Die Lyme-Borreliose, oft einfach als Borreliose bezeichnet, ist eine bakterielle Infektionskrankheit, die durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen wird. In Deutschland führt schätzungsweise einer von 100 Zeckenstichen zu einer Erkrankung. Die Krankheit kann verschiedene Organe betreffen und unterschiedliche Symptome hervorrufen, was die Diagnose manchmal erschwert. Ein charakteristisches, frühes Anzeichen einer Borreliose ist die Wanderröte (Erythema migrans), ein sich ausbreitender roter Fleck oder Kreis um die Zeckenstichstelle herum. Eine rechtzeitige Diagnose und Behandlung mit Antibiotika sind entscheidend, um ein Fortschreiten der Infektion und mögliche Spätfolgen zu verhindern.
Definition der Borreliose
Die Borreliose, auch Lyme-Borreliose oder Lyme-Krankheit genannt, ist eine Infektion mit Bakterien des Stammes Borrelia. Die Bakterien werden hauptsächlich durch Zeckenstiche auf den Menschen übertragen. Die Erkrankung verläuft in verschiedenen Stadien, beginnend mit einer lokalen Infektion der Haut um die Einstichstelle, gefolgt von einer möglichen Ausbreitung im gesamten Organismus, die das Nervensystem, die Gelenke oder das Herz betreffen kann. Unbehandelt kann die Borreliose in eine späte Phase übergehen, die zu chronischen Hautveränderungen oder neurologischen Problemen führt.
Ursachen und Übertragung der Borreliose
Die Borreliose wird durch eine Infektion mit Borrelien-Bakterien verursacht, insbesondere Borrelia burgdorferi sensu lato, Borrelia afzelii, Borrelia garinii, Borrelia bavariensis und Borrelia spielmanii. Diese Bakterien werden durch Zeckenstiche übertragen. Zecken nehmen die Borrelien beim Blutsaugen von infizierten Tieren wie Mäusen, Vögeln, Reptilien, Igeln, Füchsen oder Kaninchen auf. Bei der nächsten Blutmahlzeit können die Bakterien auf den Menschen übertragen werden.
Die Durchseuchung der Zecken mit Borrelien variiert je nach Region. Zecken sind ab einer Temperatur von etwa 6 °C aktiv, weshalb Infektionen vor allem in den Sommermonaten auftreten. Die Übertragung der Borrelien auf den Menschen erfolgt in der Regel erst nach 12 Stunden. Daher ist das frühzeitige Auffinden und Entfernen der Zecke nach einem Aufenthalt im Freien der wirksamste Schutz vor einer Infektion.
Symptome der Borreliose
Die Symptome der Borreliose können vielfältig sein und variieren je nach Stadium der Erkrankung.
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Frühes Stadium: Lokale Hautinfektion
In den meisten Fällen (ca. 80-90 %) beginnt die Borreliose mit der Wanderröte (Erythema migrans). Diese tritt rund 1 Woche (3-30 Tage) nach einem Zeckenstich auf und zeigt sich als typischer roter, ringförmiger Hautausschlag von mindestens 5 cm Durchmesser. Der Ausschlag breitet sich von der Einstichstelle aus langsam aus und blass im Zentrum oft ab. Es ist wichtig, die Wanderröte von einer unspezifischen lokalen Entzündungsreaktion zu unterscheiden, die nach jedem Insektenstich in den ersten Tagen auftreten kann.
In seltenen Fällen, besonders bei Kindern, kann sich ein Borrelien-Lymphozytom bilden. Dies ist ein rot-bläuliches, schmerzunempfindliches Knötchen am Ohrläppchen, an der Brustwarze oder im Genitalbereich.
Frühes Stadium: Streuung des Erregers im gesamten Organismus
Wird die Borreliose nicht behandelt, können sich die Bakterien über die Blutbahn auf andere Teile des Körpers ausbreiten und nach einigen Wochen bis Monaten zu Beschwerden am Nervensystem, an den Gelenken oder am Herzen führen. Den Symptomen dieses Stadiums geht häufig eine Wanderröte voraus. In etwa der Hälfte der Fälle bildet sich keine Wanderröte aus, teilweise bleibt die Rötung auch unbemerkt. In solchen Fällen sind die Beschwerden der bakteriellen Ausbreitung die ersten Zeichen einer Borreliose.
