Die Alzheimer-Krankheit stellt eine der größten Herausforderungen im Gesundheitswesen dar. Weltweit sind Millionen Menschen von dieser neurodegenerativen Erkrankung betroffen, die durch einen fortschreitenden Verlust kognitiver Fähigkeiten gekennzeichnet ist. In den letzten Jahren hat die Forschung intensive Anstrengungen unternommen, um Medikamente zu entwickeln, die nicht nur die Symptome lindern, sondern auch den Krankheitsverlauf verlangsamen oder sogar aufhalten können. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung war die Zulassung neuer Antikörper-basierter Medikamente in der Europäischen Union (EU). Dieser Artikel bietet einen umfassenden Überblick über die in der EU zugelassenen Alzheimer-Medikamente, insbesondere Lecanemab (Leqembi) und Donanemab (Kisunla), ihre Wirkmechanismen, Anwendungsbereiche, Einschränkungen und die damit verbundenen Herausforderungen.
Einführung
Die Alzheimer-Krankheit ist durch die Ablagerung von Amyloid-Beta-Plaques und Tau-Fibrillen im Gehirn gekennzeichnet. Diese Ablagerungen beeinträchtigen die Funktion der Nervenzellen und führen zu kognitiven Beeinträchtigungen. Bisherige Therapien konzentrierten sich hauptsächlich auf die Linderung der Symptome, ohne die zugrunde liegenden Krankheitsprozesse zu beeinflussen. Mit der Zulassung von Lecanemab und Donanemab stehen nun erstmals Medikamente zur Verfügung, die auf die grundlegenden Mechanismen der Erkrankung abzielen.
Lecanemab (Leqembi): Der erste zugelassene Alzheimer-Antikörper in der EU
Zulassung und Verfügbarkeit
Am 15. April 2025 wurde Lecanemab (Handelsname Leqembi) in der Europäischen Union zugelassen. Damit ist es das erste Medikament, das nachweislich den Krankheitsprozess im Gehirn verlangsamt und somit das Fortschreiten der Symptome der Alzheimer-Krankheit etwas bremst. Die Zulassung erfolgte nach einer Empfehlung des Ausschusses für Humanarzneimittel (CHMP) der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und unterliegt strengen Auflagen.
Wirkmechanismus
Lecanemab ist ein Antikörper-Wirkstoff, der gezielt eine Vorstufe der für Alzheimer typischen Amyloid-Beta-Protein-Plaques im Gehirn bindet. Dadurch wird das körpereigene Immunsystem, insbesondere die Mikrogliazellen, aktiviert, die die Ablagerungen abbauen oder deren Neubildung hemmen. Dieser Mechanismus soll den Verlauf der Krankheit in einem frühen Stadium verlangsamen.
Anwendungsbereich und Einschränkungen
Leqembi ist nur für Menschen mit einer Alzheimer-Diagnose zugelassen, die sich im Stadium einer leichten kognitiven Beeinträchtigung (MCI) oder einer frühen Alzheimer-Demenz befinden. Die Amyloid-Beta-Ablagerungen müssen durch eine Lumbalpunktion oder ein Amyloid-PET nachgewiesen werden. Zudem dürfen die Erkrankten höchstens eine Kopie des sogenannten ApoE4-Gens tragen, da Personen mit zwei Kopien aufgrund des erhöhten Risikos für Hirnblutungen von der Behandlung ausgeschlossen sind. Auch für Menschen, die Gerinnungshemmer einnehmen, ist Leqembi nicht geeignet, da in Kombination mit dem Medikament das Risiko für eine Hirnblutung deutlich steigt.
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Voraussetzungen für die Behandlung
- Diagnose: Leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) oder frühe Alzheimer-Demenz.
- Nachweis von Amyloid-Beta-Ablagerungen: Durch Lumbalpunktion oder Amyloid-PET.
- Genetische Voraussetzungen: Höchstens eine Kopie des ApoE4-Gens.
- Ausschlusskriterien: Einnahme von Gerinnungshemmern, zwei Kopien des ApoE4-Gens.
- Teilnahme an einem EU-weiten Register: Verpflichtend.
Verabreichung und Überwachung
Leqembi wird als Infusion alle zwei Wochen direkt in die Vene verabreicht. Die Behandlung dauert jeweils etwa eine Stunde. Vor und während der Behandlung sind MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen. Diese Kontrollen erfolgen vor der 5., 7. und 14. Infusion. Werden sie nicht durchgeführt, muss die Behandlung beendet werden. Treten Kopfschmerzen, Verwirrtheit oder Übelkeit auf, entscheiden die behandelnden Ärzte über weitere Untersuchungen.
