Spastik: Ursachen, Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Spastik, abgeleitet vom griechischen Wort "spasmós" (Krampf), beschreibt eine krankhafte Erhöhung der Muskelspannung, auch Muskeltonus genannt. Sie ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks, des zentralen Nervensystems (ZNS). Diese Schädigung führt zu einer Überaktivität der Muskulatur, was dauerhafte Fehlstellungen von Bewegungsabschnitten und somit Bewegungseinschränkungen, sogenannte spastische Lähmungen, zur Folge hat.

Einführung: Was ist Spastik?

Die Spastik ist ein Zustand erhöhter Muskelspannung, der durch eine Schädigung des Gehirns oder Rückenmarks verursacht wird. Neben dem erhöhten Muskeltonus und dem Dehnungswiderstand können auch Muskelschwäche und verlangsamte Bewegungen auftreten. Die Beweglichkeit ist oft stark eingeschränkt, und aktive Bewegungen können schwierig sein. Es ist wichtig zu verstehen, dass Spastik selbst keine Krankheit ist, sondern ein Symptom einer zugrunde liegenden neurologischen Erkrankung oder Verletzung.

Ursachen der Spastik

Die Ursachen für Spastik sind vielfältig, haben aber eines gemeinsam: eine Schädigung des zentralen Nervensystems. Hier sind einige der häufigsten Auslöser:

  • Schlaganfall (Hirninfarkt): Die häufigste Ursache der Spastik ist eine Schädigung motorischer Hirnregionen durch einen Schlaganfall. Dabei wird ein Hirnareal durch einen Gefäßverschluss oder eine Blutung nicht mehr ausreichend mit Blut versorgt, was zu einer Sauerstoffunterversorgung führt. Ohne Sauerstoff sterben die empfindlichen Nervenzellen (Neuronen) schnell ab.
  • Schädel-Hirn-Trauma und Rückenmarksverletzungen: Unfälle können ebenfalls zur Schädigung der extrapyramidalen Bahnen führen. Unfallbedingte Veränderungen der Hirn- und Rückenmarksstrukturen können die bewegungssteuernden Nervenbahnen unterbrechen und eine Spastik auslösen.
  • Erkrankungen: Bestimmte Erkrankungen können Spastik verursachen, darunter:
    • Spastische Spinalparalyse
    • Multiple Sklerose (MS): Eine chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung, die zu einer Demyelinisierung des ZNS führt. Eine Spastik tritt bei ca. 30 % aller Patienten zu Beginn der Erkrankung und bei über 80 % im Verlauf der Multiplen Sklerose auf.
    • Amyotrophe Lateralsklerose (ALS): Eine neurodegenerative Erkrankung der oberen und unteren Motoneurone.
    • Hereditäre spastische Paraplegie (HSP): Eine neurodegenerative Erkrankung mit beidseitiger Schwäche und Spastik der unteren Extremität.
  • Frühkindliche Hirnschädigung: Ein Sauerstoffmangel unter der Geburt ist in vielen Fällen die Ursache für frühkindliche Hirnschädigungen, die spastische Lähmungen auslösen können. Bei Babys können durch Sauerstoffunterversorgung Schäden im Gehirn auftreten, aus denen eine Spastik resultieren kann. Diese Sauerstoffunterversorgung kann bereits während der Schwangerschaft, aber auch bei der Geburt oder später auftreten.
  • Entzündungen im Bereich des Zentralnervensystems: Meningitis, Myelitis oder Enzephalitis können ebenfalls Spastiken verursachen.
  • Hirntumor

Es ist wichtig zu beachten, dass die Spastik zeitnah oder mit einer Verzögerung von Wochen oder Monaten nach der eigentlichen Schädigung des Zentralnervensystems auftreten kann.

