Die chronisch inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) ist eine seltene neurologische Erkrankung, die durch Entzündungen der Nerven gekennzeichnet ist. Sie gehört zu den Autoimmunerkrankungen, bei denen das körpereigene Immunsystem fälschlicherweise Strukturen des eigenen Körpers angreift. Im Falle der CIDP richtet sich die Immunreaktion gegen die Myelinscheiden, die die Nervenfasern umhüllen und für eine schnelle und effiziente Signalübertragung verantwortlich sind.
Was ist CIDP?
Die chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) ist eine seltene Autoimmunerkrankung, bei der Bestandteile des peripheren Nervensystems angegriffen werden. Dies äußert sich in Muskelschwäche und Empfindungsstörungen. Das periphere Nervensystem umfasst alle Nerven außerhalb des Gehirns und des Rückenmarks, die motorische, sensible und autonome Funktionen übernehmen.
CIDP ist eine seltene Krankheit mit einer Häufigkeit (Prävalenz) von etwa 2,8 pro 100.000 Personen. Sie ist weltweit die am häufigsten zu behandelbare Nervenerkrankung. CIDP kann generell in jedem Alter auftreten. Häufig beginnt die Symptomatik jedoch zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr, wobei Männer häufiger betroffen sind als Frauen. Sie kann in jedem Alter auftreten, gehäuft allerdings im 6. und 7. Lebensjahrzehnt.
Ursachen und Pathophysiologie
Die genauen Ursachen der CIDP sind noch nicht vollständig geklärt. Es handelt sich um eine Autoimmunerkrankung, bei der das körpereigene Immunsystem die Myelinscheiden der Nervenzellen im peripheren Nervensystem angreift. Dadurch wird die Signalübertragung in den Nervenzellen gestört.
Die Myelinscheide ist eine Art Isolierschicht, die die Nervenfaser umschließt und dafür sorgt, dass elektrische Impulse schnell und effektiv weitergeleitet werden. Bei CIDP kommt es zu einer Schädigung des Myelins, einer sogenannten Demyelinisierung.
Lesen Sie auch: Behandlungsmöglichkeiten bei alkoholischer Polyneuropathie
Eine mögliche Ursache ist eine erneute Reaktion des Immunsystems nach einer überstandenen Infektion. Das Immunsystem könnte dabei körpereigene Nervenstrukturen irrtümlich als Fremdkörper erkennen und angreifen (Molekulare Mimikry). Hierbei entsteht auf dem Boden einer Infektion eine Immunantwort aufgrund von gemeinsamen, kreuzreagierenden Epitopen, die ihrerseits mit Komponenten des peripheren Nervensystems reagieren. Allerdings tritt CIDP nicht bei allen Betroffenen nach einer Infektion auf. Höchstwahrscheinlich trägt aber auch eine Vorschädigung der Nerven, durch die bestimmte Epitope freigesetzt werden können, entscheidend dazu bei.
Die CIDP gilt als Autoimmunerkrankung, die eher im späteren Erwachsenenalter auftritt. Ursächlich für die Entstehung einer Autoimmunerkrankung ist wahrscheinlich eine Kreuzreaktion (Molekulare Mimikry). Hierbei entsteht auf dem Boden einer Infektion eine Immunantwort aufgrund von gemeinsamen, kreuzreagierenden Epitopen, die ihrerseits mit Komponenten des peripheren Nervensystems reagieren. Diese können zum Beispiel gegen die Hüllschicht, also das Myelin, gerichtet sein.
Symptome
Typische CIDP-Symptome sind sensorische und motorische Störungen in Armen und Beinen. Die Symptomatik entwickelt sich in der Regel rascher als bei der altersbedingten idiopathischen Polyneuropathie, d.h. innerhalb von Wochen und Monaten. Der Verlauf kann sowohl kontinuierlich fortschreitend, aber auch schubförmig sein.
Die klassische chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie (CIDP) ist durch schubförmig oder progredient über mindestens zwei Monate auftretende symmetrische, meist von distal nach proximal aufsteigende sensible und motorische Ausfallserscheinungen charakterisiert.
Zu den spezifischen Symptomen gehören:
Lesen Sie auch: Aktuelle Forschung zu Polyneuropathie und psychosomatischen Ursachen
- Motorische Störungen:
- Fortschreitende Muskelschwäche, die sich im Verlaufe von Wochen bis Monaten entwickelt.
- Schwäche der Beine sowie der Arme, die sowohl körperstammnah (proximal) als auch körperfern (distal) auftritt.
