Die Auswirkungen von Magersucht auf das Gehirn: Eine umfassende Analyse

Magersucht, auch Anorexia nervosa genannt, ist eine ernsthafte Essstörung, die nicht nur den Körper, sondern auch das Gehirn beeinträchtigt. Diese komplexe Erkrankung, die vor allem junge Mädchen und Frauen betrifft, ist durch starkes Untergewicht, Angst vor Gewichtszunahme und eine verzerrte Körperwahrnehmung gekennzeichnet. Die Folgen der Magersucht können verheerend sein und reichen von körperlichen Beschwerden bis hin zu psychischen Problemen und sogar zum Tod.

Magersucht und ihre vielfältigen Symptome

Die Magersucht manifestiert sich durch eine Reihe von Symptomen, die sowohl physischer als auch psychischer Natur sind. Zu den häufigsten Symptomen gehören:

  • Absichtliche Gewichtsabnahme durch restriktives Essverhalten
  • Vermeiden kalorienreicher Nahrungsmittel oder vollständiger Verzicht auf Nahrung
  • Tägliches Wiegen und obsessive Beschäftigung mit dem Körpergewicht
  • Rituale beim Essen, die oft zwanghaft wirken
  • Missbrauch von Abführmitteln, um Gewicht zu verlieren
  • Übermäßiger Bewegungsdrang und Sport
  • Körperschema-Störung, d.h. eine verzerrte Wahrnehmung des eigenen Körpers
  • Verlust der Libido
  • Haarausfall und feine, flaumartige Körperbehaarung (Haarflaum)
  • Kalte Hände und Füße
  • Bei Frauen Ausbleiben der Regelblutung (Amenorrhö)
  • Soziale Isolation und Rückzug von Freunden und Familie
  • Perfektionismus und übertriebener Leistungsanspruch
  • Schuld- und Schamgefühle
  • Angst und Trauer

Anorexia nervosa tritt vor allem im Alter zwischen 15 und 24 Jahren auf, und zwar fast ausschließlich bei Mädchen beziehungsweise jungen Frauen. Schätzungen zufolge sind etwa drei von 1000 jungen Frauen magersüchtig. Langzeitstudien zufolge wird knapp die Hälfte der Magersüchtigen wieder vollständig gesund, bei einem Drittel verbessern sich die Symptome, und etwa ein Fünftel bleibt chronisch anorektisch. Etwa fünf Prozent der Magersüchtigen sterben - das ist eine der höchsten Todesraten unter den psychiatrischen Krankheiten.

Es ist wichtig zu betonen, dass Magersucht keine Sucht im Sinne einer Substanz-Abhängigkeit wie Alkoholsucht ist. Sie ist auch kein Schlankheitswahn, wie es oft heißt. Betroffene berichten zum Beispiel, dass sie sich „dünn machen“ wollen, um niemandem im Weg zu sein. Ein schlankes Körperideal ist ein Risikofaktor. Die Ursachen für die Anorexie sind etwas anderes, zum Beispiel Probleme mit den familiären Strukturen und Angst vorm „Frau-Werden“ während der Pubertät. Die Ursachen sind individuell und können miteinander vernetzt sein.

Die Auswirkungen der Magersucht auf das Gehirn

Eine der gravierendsten Folgen der Magersucht ist die Beeinträchtigung der Gehirnfunktion. Wenn Magersüchtige hungern, hungert auch das Gehirn. Dies führt zu einer Reihe von Veränderungen, die sich negativ auf die kognitiven Fähigkeiten, die emotionale Stabilität und das Verhalten auswirken können.

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Hirn-Atrophie: Der "Hirnschwund" bei Magersucht

Während der Körper immer weiter ausmergelt, schrumpft auch das Gehirn. Es kommt zu einer Hirn-​Atrophie, wie Mediziner sagen, umgangssprachlich auch „Hirnschwund“ genannt. Vor allem die graue Substanz geht zurück, also die Nervenzellkörper, die unter anderem die Hirnrinde ausmachen. „Dann ist der äußere Liquor-​Raum erweitert. Eine deutsche Studie ergab, dass magersüchtige Jugendliche etwa 18 Prozent weniger Volumen an grauer Substanz als gesunde Gleichaltrige haben. Zugleich haben die Magersüchtigen rund 27 Prozent mehr Hirnflüssigkeit als die Gesunden.

