Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die eine Vielzahl von Symptomen verursachen kann. Ein oft übersehenes, aber bedeutendes Problem ist die erektile Dysfunktion (ED), von der ein erheblicher Teil der männlichen MS-Patienten betroffen ist. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten der erektilen Dysfunktion im Zusammenhang mit MS, um Betroffenen und ihren Partnern zu helfen, die Lebensqualität trotz dieser Herausforderung zu verbessern.
Einführung
Sexuelle Funktionsstörungen, insbesondere die erektile Dysfunktion, sind bei MS-Patienten weit verbreitet und können erhebliche Auswirkungen auf ihre Lebensqualität, Partnerschaft und ihr Selbstwertgefühl haben. Es ist wichtig, dieses Thema offen anzusprechen und Betroffenen zu helfen, sich über die Ursachen und verfügbaren Behandlungen zu informieren.
Ursachen der erektilen Dysfunktion bei MS
Die erektile Dysfunktion bei MS kann auf verschiedene Faktoren zurückzuführen sein, die oft ineinandergreifen:
- Primäre Ursachen: Diese sind direkt auf die MS-bedingten Nervenschädigungen im Gehirn und Rückenmark zurückzuführen. Läsionen in bestimmten Hirnarealen, wie dem linken Inselcortex, können die sexuelle Erregung und Erektionsfähigkeit beeinträchtigen. Nervenschädigungen können auch zu Taubheit oder veränderten Empfindungen im Genitalbereich, Verlust der Libido und Problemen beim Erreichen oder Aufrechterhalten einer Erektion führen.
- Sekundäre Ursachen: Diese entstehen durch andere MS-Symptome, die das Sexualleben indirekt beeinflussen. Dazu gehören Fatigue (Erschöpfung), Spastiken (Muskelsteifheit), Schmerzen, Blasen- und Darmstörungen sowie kognitive Beeinträchtigungen. Fatigue kann beispielsweise das Interesse am Sex massiv mindern, während Spastiken und Schmerzen geeignete Sexpositionen erschweren können.
- Tertiäre Ursachen: Diese beziehen sich auf psychosoziale Faktoren, die durch die MS-Erkrankung entstehen. Dazu gehören Veränderungen der sozialen Rolle, affektive Störungen wie Depressionen, Angstzustände und ein negatives Körperbild. Versagensängste und Zweifel an der eigenen Attraktivität können ebenfalls eine Rolle spielen.
Symptome der erektilen Dysfunktion bei MS
Die Symptome der erektilen Dysfunktion können vielfältig sein und sich von Patient zu Patient unterscheiden. Zu den häufigsten Symptomen gehören:
- Schwierigkeiten, eine Erektion zu bekommen: Der Penis wird nicht hart genug, um Geschlechtsverkehr zu ermöglichen.
- Schwierigkeiten, eine Erektion aufrechtzuerhalten: Der Penis erschlafft vorzeitig.
- Vermindertes sexuelles Verlangen (Libidoverlust): Das Interesse an sexueller Aktivität ist geringer als zuvor.
- Ejakulationsstörungen: Dazu gehören vorzeitiger Samenerguss, verzögerter Samenerguss, ausbleibender Samenerguss oder Schmerzen beim Samenerguss.
- Gefühlstörungen im Genitalbereich: Taubheit oder veränderte Empfindungen können die sexuelle Erregung beeinträchtigen.
Diagnose der erektilen Dysfunktion bei MS
Die Diagnose der erektilen Dysfunktion bei MS umfasst in der Regel eine umfassende Anamnese, körperliche Untersuchung und gegebenenfalls weitere spezielle Untersuchungen.
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- Anamnese: Der Arzt erfragt die Krankengeschichte, aktuelle Beschwerden, Medikamenteneinnahme und Lebensstilfaktoren. Standardisierte Fragebögen können helfen, die Symptome präzise zu erfassen. Es ist wichtig, offen über sexuelle Probleme zu sprechen und auch den Partner in das Gespräch einzubeziehen.
- Körperliche Untersuchung: Der Arzt untersucht die Geschlechtsorgane und die Prostata. Da Durchblutungsstörungen häufig eine Rolle spielen, wird auch der Blutdruck überprüft.
- Blutuntersuchung: Eine Blutuntersuchung kann Hinweise auf Risikofaktoren wie erhöhten Blutzucker, ungünstige Blutfettwerte oder einen Testosteronmangel liefern.
- Weitere Untersuchungen: In einigen Fällen können weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie z.B. eine Dopplersonografie (Ultraschalluntersuchung der Penisgefäße), Nervenuntersuchungen oder eine nächtliche penile Tumeszenzmessung (Messung spontaner Erektionen im Schlaf).