- Erschwerte Fußhebung und Schwierigkeiten beim Treppensteigen.
- Schwierigkeiten in der Feinmotorik der Hände und bei Überkopfarbeiten.
- Ausfall von Reflexen oder generell abgeschwächter Reflexstatus.
- Koordinationsstörungen.
- Einschränkung der Feinmotorik.
- Sensorische Störungen:
- Kribbeln und Taubheitsgefühl.
- Gefühls- oder Wahrnehmungsstörungen.
- Gestörtes Temperaturempfinden.
- Gangunsicherheit.
- Selten Brennschmerzen.
- Parästhesie (unangenehme, aber primär nicht schmerzhafte Körperempfindung, die nicht durch adäquate Reize ausgelöst wird).
- Weitere Symptome:
- Fatigue (außerordentlicher körperlicher, geistiger und seelischer Erschöpfungszustand und nachlassende Ausdauer, die über einfache Müdigkeit hinaus geht).
- Sehen von Doppelbildern, Schluck- oder Hörstörungen.
- Schmerzen.
Neben der klassischen Ausprägung kann sich eine CIDP aber auch in „atypischen“ Varianten ausprägen. Bei der klassischen CIDP stehen die motorischen Ausfälle im Vordergrund.
Diagnose
Die korrekte und frühzeitige Diagnose ist entscheidend für die Auswahl der optimalen CIDP-Therapie. Jedoch ist es aufgrund der Vielfalt der Symptome und des individuellen Krankheitsverlaufs nicht ganz einfach, CIDP zu erkennen. Die Diagnose der chronisch inflammatorischen demyelinisierenden Polyradikuloneuropathie (CIDP) kann herausfordernd sein. Die Krankheit hat einen individuellen Verlauf und verursacht Symptome, die auch bei anderen Nervenerkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom (GBS) auftreten können. Deshalb ist eine gründliche Untersuchung notwendig.
Die Diagnose wird gestellt auf dem Boden der typischen klinischen Präsentation, dem Ausschluss aller anderen in Fragen kommenden Ursachen für eine demyelinisierende Polyneuropathie sowie Nachweis einer Demyelinisierung in der elektrophysiologischen Untersuchung.
Wichtige Diagnoseverfahren:
- Klinische Untersuchung: Erhebung der Krankengeschichte und neurologische Untersuchung zur Beurteilung der Symptome und neurologischen Funktionen.
- Elektrophysiologische Untersuchungen:
- Elektroneurographie (ENG) und Elektromyographie (EMG) helfen, Schäden an Nerven und Muskeln zu erkennen. Sie liefern Hinweise darauf, ob CIDP oder eine andere Erkrankung vorliegt.
- Nachweis eines partiellen Leitungsblocks oder einer zeitlichen Dispersion an mind. zwei Nerven und Nachweis einer verlangsamten Nervenleitgeschwindigkeit, distal motorischen Latenz oder F-Wellen Latenz eines weiteren Nervs oder bei Fehlen eines Leitungsblocks oder zeitlicher Dispersion: Nachweis einer verlangsamten Nervenleitgeschwindigkeit, distal motorischen Latenz oder F-Wellen Latenz in mind.
- Verlängerung der dmL ≥50% über dem oberen Normwert (ULN) an zwei Nerven (Ausschluß einer Medianusneuropathie bei Karpaltunnelsyndrom) oder.
- Reduktion der motorischen NLG ≥30% unterhalb des unteren Normwertes (LLN) an zwei Nerven oder.
- Verlängerung der F-Wellen Latenz ≥30% des oberen Normwertes an 2 Nerven (bzw. ≥50% wenn die Amplitude des distalen negativen Peaks des MSAP <80% unterhalb des unteren Normwertes) oder.
- Fehlen der F-Wellen in zwei Nerven, falls die distalen negativem MSAP ≥20% des unteren Normwertes in diesen Nerven liegen) +≥ ≥1 anderer demyeliniserender Parameter in ≥ 1 anderen Nerv oder e) Partieller motorischer Leitungsblock an 2 Nerven (≥50% Amplitudenreduktion des proximalen negativen Peaks im Vgl.
- Nachweis von Demyelinisierungen, verlängerte DML , verlangsamte NLG, pathologische F-Wellen in mindestens 2 motorischen Nerven, partieller Leitungsblock in mind. 1 Nerven.
- Laboruntersuchungen:
- Blut- oder Nervenwasseranalysen können Auffälligkeiten wie erhöhte Eiweißwerte oder bestimmte Antikörper zeigen. Diese Werte allein reichen jedoch nicht aus, um CIDP sicher zu diagnostizieren.
