Die Eigene Realität des Gehirns: Eine Forschungsreise

Jeder Mensch irrt, der zu wissen glaubt, was ein anderer denkt. Wenn jemand fragt: "In welcher Welt lebst du eigentlich?", dann nähert er sich den Einsichten der Wahrnehmungsforschung. Unsere individuelle Wirklichkeit und die vom Bewusstsein unabhängige Realität sind zwei verschiedene Dinge.

Wahrnehmung: Mehr als nur eine Spiegelung der Realität

Ein bekanntes Nachschlagewerk definiert Wahrnehmung als die Fähigkeit des Gehirns, aus den Signalen der Sinnesorgane ein anschauliches Bild der Umwelt und des eigenen Körpers zu erstellen. Demnach wäre Wahrnehmung eine Spiegelung der Umwelt. Doch die Forschung zeigt, dass dies nur ein kleiner Teil der Wahrheit ist.

Gerhard Roth, Direktor des Instituts für Hirnforschung in Bremen, betont, dass die Hauptaufgabe des Gehirns darin besteht, ein Verhalten zu erzeugen, das dem Menschen in seiner spezifischen Umwelt - der natürlichen und sozialen - das Überleben ermöglicht. Eine komplette Abbildung der komplexen Umwelt würde unser Aufnahmevermögen überfordern. Stattdessen tastet das Gehirn die Umwelt blitzschnell ab und prüft, was in der jeweiligen Situation wichtig ist. Es konzentriert sich auf die wichtigen Dinge, greift auf das Gedächtnis zurück, um Erfahrungen zu verarbeiten, und plant auf dieser Basis ein Verhalten, das dem Überleben dient.

Das bedeutet, dass unser Gehirn die Umwelt nicht detailgetreu abbildet, sondern nur das Allerwichtigste. Alles andere wird erinnert, interpretiert und aus sich heraus geplant, basierend auf individuellen Erfahrungen. Wahrnehmung ist also nicht Abbildung, sondern Interaktion. Die Welt, in der wir bewusst leben, ist nicht die Wiedergabe unserer realen Umwelt, sondern vor allem ein Produkt unseres Gedächtnisses und unserer Erfahrung.

Die Konstruktion der Realität im Gehirn

Die Frage, ob das, was wir wahrnehmen, lediglich eine Konstruktion unseres Gehirns ist, führt zu verschiedenen philosophischen Denkrichtungen.

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Solipsismus

Der Solipsismus geht davon aus, dass es keine äußere Welt gibt und alles, was wir wahrnehmen, eine Konstruktion unseres Gehirns ist. Diese These ist logisch nicht zu widerlegen, da jeder Sinneseindruck und jede Erfahrung als Illusion interpretiert werden kann. Ein Vergleich lässt sich zu hirngeschädigten Patienten ziehen, die keine Erinnerungen speichern können und sich deshalb jeden Tag eine neue Vergangenheit ausdenken, von deren Realität sie vollkommen überzeugt sind.

Radikaler Konstruktivismus

Der radikale Konstruktivismus räumt ein, dass es eine bewusstseinsunabhängige Umwelt geben mag, deren Existenz jedoch nie bewiesen werden kann und über die keine Aussagen getroffen werden können. Um dies zu veranschaulichen: In der Welt außerhalb unseres Kopfes gibt es keine Farben, sondern Licht unterschiedlicher Wellenlängen. Allerdings ist der Begriff "Wellenlänge" selbst eine Konstruktion der Physik. Wir nehmen also nur bestimmte Phänomene wahr, die wir mit Begriffen belegen, denen wir eine Farbe zuschreiben oder die wir rund oder eckig nennen.

