Einleitung
Flunarizin ist ein Arzneistoff aus der Gruppe der Calciumkanalblocker, der in der Neurologie zur Vorbeugung von Migräneanfällen und zur Behandlung von vestibulärem Schwindel eingesetzt wird. Dieser Artikel beleuchtet den Wirkmechanismus von Flunarizin, seine Anwendungsgebiete, Dosierung, Nebenwirkungen und Wechselwirkungen, um ein umfassendes Verständnis für Patienten und medizinisches Fachpersonal zu schaffen.
Anwendungsgebiete von Flunarizin
Flunarizin wird hauptsächlich in folgenden Bereichen eingesetzt:
- Symptomatische Behandlung von vestibulärem Schwindel: Bei Schwindel, der durch anhaltende Funktionsstörungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr verursacht wird (z.B. bei der Menière-Krankheit).
- Migräneprophylaxe: Zur Vorbeugung von Migräne bei Patienten mit häufigen und schweren Anfällen, insbesondere wenn Betablocker kontraindiziert sind oder keine ausreichende Wirkung zeigen.
Es ist wichtig zu betonen, dass Flunarizin bei Migräne lediglich die Häufigkeit und Intensität der Anfälle reduziert, jedoch keine Heilung der Migräne bewirkt.
Wirkmechanismus von Flunarizin
Flunarizin gehört zu den Calciumkanalblockern vom Nifedipin-Typ. Der genaue Wirkmechanismus auf biochemischer Ebene ist noch nicht vollständig geklärt. Tierexperimentelle Studien deuten darauf hin, dass Flunarizin den Kalziumeinstrom in die Muskelzellen der Gefäßwände hemmt. Da Kalzium für die Muskelkontraktion wichtig ist, führt eine verringerte Kalziumkonzentration zur Entspannung der Muskeln und somit zu einer Erweiterung der Gefäße. Dadurch kann das Blut besser fließen, und das Verhältnis von Sauerstoffangebot und Sauerstoffverbrauch wird optimiert.
Weitere tierexperimentelle Befunde deuten auf krampflösende, herzschlagregulierende und antiallergische Effekte hin, die möglicherweise zur Linderung von Migräne beitragen. Es wird auch vermutet, dass Flunarizin die Wirkung des Entzündungsvermittlers Histamin blockieren kann, was zu antihistaminikaähnlichen, gefäßabdichtenden, juckreizstillenden und lokal betäubenden Effekten führen könnte. Die klinische Relevanz dieser Effekte beim Menschen ist jedoch noch nicht bekannt.
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Die genaue Wirkungsweise von Flunarizin bei der Verringerung von Schwindel ist ebenfalls noch unklar.
Pharmakokinetik von Flunarizin
Die pharmakokinetischen Eigenschaften von Flunarizin sind wichtig für das Verständnis seiner Wirkung und Dosierung:
- Maximale Plasmakonzentration: Wird 2-4 Stunden nach der Einnahme erreicht.
- Verteilungsvolumen: Beträgt etwa 43 l/kg, was auf eine ausgeprägte Verteilung im Gewebe hindeutet.
- Plasmaeiweißbindung: Liegt bei über 90 %, was die Bioverfügbarkeit beeinflusst.
- Metabolismus: Erfolgt hauptsächlich in der Leber durch oxidative N-Dealkylierung.
- Ausscheidung: Erfolgt überwiegend biliär.
- Plasmahalbwertszeit: Beträgt etwa 18 Tage, was zu einer langen Verweildauer im Körper führt.
Dosierung und Anwendung
Die Dosierung von Flunarizin ist abhängig vom Behandlungsziel und der individuellen Verträglichkeit. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt:
- Migräneprophylaxe und vestibulärer Schwindel: 10 mg (bzw. 5 mg bei über 65-Jährigen) einmal täglich am Abend.
Für die Erhaltungstherapie kann die Dosis reduziert werden:
- Erhaltungsdosis: 5 mg täglich oder intermittierend (5 Tage Einnahme, 2 Tage Pause).
Die maximale Behandlungsdauer sollte sechs Monate nicht überschreiten. Bei Kindern und Jugendlichen wird Flunarizin aufgrund fehlender Daten zur Sicherheit und Wirksamkeit nicht empfohlen.
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Gegenanzeigen
Flunarizin darf in folgenden Fällen nicht angewendet werden:
- Überempfindlichkeit gegen den Wirkstoff oder einen der sonstigen Bestandteile.
