Der Beruf des Erziehers ist anspruchsvoll und vielschichtig. Neben der Freude an der Arbeit mit Kindern sehen sich Erzieherinnen und Erzieher zunehmend mit Belastungen konfrontiert, die bis zum Burn-out führen können. Dieser Artikel beleuchtet die Ursachen für diese Belastungen und zeigt mögliche Wege auf, um gegenzusteuern.
Die Realität im Erzieherberuf: Zwischen Ideal und Überforderung
Viele Erzieherinnen und Erzieher kennen das Gefühl, wenn sich der Montagmorgen nähert und der Arbeitsbeginn schwerfällt. Während neue Kollegen voller Elan in die Woche starten, beschleicht man selbst das Gefühl der Erschöpfung. Unrealistische Ansprüche an sich selbst und andere, gepaart mit dem Gefühl, die Situation nicht verändern zu können, können krank machen.
Die veränderte gesellschaftliche Situation, die gestiegene Bedeutung der frühkindlichen Bildung und der zunehmende Konkurrenzdruck haben die Rahmenbedingungen des Erzieherberufs in den letzten Jahren verschärft. Hinzu kommt die Vervielfachung der Kinder mit besonderem Förderbedarf, was den Betreuungsbedarf zusätzlich erhöht.
Das Burn-out-Syndrom: Wenn die Belastung zur Krankheit wird
Das Burn-out-Syndrom, wörtlich übersetzt "Ausbrennen", beschreibt den Verlust psychischer und physischer Belastbarkeit sowie eine emotionale Erschöpfung und Resignation. Unbehandelt kann dies in einem phasischen Verlauf bis hin zu völligem Rückzug, Depression und körperlichen Erkrankungen führen. Die Hauptsymptome sind:
- Emotionale Erschöpfung: Das Gefühl, emotional ausgelaugt und leer zu sein.
- Depersonalisation: Eine negative, zynische Haltung gegenüber der Arbeit und den Kindern. Das echte, emphatische und lebendige Einbringen der eigenen Person wird immer seltener.
- Reduzierte Leistungsfähigkeit: Eingeschränkte Belastbarkeit und das Gefühl, den Anforderungen nicht mehr gerecht zu werden.
Besonders gefährdet sind Berufe, in denen Verantwortung für andere Menschen übernommen wird und in denen man auf deren Probleme und Sorgen zum Teil nur mit Naturtalent reagieren kann.
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Ursachenforschung: Was führt zur Überlastung?
Die Ursachen für die Überlastung von Erzieherinnen und Erziehern sind vielfältig:
- Hohe Arbeitsbelastung: Große Gruppen, wenig Zeit für Vor- und Nachbereitung, Lärmbelastung und Personalmangel führen zu einem hohen Zeit- und Arbeitsdruck.
- Veränderte Kinder: Die Frustrationstoleranz vieler Kinder ist geringer geworden. Sie tun sich schwerer damit, einfache Regeln zu akzeptieren und benötigen bei kleinsten Konflikten die Hilfe eines Erwachsenen.
- Gestiegene Erwartungen der Eltern: Eltern verlassen sich zunehmend auf den Kindergarten, um ihren Kindern allgemeine Lebenskompetenzen zu vermitteln. Die vollmundigen Versprechungen der Politik haben die Erwartungen der Eltern an die Kita zusätzlich geschürt.
- Widersprüchliche Anforderungen: Einerseits wird von Erzieherinnen und Erziehern verlangt, den Kindern größtmögliche individuelle Förderung zuteil werden zu lassen, andererseits sollen sie die Kinder auf die Anforderungen der Schule vorbereiten.
- Mangelnde Wertschätzung: Viele Erzieherinnen und Erzieher fühlen sich für ihre wichtige Arbeit nicht ausreichend wertgeschätzt.
- Unrealistische Ansprüche an sich selbst: Überzogene Ansprüche an sich selbst und Glaubenssätze wie "Ich muss es allen recht machen" oder "Ich darf nicht 'Nein' sagen" erschweren einen realistischen Umgang mit Anforderungen und können leicht zu einer Überforderung führen.
- Inkongruenz: Viele burn-out-gefährdete Menschen leben in einer Inkongruenz: Sie geben sich anders als sie sind und versuchen einem Bild zu entsprechen, das sie "gelernt" haben oder dem sie gerne entsprechen würden (dem so genannten Ich-Ideal).
- Mangelnde Vorbereitung auf Leitungsaufgaben: Erzieherinnen und Erzieher werden während ihrer Ausbildung nicht oder nur äußerst ungenügend auf die Aufgaben einer Leitung vorbereitet. Die benötigten Fähigkeiten müssen sie sich durch Eigenengagement und häufig auch in der Freizeit aneignen.
Wege aus der Überlastung: Was können Erzieherinnen und Erzieher tun?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um der Überlastung entgegenzuwirken und einem Burn-out vorzubeugen:
- Eigene Bedürfnisse wahrnehmen und ernst nehmen: Fragen Sie sich: Wurden meine kindlichen Bedürfnisse wahr- und ernst genommen? Durfte ich auch bei Konflikten eigenen Bedürfnissen nachgehen und mich durchsetzen und habe ich als Kind gelernt, auf meine Gefühle zu vertrauen?