Gemäßigter Konstruktivismus

Im Gegensatz zum radikalen Konstruktivismus geht der gemäßigte Konstruktivismus davon aus, dass man durchaus etwas über die bewusstseinsunabhängige Welt aussagen kann, auch wenn man sich dabei immer nur in Umschreibungen, bildhaften Vergleichen und Metaphern ausdrücken kann. Eine solche Metapher ist beispielsweise die Wellenlänge, die verwendet wird, um den Sehvorgang zu untersuchen. Licht einer bestimmten Wellenlänge trifft auf die Netzhaut und erzeugt in der Großhirnrinde den Eindruck einer bestimmten Farbe. Es gibt eine bewusstseinsunabhängige, objektive Welt, von der wir ein Teil sind, die aber auch ohne uns existiert. Wir können aber immer nur in Bildern darüber reden.

Gemeinsame Sockel und individuelle Unterschiede

Trotz der unterschiedlichen Konstruktionen der Realität können wir uns dennoch verständigen und gemeinsam handeln. Dies lässt sich am besten durch ein System von aufeinanderstehenden Sockeln veranschaulichen.

Der unterste gemeinsame Sockel ist die Tatsache, dass wir Menschen sind, mit ähnlichen Sinnesorganen und Gehirnen. Diese sorgen dafür, dass bestimmte Schalldruckwellen automatisch als menschliche Sprache interpretiert werden. Auf diesem angeborenen Sockel steht auch die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen und Wut, Enttäuschung, Trauer und Freude als solche unmittelbar zu erkennen.

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Auf diesem Sockel des Menschseins stehen weitere, die verschieden sind, zum Beispiel die der frühkindlichen Prägung. Menschen, die unter ähnlichen Bedingungen aufgewachsen sind, in einer bestimmten Kultur, in einer Familie mit Mutter und Vater, werden ähnliche Gehirnprägungen erfahren und demzufolge die Signale aus der Außenwelt ähnlich interpretieren. Auf jeder höheren Stufe stehen weniger Menschen auf einem gemeinsamen Sockel, dessen Grad von Verschiedenheit zunimmt - Sprachgemeinschaft, Jugend, Ausbildung, Erfahrung.

Selbst bei Lebenspartnern ist die Wahrnehmung nie identisch. Oft entdecken Ehepartner erst nach Jahrzehnten, dass sie viele Dinge in ihrem Umgang miteinander und in ihrem sozialen Umfeld ein Leben lang fundamental verschieden gesehen und interpretiert haben. Dies ist nicht wertend zu betrachten, sondern zeigt, dass zwei Menschen auf der Basis unterschiedlicher Voraussetzungen zwei verschiedene Welten konstruiert haben.

Die Bedeutung des Konstruktivismus für das Verständnis anderer

Eine der tiefen Einsichten des Konstruktivismus ist, dass man nie davon ausgehen darf, dass der andere so wahrnimmt wie man selbst, auch nicht, dass er so denkt oder fühlt, wie man glaubt, dass er denkt oder fühlt.

Die Rolle des Gehirns bei der Unterscheidung von Realität und Vorstellung

Unser Gehirn ist ständig damit beschäftigt, die Grenze zwischen Realität und Einbildung zu ziehen. Mentale Bilder entspringen denselben Hirnregionen, die auch Gesehenes verarbeiten. Die Frage, ob wir etwas wirklich gesehen haben oder uns nur vorstellen, stellt sich unserem Gehirn am laufenden Band.

Neurowissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass Signale aus Wahrnehmung und Vorstellung im Gehirn nicht separat ausgewiesen werden, sondern sich vermischen. Wenn wir beispielsweise unterschwellig das Bild einer Tomate wahrnehmen und uns gleichzeitig eine Tomate vorstellen, können beide Signale gemeinsam uns überzeugen, dass da wirklich eine Tomate ist - auch wenn jedes Signal für sich genommen zu schwach wäre.

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Der Gyrus fusiformis und die Realitätsschwelle

Eine wichtige Rolle bei der Differenzierung von Wirklichkeit und Einbildung spielt der Gyrus fusiformis, auch Spindelwindung genannt. Er ist aktiv, wenn wir Gesichter erkennen, Körperteile identifizieren, Farben und geschriebene Wörter erkennen. Studien haben gezeigt, dass die Aktivität im Gyrus fusiformis vorhersagt, ob man etwas für real hält, obwohl es nur eingebildet ist. Diese Aktivität wird als "Realitätssignal" bezeichnet.

