Schmerz ist ein komplexes Phänomen, das eng mit dem zentralen Nervensystem (ZNS) verbunden ist. Er dient als lebenswichtiges Warnsignal, das uns auf potenzielle Gefahren und Schädigungen im Körper aufmerksam macht. Die Wahrnehmung und Verarbeitung von Schmerz sind jedoch höchst individuell und werden von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Dieser Artikel beleuchtet die Bedeutung des ZNS für das Schmerzempfinden, die unterschiedlichen Arten von Schmerz, die Entstehung des Schmerzgedächtnisses und die Möglichkeiten der Schmerzbehandlung.
Die Vielfalt des Schmerzes: Subjektive Wahrnehmung und individuelle Unterschiede
"Schmerz ist ein vielfältiges Phänomen. Jeder Mensch leidet an ganz individuellen Beschwerden und spricht auf seine eigene Art auf die verschiedenen Therapiemöglichkeiten an", sagte Kongresspräsidentin Professor Dr. Die Schmerzschwelle von Frauen, Männern und Kindern ist unterschiedlich, ebenso wie die Art und Weise, wie Schmerz empfunden wird.
Geschlechtsspezifische Unterschiede
Studien zeigen, dass Frauen im Allgemeinen stärker unter Schmerzen leiden als Männer. Die Ursachen hierfür sind noch nicht vollständig geklärt, aber hormonelle Einflüsse, insbesondere Östrogen, scheinen eine Rolle zu spielen. Während der Schwangerschaft steigt der Östrogenspiegel an, was zu einer Senkung der Schmerzschwelle bei Frauen führen kann. Es gibt auch Hinweise darauf, dass männliche Schmerzpatienten weniger Schmerz empfinden, wenn sie von attraktiven Ärztinnen behandelt werden, möglicherweise aufgrund psychologischer Faktoren.
Kulturelle Prägung
Der Spruch "Ein Indianer kennt keinen Schmerz" verdeutlicht, wie kulturelle Normen und Erwartungen das Schmerzempfinden beeinflussen können. Die Art und Weise, wie wir Schmerz wahrnehmen und darauf reagieren, wird auch in der Familie gelernt. Ob man als Kind gelernt hat, sich "nicht so anzustellen" oder ob liebevoll gepustet wurde, wenn etwas wehtat, macht einen Unterschied für die Schmerzbewertung im Gehirn.
Die Entstehung von Schmerz: Ein komplexer Prozess im Nervensystem
Die Entstehung des Schmerzempfindens ist ein komplexer Prozess, an dem das gesamte Nervensystem beteiligt ist. Erst vor wenigen Jahren konnte ein Forscherteam zeigen, dass es bei der Entstehung des Schmerzempfindens keine klare Reihenfolge gibt, sondern dass Wahrnehmung, Handlungsimpuls und Energiebereitstellung gleichzeitig im Gehirn entstehen.
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Nozizeptoren: Die Schmerzrezeptoren des Körpers
Dass wir überhaupt Schmerz wahrnehmen können, liegt an den Nozizeptoren. Diese spezialisierten Rezeptoren sind freie Nervenendigungen, die in fast allen Körpergeweben vorkommen: in den Knochen, Sehnen, Muskeln, Organen und besonders zahlreich in der Haut. Sie wandeln den Schmerz auslösenden Reiz in ein Signal um. Das Nervensystem und das Rückenmark leiten es weiter zum Gehirn. So weit funktioniert stark vereinfacht der Prozess der Nozizeption.
Das Gehirn: Die zentrale Schaltstelle der Schmerzwahrnehmung
Es gibt kein spezifisches Schmerzzentrum im Gehirn. Vielmehr entwickelt ein ganzes Netzwerk das Schmerzempfinden. Das Gehirn muss entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Schmerz ist ein biologischer Schutzmechanismus, dessen Signal auf seinem Weg ins Gehirn immer Vorrang vor anderen Reizen bekommt. Das Gehirn kann aber auch lernen, dass ein bestimmter Schmerz nicht so wichtig ist. Es reagiert auch mit Gewöhnung auf Schmerz.
Psychologische Faktoren und Schmerzempfinden
Die Psyche spielt eine wesentliche Rolle bei der Schmerzwahrnehmung. Körpereigene Botenstoffe wie Endorphine können das Schmerzempfinden positiv beeinflussen. Nicht nur Gebärende erleben, wie Schmerzen verschwinden, weil der Körper Glückshormone ausschüttet bei der Geburt des Babys, auch Sportler erleben dies beim Ausdauertraining oder während eines Marathons. Zudem spielt die Psyche eine große Rolle. Wird sie mit den richtigen Mitteln wie etwa als angenehm empfundener Musik abgelenkt, relativiert und verändert sich das Schmerzempfinden. Deshalb ist Musiktherapie bei Schmerzpatienten so erfolgreich.
Psychischer Schmerz
Auch psychischer Schmerz kann sehr wehtun, wie jeder weiß, der die Trennung von einem geliebten Menschen oder gar seinen Tod erlebt hat. Zu den psychischen Schmerzen gezählt werden Angst, Ärger, Eifersucht, Trauer oder Wut.
