Einführung
Fasten erfreut sich zunehmender Beliebtheit, gestützt durch wachsende wissenschaftliche Erkenntnisse zu seinen positiven Auswirkungen auf die Gesundheit. Es ist mehr als nur ein vorübergehender Trend; es ist eine Praxis, die seit Jahrhunderten in verschiedenen Kulturen und medizinischen Traditionen verankert ist. Andreas Michalsen, Chefarzt der Abteilung Naturheilkunde im Immanuel Krankenhaus Berlin und Professor für klinische Naturheilkunde der Charité, ist ein weltbekannter Fastenguru. Er betont, dass Fasten ein fester Bestandteil einer optimalen Prävention und Gesundheitsvorsorge ist. Fasten und Essen gehören zusammen, genauso wie Bewegung und Ruhe. Dieses Wechselspiel ist biologisch und evolutionär für unseren Körper ganz natürlich, während Einseitigkeit eher ungünstig ist.
Was ist Fasten? Definitionen und Formen
Bei der Frage, ab wann Fasten wirklich Fasten ist, können wir die Definitionen der internationalen Wissenschaft berücksichtigen, vor allem für die bekanntesten und populärsten Formen, dem Intervallfasten und dem Heilfasten. Intervallfasten beginnt danach ab 12 Stunden und das Heilfasten ab 5 Tagen. Es gibt verschiedene Formen des Fastens, die sich in Dauer und Art der Nahrungsaufnahme unterscheiden. Zu den gängigsten Formen gehören:
- Intervallfasten: Eine Ernährungsform, bei der sich Phasen der Nahrungsaufnahme und des Fastens abwechseln.
- Heilfasten: Eine längerfristige Form des Fastens, die in der Regel unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt wird.
- Modifiziertes Fasten: Eine kalorienreduzierte Form des Fastens, bei der täglich eine bestimmte Menge an veganen, zuckerarmen Speisen (400-600 kcal) zugeführt wird.
Wie wirkt Fasten im Körper?
Viele unserer Körpersysteme (v.a. Herz, Kreislauf, Immunsystem) sind durch das viele, dauernde Essen und Sitzen übersteuert und erst durch das Fasten können sie sich regenerieren und normalisieren, sozusagen wieder zur Werkeinstellung zurückfinden. Das Fasten bewirkt im Körper also eine grundlegende Umstellung des Stoffwechsels. In der Wissenschaft nennt man dies „metabolic switch“. Der Körper mobilisiert dabei alle Möglichkeiten, die nötige Energie sofort über den Abbau von Fett für das Gehirn und die Organe und Muskeln bereitzustellen. Hierzu bedarf es aber eines fein abgestimmten und umfangreichen Steuerungsprogramms, welches von zahlreichen Hormonen und Signalbotenstoffen in die Wege geleitet wird. Für den Darm ist es relativ einfach: dieser wird zunächst entlastet, die Schleimhaut kann sich regenerieren und neu bilden und das Mikrobiom kann wieder zu ihrer ursprünglichen, optimalen Zusammensetzung zurückfinden. Somit bedeutet die Nahrungskarenz für den Darm eine günstige Möglichkeit, sich zu regenerieren. Es gibt inzwischen bereits drei größere Untersuchungen, die allesamt zeigen, dass es nach dem Heilfasten insgesamt zu einer Verbesserung der Zusammensetzung der Darmflora kommt, die bakterielle Diversität größer wird und Bakterien, von denen man heute weiß, dass sie einen günstigen Einfluss auf die Darmgesundheit haben.
Fasten als Therapie bei chronischen Erkrankungen
Die Anzahl der chronischen Leiden, ebenso chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, steigt von Jahr zu Jahr. Insgesamt sind chronische Erkrankungen zu einem bedeutenden Anteil durch einen ungünstigen Lebensstil bedingt oder zumindest mitbedingt. Der Lebensstil stimmt nur mehr zum Teil mit den biologischen Anforderungen für einen gesunden Körper überein. Die moderne Medizin ist vor allem in der Akut- und Notfallbehandlung erfolgreich. Zunehmend erkennt aber die Wissenschaft, dass chronische Erkrankungen weniger mit Genetik zu tun haben, sondern zu einem Großteil die Folge eines ungünstigen Lebensstiles sind. Das wiederum führte zu der Einsicht, dass Ernährungstherapien wieder deutlich mehr Gewicht in der Medizin bekamen. Und dies wurde weiter gestützt durch immer mehr wissenschaftliche Veröffentlichungen, die diesen Stellenwert begründen. Darüber hinaus können Umweltfaktoren wie zunehmende Belastungen durch Pestizide, Umweltsubstanzen und psychologischem Stress ein Faktor sein.