Die Infektion des Nervensystems äußert sich bei Kindern häufig als Hirnhautentzündung mit Fieber, Kopfschmerzen, Übelkeit und einem steifen Nacken. Angegriffene Nervenwurzeln können auch Schmerzen verursachen. Typisch ist überdies eine Lähmung des Gesichtsnerven (Fazialisparese) mit hängendem Augenlid und Mundwinkel, nicht selten auf beiden Seiten.
Neben dem Nervensystem können auch die Gelenke betroffen sein, meist in Gestalt eines einzelnen geschwollenen, überwärmten und schmerzhaften Gelenks, z. B. des Kniegelenks. Selten verursacht die Borreliose auch eine Entzündung des Herzbeutels oder des Herzmuskels. Hinweise darauf sind allgemeine Erschöpfung und Schmerzen in der Brust. Ebenfalls selten äußert sich die Borreliose in diesem Stadium durch mehrere Hautrötungen, die über den ganzen Körper verteilt sind.
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Spätphase
Erkrankte Personen, die im Frühstadium nicht oder nicht richtig behandelt wurden, können längerfristig an Symptomen leiden. Das klassische Krankheitsbild des Spätstadiums sind bleibende Hautveränderungen (Acrodermatitis chronica atrophicans). Sie beginnen meist an den Beinen und führen zu bläulich-roten Verfärbungen sowie zu dünner und rissiger Haut an diesen Stellen. Auch die Gelenk- und die Hirnhautentzündung des frühen Stadiums können in seltenen Fällen über lange Zeit anhalten. Insbesondere eine neurologische Spätmanifestation gilt es zu vermeiden.
Diagnose der Borreliose
Die Diagnose der Borreliose basiert in erster Linie auf den klinischen Symptomen, insbesondere der Wanderröte. Bei Verdacht auf Borreliose wird der Arzt nach einem Zeckenstich fragen und die Symptome erheben.
Körperliche Untersuchung
Bei einer typischen Wanderröte sind keine weiteren Untersuchungen erforderlich. Es ist jedoch wichtig, die Einstichstelle über die nächsten 6 Wochen zu beobachten und ärztlichen Rat zu suchen, wenn sich eine Rötung bildet, die den Kriterien einer Wanderröte entspricht. Auch Symptome wie Gelenkschmerzen und Zeichen einer Hirnhautentzündung sollten abgeklärt werden.
Laboruntersuchungen
Wenn aufgrund anderer Symptome der Verdacht auf Borreliose besteht, sollte eine Blutuntersuchung auf Antikörper erfolgen bzw. bei Verdacht auf eine Neuroborreliose zusätzlich eine Untersuchung des Nervenwassers (Liquor). Nach 6-8 Wochen ist so gut wie bei allen Erkrankten eine Antikörperreaktion nachweisbar. Diese Antikörper können viele Jahre im Blut und ggf. im Liquor nachweisbar bleiben und eignen sich nicht, den Erfolg der Therapie zu bewerten. Hinzu kommt, dass bis zu 25 % aller Menschen in Deutschland, die älter als 70 Jahre sind, positive Antikörpertests auf Borrelien im Blut haben; nur ein kleiner Teil dieser Personen war jemals an einer Borreliose erkrankt, viele hatten jedoch irgendwann Kontakt, und das eigene Immunsystem hat die Erreger selbst erfolgreich abgewehrt. In bestimmten Fällen wird zusätzlich eine Bakterienkultur angelegt, um die Erreger nachzuweisen.
Stufendiagnostik
Für die Diagnose einer Borreliose wird eine Stufendiagnostik empfohlen. Im ersten Schritt wird ein Suchtest (ELISA oder CLIA) durchgeführt. Bei einem positiven oder grenzwertigen Ergebnis folgt im zweiten Schritt ein Bestätigungstest (Immunoblot). Für die Diagnose einer Neuroborreliose ist der Nachweis intrathekal (im Nervenwasser) gebildeter Antikörper gegen Borrelien in Liquor/Serum-Paaren vom gleichen Tag erforderlich. Die Bestimmung des Liquor/Serum-Index ermöglicht den Nachweis der borrelienspezifischen intrathekalen Antikörperbildung.