Wetterabhängigkeit des Schmerzempfindens
Eine Studie der Universität Manchester bewies, dass das Schmerzempfinden auch vom Wetter abhängt und chronische Schmerzpatienten an Tagen mit höherer Luftfeuchtigkeit, niedrigerem Luftdruck und stärkerem Wind schmerzempfindlicher sind.
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Das Schmerzgedächtnis: Wenn der Schmerz zur eigenen Krankheit wird
Das Schmerzgedächtnis ist sowohl eine mögliche Folge als auch eine mögliche Ursache länger anhaltender Schmerzen. Denn anhaltende oder starke Schmerzen können tiefgreifend verändern, wie das Nervensystem auf Schmerzreize reagiert und wie es Schmerzsignale an das Gehirn überträgt. Das ist vergleichbar mit einer Umprogrammierung des normalen Schmerzempfindens hin zu einer sensibleren, intensiveren Schmerzwahrnehmung. Als Folge können chronische Schmerzen entstehen.
Entstehung des Schmerzgedächtnisses
Genauer betrachtet finden diese „Gravuren“ im zentralen Nervensystem statt. Die für den Schmerz zuständigen Rezeptoren und Nervenzellen sind daraufhin leichter erregbar als vor der belastenden Schmerzerfahrung. In der Folge kommt es zu einer dauerhaft verstärkten Übertragung von Schmerzinformationen. Die Entstehung eines Schmerzgedächtnisses kann daher mit dem Lernen verglichen werden: Ähnlich wie das Langzeitgedächtnis wiederholte Lerninhalte erinnert, werden hier wiederholte oder starke schmerzhafte Erfahrungen gespeichert.
Auswirkungen des Schmerzgedächtnisses
Bei den Betroffenen kann sich das entstandene Schmerzgedächtnis auf verschiedene Weise bemerkbar machen:
- Als krankhaft gesteigerte Schmerzempfindlichkeit
- Als Schmerzen nach Reizen, die normalerweise nicht mit Schmerzen einhergehen
- Als anhaltende, wiederkehrende oder spontan auftretende Schmerzen ohne irgendeinen erkennbaren Auslöser
Vorbeugung und Behandlung des Schmerzgedächtnisses
Der beste Weg, ein Schmerzgedächtnis und daraus entstehende chronische Schmerzen zu verhindern, ist, dieses Schmerzgedächtnis erst gar nicht entstehen zu lassen. Daher ist eine möglichst schnelle und individuell zielgerichtete Therapie bei akut auftretenden Schmerzen der effektivste Weg, einem Schmerzgedächtnis vorzubeugen.
Gegenirritation
Der therapeutische Ansatz muss daher zumindest derzeit in eine andere Richtung gehen. Das Schlagwort in der Medizinersprache heißt hier „Gegenirritation“. Ziel ist es, die gesteigerte Schmerzempfindlichkeit des zentralen Nervensystems durch verschiedene Therapiemaßnahmen so weit wie individuell möglich zurückzunehmen beziehungsweise zu überschreiben. Es geht hier also nicht um ein Löschen des Schmerzgedächtnisses im engen Sinne, sondern eher um eine bestmögliche Abkehr von der erfolgten Sensibilisierung. Einfacher ausgedrückt, soll das Nervensystem mittels Gegenirritation lernen, mit Schmerzreizen wieder möglichst normal umzugehen.
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Multimodale Schmerztherapie
Zur Behandlung chronischer Schmerzen, die im Zusammenhang mit einem Schmerzgedächtnis bestehen, können Ärztinnen und Ärzte eine individuell zusammengestellte multimodale Schmerztherapie einleiten. Dazu gehören neben den bereits genannten Verfahren zur Gegenirritation auch medikamentöse Maßnahmen, physiotherapeutische Maßnahmen sowie psychotherapeutische Maßnahmen, die die Resilienz (Widerstandskraft) gegenüber Schmerzen stärken sollen. Eine mögliche Maßnahme ist es, mit Meditation und Achtsamkeitsübungen den Aufmerksamkeitsfokus zu verschieben: weg von den Schmerzen, hin zu einer konkreten Tätigkeit oder einer Quelle der Freude. Denn auch körpereigene Glückshormone (Endorphine) können den Schmerz effektiv lindern.
Schmerzarten: Akut, chronisch, neuropathisch und psychosomatisch
Schmerzen lassen sich in vier unterschiedliche Bereiche einteilen: akute, chronische, neurologische sowie psychosomatische Schmerzen.
Akuter Schmerz
Bei dem akuten Schmerz signalisiert uns unser Körper, dass eine Gefahr besteht, z.B. eine Verletzung, die möglichst keinen Aufschub duldet und dementsprechend schnell behandelt werden muss. Hier ist die Ursache deutlich erkennbar. Immer dann, wenn ein Gewebe beschädigt wurde, tritt ein akuter Schmerz ein. Dieses ist z.B. der Fall bei Schnittwunden, Entzündungen, Prellungen, Knochenbrüchen, Verbrennungen oder auch bei Zahnschmerzen bzw. Entzündungen am Zahnfleisch. Akute Schmerzen dauern nur eine gewisse Zeit, da diese in der Regel sofort behandelt werden und dadurch die Ursache beseitigt wird. Zur Überbrückung starker Beschwerden können je nach Verordnung durch den Arzt Schmerztabletten eingenommen werden. Akuter Schmerz ist überlebenswichtig und dient als Warnsignal.
