Migräne ist eine komplexe neurologische Erkrankung, von der Millionen Menschen in Deutschland betroffen sind. Die anfallartigen, pulsierenden Kopfschmerzen können den Alltag der Betroffenen erheblich beeinträchtigen. Die multimodale Schmerztherapie bietet einen umfassenden Ansatz zur Behandlung von Migräne, der verschiedene medizinische und therapeutische Fachdisziplinen kombiniert. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit multimodaler Schmerztherapie bei Migräne, die verschiedenen Behandlungsansätze und die Perspektiven für Betroffene.
Die Vielschichtigkeit von Schmerz und Migräne
Stechend, pochend, brennend - Schmerzen können so unterschiedlich sein, wie wir selbst. Genauso individuell sind die Behandlungsmöglichkeiten. Menschen mit Migräne werden oft nicht ernstgenommen, obwohl die gesellschaftliche Akzeptanz gestiegen ist. Für die Betroffenen ist sie noch immer schambesetzt, und auch im Arbeitsalltag werden durch Fehlzeiten negative Folgen befürchtet.
Allein in Deutschland leiden mehrere Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Die zugrunde liegenden Schmerzsyndrome sind sehr vielfältig und reichen vom nicht spezifischen Kreuzschmerz über neuropathische Schmerzen und Kopfschmerzen bis hin zum Schmerz als Ausdruck einer psychischen Erkrankung. Allen chronischen Schmerzen ist dabei gemeinsam, dass sie sich ein Stück weit vom Auslöser abgekoppelt haben und nicht monokausal zu erklären sind. Verschiedene Faktoren tragen zu dem Schmerz(erleben) bei, insbesondere auch psychosoziale Faktoren. Man spricht in diesem Zusammenhang von dem biopsychosozialen Schmerzmodell. Aus dieser Erkenntnis heraus hat sich die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie entwickelt.
Was ist multimodale Schmerztherapie?
Für Patienten mit schweren chronischen Schmerzen ist die Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie (IMST) am wirksamsten - der Goldstandard. Der Begriff „multimodal“ bedeutet, dass mehrere medizinische und therapeutische Fachdisziplinen kombiniert werden. In der Schmerztagesklinik der München Klinik in Harlaching arbeitet daran ein Team aus Physio- und Sporttherapeuten, Psychologinnen, Anästhesisten, Neurologinnen und Pain Nurses - mit Chefärztin Dr. Kinga Petery. Zusammen suchen sie die ideale Therapie für ihre Patientinnen und Patienten.
Menschen mit ganz unterschiedlichen Schmerzen kommen in die Klinik - darunter finden sich Krankheitsbilder wie Fibromyalgie, Migräne, Arthrose, Chronic Widespread Pain (dauerhafte Muskelschmerzen im ganzen Körper) oder auch Narbenschmerzen nach Operationen. Die Behandlung findet ambulant statt, meist kommen die Patientinnen und Patienten mehrmals die Woche über mehrere Wochen. Der Vorteil: Die Menschen können währenddessen ihr Leben außerhalb der Klinik weiterführen.
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Jeder Patient bekommt einen individuellen Stundenplan mit verschiedenen Therapien und Untersuchungen. Patienten füllen in der Klinik zuerst einen standardisierten Fragebogen über ihre Schmerzen aus. Dieser beinhaltet auch psychosoziale Risikofaktoren für chronische Schmerzen.
Dr. med. Dr. Petery arbeitet mit vielen verschiedenen Therapieformen: Physiotherapie, Psychologische Beratung, Sport oder Entspannungstraining wie die Progressive Muskelrelaxation (PMR). Die Technik hat der amerikanische Arzt Edmund Jacobson in den 1920er Jahren entwickelt. Sie soll beim Entspannen helfen und Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen Linderung verschaffen. Sporttherapeut Gregor von Schmidt leitet sie in der München Klinik an und erklärt: Stress und die Wahrnehmung gegenüber Stress sind bei Schmerzpatienten häufig außer Kontrolle geraten. Bei der Progressiven Muskelrelaxation erfahren sie deshalb, wie der Muskel die Anspannung verliert. Sie kommen weg vom Schmerz hin zur wirklichen Entspannung, die sie im Alltag durch den chronischen Schmerz oft nicht mehr kennen.
Oberärztin Dr. Johanna Patika-Zoller weiß: Viele Patientinnen und Patienten werden ihre Schmerzen nicht komplett los. Das Ziel ist es deshalb, die Lebensqualität zu verbessern, so dass sie ihren Alltag wieder eigenständig gestalten können.
Behandlungsansätze in der multimodalen Schmerztherapie bei Migräne
Die multimodale Schmerztherapie bei Migräne umfasst verschiedene Behandlungsansätze, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden. Dazu gehören:
Medikamentöse Therapie:
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- Akutbehandlung: Triptane sind speziell für Migräne wirksame Medikamente, die während einer Attacke eingenommen werden, um die Symptome zu reduzieren. Es ist wichtig, diese Medikamente nicht öfter als 10x im Monat einzunehmen, da ein Übergebrauch von Schmerzmitteln auch Kopfschmerzen auslösen kann.