Behandlungsmöglichkeiten der erektilen Dysfunktion bei MS
Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für die erektile Dysfunktion bei MS, die je nach Ursache und Schweregrad der Symptome eingesetzt werden können.
- Medikamentöse Behandlung:
- PDE-5-Hemmer: Diese Medikamente (z.B. Sildenafil, Tadalafil, Vardenafil) erhöhen die Durchblutung im Penis und erleichtern so das Erreichen und Aufrechterhalten einer Erektion. Sie wirken jedoch nur bei sexueller Erregung und sind verschreibungspflichtig. Mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen, Gesichtsrötung, Magen-Darm-Beschwerden und Sehstörungen.
- Yohimbin: Dieser Wirkstoff wirkt im Gehirn und wird vor allem bei psychisch bedingten Potenzstörungen eingesetzt.
- Testosterontherapie: Bei einem nachgewiesenen Testosteronmangel kann eine Testosterontherapie in Form von Gels oder Injektionen in Erwägung gezogen werden.
- Nicht-medikamentöse Behandlung:
- Vakuum-Erektionshilfen: Diese Geräte erzeugen einen Unterdruck, der Blut in den Penis zieht und eine Erektion ermöglicht. Ein Gummiring an der Peniswurzel verhindert, dass das Blut zurückfließt.
- Schwellkörper-Autoinjektionstherapie (SKAT): Dabei spritzt sich der Mann selbst ein Medikament in den Schwellkörper des Penis, das eine Erektion auslöst.
- Harnröhren-Zäpfchen (MUSE): Dabei wird ein Medikament in die Harnröhre eingeführt, das die Durchblutung im Penis erhöht.
- Penisimplantate: In schweren Fällen, wenn andere Methoden nicht wirken, kann ein Penisimplantat eingesetzt werden. Es gibt verschiedene Arten von Implantaten, z.B. aufpumpbare oder biegsame Implantate.
- Psychotherapeutische Behandlung:
- Gesprächs- oder Paartherapie: Diese Therapien können helfen, psychische Ursachen der erektilen Dysfunktion zu behandeln, wie z.B. Stress, Angstzustände, Depressionen oder Beziehungsprobleme.
- Sexualtherapie: Eine Sexualtherapie kann helfen, einen neuen Umgang mit der Sexualität zu finden und sexuelle Ängste und Blockaden abzubauen.
- Kognitive Verhaltenstherapie: Diese Therapie kann helfen, negative Denkmuster zu erkennen und zu überwinden, die die Erektionsfähigkeit beeinträchtigen.
Weitere Tipps für ein erfülltes Sexualleben trotz MS
Neben den genannten Behandlungsmöglichkeiten gibt es noch weitere Tipps, die Betroffenen und ihren Partnern helfen können, ein erfülltes Sexualleben trotz MS zu führen:
- Offene Kommunikation: Sprechen Sie offen über Ihre sexuellen Bedürfnisse, Wünsche, Ängste und Sorgen. Eine gute Kommunikation ist der Schlüssel zu einer erfüllten Partnerschaft.
- Realistische Erwartungen: Verabschieden Sie sich von unrealistischen Vorstellungen von "perfektem" Sex. Konzentrieren Sie sich auf das, was möglich ist und was Ihnen beiden Freude bereitet.
- Kreativität und Flexibilität: Seien Sie kreativ und probieren Sie neue Dinge aus. Experimentieren Sie mit verschiedenen Sexpositionen, Hilfsmitteln und Praktiken.
- Zeit und Entspannung: Nehmen Sie sich Zeit für Zärtlichkeit und Intimität. Schaffen Sie eine entspannende Atmosphäre mit Musik, Düften und gedämpftem Licht.
- Selbstliebe und Akzeptanz: Akzeptieren Sie Ihren Körper und Ihre sexuellen Bedürfnisse. Konzentrieren Sie sich auf Ihre Stärken und positiven Eigenschaften.
- Gesunde Lebensweise: Achten Sie auf eine gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und genügend Schlaf. Vermeiden Sie Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum.
- Beckenbodentraining: Regelmäßiges Beckenbodentraining kann die Erektionsfähigkeit verbessern und bei Frauen Scheidenkrämpfen entgegenwirken.
- Hilfsmittel: Nutzen Sie Hilfsmittel wie Gleitmittel, Sextoys oder spezielle Unterwäsche, um das Sexualleben angenehmer zu gestalten.
- Professionelle Hilfe: Scheuen Sie sich nicht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, wenn Sie alleine nicht weiterkommen. Ein Arzt, Psychologe oder Sexualtherapeut kann Ihnen helfen, die Ursachen Ihrer sexuellen Probleme zu erkennen und geeignete Lösungen zu finden.
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