Blasenentleerungsstörungen sind ein weit verbreitetes Problem, das die Lebensqualität der Betroffenen erheblich beeinträchtigen kann. Sie können verschiedene Ursachen haben, von neurologischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose bis hin zu mechanischen Obstruktionen. Eine umfassende Diagnose und eine individuell angepasste Therapie sind entscheidend, um die Symptome zu lindern und Folgeschäden zu vermeiden. Dieser Artikel bietet einen detaillierten Überblick über die verschiedenen Aspekte von Blasenentleerungsstörungen, einschließlich ihrer Ursachen, Symptome, Diagnosemethoden und Behandlungsoptionen.
Einführung in Blasenentleerungsstörungen
Blasenentleerungsstörungen umfassen sowohl Probleme bei der Harnspeicherung als auch bei der Harnentleerung. Harnspeicherprobleme äußern sich in der Regel als Inkontinenz, also dem unfreiwilligen Verlust von Urin. Harnentleerungsprobleme hingegen sind durch Schwierigkeiten beim Wasserlassen gekennzeichnet, oft verbunden mit Restharnbildung und dem Gefühl einer unvollständigen Blasenentleerung. Die Ursachen für diese Störungen sind vielfältig und reichen von neurologischen Erkrankungen über mechanische Obstruktionen bis hin zu psychogenen Faktoren.
Arten und Ursachen von Blasenentleerungsstörungen
Man unterscheidet zwischen Harnspeicherproblemen und Harnentleerungsproblemen. Bei einer Problematik der Harnspeicherung (sog. Inkontinenz) kommt es zu unfreiwilligem Harnverlust. Die Behandlung richtet sich immer nach der Grunderkrankung.
Akute vs. Chronische Blasenentleerungsstörungen
Es wird zwischen akuten und chronischen Erkrankungsbildern unterschieden. Die akute Entleerungsstörung tritt plötzlich auf und führt innerhalb von 24 Stunden zu einem schmerzhaften oder schmerzlosen Harnverhalt. In solchen Fällen ist oft eine Blasenkatheterisierung erforderlich, um das Harnvolumen zu reduzieren. Die chronische Blasenentleerungsstörung hingegen entwickelt sich schleichend und unbemerkt. Hierbei verbleibt nach dem Wasserlassen eine Restharnmenge von mindestens 50% der maximalen Blasenkapazität in der Harnblase. Die maximale Blasenkapazität beträgt bei Männern etwa 400-600 ml und bei Frauen 300-400 ml, kann aber individuell stark variieren.
Neurologische Ursachen
Diverse neurologische Erkrankungen, wie Multiple Sklerose, Morbus Parkinson, Schlaganfall oder Bandscheibenvorfall, gehen regelmäßig mit einer gestörten Blasenfunktion einher. Bei Multipler Sklerose beispielsweise hängen die Blasenentleerungsstörungen oft mit dem Schweregrad der Erkrankung zusammen.
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Mechanische Ursachen
Mechanische Ursachen sind Harnröhrenverengungen, eine ausgeprägte Phimose, Blasensteine, eine Prostatavergrößerung oder ein Prostatakarzinom. Auch nach radikalen Operationen im kleinen Becken (z.B. Krebsoperationen) können Blasenentleerungsstörungen auftreten, da dabei die Blasennerven (Plexus pelvicus) geschädigt oder vorübergehend gestört werden können.
Weitere Risikofaktoren
Weitere Risikofaktoren sind vaginale operative Entbindungen, Medikamenteneinnahme, chronischer Alkoholmissbrauch und langjähriger Diabetes mellitus. Bis zu 50% der Diabetiker entwickeln eine Entleerungsstörung, eine sogenannte „diabetische Zystopathie“.
Symptome von Blasenentleerungsstörungen
Die Symptome von Blasenentleerungsstörungen sind vielfältig und können sich unterschiedlich äußern.
