Mirtazapin-induzierte Polyneuropathie: Ein Fallbericht und Überblick

Dieser Artikel beleuchtet einen Fall, in dem eine 75-jährige Patientin unter der Behandlung mit Mirtazapin eine Polyneuropathie entwickelte. Der Fall wurde im Rahmen des Pharmakovigilanz-Projekts AMSP (Arzneimittelsicherheit in der Psychiatrie) dokumentiert und diskutiert.

Einführung

Polyneuropathie ist eine Erkrankung, die mehrere periphere Nerven betrifft und zu einer Vielzahl von Symptomen führen kann, darunter Schwäche, Taubheit, Schmerzen und Gleichgewichtsstörungen. Die Ursachen für Polyneuropathien sind vielfältig, von Diabetes und Alkoholmissbrauch bis hin zu genetischen Faktoren und Medikamenten. Dieser Artikel konzentriert sich auf einen Fall, in dem Mirtazapin, ein Antidepressivum, als mögliche Ursache für eine Polyneuropathie identifiziert wurde.

Fallbericht

Eine 75-jährige Patientin wurde wegen einer depressiven Episode behandelt. Im Rahmen der Behandlung wurde ihr Mirtazapin verschrieben. Zunächst erhielt sie 15 mg/Tag Mirtazapin und 25 mg/Tag Melperon. Nach einer Wiederaufnahme im Krankenhaus wurde die Dosis von Mirtazapin auf 30 mg/Tag erhöht.

Symptomentwicklung

Bereits am Tag nach der Dosiserhöhung berichtete die Patientin von einem "komischen" Gefühl in ihren Füßen. Im Laufe der Zeit entwickelte sie weitere Symptome wie:

  • Ein aufsteigendes "komisches" Gefühl in beiden Beinen
  • Unspezifische Schwindelgefühle
  • Ein beidseitiges Taubheitsgefühl und Brennen in beiden Füßen
  • Das Gefühl, "wie auf Luftballons zu laufen"

Die Patientin konnte den genauen Beginn der Symptomatik nicht exakt datieren, gab aber an, dass sie kurz nach Beginn der Einnahme von Mirtazapin oder zwischen den stationären Aufenthalten auftraten.

Lesen Sie auch: Nurvet Kautabletten Nerven: Die Inhaltsstoffe und ihre Wirkung.

Vorläufige Diagnose und Behandlung

Zunächst wurden die Symptome der unteren Extremitäten und der Schwindel als somatisches Syndrom im Rahmen einer Depression bei einer Anamnese mit lumbalem Schmerzsyndrom bei Bandscheibenvorfällen gewertet. Entsprechend erfolgte eine Schmerzmedikation mit Ibuprofen und Venlafaxin.

Verdacht auf unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW)

Da sich die Symptome unter der Behandlung mit Ibuprofen und Venlafaxin eher verschlimmerten, wurde Mirtazapin schrittweise reduziert und schließlich abgesetzt, da der Verdacht auf eine mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkung (UAW) bestand.

Neurologische Untersuchung und Diagnose

Nach Absetzen von Mirtazapin wurde eine ausführliche klinisch-neurologische und elektrophysiologische Untersuchung durchgeführt. Dabei zeigten sich folgende Befunde:

  • Eine symmetrische Hypästhesie bis etwa 5 cm proximal der Malleoli
  • Bimalleolär ein aufgehobenes Vibrationsempfinden mit 0/8
  • Bei der Elektroneurographie zeigten sich beidseitig in den Untersuchungen der motorischen Peroneus-NLG, der motorischen Tibialis-NLG sowie der sensiblen Suralis-NLG Amplituden-Verminderungen als Zeichen einer axonalen sensomotorischen Polyneuropathie.

Die Diagnose lautete distal symmetrische axonale sensomotorische Polyneuropathie.

Remission nach Absetzen von Mirtazapin

Unmittelbar nach Absetzen von Mirtazapin besserte sich die klinische Symptomatik sukzessive deutlich. Ein Jahr später gab die Patientin an, dass sich die Beschwerden komplett und dauerhaft zurückgebildet hätten. Eine ambulante neurologische Nachuntersuchung im Mai 2015 zeigte klinisch einen Normalbefund.

