Fatigue bei Multipler Sklerose und Erwerbsminderung: Ein umfassender Leitfaden

Multiple Sklerose (MS) ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems, die oft mit Fatigue einhergeht. Dieser Artikel beleuchtet, wie Fatigue bei MS zur Erwerbsminderung führen kann, welche Unterstützungsmöglichkeiten es gibt und welche rechtlichen Aspekte zu beachten sind.

Einführung in Multiple Sklerose und Fatigue

Multiple Sklerose ist eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem die Myelinscheiden angreift, die die Nervenfasern im Gehirn und Rückenmark schützen. Dies kann zu einer Vielzahl von Symptomen führen, darunter Sehstörungen, Muskelschwäche, Koordinationsstörungen und Fatigue. Fatigue wird definiert als eine pathologische Erschöpfung und Erschöpfbarkeit, die eigene Erholungsstrategien wie Urlaub, Nachtschlaf oder Ausruhen einfach nicht mehr zulässt. Sie ist ein häufiges und oft behinderndes Symptom bei MS-Patienten.

Formen der Multiplen Sklerose

Es gibt drei Hauptformen der MS:

  • Schubförmig remittierende MS (RRMS): Die häufigste Form, bei der es zu Schüben kommt, bei denen neue Symptome auftreten oder sich bestehende Symptome verschlimmern.
  • Sekundär progrediente MS (SPMS): Diese Form entwickelt sich aus RRMS und führt zu einem allmählichen Fortschreiten der Symptome, auch ohne Schübe.
  • Primär progrediente MS (PPMS): Diese Form beginnt mit einem allmählichen Fortschreiten der Symptome, ohne dass es jemals zu Schüben kommt.

Die Behandlung der MS zielt darauf ab, die Schübe zu kontrollieren und das Fortschreiten der Erkrankung zu verlangsamen.

Auswirkungen von MS auf die Arbeitsfähigkeit

Viele Menschen mit MS können trotz ihrer Erkrankung weiterhin arbeiten, jedoch kann es immer wieder zu Phasen der Arbeitsunfähigkeit kommen. Bestimmte Rahmenbedingungen wie flexible Arbeitszeiten oder Unterstützungsmöglichkeiten wie Arbeitsassistenz können dazu beitragen, die Arbeitsfähigkeit langfristig zu erhalten. Medizinische Rehabilitation kann die Krankheitsbewältigung verbessern und einer Behinderung oder Pflegebedürftigkeit entgegenwirken, während berufliche Rehabilitation die Arbeits- und Berufstätigkeit fördert.

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Arbeitsunfähigkeit und Krankengeld

MS kann wiederholte oder längere Zeiten der Arbeitsunfähigkeit nach sich ziehen. Im Falle einer Krankschreibung haben Arbeitnehmer Anspruch auf Entgeltfortzahlung durch den Arbeitgeber für die Dauer von sechs Wochen. Dauert die Arbeitsunfähigkeit länger an, wird Krankengeld von der Krankenkasse gezahlt.

Beispiel: Frau Schmidt hat am 3. März einen MS-Schub und wird krankgeschrieben. Als es ihr nach 3 Wochen allmählich besser geht, bekommt sie eine Erkältung und kann dann erst nach insgesamt 5 Wochen wieder arbeiten. Im Juli ist sie immer wieder wenige Tage krank, wegen der Beschwerden infolge einer Hitzewelle, die sie wegen der Grunderkrankung MS immer wieder hat. Zusammengerechnet ist sie im Juli mehr als eine Woche wegen MS krankgeschrieben. Hintergrund ist, dass es wegen derselben Erkrankung nur für insgesamt 6 Wochen Entgeltfortzahlung gibt. Da sich Frau Schmidt die Erkältung zuzog, während sie wegen MS krankgeschrieben war, zählt die Erkältungszeit zu den 6 Wochen dazu. Wäre sie vor der Erkältung wieder in der Arbeit gewesen, hätte die Zeit der Erkältungs-Entgeltfortzahlung nicht zu den 6 Wochen MS-Entgeltfortzahlung dazugezählt. Die Beschwerden wegen der Hitze im Juli beruhen wiederum auf der Grunderkrankung, also der MS, und zählen somit zu den 6 Wochen Entgeltfortzahlung. Frau Schmidt kann eine Entgeltfortzahlung wegen MS erst wieder nach 6 Monaten ohne Krankschreibung wegen MS bekommen, oder 1 Jahr nach dem ersten Tag ihrer Krankschreibung wegen MS, also ab dem 4.

