Essen anreichen bei Hemiplegie: Tipps für eine sichere und angenehme Mahlzeit

Die Nahrungsaufnahme kann für Menschen mit Hemiplegie (Halbseitenlähmung) eine Herausforderung darstellen. Schluckstörungen, motorische Einschränkungen und kognitive Beeinträchtigungen können das Essen erschweren und das Risiko einer Aspiration (Verschlucken) erhöhen. Dieser Artikel bietet umfassende Tipps und Strategien für das sichere und würdevolle Anreichen von Essen bei Hemiplegie, um die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern.

Einführung

Ein Schlaganfall kann das Leben der Betroffenen schlagartig verändern und neue Herausforderungen im täglichen Leben mit sich bringen. So fällt nach einem Schlaganfall unter anderem das unbeschwerte, eigenständige Essen und Trinken schwer. Dieser Artikel soll Angehörigen und Pflegekräften helfen, Menschen mit Hemiplegie bestmöglich bei der Nahrungsaufnahme zu unterstützen.

Ursachen und Folgen von Schluckstörungen bei Hemiplegie

Nach einem Schlaganfall kommt es häufig zu einer Beeinträchtigung der Zungen- und Mundbewegung. Etwa die Hälfte aller Schlaganfall-Patienten ist in der Akutphase von einer Schluckstörung betroffen, und bei einem Viertel bleibt diese sogar bestehen.

  • Veränderungen der Schluckvorgang: Neurologische Störungen, strukturelle Veränderungen und altersbedingte Faktoren können den Schluckvorgang beeinträchtigen.
  • Aspirationsrisiko: Eine Dysphagie (Schluckstörung) erhöht das Risiko einer Aspiration, bei der Nahrungsbestandteile in die Atemwege gelangen. Nicht erkannte Schluckstörungen können zu Komplikationen wie Pneumonie (Lungenentzündung), chronischer Bronchitis, Atembeschwerden und Ersticken führen.
  • Mangelernährung: Schluckstörungen können zu Mangelernährung und Austrocknung führen, was wiederum die Lebensqualität und den Genesungsprozess beeinträchtigt.
  • Soziale Isolation: Betroffene ziehen sich häufig zurück, da die eingeschränkte Fähigkeit zu essen und zu trinken die soziale Interaktion erschwert.

Allgemeine Prinzipien beim Essenanreichen

Beim Essenanreichen bei Hemiplegie sind einige grundlegende Prinzipien zu beachten, um die Sicherheit und das Wohlbefinden des Betroffenen zu gewährleisten:

  • Zeit nehmen: Eine Mahlzeit muss in Ruhe eingenommen werden können. Essenanreichen erfordert Einfühlungsvermögen und Berufserfahrung und sollte nicht unter Zeitdruck erfolgen.
  • Aufmerksame Begleitung: Eine Person mit Aspirationsrisiko sollte nie allein essen. Bei ausgeprägten Schluckstörungen wird ggf. eine logopädische Behandlung verordnet.
  • Individuelle Bedürfnisse respektieren: Jeder Mensch hat unterschiedliche Vorlieben und Gewohnheiten. Die Gewohnheiten des Bewohners sollten auch in der Einrichtung fortgeführt werden.
  • Kommunikation fördern: Wir nehmen mit dem Bewohner Kontakt auf und verabreden ggf. nonverbale Zeichen, um die Kommunikation zu erleichtern. Wenn der Bewohner satt ist, soll er z. B. den Kopf schütteln oder mit der Hand den Arm der Pflegekraft drücken.
  • Hygiene beachten: Vor dem Essenanreichen ist eine Händedesinfektion durchzuführen.

Vorbereitung der Mahlzeit und Umgebung

Eine sorgfältige Vorbereitung der Mahlzeit und der Umgebung trägt wesentlich zu einem angenehmen und sicheren Esserlebnis bei:

Lesen Sie auch: Kosten der Tagespflege bei Demenz in Essen

  • Angenehme Atmosphäre: Keine ablenkenden Reize (z.B. Fernseher) schaffen.
  • Aufrechte Position: Zum Essen sollen die Betroffenen möglichst aufrichten. Das Gewicht des Bewohners sollte auf seinem Becken liegen. Ein Anstellwinkel des Kopfteils von 70° sollte vermieden werden, da der Bewohner sonst nicht so leicht schlucken kann.
  • Augenhöhe: Die Pflegekraft sitzt dem Bewohner gegenüber und befindet sich auf Augenhöhe. Wird das Pflegebett höher gefahren, wird vermieden, dass die Pflegekraft "von oben" auf den Bewohner herabsehen.
  • Schutzkleidung: Ein ggf. vorhandenes Lätzchen oder eine Serviette schützt die Kleidung vor Verschmutzungen. Eine Stoffserviette wirkt appetitlicher als die Nutzung von Zellstoff.
  • Kontrastreiche Gestaltung: Der Teller sollte vor dem Bewohner aufgestellt und kontrastreich gedeckt sein, also keinen ähnlichen Farbton haben wie der Tisch. Der Teller sollte eine andere Farbe aufweisen als der Innenbereich.
  • Geeignetes Geschirr: Bewohner, die an einer Halbseitenlähmung leiden, erhalten geeignetes Geschirr, ggf. mit Nasenausschnitt, damit der Kopf nicht in den Nacken gelegt werden muss. Es können auch spezielle Trinkgefäße aus Kunststoff eingesetzt werden, wenn dieses zwingend erforderlich ist.
  • Zahnprothese: Ggf. ist vor der Mahlzeit die Zahnprothese einzusetzen.

Konsistenz und Darreichungsform der Speisen

Die Konsistenz und Darreichungsform der Speisen spielen eine entscheidende Rolle bei der Vermeidung von Aspiration:

  • Individuelle Anpassung: Die Konsistenz der Speisen muss an die individuellen Bedürfnisse und Fähigkeiten des Bewohners angepasst werden. Der Schlucktherapeut gibt die Schluckkoststufe vor (püriert, zerkleinert, ect.).
  • Geeignete Konsistenzen: Geeignet sind Speisen, die sich zu Brei verarbeiten, bzw. im Mixer pürieren lassen, dabei sind je nach Nahrung bereits typische Eigenstrukturen erkennbar. Z.B. nicht klebriger Grießbrei, Schmelzflocken, gut ausgequollener Reis- oder Sagobei, weiche Polenta, Kartoffelpüree, Gemüse aus fein püriert zusätzlich Fenchel, Schnittbohnen, Spinat, Wirsing, Obst aus fein püriert aber auch roh oder gerieben zusätzlich Erdbeeren, Kiwi, püriertes Kalb-, Hühner-, Schweinefleisch evtl. mit sämiger Bratensauce vermischt, Milchprodukte aus feinpüriert zusätzlich Fruchtjoghurt oder Fruchtquark ohne Stückchen.
  • Weiche Nahrung: Geeignet ist auch weiche Nahrung, die sich mit der Zunge zerdrücken lässt z.B.: zusätzlich zu pürierter Kost, Weißbrot, Toastbrot leicht angetoastet, Graubrot ohne Rinde und Körner, gut ausgequollene Nudeln, falls keine Probleme mit Flüssigkeiten in Milch eingeweichte Weißbrotstücke oder Cornflakes, Kartoffelpüree, weich gekochte Kartoffeln, weichgekochtes Gemüse wie Möhren, Sellerie, Schwarzwurzel, Blumenkohl, Brokkoli, Kohlrabi, Zucchini, Gurken, Tomaten ohne Haut und Kerne, Obst aus pürierter Kost zusätzlich sehr weiches Frischobst wie Banane, Erdbeeren, reife Pfirsiche, reife Melone, Marmelade ohne Kerne, Grütze mit Früchte, Haschee, Kalbsbrät, Hackbraten ohne Kruste, Pasteten, Leberwurst, Teewurst, Kochfische mit weichem Fleisch ohne Gräten, Milchprodukte aus pürierter Kost zusätzlich Schmelzkäse, Frischkäse, Butter, Quarkauflauf ohne Kruste, Käsesahnetorte, feuchtes Rührei, weich gekochtes Ei.
  • Ungeeignete Konsistenzen: Nicht geeignet sind grobkörnige, krümelige, faserige oder klebrige Konsistenzen z.B. Brot mit knuspriger Rinde, Faden- oder Sternchennudeln, Spargel, Porree, Reis, Spargel, Porree, Weißkohl, Rotkohl, Rosenkohl, Grünkohl, alle Blattgemüse und Salate, Ananas, Zitrusfrüchte, Rhabarber, Beeren mit Kernen, trockenes und zähes Fleisch (Wild, Rind), Fleisch/Fisch paniert oder scharf gebraten, Produkte mit unvermahlenen Körnern oder hohem Schalenanteil.
  • Andicken von Flüssigkeiten: Flüssigkeiten können mit einem geschmacksneutralen Pulver angedickt werden. Zum Trinken von dickflüssigen Nahrungsmitteln ist eine Schnabeltasse gut geeignet, für Getränke ist ein Trinkhalm nützlich.
  • Kleine Portionen: Nur eine kleinere Speisenmenge anbieten und ggf. nachreichen. Zur Aspirationsprophylaxe gehört es auch, nur kleine Essensmengen zu reichen und im Falle des Fütterns, nur kleine Bissen und Schlucke zu geben. Der Mund muss leer sein, bevor der nächste Bissen gereicht wird.

