Migräne ist eine neurologische Erkrankung, die durch wiederkehrende, oft sehr starke Kopfschmerzen gekennzeichnet ist. Obwohl Migräne nicht heilbar ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Häufigkeit und Intensität der Anfälle zu reduzieren. Eine dieser Möglichkeiten ist die medikamentöse Prophylaxe mit Flunarizin. Dieser Artikel beleuchtet die Erfahrungen mit Flunarizin bei Migräne, seine Wirkungsweise, Nebenwirkungen und Alternativen.
Was ist Flunarizin?
Flunarizin ist ein Calciumkanalblocker, der zur Prophylaxe von Migräne und zur symptomatischen Behandlung von vestibulärem Schwindel eingesetzt wird. Es hemmt den transmembranösen Einstrom von Calciumionen, insbesondere in die glatte Gefäßmuskulatur. Dadurch kann es Vasokonstriktionen reduzieren, was für die Migräneprophylaxe von Bedeutung ist. Die genaue biochemische Wirkweise ist nicht abschließend geklärt.
Anwendung von Flunarizin
Flunarizin wird in Form von Hartkapseln oral eingenommen. Es wird zur Behandlung folgender neurologischer Erkrankungen eingesetzt:
- Zur symptomatischen Behandlung von fachärztlich abgeklärtem vestibulärem Schwindel infolge von anhaltenden Funktionsstörungen des Gleichgewichtsapparates (Vestibularapparates). Dies ist beispielsweise bei der Menière-Krankheit der Fall.
- Zur Prophylaxe bei diagnostisch abgeklärter, einfacher und klassischer Migräne bei Patienten mit häufigen und schweren Migräneanfällen, wenn die Behandlung mit Betablockern kontraindiziert ist oder keine ausreichende Wirkung gezeigt hat.
Erfahrungen mit Flunarizin bei Migräne
Wirksamkeit
Die gesammelten Studien der letzten Jahre zur Behandlung episodischer Migräne zeigen gemeinsam ein kohärentes Bild: Die Prophylaxebehandlung mit 10 mg Flunarizin pro Tag wirkt und wird gut vertragen. Flunarizin ist eines von mehreren möglichen Prophylaxemedikamenten, die Migräneattacken vorbeugen können.
Eine Meta-Analyse von 25 randomisiert-kontrollierten Studien ergab, dass Flunarizin die Kopfschmerzhäufigkeit um durchschnittlich 0,4 Anfälle in 4 Wochen im Vergleich zu Placebo senkte. In einer weiteren Analyse von 7 Studien wurde festgestellt, dass Flunarizin vergleichbar wirksam wie Propranolol zur Vorbeugung von Migräne ist. Die Wirksamkeit konnte auch bei Kindern gezeigt werden.
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Es ist wichtig zu beachten, dass Flunarizin die Migräne nicht heilen kann, sondern lediglich die Anzahl und Intensität der Anfälle vermindert.
Dosierung
Die Dosierung von Flunarizin richtet sich nach dem Behandlungsziel und der individuellen Verträglichkeit.
- Zur Migräneprophylaxe und bei vestibulärem Schwindel beträgt die empfohlene Anfangsdosis 10 mg (bzw. 5 mg bei über 65-Jährigen) einmal täglich am Abend.
- Für die Erhaltungstherapie kann die Dosis auf 5 mg täglich oder auf eine intermittierende Einnahme (5 Tage Einnahme, 2 Tage Pause) reduziert werden.
Die maximale Behandlungsdauer sollte sechs Monate nicht überschreiten.
Bei Kindern und Jugendlichen wird Flunarizin nicht empfohlen, da keine ausreichenden Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit vorliegen.
Nebenwirkungen
Bei der Anwendung von Flunarizin kann es zu verschiedenen Nebenwirkungen kommen.
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Sehr häufig (≥1/10):
- Gewichtszunahme
Häufig (≥1/100 bis <1/10):
- Müdigkeit
- Somnolenz
- Depression
- Appetitsteigerung
- Obstipation
- Übelkeit
- Myalgie
- Unregelmäßige Menstruation
Gelegentlich (≥1/1.000 bis <1/100):
- Parästhesien
- Tremor
- Angst
- Apathie
- Hyperhidrosis
- Muskelzucken
- Palpitationen
Selten oder nicht bekannt:
- Extrapyramidale Symptome (z. B. Parkinsonismus, Dyskinesien)
- Galaktorrhoe
- Libidoverlust
- Zentrale seröse Chorioretinopathie (CSC)
Besonders ältere Patienten sind anfällig für Symptome von Parkinsonismus. Während der Langzeitbehandlung mit Flunarizin litten Frauen, die bereits vor der Behandlung depressiv waren, gehäuft unter depressiven Verstimmungen.