Reha-Aufforderung durch die Krankenkasse

Krankenkassen können ihre Versicherten auffordern, einen Reha-Antrag zu stellen, wenn sie eine drohende Erwerbsminderung vermuten. Dies soll dazu dienen, die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen oder zu verbessern.

Beispiel: Frau Schwab erhält überraschend ein Schreiben ihrer Krankenkasse, in dem sie aufgefordert wird, innerhalb von 10 Wochen einen Reha-Antrag zu stellen, da sie sonst kein Krankengeld mehr erhält. Stellt sie den Antrag verspätet, bekommt sie ihr Krankengeld erst wieder ab dem Tag der Antragstellung. Wenn Frau Schwab aber einen Reha-Antrag bei ihrer Rentenversicherung stellt, kann es passieren, dass die Rentenversicherung eine Reha für aussichtslos hält und den Reha-Antrag als Antrag auf Erwerbsminderungsrente umdeutet. Die Erwerbsminderungsrente wäre bei Frau Schwab deutlich niedriger als das Krankengeld und hätte weitere Nachteile. Um ein frühzeitiges Ende des Krankengelds zu vermeiden, geht Frau Schwab zu einer Beratungsstelle und erfährt, dass die Reha-Aufforderung wahrscheinlich unrechtmäßig ist. Denn die Krankenkasse darf von ihren Versicherten nur dann einen Reha-Antrag verlangen, wenn ein ärztliches Gutachten eine vorliegende oder drohende Erwerbsminderung bescheinigt. Jetzt kann sie kostenfrei Widerspruch gegen die Reha-Aufforderung einlegen und, wenn er abgelehnt wird, ebenfalls kostenfrei beim Sozialgericht klagen. Frau Schwab dürfte das ohne anwaltliche Hilfe machen, ist aber damit überfordert, weil alles sehr kompliziert ist. Allerdings reichen ihr niedriges Krankengeld und die sehr geringen Ersparnisse nicht für die Anwaltskosten.

Fatigue als Ursache für Erwerbsminderung

Fatigue ist ein häufiges Symptom bei MS und kann die Arbeitsfähigkeit erheblich beeinträchtigen. Sie wird definiert als pathologische Erschöpfung und Erschöpfbarkeit, die eigene Erholungsstrategien, wie Urlaub, Nachtschlaf oder Ausruhen einfach nicht mehr zulässt. Viele Betroffene überlegen dann ob für sie die Beantragung einer Erwerbsminderungsrente in Frage kommt.

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Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS)

Das chronische Erschöpfungssyndrom oder chronisches Müdigkeitssyndrom (englisch: chronic fatigue syndrome, abgekürzt CFS), auch Myalgische Enzephalomyelitis (ME), ist eine chronische Erkrankung, die eine außergewöhnlich schnelle körperliche und geistige Erschöpfbarkeit aufweist und in extremen Fällen bis zu einer weitreichenden Behinderung und Pflegebedürftigkeit führen kann. Trotz ungeklärter Ursachen und Entstehungsmechanismen ist das Syndrom international als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt.