Eine mögliche Erklärung für diesen Hirnschwund: Wegen der Mangelernährung ist wahrscheinlich die Protein-Biosynthese im zentralen Nervensystem niedriger - es werden nicht genügend Eiweiße hergestellt, um Nervenzellen fortlaufend zu reparieren oder zu regenerieren.

Eine Studie, die an der Uniklinik der RWTH Aachen durchgeführt wurde und 2012 erschien, liefert außergewöhnlich konkrete Zahlen. Untersucht wurden 19 magersüchtige Mädchen im Alter zwischen zwölf und 17 Jahren, die gerade in ein Krankenhaus aufgenommen worden waren, um eine stationäre Therapie zu beginnen. In der Kontrollgruppe waren 19 Mädchen, die genauso alt waren, einen ähnlichen Intelligenzquotienten hatten, aber nicht essgestört waren. Das Gesamt-​Hirnvolumen an sich - also die Menge an grauer Substanz, weißer Substanz und Hirnflüssigkeit - unterschied sich nur unwesentlich zwischen den beiden Gruppen. Doch im Detail offenbarte sich: Bei den gesunden Mädchen hatte die graue Substanz ein Volumen von durchschnittlich 739 Kubikzentimetern - bei den magersüchtigen Mädchen hingegen waren es durchschnittlich 605 Kubikzentimeter, also rund 18 Prozent weniger. An Hirnflüssigkeit hatten die gesunden Mädchen durchschnittlich 422 Kubikzentimeter - die magersüchtigen Mädchen hingegen 535 Kubikzentimeter, also gut 27 Prozent mehr. Die weiße Substanz war bei den kranken Mädchen nur ein wenig geringer als bei den gesunden.

Es ist jedoch wichtig zu bedenken, dass es sich bei all diesen Zahlen um Durchschnittswerte handelt. Eine Magersüchtige kann durchaus mehr graue Substanz haben als eine gesunde Schulkameradin. Magersucht-​Forscher Ehrlich geht davon aus: „Bei den jugendlichen Magersüchtigen ist wohl etwa ein Drittel von einer radiologisch auffallenden Atrophie betroffen.“

Kognitive Beeinträchtigungen

Kopfschmerzen und Konzentrationsprobleme sind häufige Begleiterscheinungen der Magersucht. Wenn Magersüchtige hungern, hungert auch das Gehirn. Also arbeitet es langsamer und nicht mehr so gut. „Der Intelligenzquotient liegt Schätzungen zufolge bei Menschen mit einer akuten Magersucht etwa zehn Punkte niedriger als im gesunden normalgewichtigen Zustand.“ Das sagt Stefan Ehrlich, Leiter des Zentrums für Essstörungen an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie der Uniklinik Dresden.

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Mögliche Schäden trotz Gewichtszunahme

Selbst wenn die magersüchtige Person wieder mehr isst und ihr Gewicht normalisiert, selbst wenn dann das Hirn wieder besser versorgt ist und auch wieder größer wird: „Es können Schäden bleiben“, sagt Beate Herpertz-​Dahlmann, Leiterin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters am Universitätsklinikum Aachen. Von gesunden Menschen wisse man, dass die Hirnentwicklung sehr stark vom weiblichen Geschlechtshormon Östrogen und vom männlichen Geschlechtshormon Testosteron abhängt - vor allem während der Pubertät, wenn der Körper von diesen Sexualhormonen durchflutet wird wie nie zuvor. „Aber wenn eine Jugendliche magersüchtig ist, dann wird viel zu wenig Östrogen produziert“, sagt Herpertz-​Dahlmann. „Da können sich bestimmte Hirngebiete kaum weiterentwickeln, vor allem nicht der Hippocampus und die Amygdala. Doch wenn diese zwei Hirnareale in ihrer Entwicklung gestört werden, dann kann das möglicherweise verantwortlich dafür sein, dass jemand später depressiv wird oder eine Angststörung entwickelt.“ Eine Studie aus Schweden ergab: Etwa jede vierte behandelte Magersucht-​Patientin war nach 18 Jahren psychisch so krank, dass sie arbeitslos war. Herpertz-​Dahlmann spricht deswegen von einer „biologischen Narbe“, die die Magersucht im Hirn hinterlassen kann.