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Zu Beginn der Behandlung kann Flunarizin zu Schläfrigkeit und verminderter Reaktionsfähigkeit führen. Bei ständig zunehmender Müdigkeit während der Behandlung muss die Therapie abgebrochen werden. Beim Auftreten von depressiven Verstimmungen, unwillkürlichen Bewegungsabläufen oder anderen schwerwiegenden Nebenwirkungen ist die Behandlung ebenfalls zu beenden.
Wechselwirkungen
Bei der gleichzeitigen Anwendung von Flunarizin mit folgenden Wirkstoffen können Wechselwirkungen auftreten:
- Sedativa und Alkohol können die sedierende Wirkung von Flunarizin verstärken.
- Topiramat erhöht die Flunarizin-Exposition um bis zu 16 %.
- Antiepileptika wie Carbamazepin, Valproat und Phenytoin können die Flunarizin-Plasmaspiegel senken.
- Bei gleichzeitiger Einnahme von Schlafmitteln oder anderen Beruhigungsmitteln (Tranquilizer) kann die müde machende Wirkung von Flunarizin verstärkt werden.
Kontraindikationen
Flunarizin darf nicht angewendet werden bei Patienten mit bestimmten Vorerkrankungen:
- Morbus Parkinson und anderen extrapyramidalen Störungen, da Flunarizin diese Symptome verstärken kann.
- Depressionen oder einer Vorgeschichte rezidivierender depressiver Episoden, da die Substanz depressive Verstimmungen begünstigen kann.
- Überempfindlichkeit gegenüber Flunarizin oder einem der sonstigen Bestandteile des Arzneimittels.
- Schwerer Leberinsuffizienz, da der Wirkstoff primär hepatisch metabolisiert wird.
- Schwangerschaft und Stillzeit, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen.
- Kürzlich erlittenem Schlaganfall
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
Folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen sind bei der Anwendung von Flunarizin zu beachten:
- Extrapyramidale und depressive Symptome: Flunarizin kann Bewegungsstörungen und depressive Verstimmungen verursachen. Besonders ältere Patienten sind anfällig für Symptome von Parkinsonismus, weshalb die Anwendung in dieser Patientengruppe mit besonderer Vorsicht erfolgen sollte.
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen: Patienten sollten in regelmäßigen Abständen untersucht werden, um frühzeitig Anzeichen für extrapyramidale Störungen oder depressive Symptome zu erkennen und die Behandlung gegebenenfalls abzubrechen.
- Dosisbegrenzung: Die empfohlene Tagesdosis sollte nicht überschritten werden, da höhere Dosierungen das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen können.
- Zunehmende Müdigkeit: In seltenen Fällen kann es zu einer anhaltenden Zunahme von Müdigkeit kommen. Wenn dieser Effekt auftritt, sollte die Behandlung mit Flunarizin beendet werden.
- Unverträglichkeit von Inhaltsstoffen: Patienten mit einer seltenen erblichen Galactose-Intoleranz, völligem Lactasemangel oder einer Glucose-Galactose-Malabsorption dürfen Flunarizin nicht einnehmen.
- Alkohol verstärkt die Reaktionsbeeinträchtigung.
- Bei schwerer Leberfunktionsstörung muss mit einem verminderten Abbau gerechnet werden. In diesem Fall muss die Dosis reduziert werden. Sollten während der Behandlung Depressionen, ungewollte Bewegungen oder andere schwerwiegende Nebenwirkungen auftreten, wird die Therapie beendet.
- Lässt der Behandlungserfolg während der Therapie nach, wird der Arzt die Behandlung beenden.
- Das Medikament beeinträchtigt die Reaktionsfähigkeit und macht daher Autofahren und das Bedienen von Maschinen gefährlich.