Auswirkungen von Fatigue auf die Erwerbsfähigkeit

Wenn CFS die Erwerbstätigkeit dauerhaft einschränkt, können Betroffene eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Die Krankheit an sich ist aber noch kein Grund für die Bewilligung einer Erwerbsminderungsrente bei CFS, ausschlaggebend ist Ihre Erwerbsfähigkeit pro Tag:

  1. Können Sie mit CFS noch sechs Stunden und mehr arbeiten? Dann haben Sie keinen Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente.
  2. Können Sie mit CFS noch drei Stunden aber weniger als sechs Stunden pro Tag arbeiten? Dann haben Sie Anspruch auf eine Teilerwerbsminderungsrente.(Bei Vorliegen einer teilweisen Erwerbsminderung kann sogar auch eine Rente wegen voller Erwerbsminderung als sogenannte Arbeitsmarktrente gewährt werden, wenn der Arbeitsmarkt als verschlossen gilt. Das ist der Fall, wenn der Versicherte länger als ein Jahr keinen seinem Restleistungsvermögen entsprechenden Arbeitsplatz mehr innehat oder ihm kein solcher angeboten werden kann. Aufgrund der schlechten Beschäftigungssituation ist auch eine solche Stelle die dem Restleistungsvermögen entspricht nicht auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Dann hat man Anspruch auf eine Rente wegen voller Erwerbsminderung.)
  3. Können Sie mit CFS nur noch unter drei Stunden pro Tag Ihrer Tätigkeit nachkommen? Dann haben Sie einen Anspruch auf volle Erwerbsminderungsrente

Voraussetzungen für eine Erwerbsminderungsrente

Um eine Erwerbsminderungsrente zu erhalten, müssen folgende Voraussetzungen erfüllt sein:

  • Sie müssen mindestens fünf Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben.
  • Sie müssen aufgrund von Krankheit oder Behinderung dauerhaft nicht mehr in der Lage sein, mindestens sechs Stunden täglich erwerbstätig zu sein.
  • Ihre Arbeitsfähigkeit muss auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt eingeschränkt sein.

Das Rentenantragsverfahren

Die Gewährung einer Erwerbsminderungsrente setzt voraus, dass Sie einen Rentenantrag bei der Deutschen Rentenversicherung stellen und neben den medizinischen Voraussetzungen die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen erfüllen. Falls Sie hierzu Fragen haben sollten, melden Sie sich gern!

Reha vor Rente: Im Rentenversicherungsrecht gilt der Grundsatz Reha vor Rente. Daher müssen CFS Betroffene zunächst meist auch an einer Rehabilitationsmaßnahme teilnehmen. Nach der durchgeführten Reha-Maßnahme kann dann feststehen, dass der Betroffene nicht mehr arbeiten kann - mindestens für eine bestimmte Zeit oder in schweren Fällen auch auf Dauer. Oft reicht auch eine einzige Reha-Maßnahme nicht aus. Wie geht es dann aber weiter, wenn Sie trotz der Reha-Maßnahme immer noch dauerhaft erschöpft sind?

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Rente auf Zeit: Zumeist bewilligt die Rentenversicherung die Erwerbsminderungsrente zunächst befristet für drei Jahre. Danach müssen Sie frühzeitig einen neuen Antrag stellen, wenn sich an Ihrer gesundheitlichen Situation nichts verändert hat. Nach neun Jahren gewährt die Deutsche Rentenversicherung eine unbefristete Rente. Aber es besteht auch die Möglichkeit, dass Ihnen von Anfang an eine unbefristete Rente bewilligt wird. Dies ist dann der Fall, wenn abzusehen ist, dass die Erwerbsminderung auch in Zukunft bestehen bleibt.

Erwerbsminderungsrente abgelehnt? Widerspruch einlegen!: Kommt die Deutsche Rentenversicherung dem Antrag des CFS-Erkrankten jedoch nicht nach bzw. lehnt diesen zu Unrecht ab, besteht die Möglichkeit gegen den Ablehnungsbescheid innerhalb eines Monats nach Zugang entsprechend Widerspruch einlegen zu können.

Der Schwerbehindertenausweis bei MS

Menschen mit MS können einen Grad der Behinderung (GdB) beantragen. Die Höhe des GdB richtet sich nach den zerebralen und spinalen Ausfallserscheinungen und nach dem Krankheitsverlauf.