Fasten und neurologische Erkrankungen
Es wird immer deutlicher, dass man das Fasten auch bei Erkrankungen therapeutisch einsetzen kann, bei denen man noch vor wenigen Jahren eher vor dem Fasten gewarnt hätte. Das gehören beispielsweise die Chemotherapie bei Krebserkrankungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, aber auch neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson. Allerdings bedarf es bei all diesen Erkrankungen spezifischer Abänderungen und eines guten wissenschaftlichen Hintergrundwissens, um die positiven Aspekte des Fastens ideal einzusetzen.
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Parkinson-Krankheit
Eine Studie, durchgeführt in Zusammenarbeit mit der Charité, der Universität Luxemburg, der Universität Göttingen und der Paracelsus-Elena-Klinik Kassel, unterzog Parkinson-Patienten sieben Tage lang einem Heilfasten. Der Mechanismus hinter diesen positiven Effekten liegt im Winterschlafmodus einiger Körperzellen während des Fastens. Es wird vermutet, dass Parkinson im Darm beginnen könnte, daher der Einfluss des Fastens auf die Darmbakterien. Eine Studie mit Parkinson-Patienten zeigte subjektive Verbesserungen und eine gesteigerte Lebensqualität. Eine Langzeitbeobachtung ist jedoch noch notwendig, um klare Einflüsse auf den Parkinson-Verlauf festzustellen.
Multiple Sklerose (MS)
Studien an der Charité deuten darauf hin, dass Intervallfasten bei Multipler Sklerose (MS) einen gewissen Effekt zeigt. 42 MS-Erkrankte (im Mittel 48 J, 11 Jahre erkrankt, EDSS 2, BMI 28, 85% Frauen) zeigten eine Verbesserung von Wohlbefinden und Kognition während des Fastens. 22 MS-Erkrankte wurden zufällig der Fastengruppe, die übrigen der Kontrollgruppe zugeteilt. Es wurde intermitterendes Fasten an zwei Tagen pro Woche mit einer Kalorienzufuhr von 400-500kcal an diesen Tagen praktiziert. Ziel war eine Ernährung mit einer Kalorienreduktion von 25%. Nach sechs Wochen des Fastens sanken Gewicht, BMI und Körperfett signifikant und durchschnittlich verloren die Studienteilnehmer:innen über zwölf Wochen 2,2 kg Körperfett. Diese Veränderungen führten zu niedrigeren Spiegeln des proinflammatorischen Leptins nach 6 und 12 Wochen und einem Anstieg der Adiponectin-Ausschüttung in der Fastengruppe, jedoch nicht in der Kontrollgruppe. Das Fasten beeinflusste auch verschiedene T-Zellpopulationen positiv: Die regulatorischen T-Zellen erhöhten sich, die Effektor-Gedächtniszellen nahmen ab. In der Kontrollgruppe gab es keine Veränderungen. Die kognitive Leistung in einem MS-Kognitionstest verbesserte sich nach 6 und 12 Wochen im Vergleich zur Kontrollgruppe.
Demenz
Wer seinem Gehirn etwas Gutes tun will, sollte immer mal wieder fasten. Denn das kann einer Demenz entgegenwirken. Wissenschaftler haben erste Hinweise darauf gefunden, dass bestimmte Stoffe den gleichen Effekt haben. Studien an Fruchtfliegen und Mäusen haben bereits gezeigt, dass bestimmte Stoffe dem Körper eine Kalorienrestriktion vorgaukeln und eine ähnlich gute Wirkung haben wie das Fasten selbst. Sie regen die zelleigene Müllabfuhr an, das sogenannte Autophagie-System. Die Zellen verdauen dabei Proteine.