Die Rolle der Pyramidenbahn und des extrapyramidalen Systems

Bei einer Spastik ist die Funktion zweier wichtiger Nervenbahnsysteme gestört:

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  • Pyramidenbahn: Diese Bahn stellt beim Gesunden die Verbindung zwischen dem Gehirn (genauer: Motorcortex) und den muskelversorgenden Nerven her. Bei einer Spastik wird diese Bahn unterbrochen. Die oberen/ersten Motoneurone und die unteren/zweiten Motoneurone bilden zusammen einen neuronalen Bewegungskreislauf. Rückenmark zu den Skelettmuskeln. Rückenmark. Diese Läsionen zeigen sich klinisch mit Symptomen von Schwäche, Spastizität, Klonus und Hyperreflexie.
  • Extrapyramidales System: Dieses System wirkt normalerweise hemmend auf die Muskelerregung. Bei einer Spastik wird das extrapyramidale System beeinflusst, sodass seine hemmende Wirkung reduziert ist. Werden diese Bahnen nun geschädigt fehlt dem Muskel der Befehl seine Anspannung zu verringern. Dementsprechend wird die Spannung des Muskels erhöht. Nun überwiegen außerdem die Informationen bzw. Impulse, die den Muskel dazu bringen unkontrollierte Zuckungen auszuführen.

Symptome der Spastik

Die Symptome der Spastik können von Patient zu Patient unterschiedlich sein und hängen vom Ausmaß und der Lokalisation der Schädigung im zentralen Nervensystem ab. Die Intensität der Symptomatik bei vorliegender Spastik kann von Patient zu Patient unterschiedlich sein. Je nach Grad der Schädigung sind mehr oder weniger Muskeln betroffen. Das klinische Bild bewegt sich zwischen kaum bemerkbaren Bewegungseinschränkungen und vollkommener körperlicher Behinderung. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Erhöhter Muskeltonus (Hypertonus): Dies führt zu einer Steifigkeit der Muskeln, die sich bei passiven Bewegungen bemerkbar macht.
  • Dehnungswiderstand: Die Muskeln bieten einen erhöhten Widerstand gegen Dehnung.
  • Muskelschwäche (Parese): Die betroffenen Muskeln können geschwächt sein, was die Ausführung von Bewegungen erschwert.
  • Verlangsamung des Bewegungsablaufs (Bradykinese): Bewegungen werden langsamer und weniger flüssig ausgeführt.
  • Unkontrollierte Muskelzuckungen (Spasmen): Es können unwillkürliche Muskelzuckungen auftreten. Eine spastische Zuckung wird durch eine fehlerhafte Regulation der Aktivierung von Muskeln durch die Nervenzellen hervorgerufen.
  • Eingeschränkte Beweglichkeit: Die Beweglichkeit der betroffenen Gliedmaßen ist eingeschränkt. Infolge einer Spastik kommt es also zu einer eingeschränkten Beweglichkeit und teils bizarren Fehlhaltungen der Gelenke.
  • Schmerzen: Durch die erhöhte Muskelspannung und die eingeschränkte Beweglichkeit können Schmerzen entstehen. Es können Schmerzen hinzutreten, die vor allem im akuten Spasmus sowie bei passiver Dehnung der spastischen Muskeln sehr stark sein können. Durch die übermäßige unkontrollierte Aktivierung der Muskulatur kommt es häufig zu einer starken Anspannung und Krämpfen.
  • Fehlhaltungen: Die Spastik kann zu Fehlhaltungen der Gliedmaßen und des Rumpfes führen.
  • Reflexsteigerung: Die Muskeleigenreflexe sind verstärkt. Da das extrapyramidale System mit seinem hemmenden Charakter unwirksam ist, kommt es zu einer heftigeren Muskelantwort auf Reflexauslösung, als bei Gesunden.
  • Kloni: Es können rhythmische Muskelzuckungen auftreten, insbesondere bei Dehnung der Muskeln.
  • Pyramidenbahnzeichen: Es können primitive Reflexe, sogenannte Pyramidenbahnzeichen ausgelöst werden, welche normalerweise durch das extrapyramidale System unterdrückt werden. Diese primitiven oder frühkindlichen Reflexe lassen sich im Normalfall nur bei Babys bis zu einem bestimmten Alter auslösen. Beispiele sind der Greifreflex - bei berühren der Handinnenfläche schließt sich wie bei Säuglingen die Hand des Patienten - und der Babinski-Reflex als klassisches Zeichen einer Störung des Bewegungssystems.
  • Sprachstörungen (Dysarthrie) und Schluckstörungen (Dysphagie): Neben der Einschränkung der Beweglichkeit der Gliedmaßen können auch andere muskelgesteuerte Prozesse beeinflusst werden. Dazu gehören beispielsweise Sprachstörungen (Dysarthrie) und Schluckstörungen (Dysphagie). Der Patient kann sich nicht mehr verbal äußern, weil die Muskulatur zur Sprachbildung in ihrer Funktion eingeschränkt ist. Eine solche Beteiligung bedeutet für die Betroffenen einen enormen Leidensdruck.
  • Doppelbildsehen: Auch die Augenmuskulatur kann von Lähmung betroffen sein. Da die Bewegung der beiden Augen nicht mehr aufeinander abgestimmt ist, kommt es zu Doppelbildsehen.
  • Psychiatrische Symptomatik: Da es sich bei der Spastik um das Symptom einer schweren Erkrankung handelt, kann es zu Angstzuständen, Aggression und Depressionen kommen.

