Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten gesundheitlichen Herausforderungen unserer alternden Gesellschaft dar. Eine frühe und zuverlässige Diagnose ist entscheidend, um Betroffenen und ihren Angehörigen rechtzeitig Unterstützung und Therapieoptionen anbieten zu können. Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) spielt eine zentrale Rolle in der Erforschung und Verbesserung der Alzheimer-Diagnostik. Dieser Artikel beleuchtet die aktuellen Forschungsansätze, diagnostischen Verfahren und die Bedeutung der Früherkennung im Kampf gegen diese verheerende Krankheit.
Die Bedeutung der Früherkennung von Alzheimer
Eine frühe Alzheimer-Diagnose ist von unschätzbarem Wert. Sie ermöglicht es, frühzeitig mit der Behandlung zu beginnen, den Krankheitsverlauf positiv zu beeinflussen und den Betroffenen ein längeres, selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Zudem können Angehörige frühzeitig in den Betreuungsprozess eingebunden und auf die Herausforderungen vorbereitet werden, die mit der Pflege eines Alzheimer-Patienten einhergehen.
Forschungsprojekte an der Universitätsmedizin Göttingen
Die Universitätsmedizin Göttingen engagiert sich intensiv in der Alzheimer-Forschung, um neue und verbesserte Diagnose- und Therapieansätze zu entwickeln. Ein wichtiger Forschungsschwerpunkt liegt auf der Entwicklung eines Bluttests, der eine zuverlässige Alzheimer-Diagnose bereits vor dem Auftreten der ersten Symptome ermöglicht.
Entwicklung eines Bluttests zur Früherkennung
PD Dr. Matthias Schmitz von der Universitätsmedizin Göttingen leitete ein Forschungsprojekt, das darauf abzielte, einen solchen Bluttest zu entwickeln. Das Projekt wurde über einen Zeitraum von zwei Jahren (01. Januar 2021 - 31. Dezember 2023) mit einer Fördersumme von 120.000,00 Euro unterstützt.
Ziel des Projekts
Das Hauptziel des Projekts war die Entwicklung eines hochsensitiven Bluttests, der eine verbesserte und deutlich frühere Diagnostik der Alzheimer-Krankheit ermöglicht. Die Untersuchung von Biomarkern noch vor dem Auftreten der ersten Symptome sollte zudem Aufschluss über den Ursprung der Krankheit geben.
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Methodik
Die Forschungsgruppe untersuchte eine große Patientenkohorte mit über 200 Alzheimer-Patienten und einer Kontrollgruppe. Dabei wurden sowohl bekannte als auch neu entdeckte Biomarker im Blut der Studiengruppe analysiert. Eine neuartige Methode, die auf der Einzelmolekül-Array-Technologie (Simoa) basiert, kam zum Einsatz. Diese Technologie zeichnet sich durch eine 1.000-Mal höhere Empfindlichkeit als herkömmliche Methoden aus.
Ergebnisse
PD Dr. Schmitz und sein Team konnten drei vielversprechende Protein-Marker identifizieren: UCH-L1 (Ubiquitin C-Hydrolase L1), p-Tau217 (phosphoryliertes Tau-217) und neuronales nicht-phosphoryliertes Tau-Protein. Diese Marker unterschieden sich signifikant zwischen Menschen mit Alzheimer-Demenz und solchen ohne Erkrankung. Blutanalysen zeigten, dass sie als mögliche Marker für die Alzheimer-Diagnostik in Frage kommen. Zudem konnte das Team nachweisen, dass die Werte der Marker im Blut stabil blieben und bei wiederholten Messungen zuverlässig reproduzierbar sind. Im Verlauf des Projekts wurden Grenzwerte für diese Marker bestimmt, die nun die Grundlage für die Entwicklung von einfachen Bluttests bilden, mit denen Alzheimer künftig ohne eine Lumbalpunktion diagnostiziert werden kann.
Verwendung der Fördermittel
Die Fördermittel wurden für die Finanzierung eines Mitarbeiters (90.000 Euro), Kongressgebühren (3.000 Euro) sowie Labormaterialien (27.000 Euro), wie die Simoa-Tests, verwendet.