Probleme bei der Harnspeicherung
- Verstärkter Harndrang
- Urinverlust
- Gehäuftes Wasserlassen
Probleme bei der Harnentleerung
- Schwacher Harnstrahl
- Verzögerter Beginn der Miktion
- Restharngefühl
- Notwendigkeit der Bauchpresse zur Unterstützung beim Wasserlassen
Weitere Symptome
- Bauchschmerzen bei verstärkter Füllung der Blase
- Harnwegsinfekte bis hin zur Nierenbeckenentzündung
- Nierenschäden durch gestörte Harnentleerung
Diagnose von Blasenentleerungsstörungen
Die Diagnose von Blasenentleerungsstörungen erfordert eine umfassende Untersuchung durch einen Spezialisten für Urologie bzw. Neurourologie.
Anamnese und Körperliche Untersuchung
Zunächst erfolgt eine genaue Befragung des Patienten zu seinen Beschwerden. Bei einer gründlichen körperlichen Untersuchung werden insbesondere die äußeren Geschlechtsorgane, die Harnblase und die Nierenbecken untersucht.
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Ultraschalluntersuchung
Mittels Ultraschalluntersuchung können Blase, Nieren, Harnleiter und Prostata genauer beurteilt werden.
Urinuntersuchung
Eine Urinuntersuchung ist unerlässlich, um einen akuten Harnwegsinfekt auszuschließen.
Urodynamische Untersuchung (Blasendruckmessung)
Eine urodynamische Untersuchung, auch Blasendruckmessung genannt, untersucht die funktionellen Abläufe im Harntrakt und erlaubt eine Beurteilung der Harnspeicherungs- und Entleerungsfunktion.
Blasenspiegelung
Eine Blasenspiegelung kann bei der Krankheitserfassung zusätzlich hilfreich sein.
Therapie von Blasenentleerungsstörungen
Das Ziel der Behandlung von Blasenfunktionsstörungen ist die Wiederherstellung einer regelmäßigen und vollständigen Blasenentleerung. Die angewandte Methode ist abhängig von der Ursache der Erkrankung.
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Konservative Behandlungsmethoden
Bei vorübergehenden Entleerungsstörungen, z.B. nach einer Geburt, können Parasympathomimetika hilfreich sein. Diese Medikamente fördern das Nervensystem, das die Blase versorgt. Auch Blasentraining ist eine erfolgreiche Therapiemethode. Dabei wird mindestens alle 4 Stunden die Blase bewusst geleert, wobei sich der Betroffene viel Zeit lassen und eventuell die Bauchpresse zur vollständigen Entleerung mit anwenden sollte.
Katheterisierung
Bei völliger Miktionsunfähigkeit ist eine Harnableitung durch einen Katheter nötig. Wenn es für den Patienten möglich ist, ist der Selbstkatheterismus die beste Methode. Andernfalls steht die Dauerableitung mittels Dauerkatheter zur Verfügung, die jedoch ein hohes Risiko für Harnwegsinfektionen birgt.
Elektrostimulation und Blasenschrittmacher
In manchen Fällen kann eine Elektrostimulation der Blase das verlorene Blasenfüllungsgefühl zurückbringen und spontanes Wasserlassen wieder ermöglichen. Alternativ kann die Implantation eines Blasenschrittmachers den Blasenmuskel wieder aktivieren.
Medikamentöse Therapie
- Anticholinergika: Diese Medikamente beruhigen die überaktive Blasenmuskulatur, indem sie die nervöse Übertragung an den Blasenmuskel hemmen. Dadurch lässt der ständige Drang nach, und die Blase kann wieder mehr Urin speichern.
- Alpha-Blocker: Sie entspannen die Muskulatur im Blasenhals und der Harnröhre, sodass der Urin leichter abfließen kann. Diese werden vor allem bei Männern mit Prostata-Problemen eingesetzt.
- Hormontherapie mit Östrogen: Sie kann lokal angewendet werden, um die Blasenschleimhaut widerstandsfähiger zu machen (vor allem bei Frauen in der Menopause).
Operative Verfahren
- Schlingen-Operation (TVT/TOT): Bei Frauen wird ein kleines Band unter der Harnröhre eingebracht, das die Harnröhre bei Druckerhöhung stützt und so den Harnverlust verhindert.
- Künstlicher Schließmuskel oder justierbares Band (Male Sling): Für Männer, die z.B. nach einer Prostata-OP inkontinent sind, gibt es die Möglichkeit, einen künstlichen Schließmuskel zu implantieren oder ein justierbares Band um die Harnröhre zu legen.
