Fäkaltransplantation bei Multipler Sklerose: Ein vielversprechender Therapieansatz?

Einführung

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die durch Autoimmunreaktionen verursacht wird. Dabei greifen fehlgeleitete Immunzellen körpereigene Zellen im Gehirn und Rückenmark an, was zu Schädigungen der Nervenfasern und einer gestörten Reizweiterleitung führt. Die Symptome der MS sind vielfältig und können Muskelschwäche, Lähmungen, Krampfanfälle sowie Gefühlsstörungen und Missempfindungen umfassen. Obwohl die MS bislang unheilbar ist, gibt es vielversprechende Forschungsansätze, die auf eine mögliche Therapie abzielen. Ein besonders interessanter Ansatz ist die Fäkaltransplantation (FMT), auch bekannt als Stuhltransplantation, die das Potenzial hat, die Darmflora und somit auch den Krankheitsverlauf der MS positiv zu beeinflussen.

Multiple Sklerose und die Rolle der Darmflora

In den letzten Jahren hat die Forschung zunehmend die Bedeutung der Darmflora für die Entstehung und den Verlauf von neurologischen Erkrankungen wie der Multiplen Sklerose erkannt. Die Darmflora, auch Mikrobiota oder Mikrobiom genannt, besteht aus einer Vielzahl von Mikroorganismen, darunter Bakterien, Viren und Pilze, die den menschlichen Darm besiedeln. Diese Mikroorganismen spielen eine wichtige Rolle bei der Verdauung, der Abwehr von Krankheitserregern und der Stärkung des Immunsystems.

Studien haben gezeigt, dass die Darmflora von MS-Patienten anders zusammengesetzt ist als die von gesunden Menschen. Dies deutet darauf hin, dass die Darmflora eine Rolle bei der Entstehung oder dem Fortschreiten der MS spielen könnte. Professor Hartmut Wekerle, ein renommierter Neuroimmunologe, wies in Tierstudien nach, dass es zwischen der Darmflora eines Menschen und der Entstehung der Multiplen Sklerose eine Verbindung gibt.

Autoaggressive Immunzellen und die Darmflora

Bestimmte T-Lymphozyten, die Rezeptoren für Hirn- und andere Nervenzellen haben, gehören bekanntermaßen zu den Auslösern von MS. Jeder Mensch hat solche potenziell autoaggressiven T-Zellen, aber warum erkranken nicht alle an MS? Die Forschung deutet darauf hin, dass sowohl genetische Gründe als auch Umweltfaktoren eine Rolle spielen. Hier kommt die Darmflora ins Spiel.

In einem Experiment wurden transgene Mäuse, die deutlich mehr hirnspezifische Immunzellen besitzen, unter normalen Bedingungen gehalten und entwickelten eine MS-ähnliche Erkrankung. Wenn diese Mäuse jedoch völlig keimfrei gehalten wurden, zeigten sie keine MS-Symptome. Dies deutet darauf hin, dass die bakterielle Besiedlung der Darmflora ein Auslöser für die Krankheit sein könnte. Faktoren wie Stress, Antibiotika und Ernährung, die sich auf den Darm auswirken, könnten daher krankheitsrelevant sein.

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Die Rolle von Kochsalz und Ernährung

Erstaunlicherweise spielt Kochsalz eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang, allerdings in umgekehrter Weise, wie man vermuten könnte. Bei Mäusen zeigte sich, dass eine salzreiche Ernährung vor der Entstehung von MS schützt. Das Salz wirkt dabei nicht direkt über das Immunsystem, sondern über den Darm. Bei Salzfütterung reduziert sich die Anzahl Bakterientypen stark und einige Neusiedler kommen hinzu.

Hinweise auf die schützende Wirkung einer salzreichen Ernährungsweise finden sich auch unter den Menschen. In Japan beispielsweise sind die MS-Raten in den letzten Jahren dramatisch angestiegen, gleichwohl die absoluten Zahlen noch immer recht niedrig ausfallen. Vermutet wird, dass hier veränderte Lebensgewohnheiten eine Rolle spielen. Der Neurobiologe spricht hier von der so genannten Mac Donaldifizierung der Ernährung. Die traditionelle japanische Küche ist sehr kochsalzreich und heute in Japan viel weniger verbreitet als früher.

Translationale Forschung und der Vergleich von Zwillingspaaren

Erkenntnisfortschritte zur Verbesserung der MS-Therapie verspricht die translationale Forschung, die Befunde aus dem Labor in die Klinik bringt und umgekehrt, Erkenntnisse und Beobachtungen aus der klinischen Praxis mit der Grundlagenforschung rückkopple.

In einem Experiment wurden Stuhlproben von MS-kranken Zwillingsgeschwistern auf MS-freie, keimfrei gehaltene MS-Modell-Mäuse übertragen, die daraufhin tatsächlich erkrankten. Zuvor hatten die Wissenschaftler - allerdings ohne Erfolg - versucht, Unterschiede in der Darmflora von gesunden und MS-kranken eineiigen Zwillingen zu identifizieren. Es gibt wohl MS-Erreger, doch bislang seien diese noch unbekannt.

