Multitasking und das Gehirn: Studien zu Geschlechterunterschieden und Auswirkungen

Einführung

Multitasking ist in der heutigen schnelllebigen Welt allgegenwärtig. Wir jonglieren ständig mit mehreren Aufgaben gleichzeitig, sei es im Beruf oder im Privatleben. Doch was passiert dabei in unserem Gehirn? Ist Multitasking wirklich effizient, und gibt es tatsächlich Geschlechterunterschiede in der Fähigkeit zum Multitasking? Dieser Artikel beleuchtet aktuelle Studien und Erkenntnisse zum Thema Multitasking, insbesondere im Hinblick auf die Auswirkungen auf das Gehirn und mögliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern.

Multitasking: Ein Kraftakt für das Gehirn

Der Begriff Multitasking stammt ursprünglich aus der Informatik, wo er die Fähigkeit eines Betriebssystems beschreibt, mehrere Aufgaben parallel auszuführen. Obwohl es so scheint, dass ein Computer mehrere Aufgaben gleichzeitig erledigt, wechselt er tatsächlich permanent zwischen den einzelnen Aufgaben hin und her - allerdings so schnell, dass der Eindruck von Parallelität entsteht.

Übertragen auf den Menschen suggeriert der Begriff Multitasking, dass wir verschiedene Aufgaben mit derselben Aufmerksamkeit erledigen können. Studien widersprechen dieser Vorstellung jedoch. Multitasking ist ein Kraftakt für das Gehirn und kostet eine Menge Energie. Am Ende ist man aber nicht produktiver. Multitasking bringt unser Arbeitsgedächtnis ins Schwitzen - und verändert langfristig sogar unsere Denkfähigkeit. Denn das Gehirn priorisiert gezielt, wenn es mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten muss.

Eine Studie der Ohio State University, bei der die Gehirnaktivität von Probanden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT) untersucht wurde, zeigte, dass das Gehirn Informationen unterschiedlich gewichtet, wenn es mehrere Aufgaben gleichzeitig verarbeiten muss. Der visuelle Kortex stellte den wichtigeren Punkt präziser dar, während er den anderen Punkt eher grob abspeicherte. Darüber hinaus zeigte die Analyse der Hirnscans, dass der frontale Kortex dem visuellen Kortex Anweisungen erteilt, welcher Punkt wie viel Speicherplatz erhalten soll.

Die verschiedenen Strategien des Gehirns beim Multitasking

Eine weitere Studie kam zu dem Ergebnis, dass es nicht nur die eine Multitasking-Fähigkeit gibt. Je nach Situation - also, ob wir gerade Dinge gleichzeitig tun, zwischen Aufgaben hin- und herspringen oder aber komplexe Abläufe koordinieren - benötigt unser Gehirn unterschiedliche Strategien. Das ist ein Hinweis darauf, dass unser Arbeitsgedächtnis schon eine ganze Menge allein mit dem Ressourcenmanagement zu tun hat.

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Tendenziell verlieren wir eher Zeit und Energie, wenn wir zwischen Aufgaben hin- und herwechseln. Bis das Gehirn sich umgestellt hat, dauert es nämlich ein paar Minuten. In extremen Fällen kann es sogar zur sogenannten Task-Switching-Induced Amnesia kommen. Damit ist gemeint, dass zu viele Unterbrechungen dazu führen können, dass wir am Ende gänzlich vergessen, was wir ursprünglich eigentlich erledigen wollten. Und wer regelmäßig Multitasking betreibt, verlernt irgendwann die Fähigkeit, sich auf eine Sache zu konzentrieren und zu priorisieren, wie eine Langzeitstudie der Stanford University bereits 2018 zeigte. Das verändert unsere Denkfähigkeit.

Geschlechterunterschiede beim Multitasking: Mythos oder Realität?

Lange Zeit hielt sich das Klischee, dass Frauen besser im Multitasking sind als Männer. Einige Studien schienen diese Annahme zu bestätigen, während andere keine Unterschiede feststellten oder sogar Männern eine Überlegenheit attestierten. Basis dafür waren jedoch oftmals lediglich Tests zum Aufgabenwechsel. Andere Studien attestierten dagegen Männern Überlegenheit, führten aber nur Tests zum gleichzeitigen Multitasking durch.