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Behandlung der Borreliose
Gegen Borreliose in allen Stadien gibt es wirksame Antibiotika wie z. B. Doxycyclin und Amoxicillin. Bei der Wahl des Wirkstoffs werden neben dem Infektionsstadium das Patientenalter sowie eine mögliche Schwangerschaft berücksichtigt. Die Länge der Behandlung hängt vom Krankheitsstadium ab. Bei einer Wanderröte sind in den meisten Fällen 10-14 Tage ausreichend, wenn weitere Symptome bestehen, erfolgt eine Behandlung über 21 Tage. Bei Hautveränderungen in der Spätphase und bei Gelenkentzündungen wird die Einnahme von Antibiotika über 30 Tage empfohlen. Eine Neuroborreliose wird 2-3 Wochen behandelt. In der Regel reicht die Einnahme von Tabletten, manchmal werden auch Infusionen empfohlen. Liegen nach der antibiotischen Therapie weiterhin Symptome vor, hilft eine verlängerte Antibiotikatherapie wahrscheinlich nicht.
Antibiotika-Therapie im Detail
- Doxycyclin: Sollte mit einem Abstand von 2-3 Stunden zu Nahrungs- und Arzneimitteln mit Aluminium, Kalzium, Magnesium, Eisen, Aktivkohle und Colestyramin eingenommen werden, da diese die Aufnahme von Doxycyclin beeinträchtigen können.
- Amoxicillin: Eine weitere Option für die orale Behandlung.
- Ceftriaxon, Cefotaxim oder Penicillin G: Werden zur intravenösen Therapie eingesetzt, insbesondere bei Neuroborreliose.
Behandlung während Schwangerschaft und Stillzeit
Während einer Schwangerschaft oder Stillzeit wird die orale Therapie mit Amoxicillin empfohlen. Alternativ können intravenös Penicillin G und Ceftriaxon angewendet werden. Bei einer Penicillinallergie stehen Azithromycin oder Cefuroximaxetil nach strenger Risiko-Nutzen-Abwägung zur Verfügung.
Behandlung bei Kindern
Kinder ab dem neunten Lebensjahr werden ebenfalls mit Doxycyclin behandelt, jüngere mit Amoxicillin.
Erfolg der Therapie
Sowohl die lokalisierte als auch disseminierte Frühmanifestation einer Lyme-Borreliose an der Haut ist mit den klassischen Behandlungsschemata gut behandelbar. In 95 bis 100 % der Fälle verschwinden die krankheitsspezifischen Symptome vollständig nach erfolgreicher Therapie. Ein Therapieversagen wurde bisher nur selten beobachtet. Auch Antibiotikaresistenzen sind wenig bekannt. Unbehandelte Spätmanifestationen haben ein höheres Risiko, dauerhafte Schäden an Haut, Gelenken und Nervensystem zu verursachen.
Prävention der Borreliose
Da es keine Impfung gegen Borreliose gibt, ist ein aufmerksamer Schutz vor und Umgang mit Zeckenstichen umso wichtiger.
Maßnahmen zur Vorbeugung
- Da die Borrelien fast nie innerhalb der ersten 12 Stunden übertragen werden, ist es wichtig, vorhandene Zecken schnell von Haut und Kleidung zu entfernen.
- Nach einem Aufenthalt in der Natur sollten vor allem Kinder gründlich nach Zecken abgesucht werden.
- So entfernen Sie eine Zecke richtig und sicher: Es sollten möglichst alle Teile der Zecke entfernt werden. Wenn aber die Mundwerkzeuge der Zecke stecken bleiben, können diese auch später entfernt werden. Sie sind ohne Bedeutung für eine Infektion und werden wie andere Fremdkörper in der Haut abgestoßen.
- Zecken werden mit einer Pinzette, einem speziellen Zeckenentfernungsinstrument oder - wenn kein Instrument zur Hand ist - mit den Fingernägeln nahe der Hautoberfläche, also an ihren Mundwerkzeugen (niemals am vollgesogenen Körper!) gegriffen und langsam und gerade, ohne zu drehen, aus der Haut gezogen.
- Auf keinen Fall darf die Zecke vor dem Entfernen mit Öl oder Klebstoff beträufelt werden. Unter solchen Stress gesetzt, sondert die Zecke vermehrt mit Borrelien kontaminierte Flüssigkeit ab.