Nebenwirkungen
In Studien wurden bei einem Teil der Teilnehmenden Hirnschwellungen (ARIA-E) und Hirnblutungen (ARIA-H) beobachtet. Diese traten meist ohne erkennbare Symptome auf, wurden aber engmaschig kontrolliert. Das Risiko für solche Nebenwirkungen hängt stark vom ApoE4-Gen ab: Menschen mit zwei Kopien dieses Gens sind besonders gefährdet und daher von der Behandlung ausgeschlossen. Bei den für die EU-Zulassung relevanten Patientengruppen kam es in rund 13 % der Fälle zu Hirnblutungen und in 9 % zu Hirnschwellungen. Weitere mögliche Nebenwirkungen sind Kopfschmerzen (11 %) und Infusionsreaktionen (26 %).
Wirksamkeit
Ziel der Behandlung mit Leqembi ist es, den geistigen Abbau bei Menschen im frühen Krankheitsstadium zu verlangsamen. In der großen Phase-3-Studie CLARITY AD zeigte sich, dass die Erkrankung bei den Teilnehmenden, die Leqembi erhielten, langsamer fortschritt als in der Placebo-Gruppe. Trotz der messbaren Wirksamkeit wird die Wirkung von Leqembi von vielen Experten eher als moderat eingeschätzt. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht. Die Studie hat jedoch gezeigt, dass sich der verzögernde Effekt mit der Dauer der Einnahme zunimmt.
Herausforderungen und Perspektiven
Die Behandlung mit Leqembi stellt neue Anforderungen an die ärztliche Versorgung. Sie erfordert eine frühzeitige Diagnose sowie spezialisierte Einrichtungen mit ausreichender personeller und technischer Ausstattung. Zudem ist die Unterstützung von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in jedem Krankheitsstadium weiterhin unverzichtbar. Beratung, Angebote der Selbsthilfe sowie nicht-medikamentöse Therapien sind für sie von entscheidender Bedeutung.
Kisunla (Donanemab): Ein weiterer Hoffnungsträger in der Alzheimer-Therapie
Zulassung und Verfügbarkeit
Seit dem 25. September 2025 ist mit Donanemab (Handelsname Kisunla) ein zweites Antikörper-basiertes Alzheimermedikament in der EU zugelassen. Die Zulassung erfolgte, nachdem die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) ihre zunächst negative Entscheidung vom 28. März 2025 überdacht hatte.
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Wirkmechanismus
Kisunla enthält den Wirkstoff Donanemab, einen monoklonalen Antikörper, der vom Pharmaunternehmen Eli Lilly entwickelt wurde. Der Wirkstoff bindet gezielt an Amyloid-Beta, ein Protein, das sich bei der Alzheimer-Krankheit im Gehirn zu Plaques ablagert und die normale Funktion der Nervenzellen beeinträchtigt. Durch diese Bindung werden die Mikrogliazellen, also die Immunzellen des Gehirns, aktiviert, die die Plaques gezielt abbauen und aus dem Gehirn entfernen können.
Anwendungsbereich und Einschränkungen
Kisunla ist nur für Menschen im frühen Stadium der Alzheimer-Krankheit zugelassen - also bei leichten kognitiven Beeinträchtigungen (MCI) oder beginnender Alzheimer-Demenz. Als Voraussetzung für die Behandlung müssen die für Alzheimer typischen Amyloid-Beta-Ablagerungen im Gehirn nachgewiesen werden. Zudem wird vor Beginn der Behandlung geprüft, ob die Patientin oder der Patient das sogenannte ApoE4-Gen trägt. Menschen mit einer doppelten Kopie dieses Gens (ApoE4-Homozygote) haben ein erhöhtes Risiko für schwere Nebenwirkungen und können deshalb nicht behandelt werden.
Verabreichung und Überwachung
Kisunla wird als Infusion alle vier Wochen direkt in die Vene verabreicht. Die Behandlung dauert jeweils etwa eine Stunde. Insgesamt sollte für die Behandlung etwa ein halber Tag eingeplant werden. Vor und während der Behandlung sind MRT-Untersuchungen notwendig, um mögliche Nebenwirkungen wie Hirnschwellungen oder kleine Blutungen frühzeitig zu erkennen. Diese Kontrollen erfolgen vor der 5., 7. und 14. Infusion. Die Behandlung kann beendet werden, wenn keine Amyloid-Ablagerungen mehr im Gehirn nachweisbar sind.