Eine aktuelle Studie der RWTH Aachen räumt nun mit diesem Klischee auf. Die Forscher ließen ihre Versuchspersonen auf einem Bildschirm erscheinende Buchstaben als Vokale oder Konsonanten identifizieren. Gleichzeitig sollten sie Zahlen als gerade oder ungerade bestimmen. Das Ergebnis: Sowohl Frauen als auch Männer arbeiteten langsamer und ungenauer, wenn sie zwei Aufgaben gleichzeitig erledigen mussten. Es gab keinen signifikanten Geschlechterunterschied.

Auch der Neuropsychologe Lutz Jäncke von der Universität Zürich betont, dass weder Frauen- noch Männerhirne für Multitasking besonders geeignet sind: "Unser Gehirn ist im Grunde genommen für die Konzentration und Fokussierung auf wesentliche Aspekte spezialisiert."

Die Auswirkungen von Multitasking auf Stress und Gesundheit

Immer alles erledigen und am besten alles gleichzeitig - wisst ihr, dass das zu Burnout und Depressionen führen kann? Obwohl das erwiesen ist, hat sich an den Ansprüchen im Job wenig geändert. Darauf solltet ihr achten.

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Termin- und Leistungsdruck und ständige Unterbrechungen: Laut dem 2019 erschienenen Stressreport der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) fühlte sich jeder Dritte der knapp 18.000 Befragten davon belastet. Jeder Fünfte gab an, unter Multitasking zu leiden, und jeder Siebte sah sich an der Grenze seiner Leistungsfähigkeit. Während der Pandemie dürften die Werte weiter gestiegen sein.

Eine Studie aus Erlangen/Nürnberg, München und Bonn untersuchte die Auswirkungen digitaler Stressoren wie Multitasking und häufige Arbeitsunterbrechungen auf die körperlichen Stresssysteme. Die Ergebnisse zeigten, dass Multitasking zu einer deutlichen Aktivierung des sympathischen Nervensystems führt. Auch die Studienteilnehmer nahmen diese Situationen als „stressig“ war, Eigenwahrnehmung und körperliche Reaktion deckten sich also.

Wer ständig zwischen mehreren Aufgaben hin und her jonglieren muss, leistet weniger und ist meistens unzufriedener mit der eigenen Arbeit. Das macht sich auch in der Wirtschaftsbilanz der Unternehmen bemerkbar. Zumindest größere Unternehmen versuchen deshalb verstärkt, an den negativen Arbeitsbedingungen etwas zu ändern.

Tipps für einen gesünderen Umgang mit Multitasking

  • Priorisieren und Fokussieren: Teilen Sie sich die Aufgaben in einzelne, kleinere Arbeitsschritte auf. Konzentrieren Sie sich auf eine Aufgabe nach der anderen und vermeiden Sie es, zwischen Aufgaben hin- und herzuspringen.
  • Störungsfreie Zeiten einrichten: Schaffen Sie sich Ruhezeiten, indem Sie zum Beispiel Ihr Telefon umleiten und die Benachrichtigungsfunktion ausschalten. Ein Schild an der Tür mit der Aufschrift "Bitte nicht stören!" kann ebenfalls helfen.
  • Pausen machen: In Berufen, in denen man das Telefon nicht umleiten darf oder ständig online sein muss, sollte man verstärkt auf Pausen achten. Nutzen Sie diese Pausen, um sich zu entspannen und neue Kraft zu schöpfen. Vermeiden Sie es, während der Pausen auf das Handy zu starren.
  • Achtsamkeit üben: Lernen Sie Ihre eigenen Bedürfnisse kennen, etwa durch einen Achtsamkeitskurs. Schrauben Sie die Anforderungen an sich selbst herunter und nehmen Sie den Druck heraus.
  • Hobbys und Entspannung: Finden Sie Hobbys bzw. Tätigkeiten, die Sie gerne machen und in die Sie sich vertiefen können, wie beispielsweise Malen, Musikmachen, Sporttreiben.
  • Nichtstun lernen: Üben Sie, öfter mal nichts zu tun. Das ist wie beim Joggen. Da werden am Anfang auch nicht gleich Endorphine ausgestoßen, das sei eher mühsam.

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