Ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT) ist eine Verletzung des Kopfes, die auch das Gehirn schädigen oder seine Funktion beeinträchtigen kann. Es handelt sich um ein breites Spektrum von Verletzungen, die von leichten Gehirnerschütterungen bis hin zu schweren Hirnschäden reichen. Jährlich erleiden in Deutschland mehr als 270.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma. Verletzungen von Kopf und Gehirn sind besonders bei jungen und älteren Menschen eine häufige Ursache neurologischer Symptome, bleibender Behinderung und Tod.
Definition und Klassifikation
Der Begriff Schädel-Hirn-Trauma (Trauma = Verletzung) steht für Gewalteinwirkungen auf den Kopf, die auch das Gehirn verletzen oder in seiner Funktion stören können.
Mediziner unterteilen ein Schädel-Hirn-Trauma in zwei Kategorien:
- Offenes Schädel-Hirn-Trauma: Hierbei ist zusätzlich zum Schädelknochen auch die äußere Hirnhaut (Bindegewebsschicht) verletzt. Das Schädelinnere steht in Kontakt mit der Außenwelt, was das Infektionsrisiko erhöht.
- Geschlossenes Schädel-Hirn-Trauma: Hierbei ist ausschließlich der Schädelknochen betroffen, die äußere Hirnhaut bleibt unverletzt.
Zudem wird das SHT in verschiedene Schweregrade eingeteilt, wobei die Glasgow Coma Scale (GCS) zur Bewertung des neurologischen Zustands verwendet wird. Die GCS bewertet Augenöffnen, verbale Antwort und motorische Reaktion, wobei höhere Werte für leichtere Verletzungen stehen:
- Leichtes Schädel-Hirn-Trauma (GCS 13-15): Oft als Gehirnerschütterung bezeichnet.
- Mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma (GCS 9-12): Gehirnprellung.
- Schweres Schädel-Hirn-Trauma (GCS 3-8): Gehirnquetschung.
Ursachen
Die Ursache eines Schädel-Hirn-Traumas ist eine Gewalteinwirkung von außen auf den Kopf. Dazu kann es durch Unfälle oder Stürze kommen. Jeder Stoß auf den Kopf kann, wenn er kräftig genug ist, das Gehirn erreichen. Ein Faktor für die Schwere der Verletzungen ist die Geschwindigkeit. Je schneller der Kopf auf ein Hindernis trifft bewegt, desto größer ist die Energie, die abgeleitet werden muss. Energie, die nicht abgeleitet werden kann, trifft mit voller Wucht auf das empfindliche Gehirn.
Lesen Sie auch: Faszination Nesseltiere: Wie sie ohne Gehirn leben
Häufige Ursachen sind:
- Verkehrsunfälle: Über die Hälfte der Hirntraumata werden durch Verkehrsunfälle verursacht.
- Stürze: Stürze sind besonders bei älteren Menschen eine häufige Ursache.
- Schlägereien: Etwa 20 % der SHT sind auf Stürze und Schlägereien zurückzuführen.
- Sportunfälle: Wiederholte leichte Gewalteinwirkungen auf den Kopf, wie zum Beispiel Gehirnerschütterungen durch einen Kopfball oder Zusammenprall mit Mitspielenden können Schädigungen des Gehirns verursachen.
- Arbeitsunfälle
- Gewaltverbrechen
Besonders gefährdet sind:
- Kinder: Eine Gehirnerschütterung, auch leichtes Schädel-Hirntrauma genannt, ist die häufigste Unfallverletzung im Kindesalter.
- Ältere Menschen: Sie haben oft durch Vorerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes empfindlichere Blutgefäße, auch im Kopf. Wichtige Risikofaktoren sind außerdem Erkrankungen der Blutgerinnung oder Medikamente, die in die Blutgerinnung eingreifen.
Symptome
Die Symptome eines Schädel-Hirn-Traumas hängen davon ab, wie groß die Kraft ist, die auf den Kopf eingewirkt hat. Die Symptome können sich von Person zu Person unterscheiden.
Häufige Symptome sind:
- Kopfschmerzen: Leicht bis stark, oft anhaltend.
- Schwindelgefühl
- Benommenheit
- Übelkeit und Erbrechen
- Bewusstseinsstörungen: Verwirrt, orientierungslos, bewusstlos.
- Sprach- und Sehstörungen
- Krampfanfälle
- Lähmungen oder motorische Störungen
- Austritt von klarer Flüssigkeit (Gehirnflüssigkeit) aus Mund, Nase oder Ohren
Es ist wichtig zu beachten, dass Beschwerden verzögert auftreten können. Die Symptome treten nicht sofort nach einem Unfall oder Sturz auf, sondern erst einige Stunden oder bis zu zwei Tage nach dem Ereignis. Bildet sich infolge eines Schädel-Hirn-Traumas ein Bluterguss, können die Symptome auch noch Wochen oder Monate später auftreten.
Lesen Sie auch: Lesen Sie mehr über die neuesten Fortschritte in der Neurowissenschaft.
Bei Symptomen wie einer Störung von Bewusstsein, Gedächtnis oder Sprache sowie Lähmungen oder Krampfanfällen sollte man unbedingt den Rettungsdienst rufen. Das ist auch nötig, wenn Blut oder Flüssigkeit aus der Nase oder dem Ohr austreten. Muss man sich kurze Zeit nach der Kopfverletzung erbrechen, sollte man ebenfalls ins Krankenhaus.
Diagnose
Es kann schwierig sein, direkt das Ausmaß des Schädel-Hirntraumas und mitunter Spätfolgen der Verletzung einzuschätzen. Das können Störungen des Geruchssinns, der Sprache oder Lähmungen sein.