Wissenschaftliche Publikationen
Die Ergebnisse des Forschungsprojekts wurden in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht, darunter:
- Hermann, P., Villar‑Piqué, A., Schmitz, M., Schmidt, C., Varges, D., Goebel, S., Bunck, T., Lindemann, H., Bogner, C., Santana, I., Baldeiras, I., Riggert, J., Zerr, I., Llorens, F. (2022) Plasma Lipocalin 2 in Alzheimer’s disease: potential utility in the diferential diagnosis and relationship with other biomarkers. Alzheimer's Research & Therapy. (9)2022.
- Hermann P., Canaslan S., Villar-Piqué A., Bunck T., Goebel S., Llorens F., Schmitz M., Zerr I.(2022) Plasma neurofilament light chain as a biomarker for fatal familial insomnia. Eur J Neurol. 2022; 29: 1841- 1846
Weitere Forschungsergebnisse
Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) haben im Blut Moleküle aufgespürt, die auf eine bevorstehende Demenz hindeuten können. Ihre Befunde, die sie im Fachjournal „EMBO Molecular Medicine“ vorstellen, stützen sich auf Untersuchungen an Menschen und auf Laborstudien. An den Untersuchungen waren bundesweit auch diverse Universitätskliniken beteiligt. Der von einem Team um Prof. André Fischer beschriebene Biomarker beruht auf der Messung der Konzentration sogenannter microRNAs.
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MicroRNAs als Biomarker
MicroRNAs sind Moleküle mit regulatorischer Wirkung: Sie beeinflussen die Herstellung von Proteinen und damit einen zentralen Vorgang im Stoffwechsel eines jeden Lebewesens. Durch umfangreiche Untersuchungen an Menschen, Mäusen und Zellkulturen konnten die Forschenden letztlich drei microRNAs identifizieren, deren Konzentration mit der geistigen Leistungsfähigkeit zusammenhängt. Bei gesunden Menschen korrelierte die Konzentration der microRNAs mit der geistigen Fitness. Je niedriger der Blutwert, umso besser schnitten die Probanden bei Kognitionstests ab. Bei Mäusen wiederum stieg dieser Wert, noch bevor die Tiere geistig abbauten - gleichermaßen, ob altersbedingt oder weil sie Krankheitssymptome ähnlich denen einer Alzheimer-Demenz entwickelten. Weitere Indizien kamen von Patientinnen und Patienten mit MCI: Von denjenigen, bei denen der Blutmarker stark erhöht war, entwickelten rund 90 Prozent innerhalb von zwei Jahren eine Alzheimer-Erkrankung.
Bedeutung der microRNAs
Die Forschenden stellten außerdem fest, dass die drei identifizierten microRNAs Entzündungsprozesse im Gehirn und die „Neuroplastizität“ beeinflussen - diese beinhaltet unter anderem die Fähigkeit von Nervenzellen, sich untereinander zu verknüpfen. Das lässt vermuten, dass die drei microRNAs mehr sind als Warnsignale. „Nach unserer Einschätzung sind sie nicht nur Marker, sondern wirken auch aktiv auf pathologische Prozesse. Das macht sie zu möglichen Ansatzpunkten für die Therapie“, sagt Fischer. „Tatsächlich sehen wir, dass sich die Lernfähigkeit von Mäusen verbessert, wenn diese microRNAs durch Pharmaka blockiert werden.
Ausblick
In künftigen Studien soll dieser Biomarker klinisch validiert und ein simples Testverfahren entwickelt werden. Ziel ist ein kostengünstiger Test, ähnlich dem Schnelltest auf SARS-CoV-2 mit dem Unterschied, dass man für unsere Zwecke einen Blutstropfen benötigen würde. Ein solcher Test könnte bei Routine-Untersuchungen in der ärztlichen Praxis eingesetzt werden, um ein erhöhtes Demenzrisiko frühzeitig zu erkennen.
Diagnostische Verfahren an der Universitätsmedizin Göttingen
Die Universitätsmedizin Göttingen bietet eine umfassende Diagnostik für Menschen mit Gedächtnisstörungen und Verdacht auf Demenz an. Die Demenzambulanz der Klinik für Neurologie ist eine spezialisierte Anlaufstelle zur frühzeitigen Abklärung kognitiver Veränderungen und zur Entwicklung individueller Therapiewege.
Demenzambulanz
In der Demenzambulanz steht ein erfahrenes interdisziplinäres Team zur Verfügung, das eine sorgfältige Diagnostik durchführt, die sowohl körperliche als auch psychische Ursachen einbezieht. Ziel ist es, gemeinsam zu klären, ob eine demenzielle Erkrankung vorliegt - und welche Schritte im Anschluss hilfreich sind.