Fäkaltransplantation als Therapieansatz

Die Fäkaltransplantation (FMT) ist ein Verfahren, bei dem aufbereiteter Stuhl eines gesunden Spenders in den Darm eines Patienten übertragen wird. Ziel ist es, die gestörte Darmflora des Patienten wiederherzustellen und somit die Gesundheit zu verbessern. FMT hat sich bereits als wirksame Therapie bei wiederkehrenden Infektionen mit dem Bakterium Clostridium difficile erwiesen.

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Durchführung der Fäkaltransplantation

Eine Stuhltransplantation erfolgt in der Regel mittels einer Magen-Sonde, durch Endoskopie oder mittels einnehmbarer Kapseln, die aufbereitete Stuhlproben des Spenders enthalten. Die Behandlung mit Kapseln erfordert die Einnahme von mindestens 15 bis 30 großen Kapseln am ersten Behandlungstag.

Auswahl des Spenders und Spenderscreening

Das wichtigste bei einer Stuhltransplantation ist die Auswahl des Spenders. Da man noch nicht weiß, welche Erkrankungen man möglicherweise mit dem Mikrobiom übertragen kann, wird das Screening von FMT-Spendern aus Sicherheitsgründen sehr ernst genommen. Der Spender muss viele persönliche Fragen beantworten, einschließlich physische und psychische Vorerkrankungen, Medikamenten- und Drogenkonsum. Bevor es für die Spender grünes Licht gibt, wird ihr Stuhl auf Infektionskrankheiten und pathogene Darmkeime untersucht. Ein verbindliches Schema für die Voruntersuchung, auch Spenderscreening genannt, gibt es derzeit noch nicht - einige Experten schlagen vor, die Spender neben den oben genannten Erkrankungen auch auf HIV, Hepatitis B und C, Zytomegalie (CMV), Syphilis und Tuberkulose zu testen. Die Voruntersuchungen nehmen ca. 1 Woche in Anspruch.

Aus Gründen der Akzeptanz und praktischen Erwägungen wird meistens ein Spender aus dem nahen familiären und häuslichen Umfeld gewählt.

Aktuelle Studien zur Fäkaltransplantation bei MS

Derzeit wird in wissenschaftlichen Studien untersucht, ob Stuhltransplantationen auch als Therapie für chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa eingesetzt werden können. Einzelne Studien zeigten eine Wirksamkeit bei leichten bis mittelschweren Verläufen. Ebenfalls weiterer Forschung bedarf die Frage, ob Stuhltransplantationen beim Reizdarmsyndrom helfen können.

Auch im Bereich der Multiplen Sklerose gibt es erste vielversprechende Studien zur Fäkaltransplantation. So konnten Wissenschaftler zeigen, dass Darmbakterien von MS-Patienten bei Mäusen eine MS-ähnliche Enzephalitis auslösen können. Tiere, die Darmfloraproben der MS-kranken Zwillinge bekamen, erkrankten zu fast hundert Prozent an der MS-ähnlichen Hirnentzündung.

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Bedenken und offene Fragen

Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es noch viele offene Fragen und Bedenken bezüglich der Fäkaltransplantation bei MS. So ist beispielsweise noch unklar, welche Mikroorganismen genau für die Krankheitsentwicklung verantwortlich sind und wie die FMT die Darmflora und das Immunsystem beeinflusst. Zudem ist es wichtig, mögliche Risiken und Nebenwirkungen der FMT zu berücksichtigen.

Professor Hartmut Wekerle warnt vor einer unkritischen Anwendung der FMT bei MS: „Da weiß man nie genau, was drin ist“, schließt er. Es ist daher entscheidend, dass FMT bei MS nur im Rahmen von klinischen Studien und unter strenger ärztlicher Aufsicht durchgeführt wird.

Weitere Therapieansätze und Forschungsperspektiven

Neben der Fäkaltransplantation gibt es auch andere Therapieansätze, die auf eine Beeinflussung der Darmflora abzielen. Dazu gehören:

  • Probiotika: Die Einnahme von Probiotika, also lebenden Mikroorganismen, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken sollen, könnte helfen, die Darmflora zu verbessern.
  • Präbiotika: Präbiotika sind nicht verdauliche Nahrungsbestandteile, die das Wachstum und die Aktivität bestimmter Bakterien im Darm fördern.
  • Ernährungsumstellung: Eine ausgewogene Ernährung mit viel Ballaststoffen, Gemüse und Obst kann ebenfalls dazu beitragen, die Darmflora positiv zu beeinflussen.

Die Forschung im Bereich der Darmflora und MS ist noch lange nicht abgeschlossen. Es bleibt abzuwarten, welche neuen Erkenntnisse in Zukunft gewonnen werden und welche Therapieansätze sich als wirksam erweisen werden.

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