung zu. Schon leichte Kopfbewegungen können die Schmerzintensität und Beschwerden empfindlich erhöhen. Insgesamt sind die Schmerzen bei Migräneattacken stärker ausgeprägt und im Gegensatz zum Spannungskopfschmerz fast immer einseitig, dabei liegt das Schmerzzentrum oft rund um das Auge. Viele Betroffene beschreiben auch das Phänomen einer “Aura". Darunter versteht man neurologische Reiz- oder Ausfallerscheinungen. So machen sich Migräne Aura-Symptome häufig durch Sehstörungen der Augen wie Lichtblitze oder eine Einschränkung des Gesichtsfelds bemerkbar. In diesen Fällen spricht man auch von einer Augenmigräne.
Für die richtige Diagnose einer Migräne sollten Sie auf jeden Fall Kontakt mit einem Facharzt aufnehmen. Während der Untersuchung fragt der Arzt nach den Symptomen, der Schwere und Häufigkeit der Attacken, sowie nach begleitenden Symptomen und Ihrem Medikamentenkonsum. Aufbauend auf dem Gespräch mit dem Patienten und einer klinischen und neurologischen Untersuchung kann der Arzt dann eine potenzielle Migräne Diagnose stellen.
Migräne Behandlung
Migräne als Krankheitsform ist nicht wirklich heilbar, dennoch müssen Sie den Symptomen nicht hilflos ausgeliefert sein. Auch, wenn die Schmerzen manchmal ausweglos erscheinen, gibt es Hilfsmittel, die Sie auf dem Weg der Besserung unterstützen können.
Medikamentöse Behandlung
Im akuten Schmerzfall können Migräne-Medikamente helfen die Schmerzen zu lindern. Das Ziel einer medikamentösen Behandlung z.B. mit den Migräne-Tabletten DOLORMIN® Migräne oder DOLORTRIPTAN®, die Ibuprofen bzw. ein Triptan enthalten, ist es den Kopfschmerz und die Begleitsymptome zu lindern. Triptane sollten allerdings nur nach einer Migräne Diagnose durch den Arzt eingenommen werden.
Nicht-medikamentöse Behandlung
Weiterhin kann durch Entspannungsübungen, Ausdauersport, Meditation oder eine angepasste Ernährung die Häufigkeit von Migräneattacken reduziert werden. Viele Betroffene schwören auch auf Migräne-Hausmittel, die Ihnen helfen besser mit den Schmerzen umzugehen.
Hausmittel gegen normale Kopfschmerzen sind oft gut in der Lage die Beschwerden zu lindern. Bei einer Migräne ist der Einsatz aber nicht immer von Erfolg gekrönt. Ohne Migräne-Medikamente stellt sich leider oft keine Besserung ein. Trotzdem berichten viele Betroffene, dass bestimmte Migräne-Hausmittel zumindest etwas dabei helfen die Migräneattacken besser zu überstehen. Bevor Sie sich für die sanften Helfer entscheiden, sollten Sie aber unbedingt Ihren Arzt zu Rate ziehen. Pflanzen können nämlich Wechselwirkung mit Medikamenten haben, wodurch sich Ihre Migräne-Symptome sogar noch verschlimmern könnten.
Migräne-Tagebuch
Häufig werden Patienten im Rahmen der Migräne-Diagnostik gebeten ein Migräne-Tagebuch über einen Zeitraum von vier bis sechs Wochen zu führen. Die Dokumentation Ihrer Migräne-Symptome kann dazu beitragen, mögliche Auslöser zu erkennen und in der Folge zu vermeiden. Nutzen Sie unsere Dokumentationshilfe, um Schmerzdauer, Schmerzintensität und mögliche psychische, körperliche oder ernährungsbedingte Ursachen zu erkennen. Dies hilft herauszufinden, wie Sie Ihrer Migräne bestmöglich vorbeugen können.
Personalisierte Ernährung
Durch gezieltes Diätmanagement mit hochdosierten Präparaten lässt sich ein Mangel an Mikronährstoffen [Magnesium, Riboflavin (Vitamin B2), Coenzym Q10] leicht beheben. Ein durch diesen Mangel gestörter Energiestoffwechsel lässt sich bspw.
Die Zukunft der Migräneforschung
Die Zukunft der Migräneforschung und -behandlung sieht vielversprechend aus. Mit unserem wachsenden Verständnis der genetischen Grundlagen könnten in Zukunft personalisierte Therapien entwickelt werden, die auf dein individuelles genetisches Profil zugeschnitten sind.
Die genetischen Unterschiede zwischen Migräne mit Aura und Migräne ohne Aura sind entscheidend für die Vielfalt der Symptome und Auslöser. Bei Migräne mit Aura zeigen die Forscher spezifische Gene, die die neuronale Erregbarkeit in bestimmten Gehirnregionen beeinflussen, was zu den visuellen und sensorischen Symptomen führen kann. Migräne ohne Aura scheint wiederum durch andere genetische Variationen bedingt zu sein, die die Verarbeitung von Schmerzsignalen und die Reaktion des Nervensystems auf Umweltfaktoren betreffen. Das Verständnis dieser genetischen Unterschiede könnte es in Zukunft ermöglichen, Subtypen-spezifische Therapien zu entwickeln, die gezielt auf die Ursachen der jeweiligen Migräneform eingehen.
Einige der entdeckten Migräne-Gene stehen nicht nur mit Migräne in Verbindung, sondern auch mit anderen Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen und sogar Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Migräne wird oft zusammen mit psychischen Erkrankungen wie Depressionen und Angstzuständen beobachtet, und diese genetischen Entdeckungen könnten erklären, warum dies der Fall ist. Diese genetischen Verbindungen könnten es ermöglichen, Migräne und andere Erkrankungen als Teil eines gemeinsamen biologischen Mechanismus zu betrachten und so neue, integrative Behandlungsansätze zu entwickeln.