Einflussfaktoren auf die Spastik

Die Verkrampfung der Muskulatur ist tageszeitlichen Schwankungen unterlegen. Zusätzlich kann sie durch verschiedenste Reize der inneren und äußeren Umgebung spontan verstärkt werden. Hierzu gehören:

  • Dehnung der Muskeln selbst
  • Signale aus den Eingeweiden, zum Beispiel Blasenfüllung
  • Umgebungsbedingungen wie Wärme, Feuchtigkeit
  • Berührungen
  • Psychische Einflüsse, zum Beispiel große Freude, Angst, Ärger oder Depression

Formen der Spastik

Je nach Ausmaß der betroffenen Körperregionen werden verschiedene Formen der Spastik unterschieden:

  • Monospastik: Eine Gliedmaße ist von der Spastik betroffen.
  • Paraspastik: Beide Gliedmaßen einer Körperebene, z.B. beide Beine, sind spastisch gelähmt.
  • Hemispastik: Eine Körperhälfte unterliegt der Spastik. Insbesondere bei einer Spastik nach Schlaganfall kommt es neben der spastischen Lähmung häufig zu einer halbseitigen schlaffen Lähmung, die den Arm und das Bein einer Körperhälfte betrifft.
  • Tetraspastik: Alle Gliedmaßen sind gelähmt, wobei variabel auch die Muskeln der Brust und des Halses betroffen sein können. Bei einer Tetraspastik handelt es sich um eine Spastik, die in beiden Armen und beiden Beinen, also allen vier Extremitäten vorhanden ist.

Diagnostik der Spastik

Die Diagnostik beschränkt sich bei Verdacht auf Spastik hauptsächlich auf die körperliche Untersuchung. Die Tests beziehen sich dabei hauptsächlich auf die Beweglichkeit des Patienten und auf dessen Muskelspannung (auch Muskeltonus genannt). Den Tonus testet der Untersucher, indem er den Patienten bittet, seine Gliedmaßen vollkommen zu entspannen. Anschließend bewegt der Arzt die Gelenke passiv und achtet dabei auf den Widerstand, welcher der Bewegung entgegengesetzt wird. Während bei einem Gesunden die passive Bewegung ganz einfach von statten gehen sollte, stellt sich die gleiche Bewegung bei einem unter Spastik leidenden Patienten schwieriger dar. Ist die Spastik stark ausgeprägt, sieht auch ein Laie mit einem Blick die verkrampft gehaltenen Gliedmaßen, welche überstreckt oder an den Körper gepresst werden. Diese sogenannte Tonusvermehrung (oder Hypertonus der Muskulatur) spiegelt sich auch in verstärkten Reflexen wieder. Auch können primitive Reflexe, sogenannte Pyramidenbahnzeichen ausgelöst werden.

Neben der körperlichen Untersuchung können folgende diagnostische Maßnahmen eingesetzt werden:

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  • Neurologische Tests: Zur Beurteilung der Muskelkraft, Koordination und Reflexe.
  • Bildgebende Verfahren (CT, MRT): Um die Ursache der Schädigung im zentralen Nervensystem zu identifizieren (z. B. Schlaganfall, Tumor, Entzündung).
  • Elektromyographie (EMG): Zur Messung der elektrischen Aktivität der Muskeln.
  • Bewertungsskalen: Um den Schweregrad der Spastik zu beurteilen und den Therapieerfolg zu dokumentieren. Die Ashworth-Skala (nach Ashworth 1964) bzw. die modifizierte Ashworth-Skala (nach Bohannon und Smith 1987) ist eine gebräuchliche Methode zur Beurteilung der Spastizität von Muskeln.
  • Anamnese: Die Informationen helfen dem Arzt bei der Diagnosestellung und Planung der anschließenden Therapiemaßnahmen, um die Spastik zu lösen. Ferner kann anhand von Bewertungsskalen das Ansprechen auf die Behandlung beurteilt und nachverfolgt werden.