- Bestehende Symptome von Morbus Parkinson oder anderen extrapyramidalen Erkrankungen.
- Bestehende depressive Syndrome oder eine Vorgeschichte rezidivierender depressiver Episoden.
- Schwere Leberinsuffizienz.
- Schwangerschaft und Stillzeit.
- Kürzlich erlittener Schlaganfall.
Nebenwirkungen
Bei der Anwendung von Flunarizin können verschiedene Nebenwirkungen auftreten, wobei die Häufigkeit und Ausprägung individuell variieren können:
Sehr häufig (≥1/10):
- Gewichtszunahme mit oder ohne erhöhten Appetit.
- Benommenheit und/oder Müdigkeit, insbesondere zu Beginn der Behandlung.
Häufig (≥1/100 bis <1/10):
- Müdigkeit, Somnolenz.
- Depression.
- Appetitsteigerung.
- Obstipation (Verstopfung).
- Übelkeit.
- Myalgie (Muskelschmerzen).
- Unregelmäßige Menstruation.
Gelegentlich (≥1/1.000 bis <1/100):
- Parästhesien (Missempfindungen).
- Tremor (Zittern).
- Angst.
- Apathie (Teilnahmslosigkeit).
- Hyperhidrosis (verstärktes Schwitzen).
- Muskelzucken.
- Palpitationen (Herzklopfen).
Selten oder nicht bekannt:
- Extrapyramidale Symptome (z. B. Parkinsonismus, Dyskinesien).
- Galaktorrhoe (Absonderung von Milch aus der Brust).
- Libidoverlust.
- Zentrale seröse Chorioretinopathie (CSC).
- Schlaflosigkeit.
- Kopfschmerzen.
- Allgemeine Schwäche.
- Magen-Darm-Beschwerden wie Sodbrennen, Magenschmerzen.
- Mundtrockenheit.
- Hautrötung.
- Absonderung milchiger Flüssigkeit aus der Brust (insbesondere bei Frauen, die gleichzeitig die "Pille" als Verhütungsmittel einnehmen).
Besonders bei älteren Patienten können extrapyramidale Symptome wie verlangsamter Bewegungsablauf, Muskelversteifung, Zittern und Bewegungsarmut auftreten. Auch ein Unvermögen, ruhig zu sitzen (Akathisie), kann vorkommen.
Bei ständig zunehmender Müdigkeit während der Behandlung muss die Therapie abgebrochen werden. Beim Auftreten von depressiven Verstimmungen, unwillkürlichen Bewegungsabläufen oder anderen schwerwiegenden Nebenwirkungen ist die Behandlung ebenfalls zu beenden.
Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten
Bei der gleichzeitigen Anwendung von Flunarizin mit anderen Medikamenten können Wechselwirkungen auftreten:
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- Sedativa und Alkohol: Können die sedierende Wirkung von Flunarizin verstärken.
- Topiramat: Kann die Flunarizin-Exposition erhöhen.
- Antiepileptika (Carbamazepin, Valproat, Phenytoin): Können die Flunarizin-Plasmaspiegel senken.
- Schlafmittel oder Beruhigungsmittel (Tranquilizer): Können die müde machende Wirkung von Flunarizin verstärken.
- Alkohol: Kann die Schläfrigkeit erhöhen.
Es ist wichtig, den behandelnden Arzt über alle eingenommenen Medikamente zu informieren, um mögliche Wechselwirkungen zu berücksichtigen.
Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen
Bei der Anwendung von Flunarizin sind folgende Warnhinweise und Vorsichtsmaßnahmen zu beachten:
- Extrapyramidale und depressive Symptome: Flunarizin kann Bewegungsstörungen und depressive Verstimmungen verursachen. Patienten, insbesondere ältere, sollten regelmäßig auf Anzeichen dieser Symptome untersucht werden.
- Regelmäßige ärztliche Kontrollen: Um frühzeitig Anzeichen für extrapyramidale Störungen oder depressive Symptome zu erkennen und die Behandlung gegebenenfalls abzubrechen.
- Dosisbegrenzung: Die empfohlene Tagesdosis sollte nicht überschritten werden, da höhere Dosierungen das Risiko für Nebenwirkungen erhöhen können.
