Die Frage, ob Fernsehen Demenz fördert, ist ein Thema von wachsendem Interesse, insbesondere angesichts der alternden Bevölkerung und der zunehmenden Verbreitung von Demenzerkrankungen. Laut der WHO waren im Jahr 2023 weltweit etwa 55 Millionen Menschen von Demenz betroffen. Schätzungen zufolge könnten in Deutschland bis 2050 etwa drei Millionen Menschen an Demenz erkranken, wobei aktuellen Berechnungen zufolge sogar jede dritte Person im Laufe ihres Lebens betroffen sein könnte. Ein besseres Verständnis der Ursachen und Risikofaktoren von Demenz ist daher entscheidend, um präventive Maßnahmen zu ergreifen und den Krankheitsverlauf zu verlangsamen.
Um diese Frage zu beantworten, haben wir Prof. Dr. Thorsten Bartsch, leitenden Oberarzt der Neurologie und Gedächtnis- und Demenzambulanz am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, befragt. Er wird auch als Experte auf dem Therapeutenkongress CON.THERA (22. bis 24. Mai 2024 in der Messe Karlsruhe) referieren.
Was ist Demenz?
Demenz ist keine einzelne Krankheit, sondern ein Syndrom, das durch den Abbau kognitiver, emotionaler und sozialer Fähigkeiten gekennzeichnet ist. Ursächlich dafür sind degenerative und nicht-degenerative Erkrankungen des Gehirns, die zum Abbau von Nervenzellen führen. Zu Beginn sind vor allem das Kurzzeitgedächtnis und die Merkfähigkeit gestört, im weiteren Verlauf kommt es auch zu Störungen des Langzeitgedächtnisses.
Alzheimer ist die häufigste Form der Demenz und macht mindestens 60 % aller Fälle aus. Es handelt sich um eine neurodegenerative Erkrankung des Gehirns, die zur unumkehrbaren Zerstörung von Nervenzellen führt.
Risikofaktoren und Prävention
Demenz ist nicht zwangsläufig selbst verschuldet, da genetische Faktoren eine Rolle spielen. Allerdings gibt es beeinflussbare Risikofaktoren, die die Entstehung einer Demenz begünstigen können. Dazu gehören Diabetes, Übergewicht, Schlaganfälle, Alkoholkonsum und Kopfverletzungen. Eine gesunde Lebensführung, ein aktiver und stimulierender Alltag sowie soziale Kontakte können die Resilienz des Gehirns fördern und das Demenzrisiko reduzieren.
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Früherkennung und Diagnose
Durch Prävention und Früherkennung lässt sich der Krankheitsverlauf verlangsamen und/oder Risikofaktoren reduzieren. Der Hausarzt ist die erste Anlaufstelle, um andere Ursachen auszuschließen und gegebenenfalls an Fachärzte zu überweisen. Alzheimer lässt sich durch Gedächtnistests, MRT und Laboruntersuchungen des Nervenwassers nachweisen. Zukünftig sollen Bluttests eine zuverlässige Diagnose ermöglichen.
Therapiemöglichkeiten
Ein gesunder Lebensstil kann vorbeugend gegen einige Demenzformen helfen. Während primäre Demenzen wie Alzheimer oder die vaskuläre Demenz irreversibel sind, lassen sich bei sekundären Demenzen, die als Folgeerscheinungen anderer Grunderkrankungen auftreten, Symptome häufig rückbilden, indem man sich der Behandlung dieser Erkrankung widmet. Sind Hirnzellen einmal zerstört, lassen diese sich nicht wieder herstellen.
Experten empfehlen Aktivität und Selbständigkeit für Demenzerkrankte. Neben Medikamenten, die z.B. bei primären Demenzen das Fortschreiten verhindern bzw. verlangsamen, gilt es, die Betroffenen so lange wie möglich in einem aktiven Alltag und in ihrer gewohnten Umgebung zu belassen. Alltagsunterstützende Apps, ein funktionierendes soziales Umfeld, Körper und Geist stimulierende Tätigkeiten helfen dabei. Auch in Demenz-WGs finden Betroffene ein soziales Gefüge, Aktivitäten und die notwendige Unterstützung.
Kann man Demenz vorbeugen?
Nicht jede schwache Gedächtnisleistung ist eine Demenz. Wissen hilft bei der Prävention und Unterstützung der Betroffenen und verhindert die Stigmatisierung der Demenzerkrankten.
Die Forschung geht davon aus, dass z.B. die Entstehung von Alzheimer zu etwa 40% durch Risikofaktoren begünstigt wird und der positive Effekt präventiver Maßnahmen auf etwa 30% geschätzt wird.