Therapie der Spastik

Die Therapie der Spastik zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität des Patienten zu erhöhen. Es gibt kein Erfolgsrezept bei der Behandlung einer spastischen Lähmung, jedoch ist ein Zusammenspiel verschiedener Disziplinen erstrebenswert. Wichtig ist bei der Therapie der Spastik, die Beweglichkeit der Gelenke zu erhalten. Dies kann z.B. erfolgen durch: Die Behandlung einer Spastik ist ein komplexer Prozess, der verschiedene Therapieansätze kombinieren kann. Die meisten Übungen, die die Bewegung bei bestehender spastischer Lähmung verbessern, bzw. die Spastik lösen sollen, stammen aus der Physiotherapie (Krankengymnastik). Übungen, die der Patient ausführt, beziehen sich hauptsächlich auf den Kraftaufbau - nicht nur die spastischen Muskeln werden trainiert, sondern auch die gesunden Muskelgruppen.

Folgende Therapieoptionen stehen zur Verfügung:

  • Physiotherapie: Verschiedene Techniken der Physiotherapie und anderer Bewegungskonzepte (Bobath, Wassertherapie, therapeutisches Reiten) verbessert und Schmerzen in Muskeln oder Gelenken gelindert werden.
  • Medikamentöse Therapie: Es gibt verschiedene Medikamente, die zur Reduktion der Muskelspannung eingesetzt werden können, z.B. Baclofen, Tizanidin, Dantrolen oder Benzodiazepine.
  • Botulinumtoxin-Injektionen (Botox): Botulinumtoxin kann in die betroffenen Muskeln injiziert werden, um die Muskelspannung lokal zu reduzieren.
  • Orthesen: Spezielle Schienen oder Bandagen können helfen, Fehlstellungen zu korrigieren und die Beweglichkeit zu verbessern.
  • Chirurgische Eingriffe: In schweren Fällen kann eine Operation in Betracht gezogen werden, um Sehnen zu verlängern oder Nerven zu durchtrennen.
  • Weitere Übungen: Ein wichtiges Hilfsmittel ist hierbei die Wassertherapie. Im Wasser können viele Bewegungen auch ohne viel Muskelkraft durchgeführt werden. Eine andere Übung im weitesten Sinne ist das therapeutische Reiten. Dabei reitet der an Spastik leidende Patient auf einem Pferd, welches jedoch spezielle Merkmale (nicht zu groß; nicht zu viel Temperament) aufweisen sollte. Beim Bobath-Konzept handelt es sich um ein Konzept zur Rehabilitation (Wiederherstellung der Fähigkeiten, wie vor der Erkrankung) von Patienten mit Lähmung zentraler Ursache (im Gehirn oder Rückenmark). Im Rahmen dieses des Bobath-Konzepts werden die von der Spastik betroffenen Gliedmaßen bzw. Körperhälfte besonders gefördert und in den T…

Es sollte von Anfang an klar sein, dass keine absolute Heilung zu erwarten ist.

Spastik in speziellen Situationen

Spastik kann auch in anderen Körperbereichen als den Gliedmaßen auftreten:

  • Spastik der Atemmuskulatur (Bronchospasmus): Hier kommt es zur erhöhten Muskelanspannung der Atemmuskulatur, was zu einer Verengung der Atemwege führt. Die Ursache für einen Bronchospasmus findet sich häufig auf dem Boden einer chronischen Lungenerkrankung wie Asthma bronchiale oder COPD. Auch eine akut-entzündliche Erkrankung der Atemwege, wie eine Bronchitis, kann unter Umständen einen Bronchospasmus auslösen. Die Behandlung erfolgt in der Regel mit Inhalationssprays.
  • Spastik im Darm: Hier kommt es zu einer fehlerhaften Funktion des Darms mit abwechselnd Verstopfung und Durchfall. Dies liegt an einer Störung der Peristaltik. Zur Behandlung stehen krampflösende Medikamente zur Verfügung.
  • Spastischer Husten: Hier kommt es zu einer Verkrampfung der Atemwege, insbesondere der Bronchien, durch die es zu einem immer wiederkehrenden spastischen Zusammenziehen der Lunge kommt. Dies führt bei der betroffenen Person zu starkem Husten. Meist wird der spastische Husten durch eine Infektion oder das Einatmen eines Fremdkörpers verursacht.
  • Spastische Zerebralparese: Hierbei handelt es sich um eine Form der Parese, die durch eine Schädigung im Gehirn entsteht. Die Folge ist eine Vielzahl von Störungen der Muskulatur an Armen und Beinen, die oft mit einer starken Muskelschwäche einhergeht.

Bewegungsstörungen: Ein Überblick

Als Bewegungsstörungen werden in der Neurologie Syndrome bezeichnet, die mit einer Störung in der Initiation und Durchführung von willkürlicher und unwillkürlicher Motorik einhergehen. Nach den zerebrovaskulären Erkrankungen und den epileptischen Störungen nehmen Bewegungsstörungen in der Neurologie den dritten Platz auf der Häufigkeitsskala ein. Innerhalb der Gruppe der Bewegungsstörungen ist der essenzielle Tremor am häufigsten. Hier geht man von einer Prävalenz von über 400 pro 100.000 aus. Traditionell werden die Bewegungsstörungen (Parkinson-Syndrome, Dyskinesien, Dystonien, Tics, Tremor, Chorea) zu den Basalganglienerkrankungen gezählt, womit ein gemeinsamer Nenner zumindest für die grobe neuroanatomische Lokalisation der Funktionsstörung oder pathologischen Auffälligkeit für einige der Störungen vorliegt. Als Basalganglien werden die grauen Kernkomplexe in der Tiefe der Hemisphären bezeichnet (das Striatum mit Putamen und Nucleus caudatus, der innere und äußere Globus pallidus und der Corpus amygdaloideum). Aus Gründen der funktionellen Einheit rechnet man den Nucleus subthalamicus sowie die Substantia nigra hinzu. Kinner Wilson beschrieb die Basalganglien Anfang des 19. Jahrhunderts wegen ihrer geheimnisvollen Funktion und ihrer anatomischen Lage als „die Keller des Gehirns“. Wilson verstand die Basalganglien als Korrelat des sog. extrapyramidal motorischen Systems, das als motorisches Zentrum parallel und unabhängig zum pyramidalen System arbeitet. Das Konzept eines extrapyramidalen Systems ist jedoch heute nicht mehr haltbar. Zum einen sind neben den Basalganglien und dem pyramidalen System weitere Hirnstrukturen wie Thalamus und Kleinhirn an der Ausführung von Motorik beteiligt, zum anderen sind die Basalganglien intensiv mit pyramidalen Strukturen im frontalen Kortex verschaltet, und schließlich umfasst der Oberbegriff extrapyramidale Erkrankungen auch Syndrome, bei denen bisher keine primäre Pathologie in den Basalganglien gefunden wurde (z. B. Die Diagnose von Bewegungsstörungen stützt sich weitgehend auf Anamnese und neurologische Untersuchung. Bei der Einordnung von Bewegungsstörungen ist man auf ihre klinische Phänomenologie angewiesen, weil zunächst syndromatisch vorgegangen wird. Dies setzt eine möglichst klare Nosologie und Semiologie voraus (Tab. 1). Entgegen dem üblichen Vorgehen bei der Interpretation von neurologischen Befunden geht bei den Bewegungsstörungen der Frage nach der neuroanatomischen Lokalisation einer Funktionsstörung im Nervensystem die phänomenologische Einordnung voraus. Dies liegt daran, dass für eine große Anzahl von Bewegungsstörungen der primäre Ort der Funktionsstörung nicht bekannt ist, verschiedene Lokalisationen in Betracht kommen oder die Störung nur im Rahmen eines übergeordneten neuronalen Systems verstanden werden kann. Bewegungsstörungen sind als Krankheitszeichen zu sehen, für die es eine Vielzahl von Ursachen gibt.

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