- Untersuchung des Nervenwassers, die bei 70 - 90 % aller Patienten mit CIDP eine typische Eiweißerhöhung ohne sonstige entzündliche Veränderungen zeigt (zytoalbuminäre Dissoziation).
- Bildgebende Verfahren:
- MRT-tomographische Darstellung: Bei ca. 50 % aller CIDP-Patienten zeigen sich entzündliche Veränderungen im Nervenplexus bzw. den -wurzeln.
- Ultrasonographische Darstellung: Multiple Nervenschwellungen können als typischer Hinweis dargestellt werden.
- Nervenbiopsie: Falls die Ergebnisse nicht eindeutig sind, können zusätzliche Tests wie eine Nervenbiopsie notwendig sein. Sie spielt noch eine Rolle bei akuten, inflammatorischen und rasch progredienten Neuropathien. Fokale Demyelinisierung.
Da CIDP ähnliche Symptome wie andere Polyradikuloneuropathien verursacht, ist die Diagnose oft ein Ausschlussverfahren.
Lesen Sie auch: Polyneuropathie und Demenz: Was Sie wissen sollten
Diagnosekriterien (Einschluss- und Ausschlusskriterien):
- Einschlusskriterien:
- Typische CIDP und erloschener oder generell abgeschwächter Reflexstatus.
- Atypische CIDP (rein sensibel, MADSAM, DADS, rein motorisch, fokal) sowie abgeschwächte/erloschenen Reflexe in betroffenen Regionen.
- Ausschlusskriterien:
- Borrelieninfektion, Diphtherie, Drogen (Alkohol) oder Gifte.
- Vererbte Neuropathie (Hereditäre sensomotorische demyelinisierende Neuropathie).
- Im Vordergrund stehende Blasen- und Mastdarmstörungen.
- Diagnose anderweitiger Immunneuropathie.
- IgM monoklonale Gammopathie mit anti-MAG-Antikörpern.
- Andere Gründe für demyelinisierende Polyneuropathie.
Differentialdiagnose
Die Diagnose CIDP ist diffizil, insbesondere die differenzialdiagnostische Unterscheidung von anderen Polyneuropathien des peripheren Nervensystems. Es gibt eine Reihe von Erkrankungen, die ähnliche Symptome wie CIDP verursachen können und daher differentialdiagnostisch abgeklärt werden müssen. Zu diesen gehören:
- Guillain-Barré-Syndrom (GBS): Eine akute, entzündliche Polyneuropathie, die sich rasch entwickelt und oft nach einer Infektion auftritt.
- Multifokale motorische Neuropathie (MMN): Eine seltene, erworbene Erkrankung mit langsamer Progredienz, die asymmetrisch ohne sensible Störungen auftritt.
- Vaskulitische Neuropathien: Erkrankungen des peripheren Nervensystems, bei denen es durch entzündliche Veränderungen der Blutgefäße zu einer Nervenschädigung kommt.
- Hereditäre Neuropathien: Eine Gruppe klinisch und genetisch heterogener Erkrankungen des peripheren Nervensystems, wie z.B. die Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (CMT).
- Andere immunvermittelte Polyneuropathien: Polyneuropathien aus dem rheumatischen Formenkreis (zum Beispiel: Lupus-assoziierte Polyneuropathien) oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen, Polyneuropathien im Rahmen von monoklonalen Gammopathien unklarer Signifikanz (MGUS).
- Diabetische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von Diabetes mellitus.
- Alkoholische Neuropathie: Nervenschäden aufgrund von chronischem Alkoholkonsum.
- Toxische Neuropathien: Nervenschäden durch bestimmte Medikamente oder Umweltgifte.
Therapie
CIDP ist eine chronische Krankheit mit einem fortschreitenden (progredienten) Verlauf und bedarf in der Regel einer lebenslangen Therapie. Die Behandlung der chronisch inflammatorischen demyelinisierenden Polyradikuloneuropathie (CIDP) hängt von der individuellen Situation der Betroffenen ab. Nicht jede entzündliche Polyradikuloneuropathie muss zwingend behandelt werden. Betroffene entscheiden gemeinsam mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin, ob eine Behandlung begonnen wird und welche Therapie am besten geeignet ist.
Die Behandlung besteht üblicherweise aus zwei Phasen:
- Initialtherapie: Bei Therapiebeginn eingesetzte Behandlungen, um die Symptome zu verbessern.