Mikrobiom und neurologische Erkrankungen
Unser Mikrobiom ist ein faszinierendes Forschungsgebiet. Es konnte inzwischen bereits nachgewiesen werden, dass viele neurologische sowie Autoimmunerkrankungen ihre Ursache in einer sogenannten „Dysbiose“ des Mikrobioms, einer ungünstig veränderten Zusammensetzung der Darmflora, haben. Trotzdem stehen wir noch ganz am Anfang bei der Frage, wie die Entstehung von vielen Erkrankungen frühzeitig verhindert werden kann. Man weiß jedoch heute, dass das Mikrobiom dabei sehr wichtig ist - d.h. es muss darauf geachtet werden. Bei der Ernährung sollte auf Ballaststoffe, Gemüse, Obst und ein richtiges Kauverhalten geachtet werden. Und hierbei kann die Unterstützung des Mikrobioms mittels der Einnahme von modernen Pro- und Präbiotika, die gezielt das Wachstum der richtigen Bakterien fördern, überaus sinnvoll sein.
Empfehlungen und Warnungen
Andreas Michalsen empfiehlt drei Formen des Fastens: das klassische Heilfasten (Buchinger-Technik oder F.X. Mayr-Methode), das modifizierte Fasten (fasting mimicking diet) und das Intervallfasten.
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Beim Fasten hält man besser und länger durch, wenn man es in einer Gruppe realisiert. Grundsätzlich gibt es meist schon am 1. Oder 2. Fastentag und manchmal auch noch zwischen dem 5. und 7. Tag sogenannte „Fastenkrisen“, also Tage, die eher mit einem schlechteren Befinden einhergehen. Typisch zu Beginn des Fastens sind Kopf- und Rückenschmerzen.
Es gibt jedoch auch Personengruppen, für die Fasten nicht geeignet ist:
- Kinder und Jugendliche
- Schwangere und stillende Frauen
- Menschen mit Essstörungen (Anorexie oder Bulimie)
- Menschen mit Beschwerden durch Gallensteine oder Gicht
- Untergewichtige Menschen
Die Bedeutung der Nach-Fastenzeit
Die zweite wichtige Erkenntnis ist die, dass die Nach-Fastenzeit von enormer Bedeutung ist. Nach dem Fasten sollte die Nahrungsaufnahme sehr langsam beginnen, um Verdauungsstörungen zu vermeiden. Verträglich ist meistens zu Beginn eine kleine Menge gekochter Naturreis. Eventuell kann dazu eine Gemüsebrühe den Geschmack aufbessern und Mineralstoffe ergänzen. Vermeiden sollte man zu Beginn Milchprodukte, zuckerhaltige Nahrungsmittel und Fleisch, insbesondere Schweinefleisch. Auch sollten individuelle Unverträglichkeiten zum Beispiel gegenüber Laktose oder Gluten berücksichtigt werden. Der Nahrungsaufbau sollte über mehrere Tage bis zu einer Woche in langsamen Schritten erfolgen. Die jetzt zugeführten Nahrungsmittel sollten hinsichtlich möglicher Unverträglichkeit beobachtet und hinterfragt werden! Eventuell können auch Probiotika wie Laktobazillen und Bifidobakterien als Zusatz hilfreich sein.
Weitere Maßnahmen zur Gesunderhaltung
Das Fasten gehört zu den 7 großen Methoden der Gesunderhaltung:
- Gesunde Ernährung
- Natur- und Walderleben
- Wasser- und Kneipptherapie
- Heilpflanzentherapie
- Bewegung und Sport
- Meditation und Yoga
- Fasten
Wichtig ist es, eine Achtsamkeit zu entwickeln, die darin besteht, dass man verstärkt auf die Signale des eigenen Körpers Acht gibt.
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Substanzen, die Fasten imitieren
Wem das Fasten zu anstrengend ist, für den gibt es gute Nachrichten: Wissenschaftler haben erste Hinweise darauf gefunden, dass bestimmte Stoffe den gleichen Effekt haben. Das erste, was untersucht wurde, war das Resveratrol, was man so aus dem Rotwein kennt. Erfolgreicher waren die Experimente mit Spermidin, einem Protein, dass besonders in Soja oder Weizenkeimen vorkommt. In einer Studie hat Agnes Flöel an 30 Probanden getestet, ob Spermidin tatsächlich einen Einfluss auf ihre Gedächtnisleistung hat. In diesen sehr feinen Gedächtnistests konnte Agnes Flöel erste Hinweise auf Verbesserungen der Gedächtnisleistung sehen.
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