- Nach Entfernung der Zecke ist eine sorgfältige Desinfektion der Wunde erforderlich. Passende Sprays finden Sie in der Apotheke.
- Im Freien lange Hosen und Socken tragen, die Fußknöchel bedecken.
- Bleiben Sie auf Wegen und Pfaden und meiden Sie hohes Gras und Gestrüpp.
- Es empfiehlt sich, nach einem Aufenthalt im Freien zu duschen.
- Verwenden Sie insektenabweisende Mittel, z. B. mit dem Wirkstoff DEET (Diethyltoluamid), auf Haut und Kleidung. Die Anwendung sollte nach wenigen Stunden aufgefrischt werden.
- Kleidung und Schuhe können mit Anti-Zecken-Mitteln behandelt oder speziell vorbehandelte Kleidung genutzt werden.
- Helle Kleidung wählen, auf der Zecken besser zu sehen sind.
Umgang mit Zeckenstichen
- Entfernen Sie die Zecke so bald wie möglich. Am besten geeignet sind spezielle Zeckenpinzetten oder Zeckenkarten.
- Ziehen oder schieben Sie die Zecke langsam mit Geduld aus der Haut heraus - ohne Drehen oder Vorbehandlung mit Öl oder Klebstoff. Vermeiden Sie das Quetschen des Körpers.
- Falls ein Rest des Stechapparates (häufig fehlinterpretiert als „Kopf“) in der Haut verbleibt, können Sie ihn mit einer sterilen Nadel oder Kürette entfernen oder auch von einer/m Ärzt*in entfernen lassen. Hinsichtlich einer Übertragung von Borrelien ist das Verbleiben des Stechapparates in der Haut unbedenklich.
- Suchen Sie sorgfältig den Körper und bei Kindern vor allem auch den Kopf nach weiteren Zecken ab.
- Beobachten Sie die Haut in der Umgebung der Einstichstelle 6 Wochen lang. Eine unmittelbar nach dem Stich auftretende Rötung durch die Zeckenspeichelstoffe bildet sich innerhalb einiger Tage zurück. Tritt danach erneut eine Rötung auf oder vergrößert sich die anfängliche Rötung auf ≥ 5 cm, sollten Sie unbedingt ärztliche Hilfe suchen. Es kann sich um die Frühmanifestation der Lyme-Borreliose, das Erythema migrans (Wanderröte), handeln.
Prognose der Borreliose
Die Borreliose hat bei richtiger Diagnose und Therapie gute Heilungschancen. Ohne antibiotische Therapie kann es zu einer Ausbreitung der Erreger und Spätkomplikationen kommen. In seltenen Fällen können langanhaltende Beschwerden bestehen, z. B. Müdigkeit, Kopfschmerzen Gelenk- und Muskelschmerzen. Auch bei Neuroborreliose kann von einer guten Prognose ausgegangen werden. Eine durchgemachte Borreliose stellt in der Regel keinen Schutz gegen eine erneute Infektion dar.
Post-Lyme-Syndrom
Der Begriff Post-Lyme-Syndrom wird verwendet, wenn Patientinnen und Patienten anhaltende Beschwerden haben, obwohl die Lyme-Borreliose bereits ärztlich behandelt wurde und keine Infektion mehr nachweisbar ist. Treten nach einer behandelten Borreliose Symptome wie andauernde Müdigkeit (Fatigue), Gelenk- und Muskelschmerzen, Konzentrations- und Gedächtnisprobleme („brain fog“), Schlafstörungen oder Kopfschmerzen auf, kann das auf ein Post-Lyme-Syndrom hindeuten. Die genauen Ursachen von Post-Lyme sind noch unklar. Allerdings stehe mittlerweile fest, dass Antibiotika-Langzeittherapien in diesem Fall nicht helfen, sondern, im Gegenteil, sogar schaden können. Da sich die Behandlung nach den jeweiligen Beschwerden richtet, ist es wichtig, dass der Therapieplan individuell auf die Patientinnen und Patienten zugeschnitten ist.
Meldepflicht
Nach dem Infektionsschutzgesetz ist Borreliose nicht flächendeckend meldepflichtig, aber in den Bundesländern Bayern, Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dort sind Ärztinnen und Ärzte verpflichtet, Fälle von Lyme-Borreliose an das zuständige Gesundheitsamt zu melden.
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