In Deutschland kommen jährlich etwa 700.000 Kinder zur Welt. Von diesen erleiden etwa 1.400 eine frühkindliche Hirnschädigung, bekannt als Infantile Zerebralparese (ICP). Diese Schädigung führt oft zu lebenslangen Bewegungsstörungen, wobei die Spastik, eine Erhöhung der Muskelspannung, am häufigsten auftritt. Bei 400 bis 500 Kindern sind vor allem die Beine betroffen. Die Bewegungsstörungen führen häufig zu Stürzen und können die Nutzung eines Rollstuhls erforderlich machen. Epileptische Anfälle sowie Hör- und Sprachstörungen können die soziale Teilhabe zusätzlich beeinträchtigen.
Ursachen und Diagnose der Spastik
Eine Spastik ist keine eigenständige Krankheit, sondern ein Symptom einer Schädigung des zentralen Nervensystems (ZNS), also des Gehirns oder Rückenmarks. Diese Schädigung kann verschiedene Ursachen haben:
- Frühkindliche Hirnschädigung (Infantile Zerebralparese, ICP): Hierbei handelt es sich um eine nicht fortschreitende Schädigung, die entweder während der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt auftritt. Ursachen können Frühgeburtlichkeit mit Hirnblutungen oder periventrikulärer Leukomalazie, Sauerstoffmangel bei der Geburt, Infektionen, Stoffwechselstörungen oder genetische Fehlbildungen des Gehirns sein.
- Schlaganfall: Auch Kinder können einen Schlaganfall erleiden, der zu einer Spastik führen kann.
- Schädel-Hirn-Trauma: Verletzungen des Gehirns können ebenfalls eine Spastik verursachen.
- Hirntumor: Tumore im Gehirn können Nervenbahnen schädigen und so eine Spastik auslösen.
- Chronische neurologische Störungen: Bestimmte chronische Erkrankungen können im Laufe der Zeit zu einer Spastik führen.
- Multiple Sklerose (MS): Eine Autoimmunerkrankung, die das zentrale Nervensystem betrifft.
- Querschnittlähmung: Eine Schädigung des Rückenmarks, die zu Lähmungen und Spastik führen kann.
- Hereditäre spastische Paraparese (HSP): Eine seltene, erblich bedingte neurologische Erkrankung.
Um die Ursache und den Schweregrad der Spastik zu diagnostizieren, führt der Arzt verschiedene Untersuchungen durch:
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung der Spontanmotorik, der passiven Beweglichkeit, des Muskeltonus, der Muskelkraft, der Sensibilität und der Koordination.
- Neurologische Tests: Überprüfung der Reflexe und anderer neurologischer Funktionen.
- Bildgebende Verfahren: CT (Computertomographie) oder MRT (Magnetresonanztomographie) zur Darstellung des Gehirns und Rückenmarks.
- Elektromyographie (EMG): Messung der Muskelaktivität, um festzustellen, ob die Erkrankung vom Muskel oder dem zugehörigen Nerv ausgeht.
- Elektroneurographie (ENG): Untersuchung der Nervenleitgeschwindigkeit, um Störungen der peripheren Nerven festzustellen.
- Ganganalyse: Videoanalyse in Slow-Motion zur detaillierten Beurteilung des Gangbildes, Messung der Gelenkwinkel und Drehmomente.
- Ashworth-Skala: Beurteilung der Spastizität von Muskeln anhand einer standardisierten Skala.
Erscheinungsformen der Spastik
Die Ausprägung und Verteilung der Spastik können sehr unterschiedlich sein. Man unterscheidet:
- Fokale Spastik: Betrifft nur einzelne Muskeln oder Muskelgruppen.
- Segmentale Spastik: Betrifft mehrere Bewegungssegmente einer Extremität.
- Hemispastik: Betrifft eine Körperhälfte.
- Paraspastik: Betrifft beide Beine.