- Realistische Ziele setzen: Überdenken Sie Ihre Ziele und überprüfen Sie diese auf ihre Realisierbarkeit. Handelt es sich auch tatsächlich um Ihre eigenen Ziele?
- Delegieren lernen: Um Entlastung im Arbeitsalltag und privat zu erleben, ist es nötig, bestimmte Bereiche zu delegieren und Arbeitsabläufe aus der Hand zu geben. Hierzu ist jedoch ein gewisses Vertrauen in andere Menschen und deren Fähigkeiten erforderlich.
- Eigene Grenzen erkennen und setzen: Lernen Sie, "Nein" zu sagen und sich nicht zu überlasten.
- Eigene Stressoren identifizieren: Versuchen Sie herauszufinden, welche Situationen bei Ihnen Stress auslösen und wie Sie diese vermeiden oder verändern können.
- Entspannungstechniken erlernen und anwenden: Finden Sie heraus, welche Art von Entspannung Ihnen hilft, ein Gegengewicht zum Stress zu finden.
- Unterstützung suchen: Machen Sie in Ihrem Umfeld (in Ihrer Partnerschaft, im Team, bei Ihrem Arbeitgeber) deutlich, wie es Ihnen geht. Sprechen Sie mit Kollegen, Freunden oder einem Therapeuten.
- Arbeitgeber informieren und fordern: Reichen Sie schriftlich formulierte Überlastungsanzeigen ein und fordern Sie individuelle Gefährdungsbeurteilungen vom Arbeitgeber.
- Sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzen: Engagieren Sie sich in Berufsverbänden oder Initiativen, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in Kitas einsetzen.
Was können Träger und Politik tun?
Auch Träger und Politik sind gefordert, die Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher zu verbessern:
- Verbesserung der Personalsituation: Erhöhung der Fachkraftstunden, um eine bessere Fachkraft-Kind-Relation zu gewährleisten.
- Reduzierung der Lärmbelastung: Schaffung von Räumlichkeiten, die eine Reduzierung der Lärmbelastung ermöglichen.
- Förderung der Teambildung: Unterstützung von Maßnahmen zur Teambildung und zur Verbesserung des Arbeitsklimas.
- Angebot von Fortbildungen und Supervision: Angebot von Fortbildungen und Supervision zur Stressbewältigung, Konfliktlösung und Burn-out-Prävention.
- Wertschätzung der Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher: Anerkennung der wichtigen Arbeit der Erzieherinnen und Erzieher durch angemessene Bezahlung und Wertschätzung.
- Bessere Vorbereitung auf Leitungsaufgaben: Angebot von speziellen Fortbildungen für Erzieherinnen und Erzieher, die Leitungsaufgaben übernehmen wollen.
- Einbeziehung der Mitarbeiter in Entscheidungsprozesse: Forschungsergebnisse haben gezeigt, dass ein bedeutender Einfluss auf die Motivation von MitarbeiterInnen darin besteht, diese in möglichst vielen Bereichen an Entscheidungen zu beteiligen (echte Partizipation).
Schwierige Elterngespräche meistern
Ein weiterer Stressfaktor im Erzieherberuf können schwierige Elterngespräche sein. Besonders bei Eltern verhaltensauffälliger Kinder ist Fingerspitzengefühl gefragt.
Vorbereitung ist alles:
- Gefühle wegschieben: Versuchen Sie, Ihre eigenen negativen Gefühle gegenüber den Eltern wegzuschieben, um den Blick frei zu haben für die Gegebenheiten.
- Situation vergegenwärtigen: Machen Sie sich die Situation der schwierigen Eltern erneut deutlich, um eine förderliche Haltung für das Gespräch zu entwickeln.
- Kollegenhilfe nutzen: Bitten Sie eine Kollegin, der sie schon häufig von dem Kind und seinen Eltern erzählt haben, Ihnen bei der Vorbereitung zu helfen.
- Gesprächsziele festlegen: Entwickeln Sie klare Vorstellungen, welche Punkte angesprochen werden müssen.
- Ursachenforschung betreiben: Sammeln Sie Informationen zu den möglichen Ursachen des auffälligen Verhaltens.
- Lösungsvorschläge entwickeln: Denken Sie mögliche Lösungsvorschläge durch, z.B. was im Kindergarten und zu Hause anders laufen könnte.
Im Gespräch:
- Vertrauensvolle Beziehung aufbauen: Bei Gesprächen mit schwierigen Eltern geht es in erster Linie um die Herstellung einer vertrauensvollen Beziehung.
- Selbstwertgefühl der Eltern beachten: Thematisieren oder bezweifeln Sie nicht die Erziehungskompetenz der Eltern.
- Gemeinsame Suche betonen: Betonen Sie immer wieder ausdrücklich die gemeinsame Suche nach Ursachen und Lösungsmöglichkeiten, um das Gefühl der partnerschaftlichen Vorgehensweise zu entwickeln.
- Positives hervorheben: Reden Sie über die positiven Seiten des Kindes.
- Neutral und sachlich bleiben: Formulieren Sie neutral und sachlich und beachten Sie die besonderen Bedingungen dieser Eltern.
- Gespräch abbrechen, wenn nötig: Wenn das Gespräch aus dem Ruder läuft, brechen Sie es ab und vertagen Sie es.
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