- Prophylaxe: Medikamentöse Vorbeugung kann die Migräneattacken um etwa 50 Prozent reduzieren. Zur Reduktion der Anfallshäufigkeit wurde Botulinumtoxin zugelassen.
- Schmerzmittelpause: In der Schmerzmedizin sind laut Dr. Maximiliane Deckart, Chefärztin im Helios St. Elisabeth-Krankenhaus Bad Kissingen, daher Patient:innen, die einen Übergebrauch an Schmerzmitteln haben. Im Rahmen der Medikamentenpause kann es zu Entzugssymptomen und einem Rebound-Kopfschmerz kommen. Zu deren Behandlung werden unter anderem Flüssigkeitsersatz, Antiemetika und die zurückhaltende(!) Gabe von Analgetika (zum Beispiel kurzzeitige i.v.-Gabe von Acetylsalicylsäure) empfohlen. Obwohl die wissenschaftliche Evidenz bezüglich der Gabe von Glukokortikoiden eher spärlich ausfällt, hat sich der zeitlich befristete Einsatz klinisch bewährt.
Nicht-medikamentöse Therapie:
- Physiotherapie: Dr. Patika-Zoller macht bei einer Migräne-Patientin eine genaue manuelle Untersuchung. Das Ziel: Punkte in der Muskulatur ertasten, die den Kopfschmerz befördern. Diese Triggerpunkte kann sie dann manuell behandeln und verbessern. Mit Hilfe eines Saugnapfes soll die Patientin außerdem lernen, sich selbst zu behandeln. Der Saugnapf bewirkt eine Unterdruckmassage, zum Beispiel an der Kiefermuskulatur.
- Psychologische Beratung: Durch Akzeptanz, Verhaltensänderung, Entspannungsverfahren, das Leben mit Migräne angstfreier zu gestalten.
- Entspannungstechniken: Bereits im alten Ägypten hat man versucht, mit Naturheilverfahren die Beschwerden zu lindern. Entspannungsverfahren und die kognitive Verhaltenstherapie inklusive Biofeedback.
- Sport und Bewegung: Zum Ende des Therapietages ist in der München Klinik nochmal Bewegung angesagt: Nordic Walking machen hier alle mit - wenn die Schmerzen stark sind, walken sie eben langsamer und warten aufeinander. Der Hintergrund: Bei leichter Belastung setzt der Körper schmerzstillende Stoffe frei, außerdem kurbelt Bewegung die Fettverbrennung an. Die Patientinnen und Patienten werden fitter und lernen, besser mit ihren Schmerzen umgehen.
- Ernährungsberatung: Zudem sollten Kohlenhydrate regelmäßig konsumiert werden.
- Akupunktur, Kinesio-Tape oder Kühlmaske
Erfahrungen von Patienten mit multimodaler Schmerztherapie bei Migräne
Die Erfahrungen von Patienten mit multimodaler Schmerztherapie bei Migräne sind vielfältig. Viele berichten von einer deutlichenReduktion der Schmerzintensität und -häufigkeit sowie einer Verbesserung ihrer Lebensqualität.
Anne, eine Patientin mit 54-jähriger Migräne-Erfahrung, berichtet, dass sie durch die multimodale Schmerztherapie gelernt hat, ihre Migräne besser zu managen. Sie nimmt jetzt sofort Triptane ein, wenn sich eine Attacke ankündigt, und macht täglich Entspannungsübungen. Seit 2006 lässt sie sich Botox in den Kopf und die Nackenmuskulatur spritzen, wodurch die Häufigkeit ihrer Migräneattacken reduziert wurde. Sie hat akzeptiert, Migräne zu haben, und lernt immer besser damit zu leben und umzugehen.
Die Rolle der interdisziplinären Zusammenarbeit
Ein wesentlicher Bestandteil der multimodalen Schmerztherapie ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedener Fachkräfte. In der Schmerztagesklinik arbeiten Physio- und Sporttherapeuten, Psychologen, Anästhesisten, Neurologen und Pain Nurses zusammen, um die ideale Therapie für ihre Patienten zu finden.
Herausforderungen und Perspektiven
Trotz der positiven Erfahrungen gibt es auch Herausforderungen in der multimodalen Schmerztherapie bei Migräne. Eine Herausforderung ist die Komplexität der Erkrankung und die individuellen Unterschiede der Patienten. Es ist wichtig, dass die Therapie individuell auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt wird und dass die verschiedenen Behandlungsansätze gut aufeinander abgestimmt sind.
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Die Forschung im Bereich der Migräne und der multimodalen Schmerztherapie schreitet stetig voran. Es gibt neue Medikamente und Therapien, die in Zukunft die Behandlung von Migräne verbessern könnten.
Migräne als Chance zur Selbstfindung?
Eine Sache ist Reporterin Veronika Keller beim Besuch in der Klinik besonders aufgefallen, die Schmerzpatienten haben eines gemeinsam: Die Tendenz, sich im Alltag viel abzuverlangen, vielleicht zu viel. Wem das bekannt vorkommt, dem empfiehlt sie: präventiv einfach mal einen Punkt aus der To-Do-Liste streichen, auch ohne Schmerzen.
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