- Tetraspastik: Betrifft alle vier Extremitäten (Arme und Beine). In schweren Fällen kann auch die Hals- und Rumpfmuskulatur betroffen sein.
Neben der erhöhten Muskelspannung können weitere Symptome auftreten:
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- Schmerzen: An den betroffenen Muskeln oder Gelenken.
- Lähmungen: Schwäche oder vollständiger Verlust der Bewegungsfähigkeit.
- Eingeschränkte Beweglichkeit: Steifigkeit und Schwierigkeiten bei der Bewegung der Gelenke.
- Fehlhaltungen: Bizarr anmutende Haltungen der Gelenke.
- Koordinationsstörungen: Schwierigkeiten bei der Ausführung koordinierter Bewegungen.
- Erhöhte Muskelreflexe: Überaktive Reflexe mit verbreiterten Reflexzonen.
- Kloni: Unwillkürliche rhythmische Muskelzuckungen.
- Positives Babinski-Zeichen: Ein Reflex, der normalerweise nur bei Säuglingen auftritt.
- Ermüdbarkeit: Schnelle Erschöpfung der Muskeln.
- Sensibilitätsstörungen: Veränderungen der Wahrnehmung von Berührungen, Schmerzen oder Temperatur.
- Schluck- und Sprechstörungen: Probleme beim Schlucken und Sprechen.
- Sehstörungen: Schielen oder Doppelbilder.
Therapieansätze bei Spastik
Die Behandlung der Spastik zielt darauf ab, die Muskelspannung zu reduzieren, die Beweglichkeit zu verbessern, Schmerzen zu lindern und dieFunktionsfähigkeit im Alltag zu erhöhen. Die Therapie ist individuell auf den Patienten zugeschnitten und kann verschiedene Bausteine umfassen:
Konservative Therapie
- Physiotherapie: Gezielte Übungen zur Verbesserung der Beweglichkeit, Koordination und Muskelkraft. Passive Muskeldehnung ist besonders wichtig.
- Ergotherapie: Training vonAlltagsaktivitäten und Anpassung der Umgebung, um die Selbstständigkeit zu fördern.
- Logopädie: Behandlung von Sprach- und Schluckstörungen.
- Orthopädietechnik:Anpassung von Hilfsmitteln wie Orthesen (Schienen), Bandagen oder Gipsverbänden zur Unterstützung und Korrektur des Bewegungsapparates. Orthesen können Fehlstellungen korrigieren, Gelenke stabilisieren und dieFunktion verbessern.
- Elektrostimulation: Aktivierung von Nerven und Muskelfasern mit kleinen Stromimpulsen (TENS oder FES) zur Reduktion der Spastik und Verbesserung des Bewegungsumfangs.
- Robotik: Einsatz von Robotern zur Unterstützung von Therapie bei Standsicherheit, Gang, Treppensteigen oder Arm-Hand-Funktion.
- Psychologische Betreuung: Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung und Bewältigung vonAlltagsproblemen.
- Anpassung der Umgebung: Spezielle Hilfsmittel für Freizeitgestaltung undAlltag, um die Teilhabe am sozialen Leben zu ermöglichen.
Medikamentöse Therapie
- Orale Medikamente: Tabletten oder Sprays zur Reduktion der Muskelspannung. Häufig eingesetzte Medikamente sind Baclofen, Tizanidin und Dantrolen. Allerdings können diese Medikamente Müdigkeit, Antriebsminderung und Muskelschwäche verursachen.
- Botulinumtoxin (BoNT): Injektion von Botulinumtoxin in die betroffenen Muskeln, um die Übertragung vom Nerv auf den Muskel zu blockieren und so die Muskelspannung zu reduzieren. Die Wirkung hält einige Wochen bis Monate an. BoNT wird vor allem bei fokaler Spastik eingesetzt.