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Solange die Forschung kein Mittel gegen Demenz bzw. Alzheimer gefunden hat, raten Experten zur Selbstvorsorge: Ein funktionierendes soziales Umfeld und eine gesunde Lebensführung kann die Demenz begünstigenden Risikofaktoren reduzieren.
Die Alzheimer Gesellschaft informiert, unterstützt und berät Menschen mit Demenz und ihre Familien, bietet Reha-Maßnahmen an und vermittelt wohnortnahe Ansprechpartner und Selbsthilfegruppen.
Mehr Expertise zum Thema Demenz gibt es auf dem Therapeutenkongress CON.THERA, der parallel zur Fachmesse REHAB vom 22. bis 24.05.2025 in der Messe Karlsruhe stattfindet. Hier referiert der renommierte Experte Prof. Dr. med. Thorsten Bartsch vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel als Leitender Oberarzt, Professor für Gedächtnisstörungen und Plastizität (W2) und Leiter der Gedächtnis- und Demenzambulanz.
Tipps für präventive Maßnahmen gegen Demenzielle Erkrankungen im Alltag
- Bewegung: Körperlich aktiv zu sein, kann ein echter Booster für unsere Gehirnleistung sein und beitragen, die Gehirnleistung auch bei demenziellen Erkrankungen länger zu erhalten.
- Körperliche Aktivität verbessert die Durchblutung des Gehirns und kann schädliche Ablagerungen in den Blutgefäßen verhindern.
- Bewegung regt die Hormone an, die Verbindungen zwischen Nervenzellen aufbauen - die Denkleistung wird stabilisiert, das Gehirn leistungsfähiger.
- Bewegung regt das Zellwachstum im Hippocampus an, dem Lernzentrum des Gehirns
- Geistige Fitness: Studien belegen: Wer sein Gehirn bis ins hohe Alter fordert, hat ein geringeres Risko für eine demenzielle Erkrankung. Geistige Aktivität fördert die bessere Vernetzung von Neuronen. Auch im hohen Alter lassen sich Gehirnzellen fordern. Je komplexer die Tätigkeiten sind, desto besser: Kreuzworträtsel lösen und Fernsehen gehören nicht dazu.
- Musik hören oder machen
- Lesen
- Spiele spielen - von Kartenspielen bis Puzzles oder Computer- und Videospielen
- Neues lernen - Sprachen, eine Sportart, ein neues Hobby
- Gedächtnistrainings - helfen zur Vorbeugung und auch bei bereits Betroffenen: Aktivierende Übungen fördern kognitive Kompetenzen, trainieren das Langzeitgedächtnis, erhalten soziale Kompetenzen und stärken Sinneswahrnehmungen und Lebensfreude
- Ernährung: Wir können mit geeigneten Lebensmitteln Körper und Geist optimal unterstützen - unser Gehirn verbraucht etwa 20% der Energie, mit der wir unseren Körper versorgen.
- Die mediterrane Ernährung mit viel Obst und Gemüse, Hülsenfrüchten, Olivenöl und fettem Seefisch ist Vorbild und reduziert das Risko von Herz-Kreislauf-Problemen und Diabetes
- Ausreichend Schlaf: Bestimmte Prozesse, die unsere Gesundheit positiv beeinflussen, laufen im Schlaf ab.
- Wichtige Regenerationsprozesse laufen im Schlaf ab und können vor Demenzerkrankungen schützen
- Soziale Kontakte: Auch wenn wir manchmal gerne allein sind und die Ruhe genießen. Einsamkeit macht krank.
- Menschen, die ungewollt allein sind, haben ein bis zu doppelt so hohes Risiko, an Alzheimer zu erkranken
- Gespräche regen an und trainieren Konzentration, Gedächtnis, unsere Sinne und das Sprachvermögen
"TV-Demenz": Was ist dran?
Die Frage, ob Fernsehen Demenz fördert, ist komplexer als man zunächst annehmen könnte. Es gibt Hinweise darauf, dass übermäßiger Fernsehkonsum, insbesondere im Alter, negative Auswirkungen auf die kognitiven Fähigkeiten haben kann.
Die Studie aus England
Eine Langzeitstudie aus England untersuchte den Gesundheits- und Geisteszustand von 3590 Über-50-Jährigen über einen Zeitraum von sechs Jahren. Es zeigte sich, dass diejenigen, die mehr als 3,5 Stunden Fernsehen am Tag geguckt hatten, nach sechs Jahren schlechter in kognitiven Tests abschnitten als die, die weniger TV geguckt hatten. Offensichtlich macht zu viel Fernsehen dumm.