Für die Diagnose eines Schädel-Hirntraumas fragt der Arzt oder die Ärztin zunächst, wie es zu der Verletzung gekommen ist und untersucht die betroffene Person ausführlich. Entsteht dabei der Verdacht auf schwerere Verletzungen, helfen Computertomographie (CT) und Magnetresonanztomographie (MRT). Damit lässt sich abschätzen, wie und wie stark das Gehirn betroffen ist.
Die Diagnose umfasst in der Regel:
- Anamnese: Gespräch mit dem Patienten (oder Zeugen) über den Unfallhergang, Vorerkrankungen und Medikamenteneinnahme.
- Körperliche Untersuchung: Beurteilung des Bewusstseinszustands, neurologische Untersuchung (Sensibilität, Koordination, Hirnnervenfunktion, Muskeleigenreflexe).
- Laboruntersuchungen: Blutbild, Blutalkoholspiegel, Blutgerinnung, Leber- und Nierenwerte, Blutzucker, Blutgase.
- Bildgebende Verfahren:
- Computertomographie (CT): Wird eingesetzt, um Blutungen, Schädelfrakturen und Hirnverletzungen festzustellen.
- Magnetresonanztomographie (MRT): Kann subtilere Verletzungen der Nerven (diffuser Axonschaden) nachweisen.
- Röntgenuntersuchung: Zum Nachweis von Knochenbrüchen am Schädel oder der Halswirbelsäule.
- Elektroenzephalografie (EEG): Zur Messung der elektrischen Aktivität des Gehirns, um epileptische Aktivitätsmuster zu erfassen.
- Evozierte Potenziale: Zur Überprüfung der Intaktheit der optischen, akustischen und sensiblen Nervenbahnen.
Behandlung
Die Behandlung eines Schädel-Hirn-Traumas hängt stark vom Schweregrad der Verletzung ab. Bei einem leichten Schädel-Hirn-Trauma genügt es häufig, wenn sich die Patientin oder der Patient einige Tage schont. Handelt es sich um ein schweres Trauma, steht zunächst die Stabilisierung der betroffenen Person im Vordergrund. Danach folgen gezielte medizinische Maßnahmen.
Lesen Sie auch: Tinnitus und Gehirnaktivität: Ein detaillierter Einblick
Die Behandlung kann umfassen:
- Stabilisierung der Vitalfunktionen: Sicherstellung von Atmung und Kreislauf.
- Medikamentöse Therapie: Zur Schmerzlinderung, Entzündungshemmung und Hirndrucksenkung.
- Chirurgische Eingriffe:
- Entfernung von Blutungen (Hämatomen), die auf das Gehirn drücken.
- Reparatur von Schädelfrakturen.
- Entlastungskraniektomie: Entfernung eines Teils der Schädeldecke, um dem Gehirn mehr Raum zu geben und den Hirndruck zu senken.
- Frührehabilitation: Eine Kombination aus Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie, um die Lebensqualität der Betroffenen so gut wie möglich wiederherzustellen. Reha-Leistungen können ambulant, stationär oder mobil erbracht werden.
Rehabilitation
Eine medizinische Rehabilitation (Reha) ist ein wichtiger Baustein der Behandlung nach einem Schädel-Hirn-Trauma. Der Bedarf und die Leistungsfähigkeit zur Reha werden von den behandelnden Personen eingeschätzt. Auch der betroffene Mensch selbst soll, soweit möglich, bei der Entscheidung zur Reha mitwirken.
Die Rehabilitation kann folgende Therapieformen umfassen:
- Logopädie: Behandelt Störungen in der Kommunikation, beim Sprechen und Schlucken.
- Physiotherapie: Hilft die motorischen Fähigkeiten, Beweglichkeit und Balance zu verbessern oder zu erhalten.
- Ergotherapie: Konzentriert sich auf Alltagsaktivitäten und hilft den Patienten, ihre Selbstständigkeit und Handlungsfähigkeit zu verbessern oder zu erhalten.
- Sporttherapie: Verbessert Ausdauer, Kraft und allgemeine körperliche Fitness.
Prognose und Langzeitfolgen
Leichte Schädel-Hirn-Traumata heilen meistens, ohne dass Betroffene bleibend eingeschränkt sind. Allerdings gibt es vermehrt Hinweise auf ein erhöhtes Risiko für Demenz oder Parkinsonerkrankungen, wenn leichte Schädel-Hirn-Traumata sich sehr häufig wiederholen.
Bei schwereren Schädel-Hirn-Traumata richtet sich der weitere Verlauf nach vielen Faktoren. Das sind unter anderem das Lebensalter, die Größe und Lage des verletzten Hirngewebes.
Mögliche Langzeitfolgen sind:
- Sprachstörungen
- Probleme mit der Feinmotorik
- Gedächtnisstörungen
- Bewegungseinschränkungen
- Psychische Veränderungen
- Persönlichkeitsveränderungen
30 bis 40 Prozent der Betroffenen versterben infolge eines schweren Schädel-Hirn-Traumas. Zehn bis 30 Prozent bleiben hingegen teilweise schwerbehindert und sind lebenslang auf Hilfe angewiesen.
Prävention
Ein vorbeugender Schutz des Kopfes ist eine wichtige Maßnahme im Alltag. Der Kopf ist empfindlich und man sollte ihn so gut wie möglich schützen. Daher sollte man Unfälle von vornherein vermeiden und Sicherheitssysteme nutzen, wie einen Sicherheitsgurt oder gut sitzenden Fahrradhelm. Speziell für Kinder und ältere Leute sollte man etwa im Haushalt Stolperfallen wie Teppichkanten oder Absätze beseitigen und glatte Böden vermeiden. Bewegungsgesteuerte Lichtquellen verringern das Sturzrisiko auch in der Nacht.