Alternativen zu Flunarizin
Es gibt verschiedene Alternativen zu Flunarizin, abhängig vom Behandlungsziel:
Migräneprophylaxe:
- Betablocker: Betablocker wie Metoprolol und Propranolol stehen als Mittel der ersten Wahl in der Migräneprophylaxe unangefochten an der Spitze der Alternativen, da hier die Datenlage hinsichtlich Zahl und Qualität der Stadien sowie der Patientenzahlen am besten ist.
- Antikonvulsiva: Topiramat und Valproinsäure sind weitere Optionen.
- Trizyklische Antidepressiva: Amitriptylin kann ebenfalls zur Migräneprophylaxe eingesetzt werden.
- NMDA-Antagonisten: Bei Nebenwirkungen oder Unwirksamkeit von Betablockern oder aber bei jungen Frauen mit Hypotonie und Orthostase-Problemen kann Cyclandelat (Natil®) eingesetzt werden.
- Andere Medikamente: Serotonin-Antagonisten, Magnesium und Naproxen werden als Second-Line-Medikamente eingestuft.
Vestibulärer Schwindel:
- Antihistaminika: Dimenhydrinat und Meclozin können zur Linderung von Schwindel eingesetzt werden.
- Betahistin: Betahistin verbessert die Innenohrdurchblutung.
- Zentral wirkende Vestibulosuppressiva: Diazepam kann infrage kommen.
Nicht-medikamentöse Verfahren:
Anstelle einer medikamentösen Kombinationstherapie ist nach Auffassung aller Experten unbedingt eine Kombination mit nichtmedikamentösen Verfahren zu favorisieren. Im Gegensatz zum Spannungskopfschmerz haben sich Stressbewältigungsverfahren bei Migräne als nicht besonders effektiv erwiesen; Biofeedback schneidet deutlich besser ab.
Kombinationstherapie:
Forscher untersuchten, ob eine Kombinationstherapie mit verschiedenen Prophylaxemethoden besser wirkt. Dazu ermittelten sie Wirksamkeit und Sicherheit der Behandlung mit Flunarizin (einem Calciumkanalblocker) plus einer speziellen Nervenstimulation. Dabei setzten sie die transkutane supraorbitale Neurostimulation (tSNS) ein, die von außen durch die Haut (transkutan) oberhalb der Augen (supraorbital) elektrisch Nerven anregt. Dabei wird besonders der Trigeminusnerv stimuliert. Die Nervenstimulation tSNS ergänzend zu einer Flunarizin-Prophylaxe einzusetzen, kann demnach messbar die Wirksamkeit der gesamten Prophylaxe verbessern. Dieser Vorteil kommt ohne weitere unerwünschte Effekte - die Verträglichkeit ist demnach genauso gut, wie die der Behandlung mit Flunarizin allein. Bei Betroffenen, deren Prophylaxe nicht ausreichend greift, könnte demnach eine Ergänzung mit Nervenstimulation eine gute Chance sein.
Wichtige Hinweise für Patienten
- Individuelle Therapie: Die Wahl der geeigneten Migräneprophylaxe sollte immer in Absprache mit einem Arzt erfolgen.
- Fehlersuche: Wenn sich der prophylaktische Effekt nicht einstellt, empfiehlt es sich, zuerst eine Fehlersuche durchzuführen: Liegt wirklich eine Migräne und kein Spannungskopfschmerz vor? Wurde eine zu hohe/niedrige Initialdosis gewählt, zu kurz oder zu lange behandelt? Ist der Patient über die Nebenwirkungen aufgeklärt?
- Lebensstil: Die beste Migräneprophylaxe liegt in einem gesunden aktiven Lebensstil mit regelmäßigem Sport und Stressreduktion und dem geeigneten Umgang mit den individuellen Triggerfaktoren.
- Kopfschmerz durch Medikamentenübergebrauch: Bei der Beratung von Patienten mit häufigen Anfällen sollte das Apothekenteam stets auch über die Gefahr eines Kopfschmerzes durch Medikamentenübergebrauch aufklären und den Schmerzmittelverbrauch im Blick behalten.
- Beipackzettel beachten: Nehmen Sie dieses Arzneimittel immer genau nach Absprache mit Ihrem Arzt oder Apotheker ein. Sollten Sie die Behandlung unterbrechen wollen, besprechen Sie dies vorher mit Ihrem Arzt. Beenden Sie nicht eigenmächtig ohne ärztliche Beratung die medikamentöse Behandlung.
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