- Erhaltungstherapie: Langfristige Behandlung, um die Krankheit unter Kontrolle zu halten.
Bei der gesicherten CIDP sind wirksame Therapien die immunmodulatorische Therapie mit intravenösen Immunglobulinen (IVIG), Glukokortikosteroiden (GS) und Plasmaaustauschverfahren, die in prospektiven und kontrollierten Studien Ansprechraten von ca. 50 - 75 % aufweisen konnten. Die Wahl der geeigneten Therapie hängt in erster Linie von der Gesamtsituation des Patienten ab.
Medikamentöse Therapien:
- Kortikosteroide: Diese Medikamente können das fehlgeleitete Immunsystem unterdrücken und Entzündungen in den Nerven verringern. Sie werden bei CIDP seit vielen Jahren erfolgreich eingesetzt. Dosis abhängig von Klinik, Therapiedauer häufig 3-6 Monate.
- Immunglobuline (Ig): Sie regulieren das Immunsystem und helfen, schädliche Autoantikörper zu neutralisieren. Sie können als Infusion über die Vene (intravenös) oder unter die Haut (subkutan) verabreicht werden. Beide Formen zeigen in der Regel eine gute Wirkung in der Initial- und Erhaltungstherapie. Dosierung angepasst an klinische Symptomatik.
- Intravenöse Immunglobuline (IVIG): Werden im Krankenhaus oder in einer spezialisierten Praxis verabreicht, was für Betroffene mit Aufwand verbunden sein kann.
- Subkutane Immunglobuline (SCIG): Haben eine vergleichbare Wirkung wie IVIG, können aber nach einer Schulung selbstständig zu Hause angewendet werden. Die Infusion erfolgt über eine Kanüle und Pumpe ins Unterhautfettgewebe.
- Plasmaaustausch (Plasmapherese): Bei diesem Verfahren werden schädliche Antikörper aus dem Blut entfernt. Plasmapherese gleichermaßen wirksam. Bei fehlendem Ansprechen auf o.g.
Bei Versagen dieser Therapien kommen auch immunsuppressive Medikamente wie Azathioprin, Methotrexat, Mycophenolat Mofetil, Ciclosporin A in Betracht. Unter Umständen kommen auch therapeutische Antikörper, wie z.B. Rituximab, zum Einsatz.
Weitere Therapieansätze:
- Physiotherapie: zur Verbesserung der Muskelkraft, Koordination und Beweglichkeit.
- Ergotherapie: zur Anpassung des Alltags an die Einschränkungen durch die Erkrankung und zur Erhaltung der Selbstständigkeit.
- Schmerztherapie: zur Linderung von Schmerzen, die durch die Nervenschädigung verursacht werden.
- Hilfsmittelversorgung: zur Unterstützung der Mobilität und Selbstständigkeit in Alltag und Beruf.
Leben mit CIDP
Ein erfülltes Leben trotz Diagnose CIDP ist möglich. Kevin hat durch die Diagnose einen neuen Blick auf sein Leben bekommen. Herbert T. leidet seit vielen Jahren an der neurologischen Erkrankung CIDP, die seine Mobilität stark einschränkt. Seit etwa drei Jahren wird er wöchentlich mit der Tryptophan-Immunadsorption behandelt. Er gehört damit zu den seltenen Fällen, bei denen eine chronische Langzeittherapie mit der Immunadsorption zur Stabilisierung des Krankheitsverlaufs notwendig ist. Herbert schildert im Interview, wie die CIDP sein Leben veränderte, welche verschiedenen Therapien bei ihm versucht wurden, und wie die Tryptophan-Immunadsorption schließlich den Verlauf seiner Erkrankung deutlich verlangsamte. Außerdem gibt er Tipps und Ratschläge für andere Betroffene, gemäß seinem Lebensmotto: "Alles wird gut."
Es gibt verschiedene Selbsthilfeorganisationen, die Patienten und ihre Familien unterstützen, wie z.B. die Deutsche GBS und CIDP Initiative e.V., eine internationale Non-Profit-Organisation.
Forschung
In experimentellen wie klinischen Studien befassen wir uns mit den immunologischen Ursachen sowie neuen Therapieverfahren der CIDP. Der Einsatz der Nervensonographie und neuer Scoring-Systeme gewinnt bei der Diagnostik der chronisch inflammatorischen demyelinisierenden Polyneuropathie (CIDP) an Bedeutung. Auch bei der Therapie zeichnen sich Neuerungen ab.
tags: #erschopfbare #kloni #polyneuropathie