Praktische Tipps beim Anreichen der Speisen

Beim Anreichen der Speisen sind folgende praktische Tipps hilfreich:

  • Achtsames Vorgehen: Die Pflegekraft sollte die betroffene Hand führen, bzw. dessen Unterarm und diese Bewegung ein- oder zweimal demonstriert.
  • Aufforderung zum Schlucken: Den Bewohner verbal zum Schlucken auffordern. Man sollte darauf achten, dass der, die Patient oder die Patientin gut kaut, den Mund zum Schlucken schließt und noch einmal nachschluckt.
  • Getränke anbieten: Während des Essens ein Getränk anbieten, ggf. mit der Handfläche. Flüssigkeit schluckweise ein.
  • Glas richtig positionieren: Das Glas sollte ggf. zur vorderen Hälfte gefüllt und so positioniert werden, dass die Flüssigkeit in Kontakt kommen kann.
  • Kinn absenken: Vorsichtig das Kinn nach unten neigen. Ggf. mit dem Zeigefinger das Kinn von unten stabilisieren.
  • Nicht sprechen: Während des Schluckvorgangs nicht mit dem Bewohner sprechen, um das Risiko zu reduzieren, dass Nahrungsbestandteile aspiriert werden.
  • Mundpflege: Nach jeder Mahlzeit ist die Mundpflege wichtig. Die Serviette, der Bettschutz usw. werden entfernt und die Hände gewaschen.

Umgang mit besonderen Herausforderungen

Einige Begleitumstände erfordern besondere Aufmerksamkeit beim Essenanreichen:

  • Appetitlosigkeit: Depressionen oder Magen-Darm-Probleme können die Ursache für Appetitlosigkeit sein. Demenzpatienten können durch einen übervollen Teller abgeschreckt werden.
  • Apraxie: Bei Apraxie, einer Störung der Handlungsplanung, ist eine einheitliche Vorgehensweise im Bereich Körperpflege, Kleiden und Nahrungsaufnahme wichtig (mit Ergotherapeuten absprechen). Handlungsschritte in Teilschritte zerlegen und einzeln einüben. Statt komplexe Bewegungen, vereinfachte, ähnliche Bewegungen trainieren z.B. Streichbewegungen mit der Hand über den Tisch, um das Streichen einer Brotscheibe einzuüben. Gegenstände die für einen Handlungsablauf nötig sind, in Griffweite des Patienten legen, unnötige Gegenstände wegräumen bzw. wegstellen (Ablenkung, Verwirrung). Die Hände des Patienten werden direkt durch die Pflegekraft geführt (die Pflegekraft steht hinter oder leicht seitlich zum Patienten). Die Hand des Patienten und die des Führenden bilden eine Einheit. Wenn möglich bilateral (mit beiden Händen) arbeiten. Die Pflegekraft sitzt neben dem Patienten und führt die richtigen Bewegungen gleichzeitig mit dem Patienten aus.
  • Aphasie: Bei Aphasie, einer Sprachstörung, können nonverbale Kommunikationsmittel zum Einsatz kommen und werden von der Logopädie durchgeführt ggf. Neuropsychologen. Schriftsprach, das Benennen und das Sprachverständnis werden getestet. Satzstrukturen, Schriftsprache, Satzbau oder Textstrukturen werden geübt. In der Dialogtherapie oder im Alltagstraining wird das vorher geübte gefestigt.
  • Hemineglect: Bei Hemineglect, der Vernachlässigung einer Körperhälfte, sollte die Aufmerksamkeit des Betroffenen nicht auf die linke Seite gelenkt werden. Gegenstände auf der linken Seite werden vernachlässigt oder können nicht geortet werden.

Hilfsmittel für die Nahrungsaufnahme

Es gibt eine Vielzahl von Hilfsmitteln, die die Nahrungsaufnahme bei Hemiplegie erleichtern können:

  • Essbesteck mit besonderen Griffen: Praktischer Griffverdicker für Stifte, Werkzeuge oder Bestecke.
  • Einhänderbretter: Einhänderbretter zum Bestreichen von Broten oder Schneiden von Lebensmitteln.
  • Spezialteller: Spezialteller zum einhändigen Essen, Teller mit Randerhöhung.
  • Trinkhilfen: Trinkhilfen mit Nasenausschnitt, Flaschenhalter.
  • Rutschfeste Unterlagen: Gummimatten unterhalb des Tellers, rutschfeste Deckelöffner.
  • Vorratsdosen mit Einhand-Funktion: Vorratsbehälter, die sich mit einer Hand leicht öffnen lassen.