Nebenwirkungen
Zu den häufigsten Nebenwirkungen gehören Kopfschmerzen sowie allergische Reaktionen während oder kurz nach der Infusion. Eine wichtige Nebenwirkung sind außerdem die sogenannten ARIA, also Veränderungen, die im MRT sichtbar werden können. Dazu zählen Hirnschwellungen (ARIA-E) und kleine Blutungen im oder auf dem Gehirn (ARIA-H). In den Studien traten ARIA bei 37 Prozent der behandelten Personen auf - meist ohne Symptome. Schließt man Menschen mit zwei Kopien des ApoE4-Gens aus, sinkt die Wahrscheinlichkeit auf Nebenwirkungen auf 33 Prozent.
Wirksamkeit
Kisunla kann Alzheimer weder heilen noch den Krankheitsverlauf stoppen. Es kann helfen, das Fortschreiten der Alzheimer-Krankheit zu verlangsamen, so dass die Selbstständigkeit länger bewahrt werden kann. Die Ergebnisse der TRAILBLAZER-ALZ-2 Studie zeigten, dass Donanemab die schädlichen Amyloid-Ablagerungen effektiv abbauen und den geistigen Abbau um 35 Prozent verlangsamen konnte.
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Unterschiede zwischen Leqembi und Kisunla
Obwohl Leqembi und Kisunla beide Antikörper-Medikamente sind, die an den Amyloid-Plaques ansetzen, gibt es einige Unterschiede:
- Verabreichung: Kisunla wird alle vier Wochen verabreicht, das Ende der Therapie ist nach spätestens 18 Monaten. Leqembi wird alle zwei Wochen gegeben und ist als Dauertherapie angelegt.
- Nebenwirkungen: Leqembi weist eine geringere Rate an symptomatischen ARIAs auf, zeigt aber in Studien geschlechtsspezifische Unterschiede (geringere Wirksamkeit bei Frauen).
- Wirkmechanismus: Leqembi bindet an lösliche Formen von Beta-Amyloid, während Kisunla spezifisch an eine Form von Beta-Amyloid bindet, die sich bereits in Form von Plaques an den Zellen angelagert hat.
Herausforderungen und Kontroversen
Begrenzte Wirksamkeit
Trotz der Zulassung neuer Medikamente bleibt die Wirksamkeit begrenzt. Viele Experten schätzen die Wirkung von Leqembi und Kisunla als moderat ein. Es ist fraglich, inwieweit die Wirkung für an Alzheimer erkrankte Menschen spürbar ist und im Alltag einen Unterschied macht.
Nebenwirkungen
Die mit der Behandlung verbundenen Nebenwirkungen, insbesondere Hirnschwellungen und Hirnblutungen, sind ein großes Anliegen. Die Notwendigkeit regelmäßiger MRT-Kontrollen stellt eine zusätzliche Belastung für die Patienten und das Gesundheitssystem dar.
Patientenauswahl
Die strengen Kriterien für die Patientenauswahl bedeuten, dass nur ein kleiner Teil der Alzheimer-Patienten für die Behandlung in Frage kommt. Dies wirft ethische Fragen auf und erfordert eine sorgfältige Abwägung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses.
Kosten
Die Kosten für die Behandlung mit Leqembi und Kisunla sind hoch. In den USA kostet Leqembi etwa 26.500 US-Dollar (ca. 23.000 Euro) jährlich pro Patient. Hinzu kommen die Kosten für die Diagnostik und die regelmäßigen MRT-Kontrollen. Es ist noch unklar, wie die Medikamentenkosten in Europa aussehen werden und wie die Behandlung von den Krankenkassen finanziert wird.
Infrastruktur
Die Behandlung mit Leqembi und Kisunla erfordert eine spezialisierte Infrastruktur, einschließlich frühzeitiger Diagnosemöglichkeiten und spezialisierter Einrichtungen mit ausreichend personeller und technischer Ausstattung. Es ist unklar, ob diese Infrastruktur in allen EU-Ländern ausreichend vorhanden ist.
Fazit
Die Zulassung von Lecanemab (Leqembi) und Donanemab (Kisunla) in der EU ist ein wichtiger Schritt in der Behandlung der Alzheimer-Krankheit. Erstmals stehen Medikamente zur Verfügung, die auf die grundlegenden Mechanismen der Erkrankung abzielen und den Krankheitsverlauf verlangsamen können. Allerdings sind die Wirksamkeit begrenzt und die Nebenwirkungen beträchtlich. Die Behandlung erfordert eine sorgfältige Patientenauswahl, regelmäßige Überwachung und eine spezialisierte Infrastruktur. Trotz dieser Herausforderungen bieten die neuen Medikamente Hoffnung für Menschen mit Alzheimer im Frühstadium und ihre Familien. Die Forschung muss jedoch weitergehen, um wirksamere und verträglichere Medikamente zu entwickeln, nicht nur für die frühen Krankheitsstadien, sondern auch für die fortgeschrittene Alzheimer-Demenz und für andere Demenzursachen.
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