Therapieansätze und Forschung

Hat eine magersüchtige Person auch die Diagnose Hirn-Atrophie bekommen, dann könnte das Hormon Leptin ein Ansatzpunkt für die Therapie sein. Leptin ist ein Hormon, das von Fettzellen hergestellt wird. Schon kurzes Fasten lässt den Leptin-Spiegel im Blut sinken, bei akut Magersüchtigen ist der Leptin-Spiegel noch niedriger. Das ergaben verschiedene Studien. Wenn zu wenig Leptin im Blut ist, dann geht ein Signal an den Hypothalamus, also an die Schaltstelle im Hirn, die den Appetit und das Gewicht regelt: Achtung, zu wenig Leptin im Blut - der Appetit muss angeregt werden. „Akut Magersüchtige können dieses Hungersignal wohl psychisch übersteuern“, sagt Stefan Ehrlich von der Universitätsklinik Dresden. Es gibt aber Studien, die zeigten: Wenn man Mäusen und magersüchtigen Menschen mit Leptin-Mangel das Hormon extra gab, dann wurde mehr graue Substanz gebildet und das Gehirn wurde schwerer.

Anfang 2013 wartete die Anorexie-​Forscherin noch auf die Genehmigungen, um im Tierversuch herauszufinden, ob es reichen würde, Östrogen zu verabreichen, um die "biologische Narbe" zu verhindern.

Bedeutung der Diagnose und Therapie

„Viele magersüchtige Patienten, die die Diagnose Hirn-​Atrophie bekommen, nehmen das anfangs nicht ernst“, sagt der Arzt Ehrlich. „Das ist ja ein wichtiges Merkmal der Magersucht: die Krankheit mit all ihren Folgen zu verdrängen.“ Die Diagnose könne aber helfen, den Patienten die Augen zu öffnen.

Maries Magnetresonanztomographie (MRT) wurde Ehrlich zufolge aber nicht durchgeführt, um zu schauen, ob ihr Hirn geschrumpft war. „Das MRT war zu Forschungszwecken. Ein klinisches MRT ist nur nötig, wenn organische Ursachen wie ein Hirntumor ausgeschlossen werden sollen.

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Pseudo-Atrophie: Die gute Nachricht

Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das erste Mal in der medizinischen Fachliteratur von dieser „Hirn-​Atrophie“ berichtet. Mittlerweile ist jedoch klar: Es ist nur eine Pseudo-​Atrophie. Im Griechischen steht atrophia für Auszehrung. In der Medizin bedeutet eine „richtige“ Atrophie: Zellen, Gewebe oder ganze Organe schwinden. Bei einer Alkoholsucht zum Beispiel werden die Zellen im Gehirn tatsächlich zerstört - und gehen somit für immer verloren. Doch bei der Magersucht normalisiert sich das Hirnvolumen wieder, sobald sich das Gewicht normalisiert - zumindest zu einem großen Teil. Das belegen verschiedene Studien. Diese Erkenntnis ist wichtig, um herauszufinden: Was führt eigentlich zu diesem Hirnschwund? Was geht da im Kopf verloren? Das hat Anorexie-​Forscher Ehrlich in seiner Habilitation untersucht. Das Ergebnis: Unwahrscheinlich sei, dass das Hirn schrumpft, weil Flüssigkeit aus den Zellen in den Raum zwischen den Zellen fließe. Unwahrscheinlich sei auch, dass Wassermangel für das kleinere Gehirn sorge. „Magersüchtige trinken ja mitunter extra viel Wasser, um ihren Hunger zu übertünchen. Und wer stationär behandelt wird, bekommt auf jeden Fall gut zu trinken, so dass ein Flüssigkeitsmangel schnell behoben würde.“ Doch das ändere nichts am Hirnvolumen: „Das verbessert sich eben erst mit zunehmendem Gewicht.“ Was allerdings eine Erklärung sein könnte für das schrumpfende Gehirn: Wegen der Mangelernährung sei die Protein-​Biosynthese im zentralen Nervensystem erniedrigt. So steht es in Ehrlichs Habilitationsschrift. Damit ist gemeint: Es werden nicht genügend Eiweiße hergestellt, um Nervenzellen fortlaufend zu reparieren oder zu regenerieren.

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