Aspirationsprophylaxe

Die Aspirationsprophylaxe ist ein wichtiger Bestandteil der Pflege von Menschen mit Schluckstörungen. Ziel ist es, das Risiko des Verschluckens von Nahrung oder Flüssigkeit zu minimieren.

Lesen Sie auch: Ursachen und Symptome der CJK

  • Aufrechte Position: Gegessen und getrunken wird nur in einer aufrechten Position.
  • Kleine Bissen: Nur kleine Essensmengen reichen und im Falle des Fütterns, nur kleine Bissen und Schlucke geben.
  • Mund muss leer sein: Der Mund muss leer sein, bevor der nächste Bissen gereicht wird.
  • Zeit nehmen: Der Patient, die Patientin darf nicht unter Druck essen müssen, er, sie bestimmt das Ess-Tempo.
  • Nicht sprechen: Als Betreuende(r) sollte man darauf achten, während des Kauens keine Fragen zu stellen. Angesprochen wird der Patient, die Patientin erst, wenn der Mund leer ist.
  • Prothesen kontrollieren: Vor der Mahlzeit sollten Prothesen auf ihren korrekten Sitz kontrolliert werden.
  • Mundpflege: Nach jeder Mahlzeit ist die Mundpflege wichtig.

Was tun bei akuter Aspiration?

Auch bei guter Aspirationsprophylaxe kann es passieren, dass die Patientin, der Patient sich an einem Lebensmittel verschluckt hat und der Fremdkörper nun störend in den Atemwegen sitzt. In diesem Fall ist wichtig:

  • Ruhe bewahren: Je ruhiger die Betreuenden bleiben, desto besser kann sich die Betroffene, der Betroffene auf das Husten konzentrieren.
  • Körperhaltung: Der Patient, die Patientin muss in eine aufrechte Haltung gebracht werden. Es hilft, den Oberkörper gut gestützt, seitlich und vorgebeugt aus dem Bett hängen zu lassen, um das Abhusten zu erleichtern.
  • Begleiten: Ruhig den Patienten, die Patientin auffordern, einzuatmen und dann so kräftig es geht abzuhusten. Mit Klopfen zwischen den Schulterblättern kann man das Abhusten unterstützen.
  • Notarzt alarmieren: Wenn sich der Zustand nicht innerhalb von ein bis zwei Minuten verbessert, wird der Notarzt alarmiert.
  • Bewusstlosigkeit: Wird er bewusstlos, muss man mit Mund-zu-Mundbeatmung beginnen.

Stille Aspiration

Die sogenannte stille Aspiration stellt eine große Gefahr dar. Bei der stillen Aspiration bemerken Patienten oder Patientinnen und Betreuende nichts davon, dass ein Fremdkörper in die Atemwege gelangt ist. Bei Verdacht auf stille Aspiration ist immer ein Arzt, eine Ärztin zu verständigen.

Rehabilitation und Therapie

Neben den praktischen Tipps zum Essenanreichen spielen auch rehabilitative Maßnahmen eine wichtige Rolle:

  • Logopädie: Mithilfe einer Logopädin kann der Schluckvorgang geübt und die beteiligte Muskulatur trainiert werden. Mit gezielten Übungen lassen sich Techniken erlernen, die das Schlucken wieder reibungsloser machen.
  • Bobath-Konzept: Das Bobath-Konzept ist ein umfassendes Bewegungskonzept zur Rehabilitation von Patienten mit Erkrankungen des zentralen Nervensystems. Auf diese Weise übernehmen intakte Hirnareale die Funktionen der geschädigten Bereiche. Die betroffene Person gewinnt motorische Fähigkeiten zurück und wird wieder selbstständiger in ihrem Alltag.
  • Vojta-Therapie: In der Altenpflege kann die Krankengymnastik nach Vojta eine gute Ergänzung zum Bobath-Konzept sein. Hierbei aktivieren Physiotherapeuten die natürlichen menschlichen Bewegungsmuster über verschiedene Druckpunkte. Dadurch lassen sich Symptome wie beispielsweise Spastizität lindern und Bewegungsniveaus verbessern.

Lesen Sie auch: Parkinson-Ernährung für mehr Lebensqualität

tags: #essen #anreichen #bei #hemiplegie