Die anteriore Inselrinde als Kontrollzentrum

Die anteriore Inselrinde, die eine wichtige Rolle bei der menschlichen Selbstwahrnehmung spielt, dient als Kontrollzentrum, wenn wir Probleme lösen, Pläne schmieden und Entscheidungen treffen. Sie scheint das Realitätssignal auszuwerten und eine "Ja-oder-Nein"-Entscheidung zu treffen: Eine Aktivität oberhalb eines bestimmten Schwellenwerts wird als real bewertet, eine Aktivität unterhalb dieses Schwellenwerts als eingebildet.

Störungen der Realitätswahrnehmung

Eine Störung in diesem Schaltkreis könnte zu fehlerhaften Urteilen über die Realität führen. Wenn der Gyrus fusiformis beispielsweise während einer Vorstellung ein zu starkes Signal erzeugt oder die Schwelle in der anterioren Inselrinde zu niedrig angesetzt ist, könnte die Vorstellung mit der Realität verwechselt werden. Dies könnte eine Erklärung für Halluzinationen bei Schizophrenie sein.

Die selektive Wahrnehmung und die Rolle des präfrontalen Cortex

Wahrnehmung ist immer selektiv: Das Gehirn entscheidet ständig, welche Informationen wichtig genug sind, um ins Bewusstsein vorgelassen zu werden. Ein internationales Forschungsteam hat nun untersucht, welche Gehirnaktivitäten mit Änderungen in der subjektiven Wahrnehmung einhergehen, und dabei charakteristische Muster von Gehirnwellen im präfrontalen Cortex gefunden.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die langsamen Schwingungen größerer Gehirnregionen die eigentliche Arbeit erledigen; sie entscheiden als Türhüter, welche Sinnesinformation Zugang zu unserem Bewusstsein bekommt.

Die formende Kraft des Lernens auf unsere Wahrnehmung

Unser Gehirn optimiert ständig die eigene Wahrnehmung der Welt, indem es aus den Erfahrungen der Vergangenheit lernt und Vorhersagen über die Zukunft trifft. Das Gehirn passt seine neuronalen Strukturen so an, dass es besser auf die Muster und Regelmäßigkeiten in unserer Umwelt reagieren kann. Dieses Vorhersagelernen könnte uns helfen, Informationen schneller zu verarbeiten und uns im Alltag leichter zurechtzufinden.

Studien haben gezeigt, dass das Gehirn durch das Erlernen von Mustern seine "innere Karte" der Informationen verändert: Ähnliche oder vorhersehbare Informationen werden im Gehirn gruppiert und zusammengefasst, was die Verarbeitung effizienter macht.

Die Wahrnehmung räumlicher Tiefe

Die Wahrnehmung der räumlichen Tiefe entsteht aus dem Vergleich der leicht unterschiedlichen Bilder beider Augen. Das Gehirn berechnet diese räumliche Tiefe, indem es die leicht unterschiedlichen Bilder beider Augen miteinander vergleicht. Das Gehirn nutzt dafür einzelne Nervenzellgruppen, die jeweils auf bestimmte Merkmale reagieren, etwa auf Form, Bewegung oder eben Tiefe.

Das Gehirn im Dialog mit sich selbst

Das Gehirn redet viel mehr mit sich selbst als mit der Außenwelt. Es ist ein großes neuronales Netzwerk mit Milliarden von Neuronen, die miteinander kommunizieren. Informationen von außen machen da nur einen winzigen Teil aus. Unsere Aufmerksamkeit liegt also zum Großteil innerhalb des Gehirns.

Wenn wir ein Bild sehen oder es uns vorstellen, werden unterschiedliche Gehirnbereiche aktiviert. Der primäre visuelle Cortex wird bei Vorstellungen nur sehr wenig aktiviert, während die höheren Ebenen sogar stärker aktiv werden. Dies liegt daran, dass die Vorstellung geistige Anstrengung erfordert, um ein Bild entstehen zu lassen.

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