Besondere Therapieansätze
- Injektion von Botulinum-Toxin: In schweren Fällen einer Dranginkontinenz, die auf andere Therapieformen nicht anspricht, kann Botulinum-Toxin in die Blasenmuskulatur injiziert werden, um diese zeitweise zu entspannen.
- Neuromodulative Therapie (Blasenschrittmacher): Diese kommt infrage, wenn konservative und medikamentöse Therapien ausgeschöpft sind.
Spezielle Formen der Inkontinenz
Neben den allgemeinen Blasenentleerungsstörungen gibt es auch spezielle Formen der Inkontinenz, die unterschiedliche Ursachen und Symptome haben.
Dranginkontinenz
Die Dranginkontinenz ist gekennzeichnet durch einen plötzlich auftretenden, starken Harndrang, der so dringend ist, dass die Betroffenen es nicht mehr rechtzeitig zur Toilette schaffen. Es kommt zum unwillkürlichen Urinverlust, häufig sogar bevor die Harnblase eigentlich voll ist.
Belastungsinkontinenz
Bei der Belastungsinkontinenz (auch Stressinkontinenz genannt) kommt es zu unwillkürlichem Harnverlust infolge eines plötzlichen Druckanstiegs im Bauchraum. Typische Situationen sind Husten, Niesen, Lachen, das Heben schwerer Gegenstände oder sportliche Aktivitäten.
Überlaufinkontinenz
Die Überlaufinkontinenz entsteht, wenn die Blase über längere Zeit nicht vollständig entleert wird. Die Harnblase ist dann ständig übervoll und überdehnt. Irgendwann wird der Innendruck so groß, dass der Urin am Blasenschließmuskel vorbei nach außen gedrückt wird und die Blase „überläuft“.
Mischinkontinenz
Hierbei handelt es sich um eine Kombination aus Stress- und Dranginkontinenz.
Blasenfunktionsstörungen bei Multipler Sklerose
Fast alle Patienten mit Multipler Sklerose haben Blasenfunktionsstörungen. Meistens liegt eine Harndranginkontinenz, oft auch in Verbindung mit Restharn, vor. Die Therapie zielt darauf ab, Kontinenz zu erreichen, und umfasst in der Regel eine medikamentöse Therapie mit Anticholinergika sowie gegebenenfalls den intermittierenden Selbstkatheterismus.
Blasenentleerungsstörungen im Alter
Mindestens jeder zweite bis dritte ältere Mensch ist von Blasenentleerungsstörungen betroffen. Ursachen sind Alterungsprozesse im Gehirn, der Nervensteuerung und der Muskulatur von Blase und Schließmuskel. Zusätzlich kommt bei Frauen ein Östrogenmangel und die Folgen von Schwangerschaften, Geburten oder Operationen hinzu. Die Behandlungsmöglichkeiten reichen von Hilfsmittelversorgung über Blasentraining bis hin zu Medikamenten und operativen Eingriffen.
Chronische Blasenschmerz- und Harndrangsyndrome
Chronische Blasenschmerz- und Harndrangsyndrome sowie die interstitielle Zystitis (IC) stellen für die betroffenen Patienten eine große Belastung dar. Typisch ist ein starker unerträglicher Harndrang, der zu häufigem Wasserlassen am Tag und in der Nacht zwingt. Die Behandlung zielt auf eine Verringerung der Schmerzen und der Toilettengänge ab und wird individuell auf den Patienten abgestimmt.
Akuter Harnverhalt
Bei einem akuten Harnverhalt kann die Blase plötzlich nur noch unvollständig oder gar nicht mehr entleert werden. Es handelt sich um einen urologischen Notfall, der rasch behandelt werden sollte. Die Behandlung besteht in der vorübergehenden Urinableitung durch einen Blasenkatheter.
Neurogene Blasenstörungen
Im Rahmen vieler chronischer neurologischer Erkrankungen kommt es zu Störungen der Blasenfunktion. Die erfolgreiche Behandlung setzt die Zusammenarbeit zwischen Urologie und Neurologie voraus und besteht in der Regel aus einer Kombination medikamentöser Behandlungen, Versorgung mit Hilfsmitteln und einem Training des Beckenbodens.
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