Voraussetzungen für einen Schwerbehindertenausweis

Durch Multiple Sklerose können die Betroffenen erhebliche Beeinträchtigungen an der „Teilhabe am sozialen Leben haben“. Die Einschränkungen können sehr unterschiedlich sein. Sie hängen von der Art und dem Schweregrad der Erkrankung ab. Zu den häufigsten Einschränkungen gehören:

  • Bewegungseinschränkungen
  • Sprech- und Sprachstörungen
  • Seh- und Hörstörungen
  • Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen

Beantragung eines Schwerbehindertenausweises

Die Antragstellung ist relativ einfach. Sie selbst müssen in der Regel keine Unterlagen bereitstellen. Das Versorgungsamt schreibt die im Antrag angegebenen Ärzte und Einrichtungen (z.B.

Gültigkeitsdauer und Verlängerung

Die Gültigkeitsdauer des Schwerbehindertenausweises beträgt in der Regel fünf Jahre. Anschließend muss der Antrag auf Verlängerung gestellt werden. Bei einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes kann der Schwerbehindertenausweis vorzeitig verlängert werden. Dazu ist ein erneuter Antrag beim Versorgungsamt erforderlich.

Aberkennung des GdB

Ja, der Grad der Behinderung (GdB) bei Multipler Sklerose (MS) kann aberkannt werden. Dies ist jedoch nur möglich, wenn die gesundheitlichen Einschränkungen, die zur Feststellung des GdB geführt haben, nicht mehr vorliegen.

Unbefristeter Schwerbehindertenausweis

In der Regel wird ein Schwerbehindertenausweis bei MS zunächst befristet für eine Dauer von längstens fünf Jahren ausgestellt. Dies ist gesetzlich so geregelt, um sicherzustellen, dass der Schwerbehindertenstatus regelmäßig überprüft wird.

Wenn die MS nach Ablauf der fünfjährigen Befristung weiterhin aktiv ist und die betroffene Person nach wie vor erhebliche Einschränkungen der Teilhabe am Leben in der Gesellschaft aufweist, kann der Schwerbehindertenausweis unbefristet ausgestellt werden.

Auswirkungen der Schwerbehinderung auf die Rente

Wenn im Rahmen des Multiple Sklerose ein GdB ab 50 festgestellt, gilt man als schwerbehindert. Dann kann der Betroffene ohne Abzüge zwei Jahre früher in Rente gehen.

Neues Rentenpaket für Schwerbehinderte

Schwerbehinderte Menschen, können weiterhin 2 Jahre vor der regulären Altersgrenze abschlagsfrei in Rente gehen. Dies gilt für Menschen mit einem Grad der Behinderung (GdB) von mindestens 50 und einer Wartezeit von mindestens 35 Jahren. Schwerbehinderte Menschen, die vorzeitig in Rente gehen, müssen künftig nur noch geringfügige Rentenabschläge in Kauf nehmen.

Rechtsprechung zum Chronic Fatigue Syndrom

Das Landessozialgericht Baden-Württemberg hat in einem Urteil vom 08. November (Az.: L 8 R 3110/22) die Rechte von Menschen mit Chronic Fatigue Syndrom (CFS) gestärkt. In dem Fall ging es um den Anspruch eines jungen Mannes auf eine Rente wegen voller Erwerbsminderung. Zentraler Punkt des Urteils ist die Anerkennung des Chronic Fatigue Syndroms als eine Erkrankung, die eine Erwerbsminderung begründen kann.

Bedeutung des Urteils

  • Anerkennung von CFS als relevante Erkrankung: Das Urteil unterstreicht, dass CFS eine ernstzunehmende Erkrankung ist, die zu erheblichen Einschränkungen der Leistungsfähigkeit führen und eine Erwerbsminderung begründen kann.
  • Kritische Würdigung von Gutachten: Das Gericht hat deutlich gemacht, dass bei der Beurteilung von CFS-Fällen eine kritische Auseinandersetzung mit den eingeholten Gutachten erforderlich ist.
  • Berücksichtigung subjektiver Beschwerden: Das Urteil betont die Bedeutung der subjektiven Beschwerden der Betroffenen bei der Beurteilung der Erwerbsminderung.

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