Chronischer Schmerz
Ignoriert man einen Schmerz und lässt dessen Ursache wochen- oder monatelang unbehandelt, so kann er chronisch werden, er entwickelt sozusagen ein eigenes Krankheitsbild. Die Nerven senden nun anhaltende Schmerzimpulse an das Gehirn, sie haben sich praktisch an den Schmerz gewöhnt. Die eigentliche Ursache der Beschwerden ist meist nicht mehr feststellbar. Schmerzempfindungen, die über einen Zeitraum von drei bis sechs Monaten fast immer vorhanden sind oder stets wiederkehren, werden als chronisch eingestuft. Der Schmerz ist nun das vorherrschende Symptom, die eigentliche Ursache rückt in den Hintergrund. Hier ist das Schmerzsyndrom kein Alarmsignal mehr, vielmehr hat es sich zu einer eigenen Krankheit vervollständigt. Begleitet werden chronische Schmerzen oftmals von anderen Begleiterscheinungen wie z.B. Schlafstörungen, Appetitmangel oder depressiven Verstimmungen. Die Lebensqualität unzähliger Menschen wird erheblich beeinträchtigt.
Neuropathischer Schmerz
Eine weitere Form stellen die neuropathischen Schmerzen dar. Als solche werden Schmerzempfindungen bezeichnet, die durch eine Schädigung des Nervensystems verursacht werden. Während bei anderen Schmerzen die Nervenbahnen nur als Leitung dienen, ist bei dem neuropathischen Schmerz das Nervensystem selbst die Ursache. Ist ein Nerv ganz oder in Teilen beschädigt, sendet dieser Impulse an das Gehirn. Derartige Impulse werden nun als Schmerz wahrgenommen, dieser kann wie Feuer brennen oder wie Nadeln stechen. Er kann überfallartig ohne Vorankündigung oder als Dauerschmerz vorhanden sein. Neuropathische Schmerzen infolge eines beschädigten Nervs lassen sich meist nicht mehr ganz beseitigen. Allerdings gibt es viele Therapien, die die vorhandenen Symptome lindern können.
Psychosomatischer Schmerz
Zu guter Letzt gibt es noch den psychosomatischen Schmerz. Leidet man über einen längeren Zeitraum unter einem Schmerz, für den es keine medizinische Erklärung gibt bzw. eine organische Ursache ausgeschlossen wird, so spricht man von einem psychosomatischen Schmerz. Körper, Geist und Seele bilden eine Einheit. Anhaltende psychische Belastungen, z.B. Stress, Ärger, private und finanzielle Sorgen, Trauer und Depressionen belasten unseren Körper und führen letztendlich zu einer Schwächung unserer Abwehrkräfte. Wir verspüren körperliche Symptome, obwohl keine organische Erkrankung vorliegt. Bei diesen somatoformen Beschwerden klagen die Betroffenen häufig zusätzlich über Ohrgeräusche, Schwindel, Übelkeit oder Herzrasen. Die Patienten fühlen sich oft hilflos und alleingelassen, ihre Arztbesuche bringen wenig Linderung. Bei dieser Art von Schmerz schreit praktisch die Seele um Hilfe. Psychosomatische Schmerzen sind gut behandelbar, gibt man sich in die richtigen Hände. Speziell ausgebildete Therapeuten können zusammen mit dem Patienten die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele erarbeiten und somit die individuellen Symptome bekämpfen.
Die Rolle von Oxytocin bei der Schmerzlinderung
Wissenschaftler vermuten, dass das Neuropeptid Oxytocin als körpereigene Schmerzbremse wirkt. Im Hypothalamus produzieren zwei verschiedene Arten von Nervenzellen Oxytocin. Die kleinzelligen Oxytocin-Neuronen orchestrieren die schmerzhemmende Wirkung des Neuropeptids. Diese Neuronen treten bei akuten Schmerzen oder Entzündungen in Aktion und aktivieren die großzelligen Oxytocin-produzierenden Neuronen im benachbarten Hypothalamus. Das löst die Oxytocin-Ausschüttung in die Blutbahnen aus und lindert dadurch diffus die Schmerzempfindung. Auf der anderen Seite reichen die Neuronen des Schmerz-Kontrollzentrums mit langen Ausläufern bis in tiefe Schichten des Rückenmarks. Dort speisen sie das Neuropeptid exakt an der Stelle des Zentralnervensystems ein, wo die Intensität der Schmerzwahrnehmung weitergeleitet wird. Die neu entdeckten Neuronen hemmen den Schmerz also auf doppelte Weise: Ein schneller schmerstillender Effekt entsteht durch Filtern des Schmerzreizes im Zentralnervensystem. Etwas länger dauert es, bis das ins Blut ausgeschüttete Oxytocin die Schmerzempfindung lindert.
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