- Zunehmende Müdigkeit: Bei anhaltender Zunahme von Müdigkeit sollte die Behandlung mit Flunarizin beendet werden.
- Leberfunktionsstörung: Bei schwerer Leberfunktionsstörung muss die Dosis reduziert werden.
- Verkehrstüchtigkeit: Zu Beginn der Behandlung kann Flunarizin die Reaktionsfähigkeit beeinträchtigen. Patienten sollten daher vorsichtig beim Autofahren und Bedienen von Maschinen sein und Alkoholkonsum während der Behandlung meiden.
- Alkohol: Alkohol verstärkt die Reaktionsbeeinträchtigung.
Flunarizin in Schwangerschaft und Stillzeit
Flunarizin sollte während der Schwangerschaft und Stillzeit nicht angewendet werden, da keine ausreichenden Sicherheitsdaten vorliegen. Studien an Tieren zeigten keine Hinweise auf schädliche Auswirkungen, dennoch wird aus Vorsichtsgründen von einer Anwendung abgeraten. Es ist nicht bekannt, ob Flunarizin in die Muttermilch übergeht. Tierstudien deuten jedoch darauf hin, dass ein Übergang möglich ist. Daher sollte die Entscheidung, ob das Stillen unterbrochen oder die Behandlung mit Flunarizin fortgesetzt wird, individuell getroffen werden.
Alternativen zu Flunarizin
Abhängig vom Behandlungsziel gibt es verschiedene Alternativen zu Flunarizin:
- Migräneprophylaxe: Betablocker (z. B. Metoprolol, Propranolol), Antikonvulsiva (z. B. Topiramat, Valproinsäure), trizyklische Antidepressiva (z. B. Amitriptylin), monoklonale Antikörper gegen CGRP (z.B. Erenumab, Fremanezumab, Galcanezumab) und OnabotulinumtoxinA (Botox).
- Vestibulärer Schwindel: Antihistaminika (z. B. Dimenhydrinat, Meclozin), Betahistin zur Verbesserung der Innenohrdurchblutung sowie zentral wirkende Vestibulosuppressiva wie Diazepam.
Die Wahl der geeigneten Alternative sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt erfolgen.
Aktuelle Leitlinien zur Migräneprophylaxe
Die "S1-Leitlinie Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne" aus dem Jahr 2022 (gültig bis Ende 2026) wird von der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) herausgegeben. Diese Leitlinie betont die Bedeutung einer individuellen Therapie, die sowohl medikamentöse als auch nicht-medikamentöse Ansätze berücksichtigt.
Medikamentöse Prophylaxe:
- Betablocker (Propranolol, Metoprolol): Haben eine hohe Evidenz für ihre Wirksamkeit.
- Flunarizin: Reduziert die Kopfschmerzhäufigkeit, kann aber häufiger zu Nebenwirkungen wie Depression oder Gewichtszunahme führen.
- Amitriptylin: Wirksam, aber mit häufigen Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Mundtrockenheit, Schwindel und Gewichtszunahme.
- Topiramat: Wirksam, sollte aber nur nach sorgfältiger Abwägung möglicher alternativer Behandlungsmethoden eingesetzt werden, insbesondere bei Frauen im gebärfähigen Alter.
- OnabotulinumtoxinA (Botox): Für die Therapie der chronischen Migräne zugelassen.
- CGRP-Antikörper (Eptinezumab, Fremanezumab, Galcanezumab, Erenumab): In der prophylaktischen Therapie der episodischen und chronischen Migräne einer Behandlung mit Placebo überlegen.
Nicht-medikamentöse Prophylaxe:
- Kognitiv-verhaltenstherapeutische Verfahren (KVT): Um kognitive Muster umzulernen, den Umgang mit Stress zu verbessern und den Lebensstil anzupassen.
- Edukation: Beratung und Aufklärung über die Diagnose, Pathomechanismen und Therapieoptionen.
- Entspannungsverfahren: Autogenes Training, Achtsamkeit, progressive Muskelrelaxation oder Hypnose.
- Regelmäßiger Ausdauersport: Kann positive Effekte haben und das allgemeine Lebens- und Körpergefühl verbessern.
- Nahrungsergänzungsmittel: Magnesium, Coenzym Q10 und Riboflavin können positive Effekte auf Migräne zeigen.
- Ernährung: Ketogene- und niedrig-glykämische Ernährungsweisen werden als diätetische Ansätze diskutiert.
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