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Auswirkungen auf das sprachliche Arbeitsgedächtnis
Die Studie konnte nachweisen, dass hoher Fernsehkonsum einen starken Einfluss auf das sprachliche Arbeitsgedächtnis hat. Je mehr TV geguckt wurde, umso schlechter konnten die Menschen im Langzeitverlauf Wörter und Sätze verarbeiten. Die Forscher konnten andere Störeffekte wie zu wenig Bewegung oder falsche Ernährung herausrechnen. Es war das Fernsehen selbst, das sich negativ auswirkte.
Die "TV-Demenz"
Der Neurologe Peter Berlit spricht von einer "TV-Demenz", die einer Unterzuckerung oder einem Schlaganfall ähnelt. Fernsehgucken ist eine rein passive Tätigkeit, bei der das Gehirn zahlreiche Inhalte aufnimmt, ohne sie weiter zu verarbeiten. Wer also stundenlang nur Serien guckt, fordert die Verschaltung der Sprachzentren in seinem Gehirn nicht.
Reversibilität
Die gute Nachricht ist, dass die Sprachverarbeitungsstörungen vermutlich reversibel sind. Durch Gespräche, Lesen und Schreiben können die Sprachzentren des Gehirns wieder gefordert werden. Das Gehirn ist ja weiterhin funktionsfähig - es wurde nur in bestimmten Bereichen nicht ausreichend trainiert.
Fernsehkonsum bei Kindern
Untersuchungen haben gezeigt, dass übermäßiges Fernsehen auch Kinder beeinflusst - aber anders als Erwachsene. Kinder entwickeln keine Sprachprobleme, sondern eher Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen. Manche werden auffällig im Sozialverhalten und schneiden in der Schule schlechter ab, vor allem in Mathematik.
Alternativen zum Fernsehen
Die Forschenden sehen auch einen Zusammenhang zwischen langem Sitzen, wenn wir fernsehen, und dem Nachlassen von Hirnfunktionen. Denn nachgewiesenermaßen ist Bewegung nicht nur für die körperliche Fitness wichtig, sondern fordert und fördert gleichzeitig auch unser Gehirn. Dabei unterscheiden die Forschenden verschiedene Tätigkeiten, die wir in der Regel im Sitzen ausführen: beispielsweise Lesen oder Computer- und Brettspiele spielen, halten sie für weniger schädlich, weil das Hirn dabei gefordert werde. Fernsehen hingegen gilt als nicht-stimulierend für unsere kognitiven Funktionen.
Die Rolle der sozialen Medien und KI
Die neuesten Warnungen von Psychologen und Hirnforschern richten sich auf die sozialen Medien. Kinder und Jugendliche, die nur noch über soziale Medien kommunizieren, haben ein höheres Risiko für Störungen im Sozialverhalten. Im Gegensatz dazu können soziale Medien für ältere Erwachsene aber durchaus auch hilfreich sein.
Ein führender kanadischer KI-Forscher, Mohamed I. Elmasry, warnt davor, sich zu sehr auf KI zu verlassen und das menschliche Gehirn zu vernachlässigen. Er ruft dazu auf, das menschliche Gehirn zu pflegen, denn es sei um ein Vielfaches leistungsfähiger als KI und halte bei richtiger Pflege auch viel länger.
Schlaf als Schlüssel zur Demenzprävention
Aktuelle Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Schlaf eine Schlüsselrolle bei der Vorbeugung von Alzheimer spielen könnte. Insbesondere die Tiefschlafphasen scheinen eine entscheidende Rolle zu spielen, da in diesen Phasen Reinigungsprozesse im Gehirn ablaufen, bei denen schädliche Substanzen wie Amyloid-beta und Tau-Proteine abtransportiert werden. Verkürzte Tiefschlafphasen über einen längeren Zeitraum hinweg gelten somit als Risikofaktor für Alzheimer.
Angehörige und Demenz
Eine Demenz betrifft nicht nur die Erkrankten. Auch ihre Familie, ihre Freundinnen und Freunde sind von der Krankheit betroffen, sie begleiten und pflegen die Erkrankten oft viele Jahre. Angehörige berichten von ihren Erfahrungen in der Begleitung, Betreuung und Pflege. Sie probieren vieles aus, sie machen schöne und schmerzhafte Erfahrungen. Ihre Beiträge können anderen Angehörigen weiter helfen und ihnen Mut machen.