- Baclofenpumpe: Implantation einer Medikamentenpumpe, die das Muskelrelaxans Baclofen direkt in den Rückenmarkskanal abgibt (intrathekal). Dies ermöglicht eine gezielte Wirkung bei geringeren Nebenwirkungen. Die Baclofenpumpe wird vor allem bei schwerer Spastik eingesetzt, die auf andere Behandlungen nicht ausreichend anspricht.
- Sativex®: Ein Spray für die Mundhöhle, das ausschließlich für die bei Multipler Sklerose auftretende spastische Tonuserhöhung zugelassen ist.
Operative Therapie
- Selektive dorsale Rhizotomie (SDR): Ein neurochirurgischer Eingriff, bei dem selektiv Nervenfasern durchtrennt werden, die für die Übertragung der Spastik verantwortlich sind. Dieser Eingriff wird in der Pädiatrischen Neurochirurgie der Charité Berlin durchgeführt und kann die durch die Spastik ausgelösten Schmerzen reduzieren.
- Sehnenverlängerungen: Operationen zur Verlängerung verkürzter Sehnen, um die Beweglichkeit zu verbessern.
- Korrekturosteotomien: Knochenkorrekturen zurBehebung von Fehlstellungen.
- Nervendurchtrennung (Neurotomie): In schweren Fällen, in denen andere Behandlungen nicht erfolgreich sind, können bestimmte Nerven durchtrennt werden, um die Muskelspannung zu reduzieren.
- Eingriffe in der Eintrittszone der Hinterwurzel ins Rückenmark: Chirurgische Verfahren bei schwerster Spastik, die anders nicht zu behandeln ist.
Spezielle Therapieansätze
- Mollii Suit: Ein Ganzkörperanzug mit integrierten Elektroden, der spastische Muskeln mit sanften elektrischen Impulsen löst, Schmerzen reduzieren und wichtige Muskeln neu aktivieren kann.
- Stoßwellentherapie (ESTW): Kann über Wochen anhaltend einen spastisch erhöhten Muskeltonus mindern mit einer begleitenden Erweiterung des Bewegungsumfangs.
- Magnetfeldstimulation (rTMS oder prMS): Gezielte Magnetfeldreize zur Stimulation ausgewählter Nerven, Nervenwurzeln oder Hirnarealen.
Interdisziplinäre Behandlung und Langzeitbetreuung
Die Behandlung der Spastik erfordert ein interdisziplinäres Team von Spezialisten, darunter Kinderärzte, Orthopäden, Neurochirurgen, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Orthopädietechniker, Psychologen und Sozialarbeiter. Die Zusammenarbeit ermöglicht eine umfassende Betreuung und die Entwicklung eines individuellen Behandlungsplans für jeden Patienten.
Auch die Langzeitbetreuung ist von großer Bedeutung, da die Spastik eine lebenslange Herausforderung darstellen kann. Regelmäßige Kontrollen und Anpassungen der Therapie sind notwendig, um dieFunktionsfähigkeit und Lebensqualität der Betroffenen langfristig zu erhalten.
Gangstörungen bei Kindern
Gangstörungen sind Auffälligkeiten des menschlichen Gangbilds, wie beispielsweise Hinken, Stolperneigung, Gangunsicherheit, Muskelschwäche oder Spastik und Dystonie. Sie können angeboren oder erworben sein. Bei Kindern sind Gangstörungen häufiger angeboren, können sich aber während des Wachstumsalters verschlechtern.
Die Diagnose von Gangstörungen erfolgt durch eine körperliche Untersuchung und eine Ganganalyse. Mit einem Ganganalyselabor können die Gangbilder der Patienten mit Hilfe von High-Speed-Kameras in allen Ebenen des Raums und mit Messung der Gelenkwinkel und Drehmomente analysiert werden.
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Die Behandlung von Gangstörungen hängt von der Ursache ab. Sie kann Physiotherapie, Medikamente, Orthesen oder Operationen umfassen.
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