Lesen Sie auch: Valproat: Anwendung und Wirksamkeit bei Epilepsie

Ausschluss anderer Ursachen

Es wurden verschiedene mögliche Ursachen für die Polyneuropathie ausgeschlossen, darunter:

  • Diabetes mellitus (HbA1c-Wert im Referenzbereich)
  • Alkoholgebrauch (keine Hinweise in Anamnese und Labor)
  • Vitamin-B1- oder -B12-Mangel (Werte im Referenzbereich)
  • Vaskulitis, Kollagenose oder paraneoplastische Genese (Verlauf mit vollständiger Remission spricht dagegen)
  • Entzündliche Genese (fehlende Demyelinisierung)
  • Andere exogen-toxische Ursachen (unwahrscheinlich in der Anamnese)

Diskussion

Der Fallbericht legt nahe, dass Mirtazapin eine mögliche Ursache für die Polyneuropathie der Patientin war. Der zeitliche Zusammenhang zwischen der Einnahme von Mirtazapin und dem Auftreten der Symptome sowie die Remission nach Absetzen des Medikaments stützen diese Annahme.

Mögliche Mechanismen

Der genaue Pathomechanismus, durch den Mirtazapin eine Polyneuropathie verursachen könnte, ist unbekannt. Es gibt jedoch eine Reihe von Medikamenten, die als mögliche exogen-toxische Ursachen einer Polyneuropathie angesehen werden.

Differentialdiagnose

Es ist wichtig, andere mögliche Ursachen für Polyneuropathie auszuschließen, bevor Mirtazapin als Ursache in Betracht gezogen wird. Dazu gehören Diabetes, Alkoholmissbrauch, Vitaminmangel und andere Medikamente.

Bedeutung für die klinische Praxis

Dieser Fallbericht unterstreicht die Bedeutung einer sorgfältigen Anamnese und neurologischen Untersuchung bei Patienten, die über Parästhesien, Gangstörungen oder Schwindel klagen. Solche Symptome sollten nicht vorschnell einer Grunderkrankung zugeschrieben werden, sondern als mögliche unerwünschte Arzneimittelwirkungen in Betracht gezogen werden.

Lesen Sie auch: Wissenschaftliche Erkenntnisse zu Mutterkraut und Nervosität

Weitere Forschung

Es sind weitere Studien erforderlich, um den Zusammenhang zwischen Mirtazapin und Polyneuropathie zu untersuchen und den zugrunde liegenden Pathomechanismus aufzuklären.

Hochtontherapie

Neben der medikamentösen Behandlung von Polyneuropathien gibt es auch andere Therapieansätze, wie die Hochtontherapie. Diese Therapieform wurde bereits in den 1920er Jahren in Deutschland eingesetzt und basiert auf der Annahme, dass der menschliche Organismus nicht nur über chemische Botenstoffe, sondern auch über bioelektrische Felder gesteuert wird. Durch die Hochfrequenztherapie sollen die Moleküle der Körperzellen wieder ausgerichtet und die Zelle und Zellverbände regeneriert werden, was zu einer Heilung führen kann.

Diabetes und Diabetisches Fußsyndrom

Ein wichtiger Risikofaktor für Polyneuropathien ist Diabetes mellitus. Bei Patienten mit sehr langer Krankheitsdauer kann es zum Diabetischen Fußsyndrom kommen, bei dem aufgrund von Nervenveränderungen im Fuß das Schmerzempfinden gestört ist. Eine frühzeitige Diagnose und Behandlung von Diabetes und seinen Folgeerkrankungen ist daher entscheidend, um Komplikationen wie das Diabetische Fußsyndrom und Amputationen zu vermeiden.

Metformin als Goldstandard in der Diabetesbehandlung

In der Behandlung von Typ-2-Diabetes hat sich Metformin als Goldstandard etabliert. Es wird häufig als erste medikamentöse Therapie eingesetzt und kann helfen, den Blutzuckerspiegel zu senken und das Risiko von Folgeerkrankungen zu verringern.

Prävention und Schulung

Neben der medikamentösen Therapie spielen auch Prävention und Schulung eine wichtige Rolle bei der Behandlung von Diabetes und Polyneuropathien. Patienten sollten über die Erkrankung, ihre Behandlungsmöglichkeiten und Strategien zur Vermeidung von Spätfolgen informiert werden. Eine gute Patientenbindung und eine intensivierte Schulung können zu einem besseren Wissen über die Erkrankung und Therapie sowie zu einer Verbesserung von HbA1c, Blutdruck und Gewicht führen.

tags: #erfahrungen #mit #michael #berger #polyneuropathie