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Diagnostische Verfahren
Je nach Bedarf kommen u. a. folgende Verfahren zum Einsatz:
- Ausführliche neuropsychologische Testung (z. B. Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Sprache)
- Bildgebung (cMRT, CT, PET, SPECT)
- EEG
- Liquorpunktion
- Einschätzung behandelbarer Ursachen und möglicher Therapieoptionen
Gedächtnisambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Die Gedächtnisambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie ist eine Spezialsprechstunde für Menschen, die von Störungen der geistigen Leistungsfähigkeit betroffen sind. Mit einem Team aus Ärztinnen, Psychologinnen und Sozialpädagog*innen werden die notwendigen diagnostischen Untersuchungen durchgeführt und therapeutische und beratende Hilfestellungen angeboten. Schwerpunkt und vorrangiges Ziel ist die Krankenversorgung und hier v.a. die Früherkennung dementieller Erkrankungen und deren Behandlung sowie Unterstützung und Beratung von Angehörigen.
Diagnostischer Prozess
In einem ausführlichen Gespräch mit den Betroffenen und ihren Angehörigen wird ein Gesamteindruck des Beschwerdebildes verschafft. Es folgt eine körperliche Untersuchung und die Lösung einiger Gedächtnis- und Konzentrationsaufgaben. Zur Behandlung der Beschwerden ist eine genaue ursächliche Einordnung des Beschwerdebildes unerlässlich.
Neuropsychologische Testung
Im Rahmen der Demenzdiagnostik wird nach Erhebung der Krankengeschichte zunächst eine sogenannte „neuropsychologische Testung" durchgeführt. Dafür braucht es in der Regel nur Papier und Stift. Die Ergebnisse werden unter Berücksichtigung des Lebensalters ausgewertet. Gibt es Auffälligkeiten, werden weitere Untersuchungen wie z.B. eine Bildgebung des Gehirns (cMRT oder CT) durchgeführt.
Liquoruntersuchung
Das Nationale Referenzzentrum für spongiforme transmissible Enzephalopathien (NRZ-TSE) in Göttingen führt die in den diagnostischen Kriterien empfohlene Bestimmung der Liquorproteine 14-3-3 und den Nachweis des pathologischen Prionproteins im Liquor mittels der sog. RT-QuIC Methode durch.
Therapieansätze und Unterstützung
Die Universitätsmedizin Göttingen bietet nicht nur umfassende diagnostische Möglichkeiten, sondern auch vielfältige Therapieansätze und Unterstützung für Betroffene und ihre Angehörigen.
Symptomatische Behandlung
Bei neurodegenerativen Demenzen (z.B. der Alzheimer-Krankheit) können nur die Symptome, nicht der krankhafte Prozess im Gehirn selbst nachhaltig beeinflusst werden. Spezielle Medikamente können jedoch das Voranschreiten der Symptome über eine Zeit verlangsamen. Das Gleiche gilt für ergotherapeutische Maßnahmen, aber auch für ein optimales soziales Umfeld und eine adäquate pflegerische Betreuung. Für andere Ursachen demenzieller Erkrankungen können ggf. auch sehr effektive Therapiemöglichkeiten bestehen (z.B. Antibiotika- oder Kortison-Therapien bei Entzündungen oder Hormonersatztherapie bei Schilddrüsenunterfunktion).
Langfristige Betreuung und Begleitung
Die Demenzambulanz bietet eine langfristige Betreuung und Begleitung für Betroffene und ihre Angehörigen. Sie erhalten individuelle Beratung, konkrete Alltagstipps und Hilfestellung, um Betroffene bestmöglich zu begleiten - und dabei auch auf sich selbst zu achten.
Studien und Forschung
Patienten haben - wenn gewünscht - die Möglichkeit, an aktuellen Studien teilzunehmen und so aktiv zur Weiterentwicklung von Diagnostik und Therapie beizutragen.
Das Demenzzentrum Göttingen
Im Demenzzentrum Göttingen werden Diagnose und Therapie nach neuestem medizinischem Stand sowie sozialmedizinische Beratung und Begleitung von Angehörigen angeboten. Neben der Patientenversorgung liegt ein Schwerpunkt des Zentrums in der Erforschung der Ursachen dementieller Erkrankungen. Ziel ist es, die dadurch gewonnenen Erkenntnisse über die Ursachen dementieller Erkrankungen zu nutzen, um neue Therapieformen zu entwickeln.
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